Montag, 10. Mai 2021

Das Leben persönlich nehmen

Zu meiner großen Freude ist letzte Woche die neue Ausgabe der Joyce ins Haus geflattert. Ich blättere ein wenig durch die vielen bunten Artikel, wie durch eine Speisekarte, und freue mich schon darauf jeden Einzeln zu genießen. Eine Geschichte musste ich einfach gleich lesen, weil es mich so gefreut hat, dass mir diese wunderbare Frau zwischen den Seiten entgegenstrahlt: Lissy Schneider.


Ich durfte Lissy vor einiger Zeit kennenlernen und kann nur sagen: Sie ist innen wie außen eine wunderschöne und so richtig kluge und lebendige Frau. Umso krasser fand ich es dann ihre Geschichte zu hören: Weggegeben von ihrer leiblichen Mutter (die aufgrund ihrer Sucht nicht für sie Sorgen konnte), zuerst ins Heim und dann zu ihrer Pflegemutter, für die sie sehr dankbar ist. Dankbarkeit. Das verbinde ich mit Lissy. Ihr damaliger Blog  hat mich dazu inspiriert mein Danke-Tagebuch anzufangen. Jahrelang hat sie ihre Dankesmomente notiert. Sie schreibt dazu: 

Ich habe den Start meines Lebens sehr persönlich genommen und auch alles was in meinen Leben schwierig und herausfordernd war...Durch Dankbarkeit ist eine neue Sichtweise in mein Herz eingezogen: Das Gute  meines Lebens, das  Schöne, was ich schnell als selbstverständlich abstemple, ebenfalls persönlich zu nehmen. Dankbarkeit ist für mich: Das Gute  meines Lebens persönlich zu nehmen.
Was für ein Satz! Das Gute persönlich nehmen. Und, so erklärt Lissy,  dabei geht es nicht darum die schweren Dinge zu ignorieren oder das Gute gegen das Schwere aufzuwiegen.Es hat damit zu tun, dass beides nebeneinanderstehen darf: das Schwere und das Schöne.  

Lissy ist mir auch ein Vorbild darin, mich den Brüchen meines Lebens mutig zu stellen. Zu spüren was mich triggert oder warum ich zum Beispiel ganz oft mit eine tiefen Erschöpfung kämpfe (die Ursachen dafür liegen weit zurück in meiner Kindheit, das habe ich mittlerweile begriffen). Auch hier sind mir Lissys Worte ein Trost, wenn sie über die Tage berichtet, an denen sie so wenig leistungsfähig ist:

Während ich oft dachte: Diese Schwäche muß weg, denke ich mittlerweile, dass Schwäche vor allem mich stört - Gott eher weniger. Er sieht das wunde Herz und klebt nicht einfach einen Flicken darüber.

Mir helfen diese Worte von Lissy so sehr: Ich will das Schwere, die Bruchstücke meines Lebens, immer wieder ehrlich anschauen - es persönlich nehmen - und Gott zum Heilen hinhalten. Und ebenso will ich das Gute meines Lebens ganz persönlich nehmen. Von meinem Schöpfer. Für mich. Heute sind es ein paar zaghafte Sonnenstrahlen die sich durch die Wolken kämpfen. Eine zerknitterte, zweimal zerissene und wieder geklebte Muttertags-Liebeserklärung (Zeichen von viel Streit und Versöhnung am gestrigen Tag:-)). Und ein  zerknittertes Herz, das heute schwach sein darf und ein bisschen angeschlagen - und GENAU SO geliebt ist.


 

Mittwoch, 5. Mai 2021

Die schlichten Dinge, die überall wachsen

Im November habe ich ganz hoffnungsvoll ein paar Pflanzenzwiebeln in die Erde gesteckt.  Kleine Traubenhyazinthen, die - laut Packungsbeilage - in kleinen Gruppen gepflanzt werden wollten (Ihr erinnert euch vielleicht daran - hier habe ich darüber geschrieben). Ich habe sie auch mit der Frage eingepflanzt was in dieser Coronazeit wohl wachsen könnte. In mir.  In  uns allen. Jetzt hat mich Anne danach gefragt was denn aus den kleinen Pflanzenzwiebeln geworden ist. Hier seht ihr das Ergebnis:

 

Sind sie nicht wunderschön geworden? In kleinen Gruppen stehen sie zusammen und es scheint ihnen wirklich gut zu gehen, in meinem Blumenbeet.  Ich hab mich so gefreut als ich die ersten Zeichen entdeckt habe, dass hier tatsächlich mal etwas wächst, was ich eingepflanzt habe! Ich habe die ersten blauen Blüten bejubelt! Allerdings habe ich dann erstaunt festgestellt, dass diese Blumen hier ÜBERALL wachsen. Das ist mir letztes Jahr überhaupt nicht aufgefallen. Auf unserer Wiese im Garten, wie auch in jedem anderen Garten, und auf jedem Hang neben der Straße leuchten mir diese blauen Traubenblüten entgegen! Beim weiteren Studium zu diesen kleinen Pflanzen erfahre ich, dass sie sich liebend gern über Selbstaussaat vermehren und sich mit den Jahren also tatsächlich ganz großflächig und überall ausbreiten. Ich  muß sagen, das hat meine Freude etwas gedämpft. Plötzlich waren meine kleinen tapfer aufgewachsenen Blümchen nichts mehr besonderes. Ein bisschen trübsinnig sagte ich zu Heio: "Ich hätte vielleicht etwas extravaganteres einpflanzen sollen und keine Pflanzen die sich hier sowieso schon überall vermehren."  
Vielleicht habe ich auch deshalb hier noch nichts darüber geschrieben. Weil mir das was bei mir aufgewachsen ist plötzlich so völlig normal und überhaupt nicht besonders vorkam.
 
