Donnerstag, 23. September 2021

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Seit Tagen hämmert es in meinem Kopf. Immer mal wieder scheint der Handwerker da oben eine kleine Pause einzulegen und ich denke schon erleichtert er ist weg - da fängt er aufs Neue an. Unermüdlich hat er heute mal wieder die ganze Nacht gegen die Schläfen geklopft. Unendlich müde bin ich aufgewacht. Ich ziehe den Rolladen nach oben und habe freien Blick auf den Morgenhimmel.  "Samu, wach auch!", rufe ich! "Ein Größer-als-Zeichen ist am Himmel!" Der kleine Mathematiker stolpert in unser Schlafzimmer und für einen Moment stehen wir staunend am Fenster.

 

Nun kann man das Ganze natürlich nur als zwei schlichte (und ziemlich umweltschädliche!) Kondenstreifen abtun. Manche Verschwörungstheoretiker versetzt so ein Anblick sogar in Panik, weil sie glauben, dass es Chemikalien sind, die Flugzeuge im Auftrag der Regierung versprühen, um uns zu schaden - oder das Wetter zu beeinflussen. Für mich ist dieses Vergleichzeichen heute Morgen einfach eine kleine Ermutigung vom Himmel, eine Erinnerung: 

Gott ist > !

Ich muß an ein Kinderlied auf einer CD von Samuel denken. Da fragt einer: "Du sag mal, wie groß ist eigentlich Gott?" Und die Antwort ist: 

Gott ist immer ein bisschen größer, 
als das Problem das du gerade hast 
Gott ist immer ein bisschen schlauer 
und hat sich schon `ne Lösung ausgedacht
Er ist unvorstellbar groß, 
größer als der Mond
und doch passt meine Hand, genau in seine Hand.
Er überblickt die ganze Welt und auch alles andere
doch schaut er zu mir, ist immer für mich da.

(Aus Größer als der Mond, JesusBurger Junior) 

Daran hat mich der Morgenhimmel erinnert. An dieses kindliche Vertrauen: Gott ist größer als wir denken können. Und Er ist uns näher als wir ahnen.  Gerade auch an den Tagen die wir müde und mit Schmerzen beginnen. Gerade auch wenn sich die Sorgen wie Wolkenberge auftürmen. Gerade auch wenn wir denken wir haben nicht was wir für heute brauchen. 

Gott ist >. 

Und er geht mit uns. 

Unsere Hand passt genau in seine!  

Mittwoch, 15. September 2021

Neue Ufer

Ihr Lieben, von Herzen danke ich euch für eure wunderbaren Kommentare zum Tante-Emma-Laden! Es kam mir vor als hätten wir eine kleine Steh-Party auf engstem Raum gefeiert!  Ach, ich bin ja so dankbar für jeden von euch, der vorbeischaut und sich die Zeit zum Lesen nimmt. Das ist so wertvoll für mich! Und ich hoffe einfach, dass ihr hier immer wieder etwas Wert-volles findet und einpacken und mitnehmen könnt: Altes, Secondhand und Neues.

Neu! Mit diesem Gefühl beginnt dieser Tag. Samuel erlebt seinen ersten Schultag an der weiterführenden Schule in der Stadt. Gestern saß ich etwas beklommen in der Menge der Eltern bei der Einschulungsfeier. Der Sohn scharrte aufgeregt neben mir mit den Füßen während der freundliche Schulrektor davon redete, dass sie sich vor allem eine Sache wünschen: Neugier! Und noch mehr Neugier! Und viele Fragen! Er redet über die verschiedenen Sprachen, die in den kommenden Jahren gelernt werden können. "Französisch!", flüstert mein Kind ehrfürchtig und beglückt! Aus irgendeinem Grund hat er Frankreich zu seinem Lieblingsland erwählt (wir waren noch nie da und mein Schulfranzösisch reicht gerade mal für eine kurze unfreundliche Essensbestellung - mir fällt immer nur noch die einfache Befehlsform ein). Dann wurde jedes Kind einzeln mit Namen aufgerufen und unter den Blicken aller Anwesenden gingen sie mutig zum Ausgang, wo die Lehrerin wartet. Ich war mindestens so aufgeregt wie Samuel als sein Name aufgerufen wurde. Am liebsten hätte ich ihn begleitet (mit meinem Hubschrauber, haha) aber ich weiß auch: Er macht das jetzt ohne mich. Ich verdrücke mir ein paar Tränen und bete innerlich: "Jesus mit dir, mein Kind!" während er mutig auf das Neue zugeht. 
Ach, manchmal wünschte ich mir alles könnte beim Alten bleiben! Ich hätte mein Kind gerne noch ein paar Jahre auf die kleine Dorfschule hier bei uns geschickt.  Aber - wie man so schön sagt: Das Leben ist im fluss. Auch wenn ich an manchen Stellen gerne länger bleiben würde - die nächste Welle nimmt uns mit. Manchmal wehren wir uns dagegen. Manchmal packt uns die Neugier und wir rudern voller Begeisterung. Auf zu neuen Ufern!
Bevor Samuel heute morgen loszog hat er sich allerdings nochmal umgedreht und eindringlich gefragt: "Du bist aber da, wenn ich wiederkomme?!" Ich sage: "Ja, natürlich mein Kind! Ich bin da!" 
 

