Donnerstag, 12. Mai 2022

Das Rennen verlangsamen

Auch wenn ich bereits darüber geschrieben habe und wir das müde wissend abwinken können - ich will es noch einmal schreiben (und sei es nur deshalb weil ICH es noch einmal hören muss): Die letzten zwei Pandemiejahre gingen den meisten von uns ganz schön an die Substanz! Es ist so. Ich merke es an meiner begrenzten Kraft und auch an den müden Gesichtern, jetzt wo - Gott sei Dank! - die Masken fallen. Der Bund hat das große Aktionsprogramm "Aufholen nach Corona" für Kinder und Jugendliche gestartet und ein bisschen kommt es mir so vor als hätten auch wir Erwachsene so ein Aufholprogramm eingelegt. Wir planen Treffen, Feste und Festivals mit dem verständlichen Wunsch vieles nachzuholen und nachzufeiern was lange nicht möglich war. Jetzt aber! Jetzt starten wir wieder durch! Und ich war auch ganz fröhlich dabei. Ich habe jede Party zugesagt (endlich wieder möglich!), habe den Alphakurs in der Gemeinde gestartet (endlich wieder möglich!), habe jede Lesungsanfrage mit begeistertem JA zugesagt (endlich wieder möglich!) und in den Urlaub können wir jetzt auch wieder mal weiter weg fahren (endlich wieder möglich!). Und plötzlich merke ich, dass mir die Puste ausgeht und wenn ich jetzt nicht aufpasse, dann wird mir für längere Zeit gar nichts mehr möglich sein  (und das so ganz ohne Lockdown!).

Aber es ist ja noch etwas anderes möglich, nämlich das zu tun, was mir oft so schwer fällt: Ich könnte auf mein stolperndes Herz hören und auf mein erschöpftes Spiegelbind achten, das mich dringend bittet lansamer zu werden. Ich könnte eine andere Gangart einschalten. Und mit dem aufholen wollen aufhören. Vielleicht können wir das ja gemeinsam machen - weil es in der Gruppe viel leichter fällt? Seid ihr dabei? Wir verlangsamen das Rennen!  Wir entscheiden uns ganz bewusst für ein entspanntes Aufatmen nach angespannter Zeit! Wir entscheiden uns für das einfache Sein dürfen, das uns die innere Freiheit schenkt, das  eine Treffen abzusagen und ein anderes zuzusagen (und dann vielleicht doch spontan wieder abzusagen, weil wir merken: Es ist zwar möglich aber es geht nicht!). Wir entscheiden uns dafür OHNE perfekten Beitrag oder passendes Geschenk auf einem Fest aufzutauchen und mit den anderen fröhlich darauf anstoßen, dass wir es überhaupt bis hierher geschafft haben! Ich könnte mich dafür entscheiden eine Lesung mal ein bisschen holpriger machen zu dürfen, mich an Sätzen zu verhaspeln, Wichtiges ungesagt lassen und am Ende einfach darauf vertrauen, dass das Entscheidende sowieso ein anderer austeilt. Und wir müssen den Alphakurs nicht auf Biegen und Brechen durchziehen, sondern wenn nötig (und die fehlende Kraft es erfordert)  können wir einfach ein paar Abende früher aufhören und dabei merken, dass Gottes Geschichten mit uns sowieso weit über diese Abende hinaus gehen. Ich könnte meinen Mann dazu überreden, dass wir ein paar Extraübernachtungen auf dem Weg in den Urlaub einplanen und spontan noch einen Tag länger dort bleiben, wo es uns am besten gefällt. Unser Garten darf auch in diesem Jahr immer noch ein bisschen verwildert aussehen - Stichwort Renaturalisierung! - und Samuel muß nicht alle Hausaufgaben sauber abgeheftet in Ordnern und Hirn haben! Heute essen wir einfach die Reste von gestern und wenn es nicht reicht schieben wir die Fertigpizza in den Ofen. Die zu erwartende große Obsternte kann man auch mal ein wenig großzügiger den Vögeln überlassen - oder einfach Schild an den Bäumen anbringen, dass auch andere sich bedienen dürfen! Ach und überhaupt: Man darf doch merken, dass wir ein bisschen angeschlagen ankommen! Wir können doch auch in diesem Sinne unsere Masken fallen lassen! Wir müssen uns nichts gegenseitig beweisen! Wir dürfen gnädig sein. Mit uns  und mit dem Kind, das im Lernplan eigentlich schon viel weiter sein sollte. Aber nun sind eben wir hier.  Und Gott wartet nicht schon ungeduldig an der übernächsten Ecke und ruft uns mit der Stoppuhr in der Hand zu, dass wir total im Verzug sind. Nein. Ich will mich daran erinnern, dass ich dem Gott nachfolge, der die Zeit erschaffen hat. Er geht ganz entspannt neben uns her. Und vielleicht können wir uns einfach mal kurz an den Wegrand setzen und miteinander anstoßen, dass wir es bis hierher geschafft haben. "Gut gemacht, mein Kind!" sagen.  Und "Gut gemacht, mein Kind!" hören. Und dann gehen wir langsam miteinander weiter. 