Ich ahne, dass da vielleicht eine kleine Lektion für mich im Blumenbeet gewachsen ist. Könnte es sein, dass ich Dinge in meinem Leben kleinrede und entwerte, einfach deshalb weil sie nichts "besonderes" darstellen? Weil sich das alles so normal anfühlt und meine kleinen Geschichten hier eigentlich in jedem anderen Garten auch wachsen? Und manchmal verliere ich mich in den extravaganten Schönheiten aus anderen Gärten und were dabei ganz mutlos, im Blick auf mein eigenes schlichtes Blumenbeet...
 
Was könnte in dieser Coronazeit wachsen? -  habe ich mich beim Einpflanzen gefragt. Was wenn es die ganz schlichten Dinge sind? So unscheinbar und weit verbreitet, dass wir sie kaum erwähnenswert finden. Dinge wie: Freundlichkeit. Ein bisschen mehr Dankbarkeit für bisher Selbstverständliches. Aushalten, immer noch einen Tag mehr, und  die Hoffnung immer wieder einsammeln. Spontane kleine Hilfsbereitschaft. Ein wenig barmherziger werden. Öfters mal ganz ehrlich: "ich weiß genau wie es dir geht!" sagen können. Und im bisher fremden Nachbargarten ganz viel Gemeinsamkeiten entdecken.
Ich gebe zu: Ich hätte es gerne ein wenig aufsehenerregender. ICH wäre gerne ein bisschen aufsehenerregender :-). Und dann bin ich doch nur eine von denen, die am besten in kleinen Gruppen aufwachsen und die das hervorbringen, was auch in jedem Nachbargarten zu finden ist. Und Jesus sagt: Es gefällt mir! Deshalb lasse ich so viel davon wachsen. 
 
Und deshab will ich heute eben doch die kleinen Schnapsgläschen aus dem Schrank holen und meine Traubenhyazinthen feiern.  Feiert ihr mit? Sie sind bestimmt auch bei euch am wachsen. Ach, sie wachsen gerade einfach überall! 
 
 




 
 

Dienstag, 27. April 2021

Herz in die Sonne halten

                                                                       Achtung: Dieser Blogpost enthält unbezahlte aber völlig beabsichtigte Werbung!

Gestern habe ich meinen Geburtstag gefeiert. Ich habe die Nacht davor kaum geschlafen und war entsprechend müde. (dachte eigentlich ich bin aus dem Alter raus an dem man vor Aufregung über den Geburtstag nicht schlafen kann!). Und  weil es auch mein zweiter Lockdown-Geburtstag war, blieb es ein richtig ruhiger Tag - die wilden Partypläne mit einer weiteren erwachsenen Person auf Abstand haben wir dann doch nicht umgesetzt. Wir saßen zu dritt auf der Holzbank auf unserem Stückle und haben der Sonne auf ihrem Weg Richtung Westen zugeschaut.


Geburtstagskarte von Samu

 
Und hier kommt das Geschenk (also eigentlich 2 Geschenke:-))

 


Als der Rasen gemäht war und es langsam Dunkel wurde, habe ich noch ein Geburtstagsgeschenk eingeweiht: Ein Sonnenglas! (Danke!!!)

Laut Gebrauchsanweisung muß man tagsüber Sonne sammeln und dann wird es abends hell. (eine Stunde Tageslicht gibt zwei Stunden Licht in der Nacht!). Ich erfahre auch, dass dieses Sonnenglas in den Townships von Johannesburg entwickelt wurde und die Herstellung über 65 zuvor arbeitslosen Menschen aus Soweto eine Arbeitsstelle schenkt. Mein Licht wurde von Rose hergestellt. Sie hat zumindest auf der Gebrauchanweisung unterschrieben. Vielleicht werde ich mein Glas, ihr zu Ehren, mit einer Rose dekorieren. ..


Ach, am liebsten würde ich euch allen so ein tolles Sonnenglas schenken! Weil ich glaube, dass wir es in diesen Tagen so dringend gebrauchen können - das Sonnenstrahlen einsammeln! Wenn sich, trotz beginnendem Frühling, unsere Herzen manchmal so schwer und unendlich müde anfühlen, dann halten wir unser Herz doch ein bisschen an die Sonne.

Setzen wir uns mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon oder vors Haus

Betrachten wir unsere schönsten Urlaubsfotos

Lesen wir ein Gedicht oder ein paar Seiten in unserem Lieblingsbuch 

Verschnüren wir unsere Sorgen zu einem Gebet, mit einem dankbaren Gruß an den Empfänger

Denken wir einen Moment daran wie geliebt wir sind. Genau so. Mit der ganzen dunklen Oberfläche die wir Richtung Sonne strecken

Auf dass uns die Hoffnung in den Nächten nicht ausgeht! (wenn meine Berechnungen stimmen, dann schafft ein Sonnentag zwei Nächte ). 

Für Rose in Soweto. Für die Menschen in Indien und für alle anderen die gerade nach Luft ringen. Für die Schwachen und für diejenigen die heute ein wenig Halt geben können. Für die Einsamen und für diejenigen die so gerne mal ein bisschen Zeit für sich alleine hätten. Für die Sorgenvollen und die Viel-zu-Sorglosen. Für gestresste Kinder und ihre mindestens so gestressten Eltern. Für uns alle: 

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns.

Er erfülle uns mit seinem Schalom.