 
Die Sehnsucht nach dem Konstanten und Vertrauten. Nach Halt und beständiger Liebe. Ich merke wie sich meine Sehnsucht mit den Jahren immer mehr in diese Richtung verlagert. Vielleicht vermisse ich deshalb zur Zeit meine Mutter wieder so sehr. Wie gut würde es mir tun, ihr vertrautes Gesicht am Ufer zu sehen und ihr aufmunterndes Winken, bevor es um die nächste Ecke geht. Stattdessen sind wir dabei die restlichen DInge zu regeln, um die Schlüssel zu meinem Elternhaus endgültig abzugeben. Damit werde ich bald meinen Heimatort hinter mir lassen. Es wächst das Bewusstsein, dass die wahre Heimat nun vor mir liegt. Am Ende der Reise, nach dem Überqueren aller großen Meere, liegt der  Heimathafen. Mit vielen vertrauten Gesichtern die vielleicht schon freudig nach uns  Ausschau halten. Bis dahin will ich Neugierig bleiben. Neue Sprachen lernen und über jede neue Landschaft staunen. Will die Fragen einsammeln wie hüpfende Fische, die sich im Netz verfangen. Und ich will immer wieder Halt suchen und mich dieser Liebe versichern, zu der ich ein Leben lang zurückkehren kann.  
"Ja, natürlich mein Kind! Ich bin da."
 




Und hier noch etwas Neues: 
Seit kurzem gibt es auch die Möglichkeit Christina im Doppelpack zu buchen:
Auf Wunsch begleitet mich die wunderbare Sängerin Christina Stöhr. Am 11. oder 18. Dez. hätten wir am noch zwei Termine frei, für eine adventliche Musiklesung  (Großraum Stuttgart, HN, Nordschwarzwald). Bei Interesse gerne melden! (chris.f@freenet.de)
 
auf unserer letzten gemeinsamen Gartenlesung

Mittwoch, 8. September 2021

Mein Tante-Emma-Laden

Nun ist es schon einen ganzen Sommer lang her, dass ich hier zum letzten Mal geschrieben habe. Manche behaupten ja das war bei uns in diesem Jahr gar kein Sommer, sondern eher ein milder Winter - aber egal: Ich habe jedenfalls das Gefühl in meiner kleinen Ecke hier muß ich erstmal alles Fenster aufreißen, den Staub von den Regalen und vom altmodischen Tresen wischen und ein bisschen frische Luft reinlassen. Man kann sich dabei ja fragen: lohnt es sich hier nochmal zu öffnen? In Zeiten von Instagram, TikTok, Podcasts und was es alles noch so gibt, ist das Blogschreiben ein bisschen wie ein Tante-Emma-Laden geworden. Man hofft, dass noch ein paar treue Kunden bleiben werden, wenn auch die meisten eilig Richtung großes Einkaufszentrum vorbeidüsen. 
 

