Montag, 21. Dezember 2015

Am Ende wird es hell.

Wie froh bin ich, dass die letzte Nacht vorbei ist. Lange konnte ich nicht einschlafen, hab mich im Dunkel in meinem Bett hin und hergewälzt. Mich quälte meine Schuld. 
Am Abend kam Heio nach dem Gottesdienst müde und erschöpft nach Hause. Er hat tagelang die Predigt vorbereitet, mit unglaublicher Mühe und betendem Herzen. Und dann waren so wenig Leute im Gottesdienst, niemand der hätte Lobpreis machen können, der Kinderraum war von einer anderen Gruppe belegt  und zu allem Übel war auch noch ein Neuer da, der sich nach jahrelanger Pause mal wieder einen Gottesdienst antun wollte. Ausgerechnet bei uns. Ausgerechnet an diesem Sonntag.  Nach dem Schlußgebet hat er fluchtartig unsere Räume verlassen und ich bin auch kurz darauf frustriert abgezogen. Wieso konnten wir nichts besseres "bieten"?! Wieso ist es manchmal  so armselig bei uns? Wo sind die ganzen Leute? Wo ist Gott? 
Ihr merkt: ich war in keiner guten Verfassung.  Heio hätte abends dringend einen warmen Ort und ein bisschen Ermutigung gebraucht - stattdessen habe ihn mit dem ganzen Frust beworfen der sich in meinem Herz angesammelt hat. Es war nicht schön. Samu hat mich immer wieder am Ärmel gezupft und gesagt: "Mama, sag zum Papa: Freund!". Ich sagte ihm: "Ich bin mit Papa nicht sauer, ich bin nur unzufrieden! Manchmal braucht es heilige Unzufriedenheit!"
Oh Mann! Meine Unzufriedenheit war alles andere als heilig. Sie war gemein. Lieblos. Voller Schuldzuweisungen. Irgendwann hab ich Heio angesehen und gemerkt was ich hier eigentlich mache. Ich glaube so etwas kann man auch "Blütenfrevel" nennen: wenn man über zarte Hoffnung trampelt, die Gott im Herz des anderen gepflanzt hat. Ich habe meine Hand ausgestreckt und bittend "Freund" gesagt und mich entschuldigt. Heio hat meine Hand genommen, aber ich habe ihm angesehen, dass meine Worte ihren Schaden angerichtet haben.
Ich konnte lange nicht einschlafen. Meine Schuld lag wie eine dunkle, schwere Decke auf meinem Herz. Ich hatte Heio unrecht getan, hab schlecht über meine - und vor allem Gottes(!!!) - geliebte Gemeinde geredet. Ich habe gebetet dass Gott mir vergibt. Mehrmals. Aber es kam kein Friede. Irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen, aber jedes Mal wenn ich in der Nacht wach wurde, lag die schwere Decke noch auf mir.
Müde bin ich morgens aufgewacht. Der Mann saß schon am Küchentisch und die vier Kerzen vom Adventskranz warfen ihr warmes Licht in den Raum. Ich hab mich zu  ihm gesetzt und gesagt: "Heio, ich weiß, du hast mir vergeben, aber die Schuld bedrückt mich immer noch." Und dann hab ich vor ihm und vor Gott die Dinge nochmal beim Namen genannnt. Meine Schuld bekannt. Und mein Mann - nein mein Bruder in Jesus- hat mir in die Augen geschaut und gesagt: "Christina, ich vergebe dir- und im Namen Jesu: diese deine Schuld ist dir vergeben."
Ich hörte Samuel im Flur singen: "Jesus kommt als Baby, für uns in unsere Welt, Jesus kam in`s Dunkel und macht das Dunkel hell." Und in mir wurde es wieder hell.

Manchmal finde ich es schade, dass wir die Beichte in vielen Kirchen einfach abgeschafft haben. Weil ich glaube, dass manchmal die Schuld so dunkel und erdrückend sein kann, dass ich es nicht mit mir alleine ausmachen sollte- dass es einen Menschen braucht der mir gegenübersitzt, mir liebevoll in die Augen schaut, und mir sagt: "Diese Schuld ist dir vergeben. Auch dafür ist Jesus gestorben."

Und das ist auch die gute Nachricht die wir anderen zusprechen können.
In die Nacht von Bethlehem ist er gekommen und seither ist er in jeder menschlichen Nacht, auch wenn es sie noch so dunkel ist. Dieses Baby in der Krippe wird zu einem Mann aufwachsen der den Menschen, die über ihr Dunkel verzweifeln, liebevoll in die Augen schaut und ihnen Vergebung zuspricht. 