(und wenn in der nächste Zeit hier die Beiträge mal nur zweiwöchentlich erscheinen dann deshalb, weil ich auch beim Schreiben langsamer machen muss. Danke wenn ihr auf mich wartet!)  

 






Dienstag, 3. Mai 2022

12 Dinge, die ich gelernt habe

Nun will ich meinen Geburtstag doch nicht so achtlos hinter mir lassen. Ich dachte ich könnte es ein bisschen wie Anne Lamott machen, die an ihrem 60. Geburtstag 12 Wahrheiten aufgelistet hat, die sie in ihrem Leben gelernt hat. Nun fehlen mir bis dahin noch 7 Jahre -  und ich bin weit davon entfernt so wunderbar und klug wie Anne Lamott zu schreiben! - aber ich will trotzdem, so ganz spontan und in völlig unbeabsichtiger Reihenfolge 12 Dinge aufschreiben, die ich in meinen 53 Lebensjahren bisher gelernt habe: 

1. Man kann fast alles mit Käse überbacken! 
 
Und dass das die erste Sache ist, die mir einfällt, die ich in 53 Jahren gelernt habe, ist schon erstaunlich! Vielleicht sollte ich erwähnen, dass Essen für mich eine der schönsten Liebessprachen dieser Welt für mich ist. Und man hört nie auf eine Sprache zu lernen. Man hört überhaupt niemals auf mit dem Lernen! Was mich zum Thema Schule bringt: 
 
 
2. Wenn an einem Elternabend ein Elternbeirat gewählt wird und du NICHT Elternbeirat sein willst, dann musst du mindestens 10 Minuten lang die Luft anhalten und darfst dich UNTER KEINEN UMSTÄNDEN bewegen! 
 
Jegliche Nachfrage und Äußerung ist brandgefährlich und wird sofort als Jobbewerbung ausgelegt. Wenn du doch angefragt wirst: "Nein." ist ein vollständiger Satz! (das habe ich von Anne Lamotts Weisheiten gelernt!). Die einzige Begründung zu einem Nein, die meiner Meinung nach funktionieren würde wäre: Es ist mir aus religiösen Gründen verboten! Da fragt keiner mehr nach. Allerdings wird dein Kind dann auch zu keinem Geburtstag mehr eingeladen. Was mich zum nächsten Punkt bringt:
 
 
3. Es gibt anstrengende Dinge. Es gibt sehr anstrengende Dinge. Und es gibt Jungsgeburtstage. 
 
Ich muß jedes Mal lachen wenn unsere Freunde von einem Bekannten erzählen, der ein von Natur aus sehr stabiler und ausgeglichener Mensch ist. Als sie allerdings ihre Kinder (Jungs!) vom Geburtstag seines Kindes (ebenfalls Junge!) abgeholt haben, stand eben dieser Mensch völlig verschwitzt mit einem Plastikschwert an der Tür und keuchte: "Eine halbe Stunde! Der nächste Geburtstag geht nur eine halbe Stunde! Das habe ich gerade mit meinem Sohn ausgemacht!" Haha. Ich kann ihn so gut verstehen. Ich habe Heio mitgeteilt: Der nächste Jungsgeburtstag findet so statt wie ich ihn nie machen wollte: In einem Jump-Dome. Mit Pommes und  Cola. Und ich zahle jeden Preis dafür, dass die Kinder dort ein paar Stunden eingeschlossen werden und ich sie dann abends wieder abholen kann!!!


4. Bücher kann man nie genug lesen, empfehlen, verschenken - und folglich  können auch nie genug Bücher geschrieben werden! 
 