Aber ehrlich: Ich liebe Tante-Emma-Läden! Dort, wo man herzlich mit Namen begrüßt wird und wo man in den kleinen überfüllten Regalen alles mögliche finden kann - vom Nähgarn und Nudeln über Kravattennadeln und Kürbissamen bis zu Gurkengläsern und Gummischlangen. Nun wissen wir alle, dass solche Geschäfte längst nicht mehr zeitgemäß ist und überhaupt nicht mehr rentabel. Und trotzdem fehlen sie hinten und vorne! Ich sehe es an all denen, die müde ihre viel zu schwere und volle Taschen aus den riesigen Läden schleppen und ungeduldig ihre Kinder mit sich ziehen. Ich sehe es an der alten Frau, die an der Kasse einer fremden Verkäuferin hilflos ihren Geldbeutel hinhält, damit sie doch bitte die richtigen Münzen in die Kasse legt. Ich sehe es an der zunehmenden Geschwindigkeit, mit denen die Waren übers Band gezogen werden und ich höre es im hektischen Piepen, das jeden persönlichen Satz überdeckt. Und deshalb bin ich bin jedes Mal total glücklich wenn ich ein kleines Geschäft in einer Seitenstraße entdecke, das noch öffnet, auch wenn es sich scheinbar nicht mehr  rentiert. Weil genau so etwas nämlich wirklich hinten und vorne fehlt!  Ebenso glücklich bin ich, wenn ich in den kleinen Ecken des Internets wieder einen neuen Blogeintrag finde und mir hinterm Tresen so wunderbar vertraute Gesichter entgegenstrahlen. Danke  Anne, Tine, Doro, Sandra, Sonja, Vroni und so vielen anderen!!! DANKE dass ihr eure Tür aufsperrt - egal ob viele oder wenige vorbei schauen -  und euer buntes Alltagssortiment so großzügig anbietet und das wahr macht, was am Eingang steht: We are open 
Das macht mir Mut auch meine etwas alterschwache und verrostete Tür hier wieder aufzusperren, meine Regale aufzufüllen und eine Girlande ins Schaufenster zu hängen. Seid aufs Neue herzlichst willkommen! Jeder Einzelne der hier reinschaut. Wie schön, dass DU hier bist! Es kann gut sein du findest nicht immer was du brauchst. Das Sortiment ist ziemlich begrenzt (und der große Marktplatz liegt ja gleich um die Ecke). Aber es ist mir eine Riesenfreude wenn ich eine kleine Rarität aus dem Regal ziehen kann, wonach du, vielleicht ganz unbewusst, schon länger gesucht hast. 

 

Und wenn ich hier schon die Girlande aufhänge, dann komme ich auch gleich in Feierlaune: Heute will ich alle diejenigen feiern, die irgendwo eine kleine Ecke auf dieser weiten Welt hegen und pflegen:

Die für eine kleine Nachbarschaft nahbar sind. 
 
Die Zuhause sind und Päckchen für andere annehmen, die eine Tasse-Kaffee-Länge Zeit haben um zuzuhören.  
 
Die an guten Sätzen für eine Postkarte feilen, die an Allerweltstagen das beste Porzellan rausholen und sich über ein gutes Tischgespräch Gedanken machen. 
 
Die ihre Schritte für die Alten und Hinkenden verlangsamen und den neuen Bewohner begrüßen.  
 
Die ihre kleinen Gärten mit großer Hingabe bunt und schön machen und dann andere einladen am wackligen Gartentisch Platz zu nehmen. 
 
Die selbstvergessen mit Kindern spielen und ihnen mit großer Geduld Geschichten erzählen. 
 
Die voller Hingabe tut was sie tun und sich nicht darum scheren, wenn sie nur vor kleinem Publikum spielen. 
 
Ach, diese Welt braucht so dringend die Menschen die in den kleinen Ecken ihre Türen aufsperren und fröhlich das anbieten, was sie haben!  Denn - das lernt jedes kleine Kind schon beim Putzen - die Großen kommen so schlecht in die kleinen Ecken! Deshalb:  Auch wenn es nicht viel erscheint - es ist viel! Für den einen Menschen, der freundlich willkommen geheissen wird ist es sogar sehr viel!

Lasst euch nicht einreden eure Geschichten, eure ruhigen Worte, eure kleinen Gesten, eure geduldigen Wiederholungen, eure liebevolle Hingabe  wäre nicht nötig oder es würde sich im Großen und Ganzen gesehen doch überhaupt nicht rentieren. Lasst es mich einfach so sagen:  Gäbe es euch nicht - ihr würdet hinten und vorne fehlen!!! 

DANKE fürs Öffnen. 

Mit kunterbunten Grüße von Tante Emma.

 

Mit besonderem Dank an Damaris und Markus, die in diesem Sommer Herz und Haus für uns geöffnet haben, mit dem wunderbaren Zettel auf dem Tisch: Fühlt euch wohl! Und nehmt euch einfach was ihr braucht. Genau das haben wir gebraucht. DANKE!!!!!

(Und: Wenn ihr einen kleinen Blog pflegt, dann könnt ihr auch gerne einen Link dazu in die Kommentare setzen. Ich vermute da ist der eine oder andere Geheimtipp für uns dabei:-)).

