Dienstag, 28. Juni 2022

So soll es sein.

Letzte Woche habe ich in unserer kleinen und überaus feinen Bücherei im Nachbarort einen Film entdeckt, den ich Samuel schon lange zeigen wollte: Ein Dokumentarfilm über den Schulweg von Kindern. Durch grandiose Landschaften hindurch. Durch Flusstäler Indiens (in dem ein unfassbar fröhlicher Junge von seinen zwei kleinen Brüdern im rostigen Rollstuhl zur Schule gezogen wird!) , über die Hochenene Argentiniens (auf dem Rücken von Pferden) und durch die kenianische Savanne (zwei tolle Kinder die sich jeden Tag, hüpfend und schnell laufend und nur mit einem Stock in der Hand, der Gefahr von wilden Tieren aussetzen). Am Ende des Films waren wir einfach nur tief beeindruckt von diesen Kindern. Und Samuel hat nun seinen ersten Wunsch für Weihnachten: "GENAU DIESEN FILM, Mama!" Ich bin nicht weniger  beeindruckt von den Eltern, die ihren Kindern diesen Weg zutrauen und zumuten. Man kann natürlich sagen: Was bleibt ihnen anderes übrig! Aber die Art und Weise wie sie ihr Leben annehmen und meistern, hat mich wirklich tief berührt. 
 
 
 
Und dann sehe ich unser Leben an.
 
Ich sehe ein Kind, das oft genug über die kleinsten Dinge jammert und seinen - wirklich nicht sehr gefährlichen! - Schulweg an den meisten Tagen so widerwillig geht. Langsam wird mir ehrlich gesagt schon ein bisschen Angst vor der Pubertät Ich fürchte, ich werde eine sehr schlechte Teenager-Mama sein. Und auch das:
 
Ich sehe wie schlecht ich loslassen kann. (Aufgabentrennung ist das neue Wort das ich lernen möchte: Das sind die Hausaufgaben meines Kindes und nicht meine! Zum Beispiel)
 
Ich sehe mich als nörgelnde Ehefrau. Zur Zeit leider viel zu oft!  (auch hier: Aufgabentrennung: SEIN BÜRO - SEIN CHAOS!)
 
Ich sehe wie schwer ich mir immer wieder damit tue, mich so anzunehmen wie ich bin (vielleicht das Nachbeben eines Fernsehauftritts, den ich lieber nicht gemacht hätte ;-))

Ich sehe die Wege über die ich hier gehe, die mir im Moment wieder so fremd sind (Maisfelder gab es im Schwarzwald sehr wenig!) und die mich mit einem großen Heimwehgefühl bei Gott ankommen lassen. 
 
Ich sehe meine Freunde, die gerade schwere Wegstrecken zu meistern haben. Keine wilden Tiere weit und breit und doch, sind ihre Herausforderungen nicht weniger beängstigend.
 
Egal welche Landschaften wir gerade durchwandern, vielleicht ist es tatsächlich so wie der Schriftsteller Frederick Buechner immer wieder betont: Unsere Geschichten sind so unterschiedlich, und doch sind sie es nicht!  Letztlich, so schreibt er, sind es zwei Geschichten die uns begleiten: Die Geschichte Gottes mit uns Menschen, wie er die Welt erschaffen hat, und wie er sie liebt und sie verloren ging und er dabei ist, sie zurückzuholen. Und dann ist da die Geschichte von uns Menschen. Alle auf diesselbe Art und Weise geboren. Alle mit der Aufgabe unsere Kindheit zu überleben - also die schlechten und verwirrenden und schmerzhaften Teile daran. Alle dabei rauszufinden wer wir wirklich sind. Und alle werden wir alt und krank und sterben. Und während wir unsere Geschicht leben, verbindet sich Gottes Geschichte mit der unsrigen.
 