Mittwoch, 21. April 2021

Winkende Wolke

Ich bin vergesslich. Schreibe mir Einkaufszettel und lasse sie IMMER Zuhause auf dem Tisch liegen. Vergesse die Wäsche in der Waschmaschine (stand vorher erstaunt vor der vollen Maschine und hab vergeblich überlegt, wann ich sie befüllt habe!). Vergesse die Zeit und welchen Tag wir heute haben und beteilige mich regelmässig am derzeitig beliebtesten Volkssport: Zurück zum Startpunkt rennen, weil Maske vergessen.
Und ich vergesse das Gute! Vergesse Gottes Nähe und seine Fürsorge. Deshalb schreibe ich weiter meine Dankesliste. Ein Merkzettel auf meinem Nachttisch. Und immer wenn ich mich müde und deprimiert fühle, dann blättere ich durch die Seiten und erinnere mich:
 
3535. Bewahrung auf der Heimfahrt
 
3536.Bügeleisen von Mama
 
3537. Gottes (und Samuels) Vergebung über mein gestresstes Mama-sein
 
3538. Frühlingsluft und keine Kopfschmerzen
 
3539. Tulpen aus dem Garten
 
3540. tolle Lehrerinnen
 
3541. ein lustiges Buch aus dem Backnanger Bücherregal
 
3542. Erstes Eis des Jahres
 
3543.  Eine Umarmung 
 
3544.  Ein dankbar strahlendes Geburtstagskind

3545.  Ein winkende Wolke am Abendhimmel
 
Diese Wolke von gestern Abend bringt mich immer noch zum Lächeln. Sie erinnert mich daran, wie Gott sein Volk durch die Wüste geführt hat: Wolkensäule am Tag, Feuersäule in der Nacht. Und ich stelle mir vor, wann immer einer aus dem Volk sorgenvoll oder traurig war  - oder einfach nur nach einem schlechten Traum aufgewacht ist - hat er aus dem Zelt gespäht und die Feuersäule betrachtet. Oder die Wolke. Ein Erinnerungszeichen:  Gott ist mit uns! Wir sind nicht allein auf dieser Wanderschaft. 
Die Seiten in meinem Dankebuch sind für mich wie eine winkende Wolke: Ich bin bei euch. Ich führe euch. Tag für Tag. Den ganzen Weg, bis zum Ziel.
Das will ich nicht vergessen.
 
 



 

Montag, 12. April 2021

Ein Schatz hinterm Klavier

Nach einer Woche Osterferien, die wie im Flug vergangen sind, schalten wir heute wieder ins   Homeschooling-Programm. Ehrlich gesagt graut es mir davor. Ich fürchte, dass die Nerven innerhalb kürzester Zeit wieder blank liegen beim Versuch meine Pläne für die Woche und das Kind irgendwie passend machen - wie zwei Puzzleteile, die man leider nur mit großem Druck irgendwie passend machen kann. Ich bin stark versucht zu sehr am Leben zu ziehen, um die Wogen zu glätten - wie Jennifer Zimmermann das in ihrem Vorwort in meinem neuen Buch so gut ausgedrückt hat. Sie schreibt über diese Sehnsucht, dass das Leben doch wie ein fertiges Puzzle wäre. Dass wir einfach die richtigen Teile zusammensetzen müssen und dann läuft das schon. Mit dem Alltag. Und den Menschen, die uns oft genug die fein sortierten Puzzleteile wieder durcheinanderbringen. Aber es ist wie bei einem verhedderten Wollknäuel: Umso mehr wir ziehen, umso enger werden die Knoten. Aber, so formuliert Jenny es so wunderbar, das Beste was wir tun können, ist die Hände zu öffnen und lieben zu lassen. Sich und das ganze unsortierte Leben. Ach, genau das will ich lernen. Lieb haben lassen und lieben was ist...
Apropos unsortiert: Letzte Woche haben wir die Ausräum-Aktion in meinem Elternhaus fortgesetzt. Ganz schön viel wurde aussortiert und ist - völlig unsortiert - im Container gelandet! Heio, der Sammler, konnte kaum hinschauen. Samuel fand es klasse die Dinge mit einem gehörigen Knall aus dem ersten Stock zu werfen.
 

 
Spät abends kamen noch zwei muskelbepackte Männer aus Berlin, die gekonnt unser Klavier durchs Treppenhaus manövriert haben, um es in sein neues Zuhause ins Cafe Wundervoll zu bringen. Hinterm Klavier fand sich Staub und Dreck der letzten 50 Jahre (wie der wohl dahin kommt?) und ein vergilbtes Stück Papier. Ein Notenblatt mit der Überschrift: Wohl mir, dass ich Jesum habe! Stundenlang habe ich als Jugendliche diese Bachkantate geübt. Es war eins der Lieblingsstücke meiner Eltern und ich wollte ihnen damit eine Freude machen  Sagen wir mal so: Das Ergebnis meiner Mühe war eher mittelmässig, wurde aber wohlwollend aufgenommen.
Dieses Notenblatt zu finden, im fast leergeräumten Haus, war für mich wie ein letzter Gruß meiner Eltern. Es ist wie die Summe ihres Lebens, die unterm Strich geblieben ist. Wenn der irdische Besitz aus dem Fenster geworfen: Eins bleibt. Ein unvergängliches Erbe: Wohl mir, dass ich Jesum habe!
 
Mein Weggefährte Achim sagte es gestern so treffend in seiner Predigt:
Als Jesusnachfolger werden wir uns nicht immer glücklich fühlen, aber wir können uns immer glücklich schätzen! 

Daran will ich mich erinnern. Mitten in diesem unsortierten Leben. Wenn ich in diesen Tagen zu sehr an den Knoten ziehe (was zu befürchten ist!) will ich immer wieder aufs neue meine Hände öffnen. Durchatmen. Mich lieb haben lassen.  
 

Wohl mir, dass ich dich habe, Jesus!
 