Mittwoch, 30. Juni 2021

Sommerpause

Nachdem gestern die deutsche Mannschaft aus dem EM-Turnier geschossen wurde werde ich mich den Spielern anschließen und eine vorzeitige Sommerpause einlegen. Obwohl in unserem Bundesland erst in ein paar Wochen die Schulferien beginnen. Aber weil dieses Jahr bisher so war wie es war kann man eine Pause - wo immer möglich - schon mal ein bisschen vorziehen, finde ich. 
Ihr Lieben, ich wünsche euch allen, von Herzen, erholsame Tage! Dass wir nach einer kräftezehrenden Zeit das Gesicht ein wenig in die Sonne halten könnnen - und  wenn das in diesem Jahr nur auf der Wiese neben dem Haus ist. Da kann es auch schön sein...

 

Und vielleicht braucht ihr ja noch ein bisschen Lesestoff oder wollt einer Freundin noch ein Buch für diesen Sommer in die Badetasche legen? Dann könnt ihr zum Beispiel das hier bei mir bestellen. (über: chris.f@freenet.de)

Die Sommergrüße-Poskarte gibt`s gratis dazu.  Oder ich schick sie direkt mit dem Buch und einem Gruß von euch zu einem lieben Menschen, dem ihr eine Freude machen wollt.

So, jetzt aber genug der Worte. Ich setz mich eine Weile auf die Wiese neben das Spielfeld und bin spätestens im September wieder zurück! Und ich freue ich sehr über jeden von euch, der dann wieder dabei ist!

Seid umarmt und gesegnet und habt es gut! Bis wir uns Wiederlesen!

Dienstag, 22. Juni 2021

Noch einmal

Noch einmal beim Aufwachen das Vogelgezwitscher vor dem Fenster hören und sich wundern warum die schon so fit sind.

Noch einen Sonnenaufgang verpasst (der Mann sagt: heute war er besonders schön!).

Nochmal mit den zwei Menschen am Frühstück sitzen, die ich so lieb habe und die mich in vielerlei Hinsicht so aus der Fassung bringen können.

Noch einen Schluck Kaffee und nochmal im letzten Moment an das Vesperbrot denken.

Noch einmal einen ganzen Vormittag nach Worten suchen und auch ein paar finden – gerade dann wenn ich denke, dass sie mir endgültig ausgegangen sind.

Noch einmal überlegen was ich heute kochen könnte und immer etwas dafür finden.

Noch einmal das ungeduldige Läuten an der Türglocke und dieses entgegenstürmendes Leben. Umarmen. Lachen. Schimpfen. Und das ganze Glück, das darunter liegt.

Noch einmal einen ganze Nachmittag Zeit. Etwas tun. Oder etwas lassen. Leben gestalten.

Noch einmal Brot verteilen - die Scheiben wie immer krumm und schief geschnitten und keiner beklagt sich.

Noch einmal zuhören und erzählen und Fundstücke des Tage zusammenfegen.

Noch einmal die vermackte Lieblingstassen in die Spülmaschine räumen. Dankbar an ein paar Menschen denken und Grüße verschicken.

Noch einmal die Weltereignisse hören und kleine, holprige Abendrituale pflegen. Nochmal eine ganze Menge Gnade verteilen und noch mehr Gnade empfangen.

Noch einmal Wäsche falten, Kind ins Bett bringen und Hände falten. 

Noch einmal staunen. Ein Regenbogen am violetten Nachthimmel.

Noch einmal die Fenster weit aufreißen und tief den herrlich erdigen Geruch nach einem Platzregen einatmen.

Noch einmal still im Dunkel liegen. Angstvolle Gedanken nach Hause bringen.

Noch einmal an den schönsten Namen denken, den ich kenne.

Noch einmal einen Tag Leben zurückgeben. Bisschen vermackt und angeschlagen.

Trotzdem: Danke.

 