Natürlich ist es sehr vereinfacht dargestellt, aber am Ende des Tages sind wir tatsächlich alle einfach Gottes Menschenkinder auf dem Weg sich finden, liebhaben und nach Hause bringen zu lassen. Wir alle müssen Schulwege meistern. Gefährliche Täler durchqueren. Loslassen. Und die Landschaften unseres Lebens annehmen lernen. 
A-N-N-E-H-M-E-N. So vieles entscheidet sich in diesem kleinen Wort. Darin steckt ein anderes Wort: Amen. Was so viel bedeutet wie: So sei es! Ich spreche dieses Wort ein paar Mal am Tag aus. Meistens ziemlich gedankenlos. Als Abschluss meiner Bitten an Gott. Und  man könnte es deshalb durchaus mit dem ersetzen, wie es der lustige Junge Schlunz im gleichnamigen Kinderbuch tut: Ende der Durchsage. Aber Amen ist ja so viel mehr. Freunde unserer Eltern nannten ihr Kind, das schwer behindert auf die Welt kam, Amina. So sei es. Was für eine Durchsage über einem Leben, das wunderbar einzigartig aber sicher nicht einfach ist! Für mich  klingt es nicht wie ein passive Hinnahme (man kann ja doch nichs ändern, man muß halt zu allem JA und Amen sagen) sondern es klingt fast wie eine Kampfansage: Auch wenn wir uns das Leben anders vorgestellt und gewünscht haben: Dieses wurde uns gegeben und dazu sagen wir Amen. Jeden Tag neu. Und genau das will ich lernen! Hier ist meine Aufgabe (wenn ich schon bei der Aufgabentrennung bin:-)).  Ich will mein Leben im Rahmen meiner Möglichkeiten gestalten und die schwierigen Strecken angehen - auch wenn, um die Ecke das gefährliche Pubertier lauert! Und am Ende des Tages will ich meine Hände öffnen und leise aber ganz bestimmt "Amen" sagen. So sei es. 
 
Amen. 
Zu meinem Weg.  
Zu meinem Kind. 
Zu meinem Mann. 
Zu meinem Spiegelbild (und zu den unsäglichen Fernsehauftritten). 
Zu meinen Nachbarn.
Zu den Feldern vor unserer Haustür. 
Zu dem Leben und der Strecke, die Gott mir heute zumutet.
 
Vielleicht sind wir am Ende alle zusammen auf unserem Schulweg, um genau das gemeinsam zu lernen. 

 
 

Mittwoch, 15. Juni 2022

Und, wie hat es Dir gefallen?

Wir sind noch mitten in den Pfingstferien und ich will euch ein kleines Lebenszeichen schicken. Vielleicht schicke ich es auch an mich selbst (in diesen vollen Tagen!) - weil mir das Schreiben hilft zur Ruhe zu kommen und meine "Lebenszeichen" wahrzunehmen.

Gestern waren wir auf unserem Stückle zum Rasenmähen. Das Gras schießt in diesen Tagen schneller in die Höhe als die Butterpreise! Ich habe mit dem Rasenmäher gekämpft, der nach jeder zweiten Runde so stark überhitzte, dass ich ständig eine Pause einlegen musste, in der er abkühlen konnte. Am Anfang habe ich darüber geschimpft und gejammert, bis ich die Pause ebenfalls dazu genutzt habe, um mich abzukühlen. Ich bin mit Samuel zum nahen Bach gelaufen und wir haben uns eine kleine Wasserschlacht geliefert. In der nächsten Pause habe ich mit Heio Federball gespielt. Und als der Rasenmäher wieder sein Rauchsignal zum nächsten Stopp aufsteigen ließ haben wir uns an die neue Bierbank gesetzt und gemütlich zusammen gevespert (das ist schwäbisch für: eine Brezel essen und ein Radler trinken). Dabei habe ich zum ersten Mal an dem Tag bemerkt, wie gut es tut im Schatten der Apfelbäume zu sitzen. Und ich habe die zwei Menschen neben mir richtig angeschaut - ebenfalls zum ersten Mal an diesem Tag. Und ich habe mein Blick über das schöne Stückchen Land schweifen lassen.... 

Ich habe bereits darüber geschrieben: Als wir diese Wiese von meiner Schwiegermutter übernommen hatten, war es für uns in erster Linie eine Apfelernte-Auftrag. Wir sind im Herbst angerückt und ich bin schimpfend über das matschige Fallobst gerutscht und war froh als alle Apfel von den Bäumen waren und wir wieder nach Hause fahren konnten. In der Coronazeit sind wir dann - mangels Alternativen - mitten im Sommer auf der Wiese gelandet und haben uns zum ersten Mal in Ruhe umgeschaut. Und wir haben gestaunt! Über die schöne Landschaft. Die alten Bäume. Die Ruhe. Der gluckernde Bach in der Nähe und die große Fussballwiese dazwischen. Und wir haben bemerkt, dass hier nicht nur Mühe und Arbeit auf uns wartet, sondern dass hier eine Einladung zum Genießen ist! Und das haben wir seither immer wieder getan. Wir haben Girlanden in die Bäume gehängt, Freunde eingeladen, kleine Feste gefeiert, am Lagerfeuer gesessen, uns mit netten "Stückles-Nachbarn" unterhalten, oder einfach nur die Sonne dabei beobachtet, wie sie hinter den sanften Hügeln verschwunden ist. Und gestern hat mich der halbkaputte Rasenmäher wieder daran erinnert, mich nicht halbkaputt zu schaffen, sondern die nötigen Pausen einzulegen, damit ich das Gute an diesem Ort auch genießen kann.