 




Donnerstag, 1. April 2021

Der anfassbare Jesus

Nun leben wir schon ein ganzes Jahr in dieser verrückten Coronazeit. Letztes Ostern war alles noch ganz neu und irgendwie auch aufregend. Anstatt wie gewohnt mit Weggefährten am Karfreitag auf den Birkenkopf zu wandern und dort am Kreuz zusammen an Jesus zu denken, haben wir die Passionsgeschichte aufgeschrieben und an die Bäume gehängt. Wir haben einen kleinen Ostergarten im Wald zusammengestellt, am Sonntag voller Elan "Jesus ist auferstanden" auf die Straßen gemalt, den Stein vom Grab weggerollt, um dann gespannt vor unserem ersten Zoom-Gottesdienst zu sitzen. Und dieses Jahr? Fehlt mir ehrlich gesagt der Elan Ostern so ganz anders und trotzdem besonders zu gestalten. Zum Glück geht das nicht allen so. Die Kirchen an unserem Ort haben einen wunderbaren kleinen Ostergarten aufgebaut. Gestern abend bin ich noch spontan dort vorbeigegangen. Von weitem glitzerten die Weingläser auf dem Abendmahlstisch. 13 Gläser, die darauf warten gefüllt zu werden. Pessach. Erinnerung an die Befreiung aus Unterdrückung und Sklaverei. Unbekümmerte Tischgemeinschaft. Lachen und Gespräche die munter hin und her gehen. Aber auch: plötzlich ernste Fragen. Bedrückte Stille. Vorahnung einer dunklen Nacht.


Bei der nächsten Station: Herrliche Kindergedanken die mich zum Schmunzeln bringen und Gottes Vaterherz ganz  bestimmt mit Liebe erfüllen...



 

Und dann denke ich auch an die verzweifelten Gebete Jesus. Die große Angst. Ein schweigender Vater. Schlafende Jünger. Durch die dunklen Stunden kämpfte sich Jesus allein.

Ich komme an den Stationen vorbei die an Verrat, Verleugnung und Folter erinnern. Denke an meine Glaubensgeschwister für die diese Worte bittere Relität sind. Denke an Myanmar, Weißrussland und Hongkong. So viel Mut und Leid auf den Straßen dieser Welt. So groß die Sehnsucht nach Befreiung von Unterdrückung...

 

In der Abenddämmerung gehe ich weiter. Vorbei am Kreuz. Bis zum leeren Grab. Ich sehe die zusammengelegten Tücher und frage mich, wie Maria: Wo ist Jesus? Da ist so viel Unfassbares in diesen Tagen. Und so viel Sehnsucht .


Meine liebste Lieblingsstelle kommt an der letzten Station. Es ist das Lagerfeuer am See Genezareth, an dem Jesus seinen Jüngern Essen vorbereitet. Müde kommen sie an. Mit ihrem Versagen im Herzen. Ihrem Frust. Der ganzen Verzweiflung. Und da steht plötzlich Jesus am Ufer. Mit der Einladung zum Frühstück. Vielleicht weil er wusste, dass seine Jungs nach den wilden Tagen, dem Mystischen und dem Unfassbaren, etwas ganz Handfestes benötigten. Etwas Vertrautes. Wellenrauschen. Ein knisterndes Feuer. Herrlich gebratener Fisch und frisches Brot. Liebevolle Neckereien. Vertraute Gesten. Mit vollem Magen wieder voller Zuversicht, dass am Ende doch noch alles gut werden könnte. Dass die Geschichte weitergeht. Größer. Wilder. Beängstigender und besser als gedacht. 


 Es ist die Sehnsucht nach diesem "anfassbaren" Gott, die mich dieses Jahr erfüllt. Nach dem Jesus mit dem ich gemeinsam Frühstücken kann, der mit mir über Kindersprüche lacht, der uns die Tränen von den Augen wischt, der sanft die wichtigen Fragen stellt und uns übers Lagerfeuer hinweg seine Liebe versichert. Gemeinde ist für mich der Ort an dem ich das immer wieder erlebe. Jesus, mitten unter uns. Ihr fehlt mir, meine Weggefährten.
 
Am Samstag will ich zusammen mit Heio in unserem Garten ein Osterfeuer machen - so hell und groß wie in keinem Jahr zuvor (es liegen genügend dürre Äste neben der Grillstelle!).  Und dann stelle ich mir vor wie das sein wird, wenn wir uns alle wieder zusammen um eine Frühstückstafel oder ums Feuer versammeln können. Liebevolle Neckereien. Vertraute Gesten. Und wenn dann Jesus zwischen uns Platz nimmt...
 
In will in diesen Zeiten die Sehnsucht nach diesem "anfassbaren Glauben" wachhalten, wie die Glut am Lagerfeuer. Ich will darauf vertrauen, dass unsere Geschichte weitergeht. Größer. Wilder.  Beängstigender und vielleicht sogar besser als wir uns das vorstellen können.
 
 

 

 

Montag, 22. März 2021

Auf das bunte Leben!!!