Jedes Mal wenn ein neuer Bücherprospekt in unseren Briefkasten flattert und ich durch die vielen Seiten blättere denke ich: Die Welt braucht ganz bestimmt kein neues Buch und Worte mehr! Ich sollte aufhören mit dem Schreiben. Und dann lese ich das Folgende in einem neu entdeckten Buch von Frederick Buechner:

Ich schreibe, um die ständigen Dialoge in mir zu besänftigen und um das, was im Tiefsten in mir liegt, nach oben kommen zu lassen. Aber nicht nur das Schreiben, auch das Lesen hilft mir dabei. Ich kann meiner kleinen inneren Welt dabei entkommen und in die Welt und die Gedanken eines anderen Menschen abtauchen, die mein Inneres reicher und echter macht und mich auf eine ganz bestimmte Art zur Ruhe und zum Leuchten bringt.

Das macht das Schreiben mit mir. Und das macht das Lesen guter Bücher mit mir. Und deshalb werde ich, solange ich einen Stift halten kann, weiter schreiben und auch noch mein letztes Geld für Bücher ausgeben. Auch wenn sie gerade SEHR teuer werden! Was mich zum nächsten bringt: 

 

5. Alles im Leben hat seinen Preis. Überleg dir vorher, ob es dir das Wert ist und du ihn bezahlen willst! 
 
Beispielsweise:
Um eine sportliche Figur zu bekommen (und zu behalten!) muß man die meiste Zeit seines Lebens im Fitnessudio zu verbringen.

Um von allen Menschen gemocht zu werden, muss man die meiste Zeit seines Lebens darüber nachdenken, was andere Menschen mögen.

Um einen schönen gepflegten Garten zu haben, muß man viele Stunden im Dreck auf den Knien verbringen.

Um eine ständig saubere minimalistisch perfekte Wohnung zu haben, muß man die meiste Zeit seines Lebens mit putzen verbringen (und:  größere Wohnung = größere Putzfläche!).

 

6. Es gibt wenig Dinge die mir so gut tun, wie einmal am Tag nach draußen zu gehen! 
 
Wenn ich einen Tag lang keine Bäume und Blumen bewundert habe, geht es mir wie  mit einer angebissenen Brezel, die ich irgendwo vergessen habe. Ständig ist dieses Gefühl da: Irgendetwas fehlt doch noch! 
 
 
7. Brezeln: knusprige warme Brezeln muß man immer sofort genießen! 
 
Es gibt wenige Dinge die besser schmecken (auch nicht wenn man sie mit Käse überbacken würde!)


8. Diese eine Sache, die man hofft endlich Mal in den Griff zu bekommen - man bekommt sie nicht in den Griff! Sie ist die Erinnerung, dass wir immer auf Gottes Gnade angewiesen bleiben.
 
Ihr wisst was ich meine... Gnade und Barmherzigkeit verfolgen uns ein Leben lang!


9. Bamherzigkeit: Umso älter man wird, umso mehr benötigt man davon! 
 
Für sein Spiegelbild. Für alles was mehr oder weniger im Leben gelungen ist. Für die Welt. Für Freundschaften und für die Familie!

 

10. Familie: Es gibt keine heilen Familien, weil es keine heilen Menschen gibt! 
 
Lass dich nicht von schönen Fassaden blenden: Hinter JEDER Tür wird gestritten und gekämpft und so viel besser bekommen die anderen ihr Leben auch nicht hin! Wenn es in der Nachbarwohnung sehr ruhig ist, dann weil sie beruhigende Medikamente nehmen oder ihrem Kind unbegrenztes Computerspielen erlauben. Und besonders schwierige Familienmitglieder  (und Nachbarn!) können hervorragend dabei helfen, ein bisschen mehr wie Jesus zu werden (oder sie zeigen dir zumindest, dass du noch weit davon entfernt bist wie Jesus zu sein! ).


11. Gefühle: Wenn du ein Mensch mit großen Gefühlen bist und zu Verzweiflungsanfällen neigst, dann ist das wie mit den stürmischen Wetterfronten: Sie kommen. Früher oder später. Und gehen auch wieder vorbei.

Mit den Jahren lassen die Wetterextreme ein ganz klein wenig nach. Und wenn doch mal wieder ein großes Sturmtief anrückt  lernt man, sein Umfeld - und große Teile seines Herzens! - vorsorglich in Sicherheit zu bringen.


 12. Und letztens: Auch wenn es sich total platt anhört: Das Leben ist ein Geschenk! Ich will dankbar sein für jeden Tag, an dem ich dabei sein darf. 
 