Kürzlich hat mich ein toller junger Kerl gefragt: "Wie kann ich ein gutes Leben führen? Das würde ich so gerne wissen!" Ich finde das so eine gute Frage! Ich stelle mir sie auch immer wieder. Und ich muss dabei an das denken, was ich vor längerer Zeit auf dem Blog der wunderbaren Sonja gelesen habe. Wenn ich mich richtig erinnere, ging es darum, was Gott uns wohl am Ende unseres Lebens fragen wird. Vielleicht fragt er danach, wie wir mit unseren Gaben umgegangen sind. Was wir mit der Zeit gemacht haben, die er uns geschenkt hat. Oder wie wir die Geringsten behandelt haben... und bestimmt wird das eine oder andere davon tatsächlich ein Gesprächsthema sein, wenn wir mit ihm zusammensitzen. Aber vielleicht wird er ja als erstes mit strahlenden Augen auf uns zukommen und fragen: "Und, wie hat es dir gefallen?"  

 Wie hat es dir gefallen, mein Kind?

Hast du deinen Heimweg auch genießen können?  

Hast du die Schönheit gesehen, die ich überall auf der Erde verteilt habe? 

Hast du die Menschen richtig angeschaut, die ich dir als Weggefährten gegeben habe?  

Wie haben dir die Erdbeeren geschmeckt und wie haben dir die Sonnenuntergänge gefallen?

Hast du den Vogel vor deinem Fenster singen gehört, den ich dir jeden Morgen vorbeigeschickt habe? 

Hast du die Blumen auf dem Asphalt neben eurer Garage bemerkt? 

Wie gefiel dir der Sommerregen und der Moment, wenn der erste Schnee gefallen ist und die Luft plötzlich so klar war? 

Und dieses Stück Wiese, konntest du es auch genießen? Ach erzähl, wie hat es dir gefallen? 

Ob er uns das fragt? Ich weiß es nicht. Aber mir hilft es,  über diese Frage nachzudenken, weil es für mich eine Spur zu dem guten Leben ist, das Gott sich für uns gedacht hat. Und falls uns der wunderbare und großzügige Gott tatsächlich am Ende diese Frage stellt, dann will ich ihm freudestrahlend sagen können:   

Schön war' s! Nicht immer einfach - du weißt es! - aber JA,  Ich habe es bemerkt:

So viel Gutes hat mich begleitet. Und du warst da! 

Danke! Danke für alles... 













Montag, 23. Mai 2022

Blumen betrachten

Montags stolpere ich immer ziemlich müde in die Woche. Und heute wurden wir, noch früher als gewöhnlich, vom einem Gewitter geweckt. Mit den Jahren habe ich eine gewisse Faszination für Gewitter entwickelt - wenn ich sie von einem sicheren Abstand aus beobachten kann! - aber am Montagmorgen zu einem Hintergrundmix aus Donnergrollen und zuckenden Blitzen aufzustehen hat irgendwie etwas Apokalyptisches, finde ich. Wir haben im Kerzenschein gefrühstückt, während Sorgen und Befürchtungen wie dunkle Wolken über das Kinderherz zogen. Ich habe versucht die richtige Regenjacke zu finden und gleichzeitig das Kind zu beruhigen, bevor es Richtung Schulbus gelaufen ist. 
Als ich dann den Tisch abgeräumt habe, hat mich der Anblick von dem kleinen Blumenstrauß in der Mitte zum Lächeln gebracht. Ein "Mitbringsel" vom Sonntagsspaziergang mit Heio. Gestern war Samuel nämlich auf einem Kindergeburtstag (in einem Jump-Dome!) und der Mann und ich haben die Zeit genutzt, um ganz gemütlich, mit Sonnenbrille und Flip-Flops, über Wald und Wiesen zu spazieren. Bis zum Tretbecken im Nachbarort und wieder zurück. Nebenbei habe ich ihm mein Herz ausgeschüttet und wir haben die wogenden Gerstenfelder und die Blumen darin bewundert. Langsam gehen. Und Zeit haben. Das hat so gutgetan! Es hat mich an etwas erinnert was John Marc Comer in seinem Buch the ruthless elimination of hurry geschrieben hat:
Wenn du mit Jesus unterwegs sein willst, lerne langsam zu gehen. Gott geht langsam, weil er Liebe ist.
 Und ich musste auch an diesen Satz von Emily Dickinson denken:
Es gibt nur ein Gebot der Bibel, das ich immer befolgt habe und das ist die Aufforderung: "Betrachtet die Lilien auf dem Feld!"

