Dienstag, 31. Januar 2023

Ein Tritt in den Rücken

Jetzt bin ich also mitten in meinem Experiment "Echtzeit". Und, wie Anne das in den Kommentaren so gut angemerkt hat: Bei dem Wort geht es eigentlich vor allem darum im JETZT zu sein. Ich habe mich entschieden ein kleines Logbuch darüber zu schreiben, wie mir das gelingt. Und wie immer merke ich, dass mir das Aufschreiben hilft, Dinge besser wahrzunehmen. Die Seiten füllen sich mit kleinen Alltagsentdeckungen. Zum Beispiel diese, vom vergangenen Freitag: 

Rückfahrt nach der Lesung am Nachmittag. Ich mache Zwischenstopp beim schwedischen Kaufhaus (liegt praktisch auf dem Weg!). Muss für Heio etwas zurückgeben und OK: Ich möchte auch ein kleines Schränkchen für unseren Flur. Das Schränkchen besteht an der Kasse dann doch aus mehreren Teilen (geht es nur mir so oder vermehren sich die Dinge im Einkaufswagen wenn man durch die Markthalle schlendert?). Anschließend sitze ich mit meiner gezogenen Nummer im Umtauschbereich. 20 Nummern sind noch vor mir - und das kurz vor acht Uhr! Die Müdigkeit überfällt mich. Der Blick auf mein Handy ist verlockend. Könnte mich ins kaufhauseigene WLAN einwählen. Gebe kurz nach und stecke das Handy dann doch zurück in die Tasche. Echtzeit. Das wollte ich doch. Aber die sieht hier nicht sehr attraktiv aus. Müde Menschen um mich, viele davon starren auf ihre digitalen Geräte. Ein Kind, das hinter mir auf dem Sofa liegt, rammt seit geraumer Zeit seine Füße in meine Rückenlehne. Ich versuche es zu ignorieren. Eine Stimme zischt: " Jetzt lass die Frau in Ruhe!" Ich drehe mich um. Das Kind, sieht mich erschrocken an. Ich lächle. Leicht gezwungen. "Du bist sicher auch müde, oder? Wartet ihr schon lange hier?" Wir kommen ins Gespräch. Ich erfahre, dass hier die Oma mit ihren zwei Enkel auf die Mutter der Kinder wartet. Das ist die verzweifelte Frau, die seit geraumer Zeit die Kasse blockiert. Zwei Stunden lang hat die kleine Truppe vergeblich nach einer Kommode gesucht, die es angeblich im Laden gibt (laut Internet). Die Kinder sind müde und die Oma hofft einfach, dass sie nun bald heimfahren können - egal ob mit oder ohne Kommode. Ich drücke mein Mitgefühl aus und die Augen der Frau füllen sich mit Tränen. Jetzt kommen auch die Kinder in Plauderlaune. Ich erfahre, dass der Opa heute Geburtstag hat, dass es deshalb Steak zum Mittagessen gab, dass der kleine Drache im Rucksack Konstantin heisst und welche Schulfächer das Mädchen gerne mag. Irgendwann - gefühlt kurz vor MItternacht - kommt die Mama zurück und erklärt erleichtert, dass die Kommode nun bestellt und geliefert wird. Ich freue mich mit ihnen und werde nun endlich auch aufgerufen. Wir verabschieden uns herzlich und wünschen einander gute Heimreise, wie alte Bekannte. Nach dem gelungenen Umtausch schiebe ich meinen Einkaufswagen beschwingt zum Auto. Nicht nur wegen dem Schnäppchen, das ich in der Fundgrube ergattert habe sondern wegen dieser netten Begegung.  Von dem Autor John Mark Comer habe ich die Bemerkung gehört, dass uns die digitalen Medien innerlich erschöpfen, während echte Kontakte belebend auf unsere Seele wirken (community vs. connecting). Genau so habe ich das an diesem Abend erlebt. 

Ich bin weiterhin auch dankbar für das Internet! Sehr dankbar. Dass ich euch hier schreiben  und damit ein wenig von meinem Leben mit euch teilen kann. Aber wenn wir nachher den Computer runterfahren oder die Handys zur Seite legen erwartet uns: Das Leben! In meinem Fall: Wäsche. Dreckspuren im Hausfur (wie oft habe ich dem Kind gesagt die Schuhe an der Haustüre auszuziehen!). Kalter Wind um die Nase, beim Mülleimer nach draußen bringen. Ein bedürftiges Kind, Kieferothopäde und ein langer Nachmittag ohne Ablenkungsprogramm. Oh weh. Das echte Leben ist nicht immer so reizvoll und mein Leben hat wirklich nicht viel Glamour! Aber am Ende ist es eben MEIN Leben. Jetzt und hier. Ein Tag der gelebt werden will und nicht wiederkommt. Auch wenn sich das wie Sätze aus Glückskeksen anhören. Es ist wahr.

Gestern las ich diesen wunderbaren Satz von Madeleine Delbrel- und bekam ihn prompt noch in einer lieben Mail zugeschickt (Danke Sigi!):

Brecht auf ohne Landkarte - und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist und nicht erst am Ziel. Versucht nicht, ihn nach althergebrachten Rezepten zu finden, sondern lasst euch von ihm finden, in der Armut des alltäglichen Lebens.
Das will ich: Aufbrechen ohne Landkarte. Mich von Gott finden lassen, in belebenden kleinen Begegnungen, mitten auf dem Weg. Und manchmal brauche ich dazu ein Kind, das mir in den Rücken tritt.


Takeout:
Als ich an der Kasse nach dem Umtausch wieder an dem Sofa vorbeikam sah ich erstaunt, dass die Mama mit den zwei Kindern immer noch dasaß! Ich verabschiedete mich nochmal herzlich und sah in erstaunte Gesichter. Da fiel mir auf, dass es eine ANDERE Frau mit ANDEREN Kindern war. Versuchte mich zu erklären. Sehr erheiternder Moment auf beiden Seiten! 