Gestern habe ich zwei verschiedenfarbige Socken getragen. Absichtlich. Ich bin sonst eher der Schwarze-Socken-Träger. Das hat sich bewährt, bei einer Wachmaschine die sich von einzelnen Socken ernährt. Aber gestern war bunt angesagt. Es war nämlich Welt Down Syndrom Tag. Und immer wenn mein Blick auf meine Füße fiel, habe ich an die wunderbaren Kinder gedacht, die diese Welt so bunt machen und ein leises "wie schön, dass ihr geboren seid!" in ihre Richtung geschickt. Ja, ich weiß auch was für eine Herausforderung so ein besonderes Kind sein kann. Und ich verneige mich zutiefst vor jeder Mama, vor jedem Papa die sich dem Tag für Tag stellen. Aber ich habe in meinem Leben schon viel von dem Segen und der Freude erlebt, die solcher Kinder mit sich bringen. Das haben mir auch immer wieder ihre Eltern bestätigt. Hat Gott das nicht wunderbar gemacht, dass er die Herausforderungen ganz oft im Doppelpack mit Segen zu uns schickt? Wie ein ungleiches Sockenpaar, das aber sehr gut miteinander harmoniert...
Gestern las ich auf dem Blog von Chrissy, Mama von zwei autistischen Jungs (hier durfte ich  einen Gastbeitrag von ihr posten -sehr lesenswert!). Sie hat in einem Blogpost eine Liste aufgestellt mit Eigenschaften, die uns Wert und Ansehen in dieser Welt geben:
  • dünn
  • reich
  • weiße Hautfarbe
  • schönes Haus (Auto, Frau...)
  • gebildet
  • sportlich
  • schön 
  • jung
  • klug
  • erfolgreich
  • angesehener Job
...
Man nennt Menschen die viele Punkte auf dieser Liste abhaken können auch: Priviligiert. 
Und dann - ihr ahnt es - die andere Liste: 
  • alt
  • chronisch krank 
  • behindert
  • "Ausländer" (oder in america: "Non-white")
  • übergewichtig
  • ungebildet
  • arbeitslos
  • arm
  • nicht attraktiv, nach menschlichen Standards ...

Chrissy schreibt dazu: Umso weniger du auf der oberen Liste abhaken kannst, umso mehr musst du unten ankreuzen und umso weniger Wert hast du in den Augen unserer Gesellschaft. Das klingt nach totalem Mist, aber es ist wahr. Du weißt das, und ich weiß das auch.

Manchmal ist es heilsam, dass wir das so krass vor Augen geführt bekommen. Damit wir aufstehen, unsere buntesten Socken anziehen, die wir haben und sagen: Das ist eine verdammte Lüge, die wir glauben! Wir sind wertvoll! Wir sind alle gleichwertig! Gott hat jeden von uns ins Leben geliebt! Ich möchte es in die Welt hinausrufen und weiß gleichzeitig, dass ich es auch meiner eigenen Seele sagen muß. Wie oft mäckle ich an meinen paar Kilos zuviel rum. Wie schwer fällt mir manchmal der Gedanke ans Älter werden. Wie schnell lasse ich mich von hübschen und berühmten Menschen - mit klugen Gedanken und  schön minimaltistischen Wohnzimmern - beeindrucken.

Deshalb bunte Socken! Und Extra-Tage und Gespräche und Blogposts die uns immer wieder stutzen lassen und laut und deutlich den oberflächlichen Werten dieser Welt widersprechen! Feiern wir das Extravagante, die Extrachromosomen und alles was nicht perfekt ist uns aber vollkommen glücklich macht!

Und widersprechen wir, nicht nur mit unseren Worten, sondern vor allem auch mit unserem Leben. Halten wir dagegen! Stellen wir die gute Listen auf:

  • den Obdachlosen freundlich grüßen  (anstatt peinlich berührt den Blickkontakt zu meiden)
  • Zeit nehmen für ein Gespräch am Gartenzaun mit der alten Nachbarin
  • In der Straßenbahn den Platz neben dem merkwürdigen Menschen wählen 
  • Der Mama und ihrem behinderten Kind ein offenes Lächeln schenken
  • die Stillen, die wir so gern übersehen, an unseren Tisch einladen
  • das"schwierige" Kind auf die Geburtstagsliste setzen
  • unser unperfekten Spiegelbild gnädig anschauen und Fotos veröffentlichen, die uns aussehen lassen wie wir sind und die unser Zuhause aussehen lassen wie es ist....

Alles kleine Dinge. Aber es ist ein Anfang. Und wenn viele mitmachen, kann es ganz schön viel verändern. 

Auf das bunte Leben!!!

 

Mittwoch, 17. März 2021

"Bänkle" am Weg

Diesen Morgen habe ich ganz für mich alleine. Was für ein Luxus! Und ich gönne mir: Zeit!  Ich blättere durch die Tageszeitung und genieße meinen Kaffee. Während ich sinnend auf unseren Garten schaue, bekomme ich eine Nachricht vom Spielkamerad meiner Kindheit. Er schreibt, dass er heute an mich denkt und meine Mutter vermisst, die genau vor drei Jahren gestorben ist. Es berührt mich, dass dieser vielbeschäftigter Mann mitten in seinem vollen Leben in Berlin innehält, um mich daran zu erinnern was heute für ein Tag ist. Ich ziehe meine "Erinnerungskiste" aus der Schublade, setze mich auf den Sofa und nehme kleine Schätze und alte Bilder in die Hand. Ich lese die letzte Geburtstagkarte, die mir meine Mutter noch geschrieben hat. Darauf hat sie den Satz aus einem Lied von Gerhard Teerstegen geschrieben:
Ein Tag der sagt`s dem andern,
mein Leben sei ein wandern,
zur großen Ewigkeit!
Passend daneben liegt ein Familienfoto, bei einer Wanderung aufgenommen. Eingekeilt sitze ich zwischen meiner Schwester und meinem Vater, unter dem fürsorglichen Blick meiner Mutter, auf einer Bank am Wegrand. Glücklich und zufrieden. Mein Vater liebte diese "Bänkle" am Weg, mindestens so sehr wie wir Kinder! Wir rannten immer schon ein Stück voraus, um dann freudig zu rufen: "Papa, ein Bänkle!" Strahlend ließ er sich mit uns darauf nieder, um dann die Schokolade aus der Hosentasche zu holen, die er heimlich eingesteckt hatte, die wir dann alle zusammen "Ripple für Ripple" genüßlich schlotzen konnten, bevor wir gestärkt weiter gingen.
 