Auch wenn ich mich nicht immer so fühle...Letztlich gilt für jeden Tag der war, und jeden Tag der noch kommt, das worauf Richard Foster in dem wunderbaren Buch "Dass Gott mich wirklich liebt" hinweist: Dass die Bibel voller Geschichten darüber ist wie Gott mit einem bestimmten Menschen war: Er war mit Ismael als er allein in der Wüste war. Er war mit Jakob, der ein Leben lang mit Gott gekämpft hat. Er war mit Mose, dem er eine schwierige Aufgabe übertragen hat. Und Jesus sagte zu seinen Jüngern Ich bin mit euch, an allenTage, bis an das Ende der Welt. Und dann schreibt Richard Foster diesen einfachen und den für mich wahrsten Satz, nach 53 Jahren leben:

Gott ist mit uns. DAS ist das Geheimnis eines gesegneten Lebens.



Donnerstag, 28. April 2022

Auf das, was war! Und das, was kommt!

Der April ist unser Feiermonat. Ostern ist grade mal um die Ecke gebogen da folgt auch schon ein Geburtstag nach dem anderen. Passend dazu findet draußen, wie in jedem Jahr, eine herrlich große Frühlingsparty statt und die Blütenblätter fallen wie Graffitiregen von den Bäumen. 
Heute räume ich die Sektgläser wieder in den Schrank, befülle die Waschmaschine und schüttle die Kuchenkrümel aus der weißen, bestickten Leinendecke, die ich von meiner Oma geerbt habe. Dann lege ich sie nochmal über den ausgezogenen Tisch und betrachte dankbar die Kaffeeflecken neben den gestopften Stellen. Ob man das so sagt: Gestopft? Oder ist das schwäbisch? Bei der Internetsuche nach dem richtigen Begriff werde ich von dem schönen Wort "Bügel-Ei" abgelenkt. Sofort sehe dieses kleine Teil aus Holz vor mir, mit dem meine Oma ganz oft sockenstopfend auf dem Sofa saß. Ich muß zugeben, dass ich meistens die kaputten Socken von meinem Kind wegwerfe - allerdings erst dann wenn die Löcher bereits so groß sind, dass bereits der gesamte Fuß durchpasst - mitsamt dem Bügel-Ei! 
Aber zurück zur Tischdecke: Ich mag diesen Anblick. Die Kaffeeflecken und ein Blumenstrauß in der Mitte, der an das vergangene Fest erinnert.  Vielleicht weil ich dabei  an die große Tafel im Wohnzimmer meiner Oma denken muß (ihr Geburtstag liegt auch im April!). Noch  Tage nach ihrem Ehrentag war auf dem langen Esstisch im Wohzimmer die Festdecke ausgebreitet und ein herrlicher Fliederstrauß stand mitten auf dem Tisch. Daneben, auf dem alten Schreibtisch, waren die Geschenkkörbe, mit einer goldenen hohen Zahl in der Mitte, in denen neben so unbrauchbaren Dingen wie Kaffee, Dosenmilch und Wurstdosen auch Katzenzungen, Kekse und Aftereight-Packungen lagen. Letztere haben meine Schwester und ich dann andächtig, neben der Oma auf dem Sofa sitzend, verzehrt, den Fliedergeruch in der Nase und die weiße Tischdecke mit den eingetrockneten Kaffeeflecken vor Augen. 
Und jetzt, wo ich darüber schreibe, winkt da ganz hinten in  meinen Kopf eine Bibelstelle. Nach erneuter Suche, dieses Mal in meiner Konkordanz, habe ich sie gefunden. Sie steht im Hebräerbrief. Dort wird beschrieben, dass Gott alles geschaffen hat. Himmel und Erde. Diese ganze vergängliche und wunderbare Pracht die uns umgibt. Und dass er am Ende die ganze Schöpfung wie ein altes Tuch, oder ein abgetragenes Kleid, zusammenrollen wird. (Hebräer1,11). Ich mag dieses Bild (und will damit nicht sagen, dass man die Schöpfung nicht schützen und bewahren soll!). Es hat etwas Tröstliches für mich: Dass Gott diese alte Erde am Ende ihrer Tage - wenn sie so viele Risse und Flecken und Ozonlöcher hat, dass kein Stopfen mehr etwas nützen würde! - in die Hand nehmen und sie wie ein gebrauchtes Tuch aufschütteln wird. Und dann, so hoffe ich, wird der ewig reiche Gott ein neues Tuch ausbreiten und die Schöpfung wird jubeln und Graiffi regnen lassen und der letzte und älteste Tag  wird zugleich der jüngste  und erste Schöpfungstag sein.
Ihr merkt: Diese April-Geburtstage machen mich auch immer ein bisschen melancholisch. Oder eher: nachdenklich. Weil die Jahreszahlen langsam mit einer Geschwindgkeit wechseln, als flögen wir davon (Psalm 90,10). Und in nicht allzuferner Zukunft werde ich vielleicht meinen ersten Geschenkkorb bekommen mit einer goldenen Zahl in der Mitte ;-).  
Und so sitze ich hier und betrachte dankbar das kaffeebefleckte Tischtuch. Ich denke an alles was war. An die schönen Feste die wir gefeiert haben. An die wundrbaren Menschen die am Tisch Platz genommen haben. Und ich freue mich an der Blumenpracht und dieser ganzen vergänglichen Schönheit, die mich hier und heute umgibt. Und es packt mich auch die Frühlingsvorfreude auf alles, was kommt. Nicht nur im neuen Lebensjahr sondern weit darüber hinaus...
Heute, an ihrem Geburtstag, denke ich an meine Oma. Wie dankbar ich für ihr Leben bin. Sie hat ihren Kindern und Enkelkindern (und noch einigen mehr!) ihre Liebe zu Jesus weitergegeben. Was für ein bleibender Schatz! Wie gerne würde ich sie heute dafür drücken und die kleine Frau dabei hochheben, wie ich es als Teenager so gerne mit ihr gemacht habe und sagen: Danke, Oma! Und: Lass uns feiern! Auf das, was war und auf alles was kommt und ewig bleibt! 
Die Welt riecht nach Flieder und die Blütenblätter regnen von den Bäumen und ich denke mich voraus, wenn wir wieder zusammen feiern werden... 
 