 


Montag, 23. Januar 2023

Mein Wort.

So, jetzt aber wirklich und ganz ohne euch weiter hinzuhalten - ich verrate euch mein Jahreswort (wer nicht genau weiß was ich damit meine kann hier nochmal nachlesen). Es ist in diesem Jahr mehr ein Arbeitstitel als ein schönes Wort, in der Hoffnung, dass es mich ganz alltagsnah begleiten wird. Volia: 

 

Echtzeit. 

Genau. EchtZeit. Es steht direkt unter meinem Bildschirm und ich habe es mir auch auf die Rückseite meines Handys geschrieben. Es ist mein Entschluss in diesem Jahr bewusster darauf zu achten, dass ich mich weniger in der digitalen Welt aufhalten möchte sondern in der echten, anfassbaren Welt, die anstrengend, belebend, schmerzhaft, wundervoll und alles zugleich sein kann. Dazu könnte ich nun ganz viel schreiben. Mein Kopf ist voll mit Gedanken und guten Vorsätzen. Aber ich weiß auch, dass ich ganz grandios scheitern kann und werde. Deshalb steht am Anfang des Wegs ein kleinlautes: Jesus, mit deiner Hilfe! Oder- um es ganz fromm auszudrücken: Schenk meinem Wollen das Vollbringen. 

Was will ich?

Zuerst einmal weiß ich was ich nicht (mehr) will: 

Ich möchte nicht mehr ohne einen bestimmten Zweck online gehen!  

Das ist nämlich mein Problem. Das Internet ist unumstritten auch eine gute Sache (eine tolle Quelle an Informationen, die Möglichkeit mit Menschen Kontakt zu halten oder einen Blog schreiben zu dürfen, zum Beispiel). Aber es bringt auch so viele von uns dazu, dass wir mehr Zeit online verbringen als wir eigentlich wollen und dass wir viel öfters auf Displays starren anstatt uns in die Augen zu schauen. Und dabei geht uns so vieles verloren!  Forscher sagen, dass fast 90% unserer Kommunikation über Körpersprache stattfindet. Und in ganz vielen unserer Kontakte verzichten wir einfach darauf!  VIelleicht ist das der Grund warum wir uns online oft missverstehen und warum wir uns problemlos auch mal richtig gemein verhalten können (das geht ja viel besser wenn man nicht sieht was das mit dem anderen macht, wie er beispielsweise zusammensinkt und sich seine Augen mit Tränen füllen).

Was ich will ist folgendes: Ich möchte das Internet nutzen aber nicht von Internetmachern benutzt werden! Es ist meine kleine Kampfansage gegen die Abstumpfung und die suchtmachende Nutzung die nicht nur uns, sondern auch die Lebendigkeit unserer Kinder betäubt! Das will ich nämlich auch: Meinem Kind zeigen, dass diese kleinen Geräte nicht unser Leben regieren dürfen! Und das muss ich erstmal selbst lernen! Vielleicht hat der eine oder andere von euch ja Lust mitzumachen?

Meine ersten Schritte sind folgende:

  •  BEVOR ich den Computer anschalte schreibe ich mir auf, was ich online erledigen möchte. Also wirklich jede Seite die ich öffnen will! Wenn ich das dann erledigt habe schalte ich den Comuter wieder aus. (funktioniert tatsächlich richtig gut!)
  • Ich will meine Freundschaften, wo immer möglich, offline pflegen. Besser einmal im halben Jahr zusammen Kaffeetrinken oder gemeinsam durch den Wald laufen als ständig mehr oder weniger gehetzt hin und her zu posten! 
  • Ich will ab und zu echte Briefe schreiben. Auch weil ich merke wie sehr ich mich über handgeschriebene Briefe freue. Dass sich da jemand die Mühe macht Worte aufs Papier zu bringen - nur für mich! - und dann zur Post läuft und dass jemand die Nachricht in ein echtes Auto lädt und sie mir ein echter Mensch  direkt in meinen Briefkasten wirft  - Wow! Alle Daumen hoch für die Snail-mail! Lang lebe die Schneckenpost!
  • Ich will mein Handy außer Reichweite haben. Wenn es neben mir liegt ist das wie wenn ich eine Schale Chips auf dem Tisch stehen habe: Ich werde sie unbemerkt aufessen.
  • Ich will gerne(!) Lesungen halten. Wenn es nach mir ginge würde mein Schriftstellerdasein darin bestehen an meinem Computer an schönen Worten zu feilen und mich ansonsten geheimnisvoll, klug und rar machen. (Wie es meine Oma sagte: Willst du gelten, mach dich selten. Haha.) Lesungen sind für mich ein Schubs ins echte Leben. Ich treffe auf echte Menschen und die treffen auf die echte Christina. Ach, so siehst du aus? Ja, so sehe ich aus. Das bin ich. Mit faltigem Gesicht und etwas Übergewicht, mit dem einen oder anderen stolpernden Satz (den ich geschrieben so viel besser hätte "sagen" können), mit atemlosen, unverstellten Begegnungen die am Ende hoffentlich immer eins zeigen: Ich bin einfach eine von euch! Wir gehören zusammen, wir geliebte Menschenkinder. Und das bringt mich auch zum vorerst letzten Punkt:
  • Ich will unter den vielen lauten Stimmen diese eine sanfte und ruhige Stimme hören, die mir sagt, dass ich Gottes geliebtes Kind bin und dass er Wohlgefallen an mir hat.  Dazu muss ich andere Stimmen abschalten, eine Runde rausgehen, Stille suchen, meine inneren Dialoge beschwichtigen und entschlossen,  mit mutig glaubendem Herzen, hinhören.