Mir flüstern diese Worte zu, dass es richtig ist, ab und zu alles liegen zu lassen, vor allem die Gedanken und Sorgen die mich oft so ermüden und die doch meistens viel zu groß für mich sind! Langsam gehen. Blumen betrachten. Und mein Herz beruhigen lassen. Das kommt nämlich immer ganz schön in Unruhe, wenn Heio am Montagmorgen seinen Terminkalender zückt und wir zusammen die "Woche besprechen" (wie er das nennt). Es stresst mich, wenn ich die Termine einer Woche vor mir sehe (die meistens wirklich nicht viele sind!) mitsamt dem kleinen Berg von Aufgaben, die ich dringend erledigen sollte.  Aber ich will mir von unserem kleinen Blumenstrauß sagen lassen, dass es im Leben nicht in erster Linie darum geht, die Woche und alle Dinge "geschafft" zu bekommen! Es geht vielmehr darum, wach zu sein. Türen und Fenster meines Herzens weit in Gottes Richtung zu öffnen. Mich daran erinnern, dass er da ist und alle Dinge hält und trägt. Auch mich und mein kleines Leben.

Es klingt irgendwie fast zu banal, um darüber zu schreiben. Und eigentlich habe ich es ja schon so ähnlich im letzten Blogeintrag formuliert. Aber ich glaube das ist es, was ich in dieser Jahreszeit lernen möchte: Dieses langsam gehen. Und alle Dinge vor Gott sein lassen.  Gerade auch im Hintergrund vom Donnergrollen in dieser Welt und so manchen dunklen Wolkenschatten, die über uns hinwegziehen. Ich will immer wieder mein Herz von Jesus beruhigen lassen, will mit ihm über die Felder spazieren und hinschauen, wenn er auf etwas Schönes am Wegrand zeigt. Ich will mir heute nicht die Last der ganzen Welt - und auch nicht der ganzen Woche! - auf die Schultern packen.  Ich will an der Seite von Jesus einen Schritt nach dem anderen gehen. Eine Sache NACH der anderen tun. Einen Tag NACH dem anderen nehmen. Und dazwischen möglichst wenig Sonnenuntergänge verpassen.





Donnerstag, 12. Mai 2022

Das Rennen verlangsamen

Auch wenn ich bereits darüber geschrieben habe und wir das müde wissend abwinken können - ich will es noch einmal schreiben (und sei es nur deshalb weil ICH es noch einmal hören muss): Die letzten zwei Pandemiejahre gingen den meisten von uns ganz schön an die Substanz! Es ist so. Ich merke es an meiner begrenzten Kraft und auch an den müden Gesichtern, jetzt wo - Gott sei Dank! - die Masken fallen. Der Bund hat das große Aktionsprogramm "Aufholen nach Corona" für Kinder und Jugendliche gestartet und ein bisschen kommt es mir so vor als hätten auch wir Erwachsene so ein Aufholprogramm eingelegt. Wir planen Treffen, Feste und Festivals mit dem verständlichen Wunsch vieles nachzuholen und nachzufeiern was lange nicht möglich war. Jetzt aber! Jetzt starten wir wieder durch! Und ich war auch ganz fröhlich dabei. Ich habe jede Party zugesagt (endlich wieder möglich!), habe den Alphakurs in der Gemeinde gestartet (endlich wieder möglich!), habe jede Lesungsanfrage mit begeistertem JA zugesagt (endlich wieder möglich!) und in den Urlaub können wir jetzt auch wieder mal weiter weg fahren (endlich wieder möglich!). Und plötzlich merke ich, dass mir die Puste ausgeht und wenn ich jetzt nicht aufpasse, dann wird mir für längere Zeit gar nichts mehr möglich sein  (und das so ganz ohne Lockdown!).