Ein Hoch auf das Leben!!!!

 







Donnerstag, 14. April 2022

Rundwege an Ostern

Es ist Donnerstag vor Ostern. Das Brot fürs heutige Abendmahl habe ich gerade in den Ofen geschoben. Morgen werden wir  dann, wie in den letzten Jahren, zu dem kleinen Wäldchen ganz in der Nähe laufen und drei kleine Kreuze aus Zweigen aufstellen, daneben ein Moosgrab vor das wir einen Stein legen. 

 

 Am Nachmittag machen wir uns dann, wie in jedem Jahr, mit unseren Weggefährten auf den Weg zum Birkenkopf, um dort an dem großen Kreuz, das zwischen denTrümmern des zweiten Weltkriegs steht, an den Gott zu denken, der uns so sehr liebt, dass er für uns gestorben ist.


 

Am Samstag werde ich Kuchen backen und Blumen einkaufen und mich mit meinen liebsten Menschen streiten und versöhnen - wie in jedem Jahr.

Wenn dann der Ostersonntag endlich da ist werden wir ganz früh ins Wäldchen laufen und den Stein vor dem Moosgrab wegnehmen, ein schiefes Halleluja singen - und alle Vögel und Hasen damit erschrecken - und auf dem Rückweg  "Der Herr ist auferstanden" auf die Straße malen.  

 

Dann nehmen wir Kuchen und Blumen und Festgirlanden und machen uns auf den Weg zum Osterbrunch in unsere Gemeinde. Die Kinder werden wie immer wie wild um die Tafel rennen während wir einander Kaffee einschenken und alles Gute genießen was wir zusammengetragen haben. Und dann hören wir wieder die vertraute Geschichte von einem leeren Grab. Von einer unerwarteten Wendung. Vom glücklichen Lachen nach schweren Tagen.

 

Diese Tage sind für mich wie vertraute Stationen eines Rundwegs, an dem wir Jahr für Jahr vorbeikommen. Manchmal kommen wir erleichert oder glücklich an, manchmal traurig oder nachdenklich. In manchen Jahren haben sich die Umstände schmerzhaft verändert und manchmal so, dass wir nur voller Freude staunen können... 
 
Ich mag diesen Gedanken, dass vieles im Leben wie ein Rundweg zu verstehen ist. Dass es nicht in erster Linie darum geht irgendwo anzukommen, oder es "geschafft" zu haben.  Es muß auch nicht immer weiter und höher hinaus gehen oder bei jeder Runde besser werden. Wir dürfen einfach zurückkehren. Zum Teilen. Zum Erinnern. Zum Feiern. Zu  den bekannten Orten, mit den vertrauten Bildern und Geschichten.

In diesem Jahr werde ich ziemlich müde ankommen. Aber auch dankbar. Dankbar für diese beste und schönste Geschichte, die mir wieder Mut macht für die nächste Runde und mich hoffen lässt, dass bei der letzten großen Wiederkehr eine unfassbare Festtafel und eine große Umarmung auf uns wartet.
 