So,ich denke das reicht erstmal für den Anfang. Jetzt wisst ihr auch warum ich mein Wort als Arbeitstitel bezeichne :-)-  Ich versuche dranzubleiben. Auch indem ich euch auf dem laufenden halten wie es klappt. Online-accountability! Yes. Wir lassen uns nicht versklaven sondern machen das Netz zu unserem Diener! Ich blogge über Echtzeit- damit ich mein Vorhaben nicht vergesse. Wie es die Autorin Christina Crook in ihrem tollen Buch the joy of missing out so wunderbar schreibt:

Remember: Real life is your best window!





Dienstag, 17. Januar 2023

Was ich werden möchte

Manchmal schreibe ich hier ganz begeistert über Dinge über die ich dann ein paar Tage später entmutigt denke: Das bekommst du ja selbst nicht hin! Oder ich frage mich ob ich bestimmte Dinge nur deshalb tue, weil ich gerne ein Mensch wäre, der solche Dinge tut.  Wenn ihr versteht was ich meine. Was aber vielleicht auch in Ordnung ist. Zumindest C.S. Lewis schreibt darüber, dass dieses "tun als ob" weniger unter die Rubrik geheuchelt fällt als vielmehr unter den Versuch sein Verhalten darauf auszurichten, was man einmal gerne werden möchte. Wie Kinder das tun, wenn sie uns Erwachsene imitieren. Also um zum Punkt zu kommen: Nach meinem letzten Blogeintrag lief ich hier über die Felder und dachte:  Toll! Jetzt schreibe ich darüber, dass ich die Namen von Menschen kennenlernen möchte und habe an der Haustüre vorher extra noch ein paar Minuten gewartet, damit ich nicht dem Nachbar mit dem Hund begegne. Und ich habe weiterhin keine Ahnung und im Moment auch kein Interesse rauszufinden wie diese Sträucher hier heissen. Ich war so in Gedanken vesunken, dass ich es fast nicht bemerkt hätte, als plötzlich eine Frau neben mir herging. Auf einem einsamen Feldweg!  Ich wollte sie vorbeilassen, aber stattdessen begannen wir ein Gespräch, das so anregend war, dass sie ihre geplante Route verließ, damit wir noch weiterreden konnten. Beim Verabschieden gab ich mir einen inneren Ruck und fragte sie nach ihrem Namen. Kurzes Erstaunen ihrerseits, dann ein Strahlen und sie sagte ihren Namen. Und ich sagte ihr meinen. Es war ein schönes Zusammentreffen! Nun halte ich auch immer ein wenig Ausschau nach ihr, wenn ich spazieren laufe und freue mich schon darauf sie mit Namen zu begrüßen.
Dazu fällt mir meine Begegnung mit dem christlichen Aktivisten und Autor Shane Claiborne ein. Ich hatte sein Buch "Ich muss verrückt sein so zu leben" gelesen und war hingerissen davon und total begeistert, als ich ihn vor Jahren auf einem großen Festival getroffen habe. Ich sah ihn in einem Pulk von Leuten übers Gelände laufen und wagte es, ihn kurz anzusprechen, um mich für sein Buch zu bedanken. Trotz Lärm und Leuten hörte er mir aufmerksam zu und fragte mich, als ich mich schon verabschieden wollte, nach meinem Namen. Als ich dann am späten Nachmittag unter vielen Leuten in einem Seminar von ihm saß, sprach er mich mit meinem Namen an - ich konnte es kaum fassen! Und war in dem Moment auch ganz schön stolz, weil es so aussah als würde dieser tolle Mensch mich persönlich kennen! Zugegeben: Ich war auch etwas verliebt in ihn. Unsere Beziehung endete aber leider abrupt nach dem Seminar und ich bin mir ziemlich sicher, dass er meinen Namen am nächsten Tag wieder vergessen hat. Aber die kurze Begegung mit ihm zeigte mir etwas von seinem Herz. Shane spricht oft darüber, dass er seine Berufung als Nachfolger Jesu  so versteht, dass er ein "Liebhaber" sein möchte. Diese Bezeichnung gab  er sogar als Berufswunsch in das Abschlussjahrbuch auf seinem College an! Dann zog er mit seinen Freunden ins ärmste Viertel einer amerikanischen Großstadt, um Gott und die Menschen dort zu lieben. Er schreibt darüber:
Wir begrenzten unsere Vision auf: Liebt Gott, liebt die Menschen, folgt Jesus. Wir nannten das Experiment "simple way", der einfache Weg....  Ich glaube was die Welt vor allem braucht sind "Liebhaber". Menschen die bereit sind echte und ehrliche Beziehungen zu bauen und die sich immer für die Gesichter hinter den Geschichten interessieren.

Und das sah so ganz gewöhnlich und alltäglich bei ihnen aus: Bei Hausaufgaben helfen. Blumen neben dem Gehweg pflanzen. Leuten zuhören, sie zum Essen einladen und an müden Tagen darum knoblen wer beim nächsten Läuten die Tür aufmacht. Da sein. Na(c)hbar sein. Der einfache Weg. Der Jesusweg, wie ich finde.
Ich wäre auch gern ein Mensch, der solche Dinge tut. Deshalb übe ich. Erstmal die Namen. Und dann könnte ich zum Beispiel nicht mehr an der Tür warten bis im Treppenhaus "die Luft rein ist" sondern gerade dann (oder sagen wir: wenigstens ab und zu!) rausgehen, wenn ich den Mann mit dem Hund draußen sehe. Oh je. Ob ich das schaffe? Der "simple way" ist manchmal gar nicht so einfach. Besonders für eher introvertierte Menschen. Hilf mir Gott!
Ich möchte das Liebhaben lernen. Von meinen zwei besten Freunden: Shane und Jesus :-). 
 
 
 
(und mein Jahresworts wird nun zum Cliffhänger  - nächstes Mal! Versprochen.)