Aber es ist ja noch etwas anderes möglich, nämlich das zu tun, was mir oft so schwer fällt: Ich könnte auf mein stolperndes Herz hören und auf mein erschöpftes Spiegelbind achten, das mich dringend bittet lansamer zu werden. Ich könnte eine andere Gangart einschalten. Und mit dem aufholen wollen aufhören. Vielleicht können wir das ja gemeinsam machen - weil es in der Gruppe viel leichter fällt? Seid ihr dabei? Wir verlangsamen das Rennen!  Wir entscheiden uns ganz bewusst für ein entspanntes Aufatmen nach angespannter Zeit! Wir entscheiden uns für das einfache Sein dürfen, das uns die innere Freiheit schenkt, das  eine Treffen abzusagen und ein anderes zuzusagen (und dann vielleicht doch spontan wieder abzusagen, weil wir merken: Es ist zwar möglich aber es geht nicht!). Wir entscheiden uns dafür OHNE perfekten Beitrag oder passendes Geschenk auf einem Fest aufzutauchen und mit den anderen fröhlich darauf anstoßen, dass wir es überhaupt bis hierher geschafft haben! Ich könnte mich dafür entscheiden eine Lesung mal ein bisschen holpriger machen zu dürfen, mich an Sätzen zu verhaspeln, Wichtiges ungesagt lassen und am Ende einfach darauf vertrauen, dass das Entscheidende sowieso ein anderer austeilt. Und wir müssen den Alphakurs nicht auf Biegen und Brechen durchziehen, sondern wenn nötig (und die fehlende Kraft es erfordert)  können wir einfach ein paar Abende früher aufhören und dabei merken, dass Gottes Geschichten mit uns sowieso weit über diese Abende hinaus gehen. Ich könnte meinen Mann dazu überreden, dass wir ein paar Extraübernachtungen auf dem Weg in den Urlaub einplanen und spontan noch einen Tag länger dort bleiben, wo es uns am besten gefällt. Unser Garten darf auch in diesem Jahr immer noch ein bisschen verwildert aussehen - Stichwort Renaturalisierung! - und Samuel muß nicht alle Hausaufgaben sauber abgeheftet in Ordnern und Hirn haben! Heute essen wir einfach die Reste von gestern und wenn es nicht reicht schieben wir die Fertigpizza in den Ofen. Die zu erwartende große Obsternte kann man auch mal ein wenig großzügiger den Vögeln überlassen - oder einfach Schild an den Bäumen anbringen, dass auch andere sich bedienen dürfen! Ach und überhaupt: Man darf doch merken, dass wir ein bisschen angeschlagen ankommen! Wir können doch auch in diesem Sinne unsere Masken fallen lassen! Wir müssen uns nichts gegenseitig beweisen! Wir dürfen gnädig sein. Mit uns  und mit dem Kind, das im Lernplan eigentlich schon viel weiter sein sollte. Aber nun sind eben wir hier.  Und Gott wartet nicht schon ungeduldig an der übernächsten Ecke und ruft uns mit der Stoppuhr in der Hand zu, dass wir total im Verzug sind. Nein. Ich will mich daran erinnern, dass ich dem Gott nachfolge, der die Zeit erschaffen hat. Er geht ganz entspannt neben uns her. Und vielleicht können wir uns einfach mal kurz an den Wegrand setzen und miteinander anstoßen, dass wir es bis hierher geschafft haben. "Gut gemacht, mein Kind!" sagen.  Und "Gut gemacht, mein Kind!" hören. Und dann gehen wir langsam miteinander weiter. 

(und wenn in der nächste Zeit hier die Beiträge mal nur zweiwöchentlich erscheinen dann deshalb, weil ich auch beim Schreiben langsamer machen muss. Danke wenn ihr auf mich wartet!)  

 






Dienstag, 3. Mai 2022

12 Dinge, die ich gelernt habe

Nun will ich meinen Geburtstag doch nicht so achtlos hinter mir lassen. Ich dachte ich könnte es ein bisschen wie Anne Lamott machen, die an ihrem 60. Geburtstag 12 Wahrheiten aufgelistet hat, die sie in ihrem Leben gelernt hat. Nun fehlen mir bis dahin noch 7 Jahre -  und ich bin weit davon entfernt so wunderbar und klug wie Anne Lamott zu schreiben! - aber ich will trotzdem, so ganz spontan und in völlig unbeabsichtiger Reihenfolge 12 Dinge aufschreiben, die ich in meinen 53 Lebensjahren bisher gelernt habe: 

1. Man kann fast alles mit Käse überbacken! 
 
Und dass das die erste Sache ist, die mir einfällt, die ich in 53 Jahren gelernt habe, ist schon erstaunlich! Vielleicht sollte ich erwähnen, dass Essen für mich eine der schönsten Liebessprachen dieser Welt für mich ist. Und man hört nie auf eine Sprache zu lernen. Man hört überhaupt niemals auf mit dem Lernen! Was mich zum Thema Schule bringt: 
 
 
2. Wenn an einem Elternabend ein Elternbeirat gewählt wird und du NICHT Elternbeirat sein willst, dann musst du mindestens 10 Minuten lang die Luft anhalten und darfst dich UNTER KEINEN UMSTÄNDEN bewegen! 
 
