"Es ist Zeit," sagt Heio, mit dem Blick zur Uhr."Wir müssen los!"
Oh nein, denke ich, blinzle in die Sonne und kann mich kaum von der Picknickdecke wegbewegen, auf der ich liege. Ich bin noch mitten im Gespräch mit einer Freundin. Und im Kopf hämmert es schon seit dem Aufstehen und eigentlich würde ich gerne für den Rest des Tages nur auf dieser Picknickdecke liegenbleiben. Aber es ist Sonntag. Und Zeit für den Gottesdienst. Also packen wir zusammen, verabschieden uns von den Freunden (die leider nicht mitkommen wollen) und nehmen den kleinen Sohn mit, der auch nicht mitkommen will. Die Aussicht, dass wir heute gemeinsam mit einer kleinen brasilianischen Gemeinde den Gottesdienst feiern, macht es auch nicht besser. Ich fürchte es wird anstrengend, viele neue Leute... kurz überlege ich noch Zuhause zu bleiben. Dann gehe ich doch mit. Schon alleine aus Solidarität mit dem Rest der Familie.
Und dann sind wir auch schon mittendrin. Weggefährten umarmen. Und Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen habe, die aber auch wegen Jesus hier sind. Dann der Lobpreis: Portugiesisch und deutsch. Kraftvoll und laut. Eine sprudelnde Freude steigt in mir auf. Ich schaue in die bekannten und unbekannten Gesichter und weiß: wir gehören zusammen. Familientreffen. Samu löst sich von meiner Hand und tanzt neben einem kleinen, braslianischen Mädchen mit den schönsten roten Lackschuhen. Wir segnen die Kinder für ihren Gottesdienst. Sie haben sich spontan an den Händen gefasst, was mich irgendwie total berührt.

Und dann erzählt Achim dass seine Abteilung beim Daimler nach langem hin und her wundersamerweise nun doch nicht wegrationalisiert wird. Gemeinsam jublen wir über einen Gott, der Gebete erhört. Und
spätestens nach seiner Predigt bin ich einfach nur dankbar,
dass ich nicht auf der Picknickdecke liegengeblieben bin. Das leckere
Essen danach und die guten Begegnungen sind dann noch die Zugabe.



Mit vollem Magen und erfüllten Herzen fahren wir mit dem Rad nach Hause. Samuel ist total verschwitzt vom Toben mit den Kindern und zeigt mir stolz was er gebastelt hat. "Hat es dir doch gefallen?", frage ich ihn, beim ins Bett bringen. Er nickt. "Ja, so mittel!" Mittel ist in Ordnung, finde ich. (das meiste ist bei ihm gerade so mittel :-)) Wir beten zusammen und ich bekomme den schönsten, friedlichen Kinderkuss auf die Wange gedrückt. Einige Zeit höre ich ihn noch vor sich hinsingen: Gott du bist stärker, Gott du bist größer, als alles andere..." Dazu hat er heute getanzt. Lächelnd lasse ich mich aufs Sofa sinken. Und sage: "Danke Gott. Für deine Familie."
Ich weiß nicht an was Samu sich später erinnern wird. Vielleicht an schöne Ausfüge? Urlaub am Meer? Tägliche Fahrradwege an Hühnern und Räuberhöhle vorbei? Eine Mama die oft mit Schmerzen im Bett lag? Bücher lesen und Michel schauen? An die Bibelgeschichten? Gemüse pflanzen mit Papa? Quatsch machen am Frühstückstisch? An seine tollen Erzieherinnen in der Kita? An Gartenparties? Sabbatkerze anzünden? Streitigkeiten (und Spielzeugkoffer die als Konsequenz kurzfristig in den Keller wandern)? An die Freunde aus der Gemeinde? Das Beten abends im Bett? Ans Stau spielen? An die Zuversicht, dass Gott stärker und größer als alles andere ist? Vielleicht von allem ein bisschen. Wir stecken gerade mitten in der Geschichte seiner Kindheit. Und wir fügen täglich neue Kapitel dazu. Zur Zeit stellt er viele Fragen über Gott. Manches kann ich ihm erklären. Einiges verstehe ich selbst nicht. Und manches schreibe ich ihm auf, weil er es vielleicht erst später verstehen wird. Einen Brief an Samu landete im neuen Buch. Zu seiner Frage, warum wir ihn Sonntags denn immer mit in die Gemeinde schleppen. Einen kleinen Teil davon darf ich hier für euch schon abdrucken. (den Rest gibts dann Mitte August :-)).
Lieber
Samu!