„And I think that's what our world is desperately in need of - lovers, people who are building deep, genuine relationships with fellow strugglers along the way, and who actually know the faces of the people behind the issues they are concerned about.“

Quelle: https://beruhmte-zitate.de/autoren/shane-claiborne/

Montag, 9. Januar 2023

Wie unsere Wohnung zu ihrem Namen kam

Fast hätten wir ihn heute morgen verschlafen - den ersten Schulag im neuen Jahr. Nur dank unseres Nachbarn, der seinen Wagen mit lauter Musik aus der Garage gefahren hat, sind wir gerade noch rechtzeitig aus den Betten gesprungen. Jetzt habe ich endlich wieder Zeit zum Schreiben. Wie sehr habe ich mich darauf gefreut! Auf dieses "Seele durchlüften" und mich  in Worten verorten (wie  Hanna Buting das so wunderbar ausdrückt). 
Ach ja, Orte! Davon habe ich ganz verschiedene besucht, in den letzen Wochen.  Da waren einmal die vertrauten Hügel auf dem Betberg. Der Ort an dem ich wieder Jahrsrückblick halten und einfach ein bisschen Zeit alleine mit dem Gott verbringen konnte, den ich liebe und dem ich auch im neuen Jahr weiter nachstolpern möchte. Mit all dem was ich gerne bin und auch mit dem was ich lieber vor mir und den anderen verbergen möchte (und damit meine ich nicht den schwabbligen Bauch!). Letztlich hole ich  mir dort immer eine feste Umarmung ab, auch wenn ich mich spätestens am zweiten Tag darin winde und verlegen daraus löse. Vielleicht weil es mir oft noch so schwer fällt zu glauben, dass ich wirklich so ganz und mit allem geliebt bin. In ihm (Jesus) ist das JA und das AMEN, schreibt Paulus in 2.Korinther 1,20. Nicht ein JA, aber. Sondern ein JA, amen. Ein gedoppeltes Ja sozusagen. Vielleicht weil Gott weiß, dass wir es immer zweimal hören müssen, damit wir es wirklich einmal glauben können. 
 
 



Und dann haben wir noch den Heimatort von Freunden besucht. Das Wetter war wie in Klein-Sibirien, aber die Landschaft war herrlich! Wir liefen am Bach entlang, in dem sie als Kinder Fische gefangen haben, aßen Suppe und Pommes im Restaurant des Onkels, machten einen Kurzbesuch auf dem Bauernhof der Eltern und saßen mit ihnen am Kaffeetisch, während unsere Kinder  sich von den jungen Kälbchen im Stall die Hände ablecken ließen. Es war etwas Besonderes, die Freunde an dem Ort zu erleben an dem sie aufgewachsen sind. Als würde bei einem Bild ein Hintergrund hinzugefügt oder die Tiefenschärfe eines Fotos erhöht. Manches wird dadurch klarer. Manches auch geheimnisvoller und weiter. 
Mir wurde wieder einmal bewusst , dass niemand einfach nur da ist, sondern dass unsere Leben verwurzelt sind mit den Orten an denen wir gelebt haben und mit den Geschichten der Menschen die vor uns waren. Wie es der Musiker und Schriftsteller Andrew ausdrückt: "In order to have a story, there has to be a place and people." Ihm haben wir es auch zu verdanken, dass unsere Wohnung nun einen Namen bekommen hat! Wenn man sich an einem Ort verwurzeln möchte, so meint Peterson, ist es hilfreich die Namen der Bäume in der Umgebung zu lernen, die Namen der Vögel die durch den Garten hüpfen und die Namen der Nachbarn an denen man grüßend vorbeiläuft. Und auch der Wohnung könnte man ganz liebevoll einen Namen geben. Das fand ich eine tolle Idee! Also bin ich, nachdem wir wieder Zuhause waren, zu meinem Lieblingsbaum gelaufen, um entsetzt festzustellen, dass er während meiner Abwesenheit einfach mal umgehauen wurde. Ein alter, wunderbarer Baum! Ich kann es immer noch kaum fassen. Das wars dann erstmal mit dem Bäume benennen. Aber die Wohnung bekam einen Namen. Die Wahl fiel einstimmig auf "Spatzennest".  Nicht wegen diesem Blog (der Zusammenhang kam mir wirklich erst später) sondern weil wir ganz oben im Haus wohnen und viele Spatzenfamilien ihre Nester unter unserem Dach haben. Und als ich das dann noch über die Spatzen las, wurden mir diese kleinen unruhigen Hüpfer  zu Seelenverwandten:
 
 


 
Sie beginnen erst dann zu fressen, wenn sie Verwandte und Freunde durch Rufe dazugeholt haben. Herrlich! So esse ich auch am liebsten (nur dass wir die Brocken meistens nicht mit den Füßen festhalten und zerkleinern!). Dazu kam uns noch dieser Vers aus Psalm 84:
Selbst der Spatz hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für sich, wo sie ihre Jungen verstecken kann, nämlich bei deinen Altären, du mächtiger Gott und König.
Glücklich zu nennen sind alle, die in deinem Haus wohnen dürfen,
sie werden dich für immer preisen.
 
Der Spatz findet ein Zuhause in Gottes Nähe - wie glücklich kann er sich schätzen! Und was für ein Glück, dass ich diesen Ort kennen darf, an dem  wir mit offenen Armen und einem großen Ja und Amen erwartet werden. Wie sehr will ich mich in dieser Liebe erden, ihre Tiefe entdecken und Abend für Abend meine unruhige Spatzenseele nach Hause holen lassen. 

Und jetzt will ich weitermachen - das ist mein kleines Vorhaben fürs neue Jahr: Den Namen von Bäumen, Vögeln und Nachbarn lernen. (Da gibt es doch sicher eine App - also zumindest für die ersten Beiden!). Vielleicht habt ihr ja Lust mitzumachen?  Es könnte uns helfen beim Ankommen. Im Hier und Jetzt. Bei uns. Bei unserem Schöpfer. Und an dem Ort, an dem wir leben. Weil eben jede gute Geschichte Menschen und  einen Ort braucht. 
 