Jegliche Nachfrage und Äußerung ist brandgefährlich und wird sofort als Jobbewerbung ausgelegt. Wenn du doch angefragt wirst: "Nein." ist ein vollständiger Satz! (das habe ich von Anne Lamotts Weisheiten gelernt!). Die einzige Begründung zu einem Nein, die meiner Meinung nach funktionieren würde wäre: Es ist mir aus religiösen Gründen verboten! Da fragt keiner mehr nach. Allerdings wird dein Kind dann auch zu keinem Geburtstag mehr eingeladen. Was mich zum nächsten Punkt bringt:
 
 
3. Es gibt anstrengende Dinge. Es gibt sehr anstrengende Dinge. Und es gibt Jungsgeburtstage. 
 
Ich muß jedes Mal lachen wenn unsere Freunde von einem Bekannten erzählen, der ein von Natur aus sehr stabiler und ausgeglichener Mensch ist. Als sie allerdings ihre Kinder (Jungs!) vom Geburtstag seines Kindes (ebenfalls Junge!) abgeholt haben, stand eben dieser Mensch völlig verschwitzt mit einem Plastikschwert an der Tür und keuchte: "Eine halbe Stunde! Der nächste Geburtstag geht nur eine halbe Stunde! Das habe ich gerade mit meinem Sohn ausgemacht!" Haha. Ich kann ihn so gut verstehen. Ich habe Heio mitgeteilt: Der nächste Jungsgeburtstag findet so statt wie ich ihn nie machen wollte: In einem Jump-Dome. Mit Pommes und  Cola. Und ich zahle jeden Preis dafür, dass die Kinder dort ein paar Stunden eingeschlossen werden und ich sie dann abends wieder abholen kann!!!


4. Bücher kann man nie genug lesen, empfehlen, verschenken - und folglich  können auch nie genug Bücher geschrieben werden! 
 
Jedes Mal wenn ein neuer Bücherprospekt in unseren Briefkasten flattert und ich durch die vielen Seiten blättere denke ich: Die Welt braucht ganz bestimmt kein neues Buch und Worte mehr! Ich sollte aufhören mit dem Schreiben. Und dann lese ich das Folgende in einem neu entdeckten Buch von Frederick Buechner:

Ich schreibe, um die ständigen Dialoge in mir zu besänftigen und um das, was im Tiefsten in mir liegt, nach oben kommen zu lassen. Aber nicht nur das Schreiben, auch das Lesen hilft mir dabei. Ich kann meiner kleinen inneren Welt dabei entkommen und in die Welt und die Gedanken eines anderen Menschen abtauchen, die mein Inneres reicher und echter macht und mich auf eine ganz bestimmte Art zur Ruhe und zum Leuchten bringt.

Das macht das Schreiben mit mir. Und das macht das Lesen guter Bücher mit mir. Und deshalb werde ich, solange ich einen Stift halten kann, weiter schreiben und auch noch mein letztes Geld für Bücher ausgeben. Auch wenn sie gerade SEHR teuer werden! Was mich zum nächsten bringt: 

 

5. Alles im Leben hat seinen Preis. Überleg dir vorher, ob es dir das Wert ist und du ihn bezahlen willst! 
 
Beispielsweise:
Um eine sportliche Figur zu bekommen (und zu behalten!) muß man die meiste Zeit seines Lebens im Fitnessudio zu verbringen.

Um von allen Menschen gemocht zu werden, muss man die meiste Zeit seines Lebens darüber nachdenken, was andere Menschen mögen.

Um einen schönen gepflegten Garten zu haben, muß man viele Stunden im Dreck auf den Knien verbringen.

Um eine ständig saubere minimalistisch perfekte Wohnung zu haben, muß man die meiste Zeit seines Lebens mit putzen verbringen (und:  größere Wohnung = größere Putzfläche!).