Umso älter ich werde umso mehr merke ich, dass ich nicht nur eine Spur von Segen hinterlasse. Da ist auch eine ganze Menge an Versagen, an versäumten Gelegenheiten, an verletzenden Worte, ja- an Schuld, die mit den Jahren zusammenkommt. Ich brauche einen Erlöser. Und immer wieder Menschen die mir im Namen von Jesus zusprechen dass auch DIESE meine Sünde, vergeben ist.

Und wenn es an`s Sterben geht -die letzte Nacht durch die wir gehen müssen- dann hoffe ich dass  jemand neben meinem Bett sitzt der mir die letzte Beichte abnimmt und mir ganz fest die Hand hält wenn ich meine Schuld in`s Dunkle flüstere und mir zuspricht: "Christina, dir ist vergeben. Auch für diese, deine Schuld hat Jesus bezahlt." Und dann werden auch die Schatten der letzten Nacht weichen und es wird für immer hell.


Jesus, wie froh bin ich, dass du vor über 2000 Jahren in unser Dunkel gekommen bist und heute immer noch in jedes Dunkel kommst. Danke.


 Frohe Weihnachten Euch allen!!!!

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Selig die Ausgebrannten.

Wenn ich mit dem Rad auf dem Weg zur Kita bin um Samuel abzuholen, mache ich zur Zeit öfters einen kleinen Abstecher  in die Weinberge. Ich atme nochmal kurz durch und blicke über das hektische Stadleben in den Himmel.


Vergangenen Freitag saß ich völlig erschöpft dort oben. Über eine Woche Migräneschmerzen lagen hinter mir und es wurde und wurde einfach nicht besser. Heio hatte sich für fünf Tage verabschiedet und diese Zeit, ganz alleine mit dem wilden kleinen Sohn, lag wie ein unüberwindbarer Berg vor mir. In Gedanken ging ich die Namen von Freunden durch, an die ich mich vielleicht im Notfall wenden könnte, aber die meisten sind entweder vom eigenen Familienleben sehr in Anspruch genommen oder sie hatten eine arbeitsreiche Woche und brauchen dringend ihr wohlverdientes Wochenende.  Die Tränen strömten mir über`s Gesicht und ich flehte Gott verzweifelt an die Schmerzen erträglich zu machen und mir Kraft zu geben, damit ich mich um Samu kümmern kann. Ich habe in den schmutzigen Boden neben mir ein kleines Kreuz aus vertrockneten Weinreben gesteckt. Nicht weil ich irgendwie kreativ sein wollte. Vielleicht habe ich einfach ein sichtbares Zeichen gebraucht, dass Gott mit mir ist und mir helfen wird.
 

Und die Tage waren nicht einfach. Meine Gebete waren meistens sehr kurz und fühlten sich ein bisschen so an wie ein Schluck aus der Wodkaflasche: "Jesus, hilf mir die nächste Stunde zu überstehen. Bitte."  Wir haben es tatsächlich irgendwie geschafft. Nicht durch eine Spontanheilung und plötzliche Kraftströme. Nein. Mitten im Schmerz. Mitten in der Schwachheit. ER war in meinem Dunkel. Und es war genug.


Ehrlich gesagt wäre es mir lieber Gott würde meine Schwachheit und die Schmerzen einfach wegnehmen. Mich gesund und kraftvoll machen und ich könnte dankbar und glücklich darüber hier schreiben. Aber Gottes Reich besteht eben meistens nicht darin, dass wir stark und wunderbar und perfekt werden. Mitten hinein in unseren Mensch-sein stellt Jesus sein Kreuz auf und sagt uns: Du bist gesegnet. Und damit mutet er uns zu, Teil einer Seligpreisung zu sein auf die wir gerne verzichten könnten:
  
Selig die Ausgebrannten. 
Selig die Schmerzgeplagten. 
Selig die Traurigen.
Selig die Schwachen.
Selig die Einsamen.
Selig die Planlosen und Enttäuschten.
Selig die Vergessenen und die Alten. 
Selig die Benachteiligten.
Selig die unter Ungerechtigkeit leiden.
Selig die unter sich selbst leiden.
...    