Mittwoch, 16. Juni 2021

Die Wette

Das Fußballfieber hat uns gepackt. Also, vor allem meine zwei männlichen Mitbewohner. Und davon vor allem den 10-Jährigen.  Heute morgen war er sehr enttäuscht, dass "wir" gestern abend verloren haben. Am Frühstückstisch wurde gefachsimpelt was das Zeug hält.  Wenn ich etwas dazu beitrage kann es schon mal passieren, dass Heio die Augen verdreht. Aber ist doch wahr: Deutschland ist eine Turniermannschaft! Das war doch vor 30 Jahren schon so und das wird heute wohl auch noch so sein. Samuel ist sich nicht so sicher ob er mir glauben soll. Langsam vergeht die erste Naivität, dass die Mama über alles bestens Bescheid weiß. Heute morgen erklärt ER MIR den Unterschied zwischen dem kurzen und langen Eck beim Torschuß. Und dann versucht er mich, wie jeden Tag, in eine Wette zu verwickeln. Er macht nämlich bei einem Tipp-Spiel mit. Deshalb fragt er ständig: "Was denkst du Mama, wer gewinnt? Und was wettest du?" So Argumente wie: "Ich weiß es doch nicht!" oder: "Ist mir doch egal!" lässt er nicht gelten. Ich muß mich festlegen. Dann schreibt er alles fein säuberlich auf und zieht im Kimmich-Trikot fröhlich in die Schule.

Während ich nun hier sitze, neben mir seine Tipp-Liste und das Fußball-Sammelheft, muß ich darüber nachdenken was mich denn gerade begeistert und bewegt. Dabei fällt mir sofort Philipp Mickenbecker ein. Dieser junge Kerl von the real life guys, der in den letzten Wochen und Monaten auf so vielen Kanälen und in sämtlichen Medien, von der Bildzeitung über die Gala und Stern-TV bis zu n-tv, zu lesen und zu sehen war. Mit einem Krebsgeschwür in der Brust und einem unfassbar hellen Strahlen im Gesicht. Er hat so begeistert und authentisch von Jesus  geredet, wie Samuel über Fußball. Und seine Gesprächspartner haben fasziniert zugehört. Dass da einer so glauben kann! Dass da einer so wenig Angst vor dem Tod hat, sondern ihm fast frech ins Gesicht lacht! 
Jetzt ist er gestorben. Kurz vor seinem 24. Geburtstag.  Der youtube- Film in dem sein Zwillingsbruder und seine Freunde über Philipps Sterben erzählen hat schon über 4 Millionen aufrufe.  "Philipp hatte vollen Frieden mit der Situation und hat sich sehr über all eure Gebete gefreut. Er hat sich für euch gewünscht, dass ihr Jesus persönlich kennenlernt und ihn in euer Herz schließt", so erzählen sie.  Diese Sätze sind es, die in diesen Tagen in sämtliche Medien unserer Republik wiederholt werden. Man findet keinen Sarkasmus, keine Überheblichkeit. Nur tiefen Respekt. Und ungewohnt nachdenkliche Töne. Ein You-Tube-Star, der eher nicht gläubig ist, redet tief berührt von seiner Begegnung mit Philipp. Er sagt sinngemäß: Überlegt doch mal, wenn die Sache mit Gott nicht stimmt, hat ihm seine Glaube total geholfen. Und wenn die Sache mit Gott stimmen sollte, dann geht es ihm jetzt so gut wie noch nie! Das erinnert an die sogenannte Pascalsche Wette. Blaise Pascal sagte einmal, in einem Argument über seinen Glauben, dass es immer eine bessere Wette ist auf Gott zu setzen:  

Wir wollen Gewinn und Verlust abwägen, wenn wir uns entscheiden, dass Gott ist. Wenn du gewinnst, gewinnst du alles, wenn du verlierst, verlierst du nichts … Es gibt ein ewiges glückliches Leben zu gewinnen.“

Ich weiß, für manche ist dieses Argument zu schlicht. Oder zu fatalistisch. Aber mir, als alte Zweiflerin, hat es schon oft geholfen. Wenn mich die Zweifel packen und mir den Glauben aus dem Herz schütteln wollen, dann japse ich trotzig: Wenn diese ganze Sache mit Jesus am Ende nicht wahr sein sollte, dann hatte  ich trotzdem das bestmögliche Leben! Wer mit so einer großen Hoffnung leben darf, mit einem Sinn der weit über das eigene Leben hinausgeht und dem Vertrauen unendlich geliebt  und niemals alleine zu sein - der hat viel gewonnen. Und wenn es alles wahr ist - wovon ich an den meisten Tagen ausgehe - dann habe ich sowieso gewonnen! Und wie!  Darauf will ich gerne mein Leben verwetten (und Gott ist in der Beziehung ein bisschen wie Samuel: Er möchte gerne, dass wir uns festlegen:-)).

Die Schrifstellerin Rachel Held Evans, die leider auch viel zu früh gestorben ist,  formulierte es einmal so - über diese Geschichte von Gott der in Jesus zu seinen Menschen kommt, um sich mit uns auf ewig zu versöhnen:  Es ist eine Erzählung für die ich es riskieren würde falsch zu liegen!  Ich finde sie hat recht. Es gibt keine bessere Geschichte! Es gibt keinen schöneren Grund, um an einem ganz normalen Tag wie heute, mit einem Lächeln aufzuwachen. 