Gesegnete Ostertage euch allen!!!!
 



Mittwoch, 6. April 2022

Das Dunkel aushalten

Gestern stand ich in einer Grabhöhle und habe mich geärgert. Also nicht in einer wirklich echten Grabhöhle, aber im toll gebauten Grabgang vom Stuttgarter Ostergarten. Der dunkle Übergang vom Kreuz bis zur blühenden Auferstehungslandschaft. Ich habe als Requisiteurin zwei Führungen begleitet, was bedeutet: Ich schaue, dass alle zur nächsten Station mitkommen, schließe Tore und Vorhänge, schalte die Hintergrundgeräusche wieder ein und komme folglich immer als Letzte an. Während ich also die Grabhöhle betrete höre ich den Reiseleiter schon rufen: "Der Herr ist auferstanden!" Und in mir sträubt sich alles dagegen! Weil ich gerade erst am Kreuz vorbei bin. Weil ich noch im Dunkel stehe und noch nicht mal an den Tüchern mit den Worten: "Er ist nicht hier" vorbeigekommen bin. 
Natürlich ist das jetzt nicht wirklich ein Fehler vom Ostergarten. Es gehört einfach zu meiner Aufgabe in diesem hellen Raum als Letzte anzukommen. Aber mich beschäftigt das Ganze immer noch. Weil es eine Ebene tiefer gelandet ist. Und ich darüber nachdenke ob wir Jesusnachfolger das immer wieder mal machen (und ich schließe mich selbst damit ein!):  Ob wir uns gegenseitig nicht zu wenig Zeit geben - für das Suchen im Dunkel. Für die Zweifel. Die Trauer. Den Schmerz. Die ungelösten Fragen. Ob wir nicht oft viel zu schnell durch dunkle Räume gehen und schon eilig die Osterbotschaft rufen, während sich die Hälfte unserer Reisegruppe noch an den Grabwänden entlangtastet.
Ich muß an die Worte von Ester Maria Magnis denken:
Unser Glaube hat in sich das Wissen um den ganzen Dreck der Welt. Er hat einen Schrecken. So wie diese Welt. Und dann erst kommt die frohe Botschaft.
In diesen Tagen vor Ostern spüren wir etwas von dem Schrecken dieser Welt. Wir sehen verstörende Bilder aus ukrainischen Dörfern und fassen nicht, was Menschen Menschen antun können. Und zusätzlich gehen viele durch ihre ganz persönliche Nöte. In meinem Umfeld zerbrechen Ehen, kämpfen Freunde mit den Folgen ihrer schweren Vergangenheit, während andere Schmerzen ertragen müssen oder vor Sorge um ihre Kinder nicht in den Schlaf finden. Da kann man manchmal nur schweigend daneben stehen. Das muss man mal aushalten. Und das fällt mir oft so schwer.
Ich finde Gott hält so viel aus. Er hält uns Menschen aus. Er hält unsere Fragen aus. Die Verwünschungen, die wir ihm im Dunkel entgegenschleudern. Der Gott, der Wunden trägt. Der seinen Sohn in die Hände von Folterknechten gab. Jesus. Der Schmerzen ertrug. Der keine Abkürzungen ins Licht nahm. Der verzweifelt schrie: "Warum Gott, hast du mich verlassen?" Der zwei Tage im Grab blieb. Und dann, am dritten Tag, ganz liebevoll, ganz persönlich seinen Jüngern begegnet ist und es ganz langsam bei ihnen ankam, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist.
Und auch das habe ich gestern im Ostergarten gespürt: es ist die beste Geschichte, die man erzählen kann! Das gilt besonders dann, wenn man sich Zeit für die einzelnen Kapitel lässt und nicht vorzeitig zum guten Ende springt (wie ich das als Kind immer bei den Büchern getan habe, wenn ich die Spannung kaum noch ertragen konnte).

Es sind noch ein paar Tage bis Ostern.

Nehmen wir uns Zeit.

Gehen wir durch die düsteren Räume der Geschichte.

Gethsemane.Golgatha.

Die Kämpfe. Die Einsamkeit. Der Schmerz.

Halten wir in diesen Tagen das Dunkel zusammen aus.

Dann erst kommt die frohe Botschaft. 

 


Donnerstag, 31. März 2022

Wieder mal nur Krümel!