Der Theologe Dallas Willard schreibt, dass wir die urprüngliche Seligpreisungen von Jesus nicht missverstehen sollen als eine Aufforderung, wie wir werden sollten.  Vielmehr hat Jesus eine Liste von denen aufgestellt, die sich ziemlich sicher waren, dass sie nicht zu den Gesegneten Gottes gehören. Und Jesus hat sie angeschaut und gesagt: Ihr seid mit dabei! Das Reich Gottes ist in eurer Reichweite. 
Vielleicht denken wir: solange wir an diesem Ort sind, mit der bestimmten Sünde kämpfen, unter solchen Schmerzen leiden, ausgebrannt, schwach, wütend, geschieden, schlaflos, kinderlos, übergewichtig, alleinstehend -WAS AUCH IMMER-  sind, solange können wir ganz sicher nicht glücklich und gesegnet sein. Und genau da taucht Jesus auf um seine Hände auf uns zu legen und zu sagen: Du Glückliche (und du Glücklicher): Das Reich Gottes ist direkt in deiner Reichweite. Hier und jetzt will ich dich segnen und mache dich zu einem Segen. 
Das klingt im ersten Moment fast wie eine Unverschämtheit. Eine Zumutung. (und ja- Gott mutet uns tatsächlich so maches zu). Aber ich finde es klingt in den Ohren einer kaputten und leidenden Welt auch unglaublich hoffnungsvoll.  
Und ich bin mir ziemlich sicher, dass alle diese Sätze noch einen zweiten Teil haben. Eine Verheissung. Ein Geschenk Ich weiß nicht für jeden Satz diese Ergänzung. Das muß ich auch nicht. Es wäre sowieso nicht geeignet für eine fröhliche Aufforderung von außen. Es ist eher etwas was wir erleben können. Was Gott uns ganz persönlich im unserem Dunkel zuflüstern will.  
Vielleicht klingt mein Satz ungefähr so: Selig sind die Ausgebrannten, denn sie können erleben, dass Gottes Reich überall wachsen kann  - sogar auf verbrannter Erden.
  
Und deshalb glaube ich es ganz fest: egal wo du heute bist, mit was du kämpfst, was dich bedrückt - Du bist ganz nah am Reich Gottes. Er kann seine Hand auf dich legen um dir zu sagen: Glaub mir  - Du gehörst auch zu den Gesegneten

                                      
Blessed are those who doubt.
Those who aren`t sure, who can still be surprised. 
You are of heaven and Jesus blesses you.

Blessed are they who have burried their loved ones, for whom tears could fill an ocean. Blessed are those who have loved enough to know what loss feels like.

Blessed are they who don`t have the luxury of takeing things for granted anymore.

Blessed are they who can`t fall apart because they have to keep it together for everyone else.
Blessed are the motherless, the alone, the ones from whom so much has been taken. Blessed are those who "still aren`t over it yet.".
You are of heaven and Jesus blesses you.

Blessed are the losers and the babies and the parts of ourselves that feel so small. The parts of ourselves that don`t want to make eyecontact with a world that loves only the winners.

Blessed are they who hear that they are forgiven. Blessed is everyone who has forgiven me, when I didn`t deserve it. 

Blessed are the merciful, for they totally get it. 

 (Auszug aus einem Text von Nadja Bolz Weber in "accidental saints")

Mittwoch, 2. Dezember 2015

sitzen bleiben.