"Er starb mit einem Lächeln" tituliert die Gala heute den Tod von Philipp. 

Mir scheint, er hat die Wette gewonnen.


Dienstag, 8. Juni 2021

Ich darf

So, jetzt liegen die Pfingsferien auch schon wieder hinter uns und die  letzte Schulzeit vor den Sommerferien hat begonnen. Wie gerne würde ich noch einmal voller Elan durchstarten, aber die Geduldsfäden, die ich aus dem derzeit so verhedderten Leben ziehe, sind kurz und angeknabbert. Die Müdigkeit liegt zäh über den Tagen und ich bin jeden Abend froh, wenn ich mich mit einem Buch im Bett verkriechen und nach ein paar Kapiteln die Decke über den Kopf ziehen kann. Oft genug wälze ich mich noch lange hin und her und die Gedanken, die tagsüber keine Beachtung finden, sitzen wie aufgedrehte Teenagermädels auf einer Pyjamaparty an meiner Bettkante und lassen mich nicht einschlafen:
Da ist der Verkauf meines Elternhauses, der sich schwierig gestaltet und das anstehende Abschiednehmen von meinem Heimatort - den letzten Zipfel Kindheit, an den ich mich noch klammere. 
Da ist der baldige Schulwechsel für Samuel - das Ende der entspannten Grundschulzeit, wie mir erfahrene Eltern berichten (oh weh, wenn DAS eine entspannte Zeit war - was kommt da bloß auf uns zu, frage ich mich!).  
Da ist ein Manuskript das dringend nach Zeit verlangt,  wie ein schreiendes Baby das zu wenig Beachtung bekommt. 
Da ist ein Leben das Zuende ging, ein Mensch - ein Vorbild - dem ich soo viel verdanke! (hier durfte ich einmal über ihn schreiben und seine Frau Sally interviewen - noch so ein Vorbild für mich!) Ich freue mich für ihn, dass er nun - nach fünf Jahren schwerem Leiden - Zuhause angekommen ist, in einer warmen Umarmung bei seinem himmlischen Papa! Und gleichzeitig rollen mir seit Tagen immer wieder die Tränen übers Gesicht, weil seine warmen und väterlichen Umarmungen auf dieser Welt so schmerzlich fehlen werden! 
Und da sind so viele wunderbare Menschen die ich in den letzten Monaten vermisst habe, die wir nun langsam endlich wieder treffen dürfen, aber ich fühle mich wie eine schmollende Ehefrau, die zu lange bei gedecktem Tisch und kalt werdendem Essen gewartet hat und sich sagt: "Danke. Jetzt will ich auch nicht mehr!",  bevor ich mich wieder müde ins Bett lege - zu meinen vielen Gedanken. 
 
Wenn ich alles hier so aufschreibe, dann denke ich kopfschüttelnd: Da muss sich doch etwas ändern! Das kann doch nicht so weitergehen! Aber das MÜSSEN ist doch irgendwie das Letzte was wir gerade brauchen, oder? Stattdessen: das DÜRFEN! 

Ich darf früh ins Bett gehen.
 
Ich darf Dinge liegen lassen.
 
Ich darf traurig sein. Und nachdenklich. Und vergesslich. 

Ich darf auch mal sagen: "Jetzt reicht´s, liebes Kind! Ich kann nicht mehr. Morgen wieder!"
 
Ich darf mich in Arme fallen lassen, die mich halten können wenn ich zu müde bin, um irgendetwas zu halten.

Ich darf. Und du darst das auch.

Und irgendwann, wenn wir lange genug durften, werden wir eines Morgens aufstehen und fröhlich  pfeiffend den Tag begrüßen und den Tisch decken für drei Haushalte und 10 Personen unter 14 Jahren und Urlaube planen und Gartenfeste und Lesungen, und unsere Arme wieder weit öffnen für das Leben und uns unglaublich über alles freuen, was wir nun wieder dürfen....
 