Ich beginne also das neue Jahr mit dieser Geschichte: 
Unser Nachbar, der Postbote und BVB-Fan Markus, hat uns heute  mit seiner Musik aus dem Spatzennest geschmissen. Gott sei Dank! Wir sind wach geworden....
 
(und im nächsten Blogpost verrate ich euch mein Jahreswort, aber vielleicht sehen wir uns ja auch vorher auf der Lesung hier?!)
 





 
 

Dienstag, 20. Dezember 2022

Zu schön, um nicht wahr zu sein!

Nun ist es wieder soweit: Die Adventszeit, die ich in jedem Jahr wie einen ruhigen Besuch erwarte, der dann aber doch seine lauten Kumpels mitbringt, steuert froh und unerschütterlich auf Weihnachten zu. Die Feiertage werden mich in einen vertrauten Rhythmus fallen lasse - vielleicht mit dem einen oder anderen kleinen neuen Ritual, weil sich das Leben eben auch verändert. Kein driving home for christmas.  Aber: Krippe, Kerzenlicht und Tannenduft. Vertraute und reich gefüllte Worte und Lieder. Familienbesuch. Stille Tage. Rückblick.  Silvester mit Raclette und Raketen. Und dann fällt uns auch schon das neue Jahr um den Hals!
Habe ich nicht eben erst mein Jahreswort für 2022 aufgestellt?! Ganz oben aufs Regal- damit ich auch immer mein Haupt erheben muss wenn ich es lese: Zuversicht! Dieser Blick nach oben hat geholfen. Wenn sich an manchen Tagen das Dunkel in der Welt und das Dunkel in mir beängstigend breit machen wollte. Erhebt eure Häupter, Eure Erlösung naht! (Lukas 21, 28).  Erlösung. Ganz nah. Coming home on Christmas. Aber auch: Erlösung naht! Für alle, deren Herzen heute so ganz untröstlich sind. Auch wenn wir uns das manchmal kaum vorstellen können: Ein erlösendes ALLES GUT! wird auf der letzen Seite stehen! 
 
 
Gestern habe ich noch mit Samuel für seine letzte Arbeit für dieses Jahr gelernt. Geschichte. Griechische Götter. Spannender als ich dachte. Was mich aber am Ende fasziniert hat, war unser Gott! Neben diese Göttern mit großen Namen, denen man huldigen musste und nur hoffen konnte, dass man nicht in Ungnade fallen würde, ist da ein Gott der sich uns Menschen als Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs vorstellt! Der sich so ganz persönlich in die Geschichten schreibt. So wunderbar wie das Eugene Peterson neben ein Geschlechtsregister in der Bibel schreibt: The history of salvation is thick with names! (bisschen schwer zu übersetzen, ich hoffe ihr fühlt was er meint:-)).   Und dann macht sich dieser Gott so unfassbar klein, kleiner gehts nicht! - und wird uns in Jesus ganz nahbar. Was ist nahbarer als ein Baby, das man in den Arm nehmen kann? Gott wird ein Mensch, der zuhört, umarmt, heilt, beruft, mit am Tisch sitzt und der seine Nachfolger "Freunde" nennt! Der leidet und stirbt - beim Zeus! - und uns dann strahlend entgegenkommt, um uns zu Gottes Kindern zu machen! Mein Gott. Papa im Himmel. Was ist das nur für ein Gott??!!! Wie der kluge C.S. Lewis sagte: Das Christentum ist eine Religion, die man sich nicht hätte ausdenken können! Das ist eine der Gründe warum ich daran glaubeOder wie es der Schrifsteller Frederick Buechner ausdrückte: Diese Geschichte ist zu schön, um nicht wahr zu sein! 
Wie wenig kann ich das alles fassen, aber wie dankbar will ich es glauben!
 
 
Karte von Himmel im Herzen

 
Best story ever...

 
...und wir dabei! (vorne links ist Samuel:-))

I
 
 
Ihr Lieben, ich wünsche euch von ganzem Herzen gesegnete Weihnachten, mit diesem Gott der uns so nah ist. Und ein zuversichtlicher Start ins neue Jahr, mit erhobenem Blick, auf den, der das gute Ende schon längst vorgeschrieben hat!
 
An dieser Stelle auch wieder ein ganz herzliches DANKE 💓
 
DANKE EUCH! 
 
Danke an die stillen Leser!
 
Und danke für jede ermutigende Rückmeldung!
 
Ihr habt mir mit eurer Zeit viele reiche Stunden im Jahr 2022 beschert, einfach weil ich hier vor dem Computer sitzen durfte und an euch schreiben.  

Wir lesen uns wieder im neuen Jahr! 
 



Dienstag, 13. Dezember 2022

Platz schaffen

Ich weiß. Schon allein diese Überschrift kann ein richtig schlechtes Gewissen machen. Platz schaffen! Gerne. Aber wie? Und wo anfangen?  Beim vollen Keller oder besser in der Garage, in der ich mich täglich schimpfend durch das Unterholz zum Fahrrad vorkämpfe? Auf der Liste mit den vielen Erledigungen vor Weihnachten oder gleich heute morgen am Frühstückstisch, an dem das Kind verzweifelt versucht  letzte Instruktionen zu den Matheregeln zu verstehen? (Noch vier Klassenarbeiten vor den Ferien - wo bleibt da noch Raum für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens?)  Platz schaffen - gerne! Aber an den meisten Tagen weiß ich einfach nicht wie und wo ich damit anfangen soll. Bis heute morgen. Als ich  vor meiner aufgeschlagenen Bibel saß und eben genau diese adventlichen Worte von dem wilden Wegbereiter für Jesus, Johannes dem Täufer, las:

Schafft Raum für das Kommen des Herrn! (Matthäus 3,3)

Und in meine Gedanken, was das denn nun bedeuten könnte, spazierte noch ein andere Wort. Eine Satzfetzen aus einem Gedicht von Giannina Wedde:

Dem Zweifel nicht die heiligen Räume überlassen.
Und plötzlich war es als würden sich diese zwei Worte wie gute Freunde an der Hand nehmen und mir zeigen wo ich mit dem Platz schaffen beginnen könnte: Beim Zweifel. Bei dem düsteren Kollege, der die heiligen Räume einnehmen möchte. Der sich liebend gern in unserem Wohnzimmer breit macht und alles kommentiert was ich tue.  Glaubst du das ist wirklich gut genug? Im Ernst? Dieser kleine Blogeintrag? Diese Lesung? Also wirklich, lohnt sich der Aufwand? Und wieso denkst du, dass du ein Segen bist? Ob Gott tatsächlich eingreift in unsere Welt?  Und braucht er dazu nicht viel beeindruckendere Leute? ... Ach, der Kollege kann wirklich anstrengend sein.  Und leider schenke ich ihm an manchen Tagen viel zu viel Aufmerksamkeit. Anstatt ihn einfach mal vor die Tür zu setzen! Und wenn er schon da ist (bei mir bleibt er leider nie ganz weg), dann bekommt er höchstens den Platz hinterm Fahrrad, wo er mir ab und zu wie ein Mäuschen  über den Weg laufen und mich kurz  erschrecken darf und dann laufen wir wieder in zwei Richtungen davon.

Wenn ich mir das in der Bibel so anschaue, wer Platz für Jesus hatte - und für all das Gute, das er mitbringt - dann denke ich, dass es die Menschen waren, die ihre Zweifel mal beherzt beiseite geschoben und  ihr Vertrauen auf ihn gesetzt haben. Die den Worten von Jesus mehr geglaubt haben als allen anderen. Die ihm ihren heiligsten Raum - ihr Herz! - geöffnet haben.  Was wäre, wenn es genau darum gehen würde? Wenn Platz schaffen einfach das bedeutet: Herz aufmachen. Mal so ganz davon ausgehen, dass das wirklich und wahrhaftig wahr ist, was wir so sagen, was wir glauben: Dass Gott da ist. Dass Er uns lieb hat.  Dass er uns segnet und wir ein Segen sind. Und dass er wirklich so richtig gerne bei uns auftaucht. Nicht mit Vorwürfen im Gepäck. Sondern mit einem Frieden, der so unverwüstlich ist, dass er es am Frühstückstisch mit uns aushält und in der Garage lachend mit uns die Mäuse ins Eck scheucht. Was wäre das, wenn er die heiligen Räume unseres Lebens mit seinen wärmenden Worten ausfüllen könnte und wir sie mit offenem Herzen empfangen würden?  Nicht halbherzig glaubend. Was so unsinnig ist wie halbherzig freuen. Halbherzig lieben. Und halbherzig leben. 

Ach wie gerne möchte ich von ganzem Herzen all das Gute glauben, was mir da aus Betlehem entgegenkommt! 

Dafür will ich Platz schaffen. 

Mal alles Licht reinlassen.

Weil es doch am Himmel längst hell geworden ist.



Dienstag, 6. Dezember 2022

Heiliges Dielenbrett

Geschafft! Unser jährliches Ausstecherle-Backen liegt hinter uns. Es ist so ziemlich die Einzige Sache die ich mir jedes Jahr in der Adventszeit, zusammen mit dem Kind, vornehme.  In den meisten Jahren war die Geduld vor dem Teig Zuende. Gestern war es anders. Fröhlich singend haben wir die Plätzchen aufs Blech geworfen. Ohne Ausraster und Wutanfälle. Dieses Wunder musste gefeiert werden! Danach war die Hälfte der Kekse aufgegessen. Es gab noch einen Teller für die Nachbarn. Und ein Foto für den Mann, der gerade im Schwarzwald weilt; für ein paar stille Tage. Ich war ja ein bisschen eifersüchtig als er losgefahren ist. Dass er nun, in adventlicher Ruhe, besinnliche Zeit mit Gott verbringen kann.  Aber dann habe ich  das wunderbare Zitat auf Sonjas Blog gelesen:

Es ist nicht nötig weder seine Geschäfte noch die Welt zu verlassen, um innerlich zu sein.   (Jeanne-Marie Guyon)
Was für ein ermutigender Satz für die Adventszeit, in der viele von uns so gerne innerliche Menschen sein möchten und der Alltag uns dabei (scheinbar) in die Quere kommt. 
Passend dazu lese ich gerade die Texte meiner Lieblingsheiligen Madeleine Delbrel, die  "Mystikerin der Strasse". Ursprünglich wollte sie nach einer Erfahrung eines überwältigenden Hingerissenseins zu Gott ins Kloster gehen, aber das klappte erstmal nicht. In der Zeit spürte sie, dass sie eigentlich ein Leben nah bei Gott UND nah bei den Menschen führen wollte (so wie Jesus das gelebt hat). Also zog sie doch nicht ins Kloster sondern nach Ivry, der ersten kommunistisch regierten Stadt in Frankreich. Dort gründete sie mit ein paar Freundinnen eine Wohngemeinschaft. Mit offenen Türen zur Welt.  Sie schreibt dazu:

Es gibt Leute, die Gott nimmt und beiseite stellt. Andere gibt es, die lässt er in der Masse, die zieht er nicht aus der Welt zurück. Es sind Leute die eine gewöhnliche Arbeit verrichten... Leute, die man auf einer beliebigen Strasse antrifft. Wir glauben aus aller Kraft, dass diese Strasse dieser Welt, auf die Gott uns gesetzt hat für uns der Ort unserer Heiligkeit ist.
IhrLeben und ihre Texte machen mir so viel Mut, dass wir innerliche Menschen sein können, mitten in unserm gewöhnlichen Alltag. In kleinen Übungen der Geduld :