Macht hoch die Tür - die Adventszeit hat begonnen. Aber durch`s Tor kam heute morgen keine große Herrlichkeit, sondern heftige Kopfschmerzen und ein kleiner Sohn,  der unglaublich anstrengend war (ok, kurz nach dem Aufwachen und mit Kopfschmerzen finde ich alles anstrengend!). 
Ich liefere Samu in der Kita ab und suche anschließend verzweifelt nach einem Parkplatz vor unserem Haus (Stuttgart ist zur Zeit wirklich EINE EINZIGE BAUSTELLE!) . Zuhause angekommen stelle ich genervt fest, dass Heio doch nicht, wie besprochen, in`s Büro gegangen ist, sondern sich spontan entschieden hat von Zuhause aus zu arbeiten. "Tu einfach so als wäre ich nicht da!", sagt der gute Mann und die Wut schwappt wie eine heisse Welle über mich. Ich SPÜRE seine Anwesenheit - das mag an unserer kleinen Wohnung liegen, an dem Chaos das er manchmal um sich verbreitet, oder an meiner Hypersensibilität. Ich liebe meinen Mann, aber heute habe ich mich so sehr auf die kurze Zeit ganz ALLEINE in unserer Wohnung gefreut. Prompt schaltet sich auch noch die anklagende Stimme in meinem Kopf ein: "Stell dich doch nicht so an Christina, denk an die vielen Flüchtlinge die heute eng zusammengepfercht in irgendwelchen Zeltstätten den Tag verbringen müssen. Die würden sich über deinen Luxus freuen!" JA. Ich weiß. Ich hab so viele Gründe dankbar zu sein! Leider fühle ich mich heute bei dem Gedanken noch schlechter. "Versager!" schiebt die Stimme noch hämisch hinterher bevor ich ihr befehle jetzt mal die Klappe zu halten.  
Ich schlage die Bibel auf. Hoffe dass Gott etwas nettes zu mir sagt. Aber die Worte klingen fast ironisch: Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, das sie auffahren wie Adler, laufen und nicht müde werden.... Ich denke: Gott, ich versuche wirklich auf dich zu harren. Aber ich spüre noch so wenig von der neuen Kraft. Heute ganz besonders. Mein Kopf schmerzt, es ist neun Uhr morgens und ich hab mich schon müde gelaufen. Wann kommt sie endlich, diese neue Kraft? Wann?
Dann kommen die Gedanken wie es im neuen Jahr weitergehen soll. Hab mich gestern durch sämtliche Jobangebote vom Arbeitsamt geklickt und bin dabei immer entmutigter geworden. Ich will vertrauen, dass Gott mich führt und doch sitzt heute die Sorge vor der Zukunft wie ein Kloß in meinem Hals. Mit unruhigem Herzen schlage ich nochmal die Bibel auf (zweite Chance, Gott!:-)). Ich lese:
Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Und: Wir sind nicht von denen die zurückweichen, sondern die Glauben und die Verheissungen ererben. (Hebräer10,35,39)
Wie ein Anker fallen diese Worte in mein hin und herschaukelndes Herz und machen mich ganz unerwartet ruhig. Es ist als würde Jesus mir sagen:  Fürchte dich nicht. Sei unbesorgt. Ich bin doch da. Alles was du tun mußt ist nicht zurückzuweichen, sondern mir zu vertrauen.
 Und während ich auf dem Sofa sitze und mein Herz langsam still wird, taucht in meinen Gedanken das Bild von Rosa Parks auf- der Afroamerikanerin die einfach im Bus auf ihrem Platz sitzen blieb als ein weißer Fahrgast ihn einforderte. Sie war müde und sie war es leid nachzugeben. Also blieb sie einfach sitzen.  Auch wenn das Schild auf ihren Sitzplatz deutlich sagte: "for whites only". Was einen relativ unbekannter Baptistenprediger dazu veranlasste einen Busboykott zu organisieren - es war der Anfang der Bürgerrechtsbewegung im Amerika. Der Rest ist Geschichte. (ach, und der damals noch unbekannte Prediger hieß Martin Luther King)  

Rosa Parks mit Martin Luther King (Bild Wikipedia)
Manchmal entstehen die erstaunlichsten Dinge, wenn man einfach sitzenbleibt. Nicht zurückweicht. Darauf vertraut, dass die Dinge in`s Lot kommen und gerade einfach noch ein paar Sachen falsch beschriftet sind.
Nein, ich bin nicht Rosa Parks. Ich fürchte ich wäre nicht so mutig gewesen wie sie. Und mein sitzen bleiben wird eher nicht in die Geschichtsbücher eingehen. Aber es wird für meine Geschichte einen entscheidenden Unterschied machen. Zumindest verstehe ich es so, dass es eine Sache ist die Jesus ziemlich wichtig findet: das Vertrauen nicht wegzuwerfen. 
Also weiche ich heute nicht zurück. Ich tue nichts außer bockig sitzenbleiben. Ein stiller Protest gegen die Lügen die mich heute fertig machen wollen. Eine kleine Entscheidung an einem chaotischen Vormittag, auf die Dinge zu vertrauen an die ich glaube - auch wenn sie sich heute überhaupt nicht wahr anfühlen:
Gott gibt den Müden neue Kraft. Gott macht uns heil. Er führt uns durch`s Leben. Er kommt um uns zu erlösen. 

Und vielleicht ist dieses "sitzen bleiben" wie eine Tür-  eine Einladung, ein weites Tor - durch das Gott mit seiner Herrlichkeit einziehen kann. Mit Heil und Segen im Gepäck.