 

Dienstag, 18. Mai 2021

Über zerbrochene Herzen - und die Freude, die es hochzuhalten gilt

Eigentlich wollte ich heute einen leichten Blogeintrag schreiben - über Kreativität und die Dinge die uns in diesen Tagen gut tun und unser Herz beleben. Aber dann wache ich mit Kopfschmerzen auf, draußen gießt es in Strömen und ich ärgere mich über einen Menschen (und bin enttäuscht über mich selbst - wie unfassbar lieblos und unbarmherzig ich sein kann!). Während ich in den Kaffee aufsetze höre ich im Radio die besorgniserregende Nachricht, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrien in unserem Land so voll sind, dass es bereits eine Triage gibt. Wer nicht suizidgefährdet ist und 'nur' eine Depression hat, wird gar nicht mehr aufgenommen, sagte der Sprecher des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendärzte (s. auch den Bericht der Süddeutschen Zeitung heute).
Die Nachricht wirft mich abrupt aus meinem kleinen Jammermodus. Ich denke an die Kinder und Jugendliche die eigentlich unbekümmert ihre Kindheit und Schulzeit genießen sollten, die aber nun im wahrsten Sinne des Wortes lebensmüde geworden sind. Obwohl doch so viel Leben vor ihnen liegt. Mir geht es jetzt um keine Schuldzuweisung in Richtung unserer Politiker. Ich bin mir bewusst, dass sie alle versuchen ihr Bestes zu geben - und in nachhinein weiß man ja immer vieles auch besser. Aber ich bin unendlich traurig für diese Kinder und Jugendliche (und leider trifft es in vielen Fällen diejenigen, die sowieso schon keine einfachen Startbedingungen ins Leben hatten!). Gleichzeitig sehe ich auch, dass so viele von uns müde und abgekämpft sind und ich war sooo erleichtert, dass Samuel gestern endlich wieder in die Schule gehen konnte... Von daher frage ich mich: Was können wir tun? Was kann ICH tun? 
Heute will ich für die Kinder und Jugendlichen beten. Und das ist keine resignierte Aussage. Ich wende mich an den Herzenskenner, an den Liebhaber von uns allen, der versprochen hat, denen nah zu sein, die ein zerbrochenes Herz haben. Halte sie fest, Jesus. Und ich denke an die Eltern, die oft auch mit Schuldgefühlen kämpfen, und hilflos zusehen wie ihre Kinder leiden. Jesus, nimm ihnen ihre Last und schenke ihnen deinen Frieden.  
Heute will ich beten. 
Und mir fällt ein was Henry Nouwen über einen Freund geschrieben hat, der oft in Ländern unterwegs ist, in denen viel Leid und Ungerechtigkeit herrscht:
Wenn er nach Hause kommt erwarte ich immer, dass er mir von der schwierigen Lage der Länder erzählt, von den großen Ungerechtigkeiten und von dem Leid, das er sah. Aber wenn er seine Erfahrungen mitteilt, erzählt er von den verborgenen Freuden, die er entdeckt hat. Er erzählt von einem Mann, einer Frau, oder einem Kind, wie sie ihm Hoffnung und Frieden brachten. Er erzählt von den kleinen Wundern Gottes. ... Er sagt immer nur: "Ich sah etwas ganz Kleines und ganz Schönes, etwas das mir viel Freude geschenkt hat."  Davon muss ich lernen. Ich  muß lernen, überall die wirkliche Freude herauszuholen,, wo sie nur immer zu holen ist, und sie hochzuhalten, dass andere sie sehen. .. Ich weiß nicht wie lange ich warten muß bis alles gut wird, aber ich kann jede Spur vom kommenden Reich Gottes feiern.
(H. Nouwen in: Nimm sein Bild in dein Herz)
Hier entdecke ich noch etwas was ich heute tun kann: Ich will lernen, die verborgenen Freuden entdecken. Und die kleinen Wunder hochhalten. Das mag angesichts der Not naiv klingen, aber ich glaube es ist eine wirklich geistliche Aufgabe für uns: Das Schwere wahrzunehmen, es immer wieder vor Gott bringen, und gleichzeitig das Gute hochzuhalten, das es zu feiern gilt! 
 
Da gibt es zum Beispiel die Arche-Mitarbeiter, die liebevoll gepackte Kisten mit Nahrungsmitteln und Gesellschaftsspielen an die Türe von bedürftigen Familien bringen, die Nachmittags über WhatsApp-Gruppen Nachhilfeunterricht anbieten und abends übers Telefon kleinen Kindern tröstliche Gute-Nacht-Geschichten vorlesen. 
Und da ist diese Lehrerin, die bis in die Abendstunden an  hilfreichen Arbeitsblättern  feilt und die es trotz strengen Auflagen möglich macht, dass sich die Klasse wenigstens einmal die Woche draußen sehen kann, um Geburtstage und Abschiede zu feiern. ...
 
Ich will das Gute feiern.
 