Gestern konnte ich nichts schreiben. Gestern war ich im Fernsehen. Was so groß klingt, ist tatsächlich eher klein. Kümmerlich klein - was mich angeht. Eigentlich hatte ich mir nach meinem letzten TV-Auftritt vorgenommen: Sowas mache ich NIE WIEDER! Es liegt mir einfach nicht! Ich fühle mich dabei so unwohl wie eine kleine Hochstaplerin, die es durch die Hintertür geschafft hat,  sich ins Scheinwerferlicht zu drängen. Zu allem Überfluss wirke ich dann dort überhaupt nicht unsicher und vorsichtig (was in meinem Fall wirklich angebracht wäre!) sondern ich rede viel zu viel, ziemlich ungefiltert und unreflektiert - so wie ich das immer tue, wenn ich aufgeregt bin. Zurück bleibt das schamhafte Gefühl, dass ich zu sehr die Christina war, die ich eigentlich nicht sein möchte, die ich aber eben bin. Wenn ihr versteht was ich meine. Nie wieder, habe ich mir deshalb beim letzten Mal gesagt. Und jetzt war ich eben doch wieder da. Der Grund dafür saß mir direkt gegenüber und stellte kluge Fragen: Titus Müller, einer meiner Lieblingsautoren. Seiner Einladung konnte ich einfach nicht widerstehen (hätte ich doch besser mal, denke ich jetzt!). Ach ja, es war wie gehabt. Es war gefühlt mal wieder viel zu viel von mir - was vielleicht einfach passiert wenn die Kamera auf einen gerichtet wird - und gleichzeitig eben auch das Gefühl, dass das zu wenig ist.
Heute morgen, nachdem sich die wilden Gefühle langsam gelegt haben, lese ich noch einmal was ich nach meinem letzten TV-Auftritt geschrieben habe. Und mich trösten meine eigenen Worte (als würde mich die Person, die das geschrieben hat, ganz gut kennen, haha). Eigentlich sind es aber besonders diese Sätze von Adrain Plass, meinem anderen Lieblingsschriftsteller, der in einem inneren Dialog mit Gott folgendes sagt (Gott beginnt:-):
"Was hat der kleine Junge Jesus gegeben, als er fünftausend Leuten zu essen geben musste?"
"Sein Mittagessen."...
"Meinst du es wäre schlau von dem Jungen gewesen, bei seinem nächsten Zusammentreffen mit Jesus mehrere LKW-Ladungen mit Brot und Fischen dabei zu haben, damit Jesus sich nicht die Mühe machen musste ein Wunder zu tun?...Alles was du je zu bieten hattest waren die paar Brote und Fische, die du bist. Es war fast nichts als du angefangen hast, und ohne ein Wunder reicht es hinten und vorne nicht, aber es ist immer noch alles was ich will. Sei der du bist, liebe mich und tu, was ich dir sage. Das ist alles."
Fünf Jahre und ein paar verbrannte Mittagessen später gilt das wohl immer noch: Sei der du bist, liebe mich und tu, was ich dir sage. Es war fast nichts da als ich angefangen habe und - seien wir ehrlich: es ist inzwischen auch nicht viel mehr geworden (außer dem  "viel mehr" was in der Maske nötig war, um meine Falten notdürftig zu kaschieren). 
Manchmal habe ich die Vermutung, dass da eine Reihe von richtig coolen und begabten Leute sind, die sich aber aus irgendwelchen Gründen, weigern, ihre Talente und Begabungen Jesus hinzuhalten. Und dann sind da wir. Die weniger Begabten. Die nicht so Coolen. Die so vieles nicht auf die Reihen bekommen und sich manchmal in ihrem Versagen und den Selbstzweifel verlieren können. Aber wir leeren unsere Taschen vor Jesus aus. Wir sagen zweifelnd: "Wenn du das irgendwie gebrauchen kannst, dann bitteschön: Du kannst es haben." Und: Er nimmt es! Er nimmt es tatsächlich! Und dann macht er vielleicht sogar jemand damit satt; oder hungrig, nach ein bisschen mehr von diesem Jesus, der uns so unendlich liebt. Unsere unzensierte Version. Mit der wir uns manchmal am liebsten Zuhause verkrümeln würden. Dann schickt er ein paar Menschen vorbei die uns nach draußen locken, weil sie in uns etwas sehen, was wir in unserem Spiegelbild so schwer erkennen können: Dass wir geliebte Kinder Gottes sind! Und dass wir ein Segen sind. Mitten in einer zerbrochenen Welt. Wir kleine Lichter. Mit unseren kleinen Fischen. ..