 
Für alle diejenigen unter uns, die gerade nichts mehr tun können als einfach müde sitzenbleiben und vertrauen gilt:  Er wird kommen. Mitten in unser Dunkel. Er wird die Sitzordnung dieser Welt ein wenig aufmischen und alles wahrmachen, was er verheissen hat.

In diesem Sinne: Frohe Adventszeit! 



Dienstag, 24. November 2015

Warum werde ich nicht satt?

Eine total erschöpfte Mutter, an der einen Hand eine schwere Tasche und ein Laufrauf, an der anderen Hand ein heulendes, sich weigerndes Kind, das schimpfend durch den H&M geschleift wird. 
Wie oft dachte ich bei so einem Anblick kopfschüttelnd: liebe Frau, schau dich an, schau dein Kind an und GEH EINFACH NACH HAUSE. 
Letzten Samstag war ICH diese Mutter.  Und eigentlich wollte ich auch nach Hause. Aber in mir war so ein gewaltiger Hunger und ich dachte: wenn ich nur irgendein billiges Teil hier finde, das mich ein bisschen ansehlicher macht, dann geht es mir bestimmt besser. Ich habe NICHTS gefunden. Habe mich über dem kleinen Sohn erbarmt und das Projekt "wir-machen-die Christina-schönundglücklich" abgebrochen. Auf dem Rückweg saß ich in der völlig überfüllten Straßenbahn, Sohn, Tasche und Laufrad auf dem Knie, und ärgerte mich über mich selbst. Was war nur los mit mir?
Ich war an diesem Morgen so unzufrieden aufgewacht. Ein heftiger Streit vom Vorabend mit Heio hing mir noch in den Knochen.  Wir hatten uns vor dem Schlafen wieder so einigermassen versöhnt, trotzdem fühlt sich mein Herz noch schwer an, überzogen mit eine dunklen Staubschicht- wie nach einem Vulkanausbruch (in dem Fall war ich der Vulkan und Heio derjenige, der dummerweise in der Nähe war und nicht schnell genug weglaufen konnte).Der Grund für meinen Ausbruch war so dumm und ungerechtfertigt, dass ich nichtmal darüber schreiben will. Wahrscheinlich war am Tag vorher schon was nicht ganz in Ordnung in mir. Vielleicht weil ich eine Woche "alleinerziehend", halb krank zuhause hing, NIEMAND angerufen hat- außer meiner Mutter (was eigentlich kein Wunder ist, weil ich ständig meine Freunde wissen lasse, dass ich es hasse zu telefonieren!) und einige schräge Gedanken und Sorgen vielleicht ein bischen zu viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Meine Seele hat also ziemlich laut "HUNGER" geschrien und der einzige Ort der mir einfiel an  dem ich vielleicht satt werde, war der schwedischen Klamottenladen. Ganz schön armselig. Ich weiß.
Schlecht gelaunt und mit NOCH MEHR Hunger kam ich zurück. Die Aussicht, dass wir Abends Freunde besuchen wollten die wir seit Jahren nicht gesehen hatten drückte meine Stimmung noch mehr. Nicht weil ich die Freunde nicht gerne sehen wollte, sondern weil ich mir dachte: bis heute Abend muß ich irgendwie wieder mein inneres Gleichgewicht finden, auf freundlich und nett umschalten und ich habe heute einfach nicht die Kraft dazu. Kennt ihr das?
Wir gingen trotzdem hin. Ich habe tief Luft geholt und dann sind wir die Treppen bei unseren Freunden hochgestolpert in eine warme Umarmung die  den ganzen Abend angehalten hat. Leckeres Essen, ehrliche und mutmachende Gespräche und entspannte  Mienen unserer Gastgeber zu Samus wilden Turnübungen auf ihrem Sofa. Wir fuhren nach Hause und mein Herz war übervoll mit Dankbarkeit.
Sonntag war kein Gottesdienst. Wir saßen bis mittags im Schlafanzug in der warmen Küche und bastelten spontan zusammen. Es war toll. Die strahlenden Augen von Samu sagten mir, dass wir an diesem Morgen mal alles richtig gemacht haben. 

unsere tollen Bastelversuche. Egal was rauskommt: der Weg ist das Ziel:-)

Dann haben wir uns wieder auf den Weg zu Freunden gemacht. Eine Schüssel Salat und Apfelsaft unterm Arm. Und es war wie am Abend zuvor: Gutes Essen und gute Gespräche. 
Lachen. Ermutigung zwischen den Worten. Und ein wunderbarer Spaziergang. 
 