Am Montag hat eine Freundin ihr neues Cafe eröffnet. Ganz mutig. Mitten in der Coronazeit. Erstmal wird sie ihre leckeren Kuchen, Waffeln, Salat und Suppe "to go" verkaufen, aber hoffentlich schon ganz bald können die Leute sich an die hübschen Tische setzen und auf den roten Sofas niederlassen. Schönste "Bänkle" am Wegrand!  Ich freue mich, dass ich am ersten Tag dabei sein konnte und mithelfen darf, im Cafe Wundervoll! Mit herrlich frisch gebackenem Kuchen und einem großen Strauß Tulpen (Mamas Lieblingsblumen!) kam ich nachmittags wieder Zuhause an. Ich deckte schnell denTisch bevor Samu Richtung Bolzplatz verschwand und wir machen uns über den leckeren Schokokuchen mit Sahne her, der dem Namen des Cafes alle Ehre machte!

Heute morgen, während ich hier schreibend meine Gedanken wandern lasse, ist es mir als würde Gott am Wegrand sitzen, auf einem schönen Bänkle und einladend auf den freien Platz neben sich zeigen. Und er genießt diese Momente mindestens genauso wie wir: 

Ein gemeinsamer freier Vormittag. 

Dankbar in Erinnerungen stöbern.

Tulpen auf dem Tisch. 

Weiches Sofa und warme Suppe.

Kaffee und Kuchen mit Sahne.  

Papa, ein Bänkle!  

Momente, wie kleine Schokoladeecken, die er aus seiner Hosentasche kramt, die wir friedlich schlotzend zusammen genießen. 

Um dann gestärkt weiterzuwandern.  

 Zur großen Ewigkeit....


 

 





Mittwoch, 10. März 2021

Hände lockern

Diese Woche sind wir wieder ganz im Homeschooling-Modus. Was bedeutet, dass ich mich morgens mit Adjektiven, Zehnerreihen und Steinzeitalter beschäftige und wenig Platz für alles andere bleibt. Es klappt erstaunlich gut. Das Kind ist ziemlich konzentriert beim Lernen. Das kann auch daran liegen, dass ich konzentriert bei dem Kind bin. Dass ich nicht, wie sonst, versuche nebenher an einem Text zu arbeiten, mails zu schreiben oder mit dem Frühlingsputz zu starten. Ich weiß, das ist ein Luxus denn sich andere Eltern, die Deadlines und "richtige" Jobs haben, nicht erlauben können. Ich kann mir eingestehen: Fast nichts von dem was ich jeden Tag tue ist so wichtig, dass es nicht auch noch einen Tag liegen bleiben könnte. Also übe ich mich im Loslassen. 
 
Loslassen - das ist auch mein kleines "Fastenprojekt" in diesem Jahr. Beim Ausräumen von meinem Elternhaus wurde mir nämlich bewusst wie schwer mir das werden wird, wenn wir die Schlüssel endgültig abgegen werden. Zu dem Haus in dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe. An dem Ort wo ich jede Straße spielend erkundet habe und jeden Waldweg entlanggehüpft bin. Als ich bei Heio über diesen bevorstehenden Abschiedschmerz geklagt habe meinte er nur entspannt: "Da kannst du loslassen lernen. Und den Fokus mehr nach vorne richten, auf die ewige Heimat." Ach, der Mann. Aus seinem Mund klingen die Dinge oft so einfach, die für mich überhaupt nicht einfach sind. Und deshalb will ich üben. Loslassen für Anfänger. 40 Tage. Jeden Morgen die neugierige Frage Richtung ewige Heimat: "Was könnte ich heute loslassen?" Und es gibt ja SO VIEL Gelegenheiten zum Üben. Manches fällt mir sofort ein, und einiges flüstert mir während des Tages loslassen zu:  Eine Erwartung. Ein Sorge. Eine Vorstellung. Eine Aufgabe, die man gerne erledigt hätte aber eigentlich jetzt nicht sein muß. Eine Enttäuschung. Eine Sache die ich sehe und plötzlich ganz unbedingt haben will ...  Es ist als würde Gott ganz sanft, wie bei einem Kind, meine verkrampften Hände Finger für Finger lösen, damit ich freier und mit offenen Händen leben kann.

Henry Nouwen schreibt über dieses Loslassen, dass es eine lange geistliche Reise des Vertrauens ist. Wir müssen Geduld haben, viel Geduld, bis unsere Hände vollständig geöffnet sind. 40 Tage sind also nur eine kleine einführende Kurseinheit in der Lektion Hände lockern, die wohl ein Leben lang dauern wird. Also setzte ich mich neben mein Kind und wir lernen gemeinsam. Heute steht auf meinem Übungsblatt ein einfaches Gebet, von Henry Nouwen:

Guter Gott, 
was werde ich sein,
wenn ich nichts mehr habe,
woran ich mich festhalten kann?
Wer werde ich denn sein,
wenn ich mit leeren Händen vor dir stehe?
HIlf mir bitte, meine Hände mehr und mehr zu öffnen
und zu entdecken, dass ich nicht bin, was ich habe,
sondern was du mir geben willst.
Und was du mir geben willst, ist Liebe,
bedingungslose, nie endenden Liebe.  

Amen.

 



Dienstag, 2. März 2021

Es wird sich ordnen.