Letzten
Sonntag hast du dein Missfallen darüber ausgedrückt, dass du mit
uns in den Gottesdienst kommen solltest. Genaugenommen hast du es mit
aller Deutlichkeit, zu der ein Fünfjähriger fähig ist, gesagt,
dass du heute nicht „zu den Sch...Jesusfreaks“ mitwillst. Aus
zwei Gründen habe ich dich trotzdem mitgenommen: Erstens bist du
noch nicht alt genug, um dich alleine zu Hause lassen zu können, und
zweitens weiß ich ziemlich genau, dass es dir, wie jedes Mal,
richtig gut gefallen wird. Mir geht es übrigens oft auch so. Wenn
Papa nicht immer sagen würde: „Lass uns hingehen!“, würde ich
manches Mal auch lieber zu Hause bleiben. Aber wir gehen hin. Jeden
Sonntag. Ich hoffe, du siehst daran, dass uns diese Sache mit Jesus
und seiner Familie wirklich wichtig ist. Ich hoffe, dass du dich auch
noch dann daran erinnerst, wenn du selbst viele andere Dinge findest,
die man am Sonntag sonst noch so unternehmen könnte. Vielleicht
warst du dann oft genug dabei, um zu spüren, was das Besondere an
dieser Familie ist.
Als
du erst ein paar Wochen alt warst, haben wir dich im Gottesdienst
segnen lassen. Die Leute aus der Gemeinde haben einen großen Kreis
um uns gebildet und der eine oder andere hat mit seiner Hand deine
kleinen Füße oder deine winzigen Finger umschlossen und dir ein
Segenswort zugesprochen. Ich war eine ziemlich müde und immer leicht
überforderte Mama in deinen ersten Lebensjahren. Was mir von Anfang
an klar war: Alleine würde ich das alles nicht hinbekommen. „Es
braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“, sagt man und ich
glaube, es braucht eine ganze Gruppe von Menschen, die Jesus lieb
haben, dass du ein wenig von dem Reichtum und der Größe Gottes
ahnen kannst.
Ich
nehme dich jeden Sonntag mit, weil ich möchte, dass du siehst, wie
wir zusammen Jesus anbeten. Ich möchte, dass du erlebst, wie deine
Mama ein bisschen gelöster und friedlicher wird, nachdem sie das
Abendmahl empfangen hat. Ich möchte, dass du siehst, wie wir
Menschen umarmen, die ganz anders sind als wir, und dass du weißt,
dass sie auch zu unserer großen Familie gehören.
Ich will, dass du
ganz viele Geschichten über Jesus hörst – nicht nur von mir,
sondern auch von wunderbaren Kindermitarbeitern – weil wir ihn so
toll finden und ich mir wünsche, dass ihr beide Freunde werdet. Und
ich sehe schon, dass das passiert. Wenn irgendjemandem etwas wehtut
oder du merkst, dass wir ein Problem haben, dann bist du der Erste,
der sagt: „Mama, warum betest du denn nicht?“ Du erinnerst mich
daran, warum ich glaube. Du hilfst mir, in meinem Alltag Jesus nicht
zu vergessen. Ein bisschen so geht es mir mit der Gemeinde: Sie
erinnert mich jeden Sonntag daran, warum ich glaube. Sie hilft mir
dabei, Jesus nicht zu vergessen. Sie erinnert mich daran, dass ich
Gnade brauche und Vergebung und ich mag es, wenn du uns dabei
zuschaust und wie du Teil dieser kleinen, unperfekten Familie bist...
..Ich
hoffe, dass du weißt und erlebst, dass ein Platz für dich frei ist
an Gottes Tisch. Ein Leben lang. Egal was passiert. Und wenn ich oder dein Papa mal nicht mehr in der Nähe
sein sollten, um dir das alles zu sagen, dann hoffe ich einfach, dass
du immer eine Familie um dich haben wirst, die dich an all das
erinnert... dass sie dir jederzeit die Hände auflegen wird,
um dich zu segnen, so wie es schon am Anfang deines Lebens war. Ich
glaube, wir brauchen einander, um den Weg mit Jesus bis zum Ende zu
gehen. Bis wir uns alle wiedersehen bei ihm. Die ganze große
Familie. Das wird ein Fest – und du liebst es doch zu feiern! Wegen
all dem schleppe ich dich jeden Sonntag mit. Das ist ein bisschen
viel, um dir das alles jetzt zu erklären, ich weiß. Aber ich hoffe,
dass du es irgendwann verstehen wirst, und dass du froh darüber sein
kannst. Ich liebe dich. Immer. Du bist ein Segen. Und du sollst immer
gesegnet sein.
Deine Mama
(© 2017
Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn,Christina Schöffler: Kinder, Kinder, in Warum ich da noch hingehe. Die Kirche, Jesus und ich)