Schon am Morgen suchen sie uns auf
Unsere Nerven sind angespannt oder gehen mit uns durch;
der Bus ist schon voll,
die MiIch kocht über,
die Kinder machen alles durcheinander;
der Mann bringt Gäste mit,
ein Freund kommt nicht,
das Telefon läutet ununterbrochen,
die, die wir lieben streiten sich,
man  möchte ausgehen und muss daheim bleiben,
und zu Hause bleiben, wenn man weg  musss..
Ich würde mal sagen: Diese Heilige kannte den Alltag:-).  Und sie schreibt weiter:
So treten die Geduldsübungen an uns heran, nebeneinander oder hintereinander...und wir lassen sie verächtlich vorüberziehen und warten auf eine Gelegenheit unser Leben hinzugeben, eine Gelegenheit die es wirklich Wert wäre.
Denn wir haben vergessen, dass es zwar Äste gibt, die im Feuer verbrennen - dass es aber auch Bretter gibt, die unter unseren Schritten ganz allmählich abgetreten werden und die schließlich zu Sägemehl werden.
Ist das nicht ein herrliches Bild? Wir möchten gerne brennen und uns ganz hingeben und dann nimmt Jesus das Holzscheit unseres Lebens, dreht es liebevoll in seinen Händen und sagt freudig: Das wäre ein wunderbares Dielenbrett! Eins das knarzt wenn man drüberläuft, das aber warme Füße und festen Boden schenkt. Ein Leben das abgetreten wird und rissig, in dem man sich auch so manche Spreißel holen kann. Ein Leben das sich abnützt in den heiligen Aufgaben des Alltags. Beim Plätzchenbacken mit den Kindern. Beim Zuhören am Mittagstisch. Beim nächtlichen Wachbleiben neben dem hustenden Kind. Beim Wäschewaschen. Beim Abendhimmel betrachten und beim erschöpften Ins-Bett-sinken.
Madeleine Debrel schreibt darüber:
Der Platz dieses Lebens ist der letzte und der am tiefsten vergrabene. Das ist die wichtigste Bedingung, dass es keimt und Frucht bringt.
Für uns alle, deren Leben tief vergraben ist, im Boden der gewöhnlichen Dinge: 
Es ist heiliger Boden.
Es ist das Leben in dem Gott  bei uns ankommt.
Ort unserer Heiligkeit und Innerlichkeit.
Nah bei Gott. Nah bei den Menschen.
Gesegneter Advent. 
 
 


 
 
Oh, und noch ne Einladung zur letzten Lesung des Jahres - herzlich Willkommen:
 


Mittwoch, 30. November 2022

Besuch im echten Leben

Der Advent ist mal wieder in unsere Tage gepurzelt, wie ein längst angekündigter Besuch, auf den man sich lange im voraus gefreut hat und dann rennt man doch aufgescheucht von seinem Klingeln an die Tür und begrüßt ihn mit nassen Haaren, Staubsauger im Flur und Chaos in der Küche. Und in diesem Jahr läuft auch noch der Fernseher im Wohnzimmer! Ja, ich gestehe: Wir schauen die WM. Ich wollte sie wirklich, wirklich boykottieren, aber kam dann einfach nicht gegen die Übermacht von zwei fussballbegeisterten Mitbewohnern an. Nun bin ich die Erste, die am Frühstückstisch wissen will wer heute spielt und die Letzte, die abends noch chipsessend vor dem Fernseher sitzt. (ich habe mich sozusagen der Bürgerbewegung "Jetzt erst recht hinschauen" angeschlossen ;-)).  Ach ja, wie philosophierte der kluge Kierkegaard so treffend: 

Wehmütig grüßt der, der ich bin den, den ich sein möchte

Wer könnte ich nur sein, wenn ich mal wirklich konsequent wäre! Wie schlank könnte ich sein, wenn ich nicht ständig weitergegessen hätte obwohl ich keinen Hunger mehr hatte (viele, viele Brezeln)! Wie sportlich könnte ich sein, wenn ich meine kleine Joggingrunde am Abend beibehalten hätte! Wie fließend könnte ich heute russisch sprechen, hätte ich nicht nach ein paar Stunden Unterricht aufgehört, weil ...ja, warum eigentlich? Wie in mir selbst ruhend könnte ich sein, wenn mein Mund voll Klarheit und mein Ja ein Ja und mein Nein ein Nein wäre. Und wie entspannt könnte ich die Adventszeit begrüßen wenn die WM im Sommer geblieben wäre - wo sie definitiv hingehört! - oder ich konsequent geblieben wäre (Schreibt man Konsequent überhaupt so? Sieht komisch aus. Ich kann dieses Wort nicht mal richtig schreiben - geschweige denn SEIN!) Ach ja, wehmütig grüße ich von weitem den Menschen, der ich sein könnte... 

Aber - ihr ahnt das ABER - eins habe ich gelernt: Gott ist da zum Glück ganz anders! Schon so oft habe ich darüber geschrieben und muss mich doch immer wieder daran erinnern:  Gott wartet nicht wehmütig in der besseren Version unseres Lebens auf uns! Er ist ein großer Künstler, der immer mit dem Material arbeitet, das vorhanden ist! Was er aus Scherben und Dingen machen kann, die andere auf den Müll schmeißen würden - der Hammer!!! (gebt mal in der Suchmaschine Kunst aus Müll ein und staunt über die Bilder; und Gott kann das noch viel, viel besser!). 

Also versuche ich mich zu entspannen. Ich lasse den Advent eintreten, halte ihm eine Chipstüte hin und nach dem Schlusspfiff hängen wir gemeinsam den Herrnhuter Stern in die Wohnzimmerecke (der jedes Jahr ein bisschen zerknitterter aussieht - genau wie ich!). Dann zünden wir zusammen die Kerzen an und ich sage, etwas schuldbewusst: "Schön, dass du da bist! Ich hab mich wirklich auf dich gefreut!" Und er sagt lächelnd: "Genau dasselbe, wollte ich dir auch gerade sagen." 