 

6. Es gibt wenig Dinge die mir so gut tun, wie einmal am Tag nach draußen zu gehen! 
 
Wenn ich einen Tag lang keine Bäume und Blumen bewundert habe, geht es mir wie  mit einer angebissenen Brezel, die ich irgendwo vergessen habe. Ständig ist dieses Gefühl da: Irgendetwas fehlt doch noch! 
 
 
7. Brezeln: knusprige warme Brezeln muß man immer sofort genießen! 
 
Es gibt wenige Dinge die besser schmecken (auch nicht wenn man sie mit Käse überbacken würde!)


8. Diese eine Sache, die man hofft endlich Mal in den Griff zu bekommen - man bekommt sie nicht in den Griff! Sie ist die Erinnerung, dass wir immer auf Gottes Gnade angewiesen bleiben.
 
Ihr wisst was ich meine... Gnade und Barmherzigkeit verfolgen uns ein Leben lang!


9. Bamherzigkeit: Umso älter man wird, umso mehr benötigt man davon! 
 
Für sein Spiegelbild. Für alles was mehr oder weniger im Leben gelungen ist. Für die Welt. Für Freundschaften und für die Familie!

 

10. Familie: Es gibt keine heilen Familien, weil es keine heilen Menschen gibt! 
 
Lass dich nicht von schönen Fassaden blenden: Hinter JEDER Tür wird gestritten und gekämpft und so viel besser bekommen die anderen ihr Leben auch nicht hin! Wenn es in der Nachbarwohnung sehr ruhig ist, dann weil sie beruhigende Medikamente nehmen oder ihrem Kind unbegrenztes Computerspielen erlauben. Und besonders schwierige Familienmitglieder  (und Nachbarn!) können hervorragend dabei helfen, ein bisschen mehr wie Jesus zu werden (oder sie zeigen dir zumindest, dass du noch weit davon entfernt bist wie Jesus zu sein! ).


11. Gefühle: Wenn du ein Mensch mit großen Gefühlen bist und zu Verzweiflungsanfällen neigst, dann ist das wie mit den stürmischen Wetterfronten: Sie kommen. Früher oder später. Und gehen auch wieder vorbei.

Mit den Jahren lassen die Wetterextreme ein ganz klein wenig nach. Und wenn doch mal wieder ein großes Sturmtief anrückt  lernt man, sein Umfeld - und große Teile seines Herzens! - vorsorglich in Sicherheit zu bringen.


 12. Und letztens: Auch wenn es sich total platt anhört: Das Leben ist ein Geschenk! Ich will dankbar sein für jeden Tag, an dem ich dabei sein darf. 
 
Auch wenn ich mich nicht immer so fühle...Letztlich gilt für jeden Tag der war, und jeden Tag der noch kommt, das worauf Richard Foster in dem wunderbaren Buch "Dass Gott mich wirklich liebt" hinweist: Dass die Bibel voller Geschichten darüber ist wie Gott mit einem bestimmten Menschen war: Er war mit Ismael als er allein in der Wüste war. Er war mit Jakob, der ein Leben lang mit Gott gekämpft hat. Er war mit Mose, dem er eine schwierige Aufgabe übertragen hat. Und Jesus sagte zu seinen Jüngern Ich bin mit euch, an allenTage, bis an das Ende der Welt. Und dann schreibt Richard Foster diesen einfachen und den für mich wahrsten Satz, nach 53 Jahren leben:

Gott ist mit uns. DAS ist das Geheimnis eines gesegneten Lebens.



Donnerstag, 28. April 2022

Auf das, was war! Und das, was kommt!