MIt dicken Winterjacken und Schals kamen wir nach den Faschingsferien von unserem "Schwarzwald-Wohnung-Ausräum-Urlaub" zurück, da zog uns schon der Frühling in seine Umarmung. Ich atme genußvoll seinen erdig warmen Geruch, lass mich von ihm in den Garten ziehen, den ich in den letzten Monaten nur frierend, auf dem Weg zum Kompost, durchquert habe, und staune über die üppig verteilten Schneeglöckchen und Narzissen. Heio baut voller Freude sein neues kleines Gewächshaus auf, bestellt Anzuchterde, bereitet Blumentöpfe und Samenpäckchen vor, um bei nächster Gelegenheit Balkon und Badewanne mit kleinen Pflänzchen vollzustellen. Das Kind zieht es auf den Bolzplatz am Ortsrand und kommt erst bei Einbruch der Dunkelheit völlig verdreckt und glücklich zurück. Und gestern morgen ging es dann sogar wieder mal in die Schule! "Ich freu mich so!", riefen Kind und Mutter. Was für ein Lichtblick!!!

 





Natürlich ist bei uns nun nicht alles heiter Sonnenschein (großes Gelächter meiner Mitbewohner an dieser Stelle!). Aber der Frühling macht mir Mut die Schwere und die Sorge der letzten Wochen und Monate einfach mal ein bisschen auszuschütteln, wie Samuels Fußballschuhe, die er mir abends voller Sand und mit dreckverklumpten Sohlen entgegenstreckt, und das Gesicht in die Sonne zu halten. Tief einatmen. Auf das Zwitschern der Vögel hören und mein Herz mit frischer Zuversicht füllen lassen. Dazu las ich diese Worte von Tomas Sjödin:

Zuversicht heißt auf Schwedisch fortröstan und enthält das Wort tröst, Trost. Es spricht davon, dass man an den Trost zu glauben wagt, ehe man ihn erfährt, darauf vertraut, dass es gut wird. Und wenn es nicht gut wird, dann werden sich die Dinge dennoch auf wundersame Weise ordnen.

Ach, klingt das nicht wunderbar?! Auch wenn es nicht alles gut wird (zumindest jetzt und hier nicht): Es wird sich ordnen. Ich mag diesen Satz.  Im muß dabei an meine Mutter denken, die abends noch durch die Wohnung ging, hier und da kleine Handgriffe getätigt hat, den Frühstückstisch vorbereitet, die Wäsche gefaltet, Kleidung für den nächsten Tag zurechtgelegt und ihr Abendgebet gesprochen hat. Schläfrig und zufrieden habe ich Abend für Abend diese Geräusche vernommen, kurz bevor ich eingeschlafen bin. Was für ein Trost war in dieser ordnenden Hand am Ende des Tages! Ein ähnlicher Trost finde ich in Schneeglöckchen, Weidenkätzchen und den Knospen an den Bäumen. Zeichen einer liebevoll ordnenden Hand, die den neuen Tag vorbereitet...

Der Frühling macht mir Mut an den Trost zu glauben noch ehe alles gut ist. Und daran, dass sich die Dinge auf wundersame Weise ordnen werden...  Wie sagte es meine Freundin Tine neulich in einem Gottesdienst, zu Beginn der Fastenzeit: "Ab jetzt können wir wieder die Tage bis Ostern zählen!"  

 


 



Mittwoch, 10. Februar 2021

Kleine Winterpause

 

 

Wieder ist draußen Schnee gefallen. Langsam lässt die Begeisterung ein wenig nach mit der wir ans Fenster rennen und das Kind ist auch nicht mehr so leicht nach draußen zu bewegen mit dem Hinweis: "Das ist vielleicht der letzte Tag an dem wir Schlittenfahren können!" Wir hatten schon viele "letzte Schneetage". Und jetzt liegt wieder wunderbarer Pulverschnee vor der Tür. Er erinnert mich daran: Der Winter ist noch nicht vorbei. Der Lockdown auch noch nicht. Das Leben, das von hinten schon wieder drückt und schiebt und mich in Unruhe versetzen will, soll sich noch gedulden und eine Runde rodeln gehen. 
Es ist immer noch die Zeit in der wir uns am frühen Abend mit einem spannenden Buch ins Bett verkriechen (die Ausgangssperre macht`s möglich: Besuch kommt nach 8 Uhr eh keiner mehr!), in der wir morgens gaaanz langsam in die Gänge kommen (Schule beginnt erst um 9 Uhr vor dem Computer und kein Mensch sieht`s wenn man noch die Schlafanzughose anhat!), in der die Cafeeröffnung der Freundin noch einmal nach hinten verschoben wird (JA- ich werde in einem Cafe mithelfen! Irgendwann. Wenn das Leben uns wieder nach vorne schubsen darf!) und in der wir die Mittagsruhe so lange ausdehnen können wie diesen Satz, der sich zieht und nun endlich zu einem Punkt kommt. Einen Punkt will ich auch hier machen. Nächste Woche sind Faschingsferien. So ganz ohne Fasching. Was uns nicht wirklich fehlen wird (entschuldigt liebe Narren und feierfreudige Rheinländer!). Wir nutzen die Woche noch einmal für eine kleine Winterpause. Denn:
Die Erde ist auch zum Ausruhen da! Ein JA zum Liegen-Lassen und zum Lieben-Lassen! Ein JA zu unseren Begrenzungen! Ein JA zu Vormittagen in Jogginghosen! Halten wir mit unserem Ausruhen eine Welt fest, die kaum mehr in der Lage ist stillzuhalten, und flüstern ihr zu: "Es ist gut! Wir müsen einander nichts beweisen. Wir sind unendlich geliebt." Auf die Ruhe! Auf die günstige Zeit des Nichtstun! Auf auf all das, was so ganz ohne unser Zutun geschehen wird.
(aus: Heimat suchen und Himmel finden) 
Diese Tage können uns so müde machen. Und das dürfen wir auch sein. Müde. Was für eine günstige Zeit für eine kleine Pause! Um eine Tasse Tee zu machen, uns ans Fenster zu setzen und den Schneeflocken beim Fallen zuzuschauen. Und die Erinnerung ins Herz sinken lassen, dass wir nicht allein sind. Und dass sich unter der Schneedecke das neue Leben bereit macht. Und aufwachsen wird. Zu seiner Zeit... 
 