Also will ich weiterhin vor Jesus mein Taschen ausleeren. Ich will ihm bringen was ich heute habe. Auch wenn ich dabei ständig über meine eigenen Füße stolpere.  Es ist wie Dietrich Bonhoeffer geschrieben hat: Aus dem Unmöglichen heraus wird die Welt erneuert. Dass Gott aus allem "unmöglichen" meines Lebens einen Segen machen kann - dieses Wunder will ich ihm  - gegen alle Zweifel in mir! - immer wieder glauben. 


 

Und hier geben auch ein paar Leute, was sie haben (und ich lege ein paar ganz kleine Krümel dazu):

Im Moment sieht's mal wieder so aus, als reicht es nicht (Heio sucht noch verzweifelt ein paar römische Soldaten!), aber Jesus wird  am Ende wohl wieder mal ganz entspannt damit sein Ding machen. Falls du in der Nähe von Stuttgart wohnst und das miterleben möchtest  und vielleicht noch jemand dazu einladen willst, der Hunger hat: Es sind noch ein paar Krümel Karten übrig! (hier kannst du buchen).

Mittwoch, 23. März 2022

Gleichzeitig

Am Wochenende hatten wir unser jährliches Joyce-Redaktionstreffen. Leider konnte es auch dieses Jahr nur online stattfinden. Aber diese zwei tollen Frauen, Sonja und Tine, kamen ganz in echt bei mir vorbei und wir haben - neben Sonjas unfassbar guten Cupcakes! - den gemeinsamen Gedankenaustausch mit allen genossen. 


Als die Chefredakteurin Melanie Carstens uns am Anfang aufgefordert hat mit ein paar Sätzen etwas darüber zu sagen, wie es uns gerade geht (immer eine große Herausforderung für mich!) sagte eine der jüngeren Frauen: "Ach, diese Gleichzeitigkeit fällt mir so schwer! Es ist Krieg und gleichzeitig will ich unseren Sommerurlaub planen! Und ich fühle mich gerade so müde und überfordert."  Verständnisvolles Nicken allerseits. Genau. So geht's uns. Anja Schäfer zitierte einen Satz der Pastorin Nadja Bolz Weber die meinte, dass die Kapazität unserer Seele (und die Fähigkeit das Leid von anderen mitzutragen) für ein Dorf reicht, aber nicht für die ganze Welt. Das klingt logisch. Da wundert es nicht, dass wir uns überfordert fühlen, wenn wir von allen Ecken und Enden dieser Erde die schlimmsten Nachrichten direkt auf unser Handy gestreamt bekommen. Aber wir leben nun mal in dieser globalen Welt und wir haben globale Verantwortung, könnte man richtigerweise anmerken. Und es ist einfach so: Wir planen Feste angesichts von Krieg und Krisen, bewundern Blumen während andere leiden und suchen nach Urlaubsunterkünften während anderswo Menschen fliehen müssen....  
Und gleichzeitig sind wir gerade mitten in der Passionszeit. Gestern habe ich die Stelle gelesen in der Jesus seine Jünger schon mal gedanklich auf sein Weggehen und die schwierigen Tage, die vor ihnen liegen, einstimmt. Und er erzählt ihnen, dass er vorausgehen wird um ihnen eine Wohnung vorzubereiten. Während ich anschließend noch kurz über die Felder neben unserem Haus gelaufen bin (wo der Frühling schon ganz spürbar ist!) dachte ich darüber nach, dass es noch eine Gleichzeitigkeit gibt:  Während wir Menschen hier leben und lachen und weinen und leiden bereitet Jesus eine Wohnung vor (und alle Urlaubsunterkünfte dieser Welt werden daneben verblassen!). Und während wir uns vielleicht manchmal ängstlich fragen wie wir dorthin kommen und ob es da wohl Platz für uns hat, lächelt er uns zu und sagt: Ich bin der Weg. Hab keine Angst. Genau so glaube ich das (an meinen guten Tagen;-)). 
Auch wenn es vielleicht naiv oder platt  klingt. Glaube geht für mich irgendwie immer nur ganz einfach. Anders kann ich ihn nicht verstehen. Ich glaube an ein  >alles gut!< auch wenn heute längst nicht alles gut ist. Weil ich, wie Tomas Sjödin das so wunderbar ausdrückt, das was kommt für entscheidender halte als alles, was heute ist.  Das ist mein Senfkornglaube. Den ich heute in den diesen Boden pflanze, während Jesus gleichzeitig die letzten Handgriffe in unserer neuen Wohnung tätigt, wo wir ihn dann so ganz in echt treffen werden.
Und diese Hoffnung reicht nicht nur für mein kleines Dorf, sondern für die ganze Welt.