 






Und vielleicht kann ich euch ja ein klein wenig dabei helfen, dass ihr die Adventszeit ein bisschen entspannter genießen könnt: Ich könnte mich um ein Geschenk kümmern; für einen lieben Menschen in eurer Nähe, der sich über mein neues Buch freuen würde. Mit einer Weihnachtskarte und einem Gruß (in eurem Auftrag) bekommt er dann ein Päckchen von mir. Ihr müsst nur das Geld dafür überweisen (inkl. Porto 22 Euro) ,den Rest erledige ich.
Und als zweite spezielle Weihnachtsaktion: Wenn ihr drei  meiner Büchern zusammen bestellt (egal welche) bekommt ihr noch mein erstes Buch "vom Stolpern und Tanzen" oder ein Postkartenset gratis dazu (Porto 4,79 Euro)  Meldet euch bei Interesse: chris.f@freenet.de


 

Und wer spontan noch Zeit und Lust hat . Herzliche Einladung:

 



Dienstag, 22. November 2022

Unsere Kinder

In meinem Postfach landet eine Nachfrage zu einer kommenden Lesung. Die Veranstalterin möchte wissen welche Themen ich für so einen Abend habe. Sie schreibt: Ganz oft sehe ich auf deinen Büchern „Jesus und ich“ – ist das dein großes Thema?  Ich muss erstmal lachen und bin dann auch ein wenig betroffen. Weil sie mit der Frage den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf getroffen hat. Weil es einerseits zeigt, dass ich wirklich fast alle Aspekte meines Lebens in Verbindung zu Jesus setze. Meine Schwester nannte das in meiner Kindheit augenverdrehend: „Dina, du bist wieder so übergeistlich!“  Damals habe ich mich dafür geschämt, heute sehe ich es als eine Gabe. Andererseits zeigt es leider auch das: Mein Glaube ist oft sehr auf mich konzentriert. Auf meine kleine Welt. Jesus und ich.  Wie eine Freundin das immer lachend zu mir sagt: „Ach, du und dein Kuscheljesus!“ (Grüße nach Hamburg :-)).

Nun fällt mir heute Morgen das neue Heft von Open Doors in die Hände - eine Organisation die verfolgte Christen unterstützt. Sie berichten darüber, wie sehr in vielen Ländern Kinder für Jesus leiden. In 47 Ländern dieser Welt werden sie von ihren Eltern getrennt, wenn diese sich öffentlich dem christlichen Glauben zuwenden! In 49 Ländern werden sie in den Schulen diskriminiert – bekommen Schläge von Lehrern oder einfach ständig schlechte Noten – egal wie gut sie sind! – und damit oft auch keinen Bildungsabschuss. Und ich lese noch so vieles mehr, was diese Kinder an Leid erleben.
Mir sind diese Kinder nicht erst seit heute auf dem Herzen. Ein paar ihrer Namen stehen in meinem kleinen Gebetsheft, das ich jeden Morgen aufschlage. Ganz ehrlich:  Ich bin wirklich kein Gebetsheld! An manchen Tagen bete ich ein bisschen intensiver, mit Tränen in den Augen, und an vielen anderen Tagen halte ich Gott einfach nur müde die Namen auf diesen Seiten entgegen. Aber es ist mir SO, SO WICHTIG! Einerseits weil ich glaube, dass Gott unsere Gebete so begeistert aufnimmt wie ein Papa die Mithilfe seiner Kinder (auch wenn er genau weiß: So geht es langsamer und es braucht viel Geduld, aber wir machen etwas zusammen!). Er hat uns so gerne dabei! Bei seinen Umarmungen auf einem Schulhof in Nigeria. Wenn er in einem Kinderheim in Myanmar eins seiner Kinder im Schlaf tröstet. Oder wenn er in einem Gefängnis in Nordkorea seine ganze Liebe und Hoffnung in ein erschöpftes Herz gießt. Mit meinen kleinen Gebeten darf ich dabei sein! Gott macht etwas ganz anfassbares damit. Das glaube ich. Und auch das: Die Gebete machen etwas mit mir!  Sie machen mein Herz und mein Leben ein bisschen weiter. Weiter als: Meine neue Küche, Jesus und ich. Weiter als: Meine Bücher, Jesus und ich. Weiter als: Meine Gemeinde, Jesus und ich. Weiter als: Mein Kind, Jesus und ich.

Markus Rode, der Leiter von Open doors, schreibt in der Einleitung des neuen Hefts:

Vielleicht werden Sie durch die Zeugnisse angesprochen, zukünftig für „ihre Kinder“ im Gebet einzustehen.

 Genau das ist es.  Es sind in gewisser Weise eben auch „unsere Kinder“. Versteht mich nicht falsch: Das Leid der Welt kann nur Jesus tragen! Aber ich merke: In meinem Herz ist tatsächlich Platz für ein paar Kinder mehr! Für ein Kind aus meiner Nachbarschaft und noch eins aus Nigeria. Und das Mädchen aus Laos passt definitiv auch noch rein. Viel tun kann ich nicht. Zum praktischen Helfen bin ich entweder zu weit weg oder es fehlt mir an ganz vielen Tagen schlicht die Kraft. Aber ich kann ihre Namen in mein kleines Gebetsheft schreiben. Und jeden Morgen an sie denken. Wie eine Mutter, deren Gedanken liebevoll ein bisschen bei ihren Kindern verweilen. Ach segne sie doch heute, Jesus. Mach ihre Herzen mutig und stark. Schenk ihnen Freude. Eine warme Mahlzeit. Und eine dicke Umarmung, wie nur du sie geben kannst…

Und ganz langsam, Morgen für Morgen und Jahr für Jahr, wachse ich ein bisschen mehr hinein in dieses weite und wunderbare Thema:   

Die Welt, unsere Kinder, Jesus und ich.