Der April ist unser Feiermonat. Ostern ist grade mal um die Ecke gebogen da folgt auch schon ein Geburtstag nach dem anderen. Passend dazu findet draußen, wie in jedem Jahr, eine herrlich große Frühlingsparty statt und die Blütenblätter fallen wie Graffitiregen von den Bäumen. 
Heute räume ich die Sektgläser wieder in den Schrank, befülle die Waschmaschine und schüttle die Kuchenkrümel aus der weißen, bestickten Leinendecke, die ich von meiner Oma geerbt habe. Dann lege ich sie nochmal über den ausgezogenen Tisch und betrachte dankbar die Kaffeeflecken neben den gestopften Stellen. Ob man das so sagt: Gestopft? Oder ist das schwäbisch? Bei der Internetsuche nach dem richtigen Begriff werde ich von dem schönen Wort "Bügel-Ei" abgelenkt. Sofort sehe dieses kleine Teil aus Holz vor mir, mit dem meine Oma ganz oft sockenstopfend auf dem Sofa saß. Ich muß zugeben, dass ich meistens die kaputten Socken von meinem Kind wegwerfe - allerdings erst dann wenn die Löcher bereits so groß sind, dass bereits der gesamte Fuß durchpasst - mitsamt dem Bügel-Ei! 
Aber zurück zur Tischdecke: Ich mag diesen Anblick. Die Kaffeeflecken und ein Blumenstrauß in der Mitte, der an das vergangene Fest erinnert.  Vielleicht weil ich dabei  an die große Tafel im Wohnzimmer meiner Oma denken muß (ihr Geburtstag liegt auch im April!). Noch  Tage nach ihrem Ehrentag war auf dem langen Esstisch im Wohzimmer die Festdecke ausgebreitet und ein herrlicher Fliederstrauß stand mitten auf dem Tisch. Daneben, auf dem alten Schreibtisch, waren die Geschenkkörbe, mit einer goldenen hohen Zahl in der Mitte, in denen neben so unbrauchbaren Dingen wie Kaffee, Dosenmilch und Wurstdosen auch Katzenzungen, Kekse und Aftereight-Packungen lagen. Letztere haben meine Schwester und ich dann andächtig, neben der Oma auf dem Sofa sitzend, verzehrt, den Fliedergeruch in der Nase und die weiße Tischdecke mit den eingetrockneten Kaffeeflecken vor Augen. 
Und jetzt, wo ich darüber schreibe, winkt da ganz hinten in  meinen Kopf eine Bibelstelle. Nach erneuter Suche, dieses Mal in meiner Konkordanz, habe ich sie gefunden. Sie steht im Hebräerbrief. Dort wird beschrieben, dass Gott alles geschaffen hat. Himmel und Erde. Diese ganze vergängliche und wunderbare Pracht die uns umgibt. Und dass er am Ende die ganze Schöpfung wie ein altes Tuch, oder ein abgetragenes Kleid, zusammenrollen wird. (Hebräer1,11). Ich mag dieses Bild (und will damit nicht sagen, dass man die Schöpfung nicht schützen und bewahren soll!). Es hat etwas Tröstliches für mich: Dass Gott diese alte Erde am Ende ihrer Tage - wenn sie so viele Risse und Flecken und Ozonlöcher hat, dass kein Stopfen mehr etwas nützen würde! - in die Hand nehmen und sie wie ein gebrauchtes Tuch aufschütteln wird. Und dann, so hoffe ich, wird der ewig reiche Gott ein neues Tuch ausbreiten und die Schöpfung wird jubeln und Graiffi regnen lassen und der letzte und älteste Tag  wird zugleich der jüngste  und erste Schöpfungstag sein.
Ihr merkt: Diese April-Geburtstage machen mich auch immer ein bisschen melancholisch. Oder eher: nachdenklich. Weil die Jahreszahlen langsam mit einer Geschwindgkeit wechseln, als flögen wir davon (Psalm 90,10). Und in nicht allzuferner Zukunft werde ich vielleicht meinen ersten Geschenkkorb bekommen mit einer goldenen Zahl in der Mitte ;-).  
Und so sitze ich hier und betrachte dankbar das kaffeebefleckte Tischtuch. Ich denke an alles was war. An die schönen Feste die wir gefeiert haben. An die wundrbaren Menschen die am Tisch Platz genommen haben. Und ich freue mich an der Blumenpracht und dieser ganzen vergänglichen Schönheit, die mich hier und heute umgibt. Und es packt mich auch die Frühlingsvorfreude auf alles, was kommt. Nicht nur im neuen Lebensjahr sondern weit darüber hinaus...
Heute, an ihrem Geburtstag, denke ich an meine Oma. Wie dankbar ich für ihr Leben bin. Sie hat ihren Kindern und Enkelkindern (und noch einigen mehr!) ihre Liebe zu Jesus weitergegeben. Was für ein bleibender Schatz! Wie gerne würde ich sie heute dafür drücken und die kleine Frau dabei hochheben, wie ich es als Teenager so gerne mit ihr gemacht habe und sagen: Danke, Oma! Und: Lass uns feiern! Auf das, was war und auf alles was kommt und ewig bleibt! 
Die Welt riecht nach Flieder und die Blütenblätter regnen von den Bäumen und ich denke mich voraus, wenn wir wieder zusammen feiern werden... 
 
Ein Hoch auf das Leben!!!!