 
 

Mittwoch, 3. Februar 2021

Gnade für einen Menschen mehr.

Heute morgen bekam ich eine liebe mail von einer Leserin aus der Schweiz. Sie schrieb den wunderbaren Satz: "Das Leben besteht aus vielen Gnadenmomenten!" Wie wahr! Das nehme ich heute als meinen Satz des Tages. Ein Tag der mit Migräne angefangen hat (nach einer sehr unruhigen Nacht) und damit, dass das Kind nach ein paar Minuten Unterricht mal wieder aus der Videokonferenz seiner Klasse rausgeflogen ist. Das vorletzte Mal bekam er deswegen einen ziemlichen Wutanfall. Letztes Mal ist dann zur Abwechslung die Mutter ausgerastet und hätte am liebsten den Laptop gegen die Wand geschmissen (und das Kind saß ganz  entspannt daneben!) und heute haben Mutter und Kind nur resigniert mit den Schultern gezuckt. Müde macht sie uns, diese Zeit. So müde.

Als gestern Abend Frau Merkel in der Tagesschau wieder einmal zu Geduld aufrief, dass der Lockdown noch länger andauern wird, bin ich ins Nebenzimmer und habe mit meiner Freundin Chrissie telefoniert, der wunderbaren Grundschullehrerin, die sich heldenhaft durch diese Zeit kämpft (wie auch Samuels Klassenlehrerin und viele andere! DANKE EUCH!!!). Wir haben über die Nebenwirkungen des Lockdowns geredet, darüber wie alte Menschen vereinsamen,  wie Kinder - die eh schon benachteiligt sind - vollends abgehängt werden und schwierige häuslichen Situationen allein ertragen müssen, wie Eltern am Rande ihrer Kräfte sind, wie Singles sich durchkämpfen müssen und sich nur mit schlechtem Gewissen in den Arm nehmen lassen, wie Selbstständige um ihre Existens kämpfen und vor Sorgen kaum noch schlafen können.... ach, es ist schon deprimierend das alles aufzuzählen. Aber ich denke es ist wichtig, dass wir uns das ebenso vor Augen halten wie den aktuellen Inzidenzwert!  Und glaubt mir: Ich bin weit davon entfernt Corona auf eine harmlose Grippe herunterzureden. Aber es gibt gerade so viel Not - neben Corona!

Und ich  möchte so gerne helfen! Aber ich merke: ICH brauche Gottes Hilfe, jeden einzelnen Moment in diesem Tagen! Ich flehe ihn an: Bitte hilf mir, dass ich mein Kind jetzt nicht vor lauter Wut schüttle, weil es einfach nicht so funktioniert wie es SOLLTE, und dass ich mich nicht verachte, weil ICH nicht funktioniere wie ich SOLLTE. Ach, ich brauche so unzählige Gnadenmomente für mich und mein Kind....Und wie dankbar bin ich, dass das jemand in meinem Umfeld sieht! Dass da eine Mama ist, die mir am Abend eine WhatsApp schickt: "Übrigens, morgen nachmittag kann Samuel gerne zu uns kommen." Ich kann es kaum in Worte fassen was das mir (und Samuel!) bedeutet! Es ist meine Rettungsinsel, wenn ich verzweifelt nach Luft schnappe und kein Land mehr sehe. Die Freundin, die mit ihren drei Kindern im wildesten Alter alle Hände voll zu tun hat, denkt an uns und öffnet ihre Tür für noch ein Kind mehr. Vor ein paar Tagen hab ich Samuel bei ihnen abgegeben und die drei Jungs sprangen uns entgegen und umarmten Samuel freudig strahlend mit den Worten: "Bruder!"  Das hat mich so tief berührt. Jeder von euch der schon hier eine zeitlang mitliest weiß, dass es Samuels größter Wunsch ist, Brüder zu haben. Nun kann ich den leider nicht mehr erfüllen (Gott steh uns bei!:-)). Aber ich habe unzählige Gebete gesprochen, dass Samuel in seinem Leben gute Freunde an die Seite gestellt bekommt. Und da sind in dieser schwierigen Zeit für mein Einzelkind drei Jungs, die ihn begrüßen wie einen Bruder!

Vielleicht ist das die Schönheit, die wir in dieser Zeit entdecken können: Dass wir einander zu Brüdern und Schwestern werden. Dass wir Herzen und Türen öffnen, für noch einen Menschen mehr in unserem Umfeld. Oder wir lernen durch eine offene Tür zu gehen, die uns aufgehalten wird. Mit leeren Händen und bedürftigem Herzen. Gnade geben. Gnade empfangen. Auch wenn ich gerne bei den Gebenden bin und es mir unglaublich schwerfällt auf der Seite der Bedürftigen zu sein: Ich gehöre in diesen Tagen definitiv zu den Empfangenden. Ich kann nur still "Danke" flüstern, die Tränen aus den Augenwinkeln wischen und meine Schwester und Freundin umarmen. 

Danke.

Danke an alle die ihre Tür öffnen, für noch einen Menschen mehr.

Danke an alle die ihr Zuhause zu kleinen Rettungsinseln für andere machen.

Das ist es was wir brauchen - mindestens so dringend wie einen Impfstoff.