ein Stadtkind auf dem Land

der Versuch schöne Paarbilder zu machen, bei denen Heio nicht im Hintergrund auftaucht

 
und im Wald fiel ganz plötzlich leise der Schnee
unter Mammutbäumen
 
danach Aufwärmen mit Schokokuchen
 Auf dem Rückweg spürte ich ein ungewohntes Gefühl in mir: meine Seele fühlte sich satt an. 
Nun sehen unserer Wochenenden nicht ständig so aus, dass wir von einer wunderbaren Einladung zu anderen marschieren. Überhaupt nicht. Vielleicht war dieses Wochenende ein ganz besondere Geschenk für mich - eine Erinnerung von Jesus, dass er genau weiß, was meine Seele braucht um satt zu werden (und ich auch öfters mal von alleine drauf kommen könnte:-)).

In einem Interview mit Bill Hybels las ich neulich etwas darüber, wie wichtig es seiner Meinung nach ist, dass wir lernen nach Wegen und Aktivitäten Ausschau zu halten, die uns im Tiefsten erfrischen und gut tun und anstatt ständig auf Dinge zurückgreifen, die uns nur ablenken und oberflächlich  das Hungergefühl nehmen.
Mein Problem ist, dass ich die oberflächlichen Ablenkungen viel besser verinnerlicht habe und sie auch meistens viel schneller griffbereit sind und weniger Aufwand brauchen. Ich reiße eine Tüte Chips auf, setze mich vor den Fernseher, surfe durch`s Internet, klicke mich hungrig von einem Blogartikel zum nächsten, hoffe auf nette Kommentare, gehe shoppen (geht ja sogar auch ganz entspannt im Inernet:-))... alles an sich keine schlechten Dinge. Nur absolut nicht dazu geeignet, mich wirklich satt zu machen. 
Aber was macht mich satt? Bill Hybels schreibt begeistert von seinem Segelboot und ich denke: Toll, sowas hätte ich auch gerne, ich bräuchte Urlaub oder wenigstens ein Wellness-Wochenende. Aber wenn ich ehrlich bin, dass weiß ich, dass es nicht die "großen Dinge" braucht.  Was mich satt macht ist:

Gute Begegnungen mit Freunden.

Ein gutes Essen. (auch wenn ich mal nur für mich alleine koche)

Die Natur. In die Sonne sitzen oder Abends durch den frisch gefallenen Schnee laufen. Bäume anschauen. Mich mit etwas umgeben was ruhig, größer und unveränderbarer ist, als mein kleines Leben.

In Ruhe eine Tasse Kaffee trinken und über all das nachdenken für das ich dankbar bin.

Meine "Trost-Dinge": Ein schönes Buch, schöne Musik oder ein guter Film. Alles Dinge die etwas in mir anrühren und einer Sehnsucht Raum geben, die sich sonst immer nur knapp unter der Oberfläche bewegt.

Stille. Meine Seele dem freundlichen Flüstern zuwenden, von dem ich hoffe, dass es die Stimme von Jesus ist. 

Jemand etwas mutmachendes sagen oder etwas kleines für jemand tun und merken, dass es genau das Richtige war.

Mit dem Sohn mal ganz in Ruhe eine Runde basteln. 
Mit Heio enspannt Zeit zu verbringen, ohne Erziehungsgeschichten oder irgendwelche Probleme zu diskutieren. Einfach zusammen SEIN.

Johanna Klöpper schreibt in ihrem wunderbaren (sehr zu empfehlenden!!!) Buch Leben ist das neue Sterben den Satz: Richtig ist oft klein, leise und unscheinbar.  
Das gefällt mir. Ich glaube oft sind auch die Dinge die unsere Seele satt machen klein, leise und unscheinbar. Aber wir spüren: Ach, das war jetzt genau richtig. Das hat gut getan.

Und auch der  Momente in dem ich mich dazu entscheiden kann kommt oft klein und leise. Wie eine stille Frage ob ich mich jetzt nur oberflächlich ablenken oder den Weg einzuschlagen will von dem ich weiß, dass er mich ein bisschen mehr satt machen und tiefer erfrischen kann. 
Ich wünsche uns allen, dass wir immer öfters richtig abbiegen. Zu den Dingen von denen wir wissen, dass sie unserer Seele gut tun. Und die uns für den Moment- und auch ein bisschen länger- tatsächlich richtig satt machen können.