Und will die Freude herausholen, wo sie nur zu holen ist. 
 
Und da bin ich  auch bei der Kreativität, über die ich eigentlich schreiben wollte. Bei der alten Bank meiner Oma, die ich seit Tagen voller Begeisterung schmirgle und streiche. Bei dem schönen kleinen Strauß aus Bärlauchblüten den Samuel auf unserem Abenspaziergang gepflückt hat. Bei seiner Begeisterungs fürs Fußballspielen und den lustigen Blumen die in unserem Garten wachsen. 
Ich will die Dinge hochhalten, die uns heute froh und lebendig machen. Und ich will darauf hoffen, dass sie den Kindern- und Jugendlichen, deren Herzen heute so traurig sind, auch wieder zur Freude werden...





Montag, 10. Mai 2021

Das Leben persönlich nehmen

Zu meiner großen Freude ist letzte Woche die neue Ausgabe der Joyce ins Haus geflattert. Ich blättere ein wenig durch die vielen bunten Artikel, wie durch eine Speisekarte, und freue mich schon darauf jeden Einzeln zu genießen. Eine Geschichte musste ich einfach gleich lesen, weil es mich so gefreut hat, dass mir diese wunderbare Frau zwischen den Seiten entgegenstrahlt: Lissy Schneider.


Ich durfte Lissy vor einiger Zeit kennenlernen und kann nur sagen: Sie ist innen wie außen eine wunderschöne und so richtig kluge und lebendige Frau. Umso krasser fand ich es dann ihre Geschichte zu hören: Weggegeben von ihrer leiblichen Mutter (die aufgrund ihrer Sucht nicht für sie Sorgen konnte), zuerst ins Heim und dann zu ihrer Pflegemutter, für die sie sehr dankbar ist. Dankbarkeit. Das verbinde ich mit Lissy. Ihr damaliger Blog  hat mich dazu inspiriert mein Danke-Tagebuch anzufangen. Jahrelang hat sie ihre Dankesmomente notiert. Sie schreibt dazu: 

Ich habe den Start meines Lebens sehr persönlich genommen und auch alles was in meinen Leben schwierig und herausfordernd war...Durch Dankbarkeit ist eine neue Sichtweise in mein Herz eingezogen: Das Gute  meines Lebens, das  Schöne, was ich schnell als selbstverständlich abstemple, ebenfalls persönlich zu nehmen. Dankbarkeit ist für mich: Das Gute  meines Lebens persönlich zu nehmen.
Was für ein Satz! Das Gute persönlich nehmen. Und, so erklärt Lissy,  dabei geht es nicht darum die schweren Dinge zu ignorieren oder das Gute gegen das Schwere aufzuwiegen.Es hat damit zu tun, dass beides nebeneinanderstehen darf: das Schwere und das Schöne.  

Lissy ist mir auch ein Vorbild darin, mich den Brüchen meines Lebens mutig zu stellen. Zu spüren was mich triggert oder warum ich zum Beispiel ganz oft mit eine tiefen Erschöpfung kämpfe (die Ursachen dafür liegen weit zurück in meiner Kindheit, das habe ich mittlerweile begriffen). Auch hier sind mir Lissys Worte ein Trost, wenn sie über die Tage berichtet, an denen sie so wenig leistungsfähig ist:

Während ich oft dachte: Diese Schwäche muß weg, denke ich mittlerweile, dass Schwäche vor allem mich stört - Gott eher weniger. Er sieht das wunde Herz und klebt nicht einfach einen Flicken darüber.

Mir helfen diese Worte von Lissy so sehr: Ich will das Schwere, die Bruchstücke meines Lebens, immer wieder ehrlich anschauen - es persönlich nehmen - und Gott zum Heilen hinhalten. Und ebenso will ich das Gute meines Lebens ganz persönlich nehmen. Von meinem Schöpfer. Für mich. Heute sind es ein paar zaghafte Sonnenstrahlen die sich durch die Wolken kämpfen. Eine zerknitterte, zweimal zerissene und wieder geklebte Muttertags-Liebeserklärung (Zeichen von viel Streit und Versöhnung am gestrigen Tag:-)). Und ein  zerknittertes Herz, das heute schwach sein darf und ein bisschen angeschlagen - und GENAU SO geliebt ist.


 

Mittwoch, 5. Mai 2021

Die schlichten Dinge, die überall wachsen

Im November habe ich ganz hoffnungsvoll ein paar Pflanzenzwiebeln in die Erde gesteckt.  Kleine Traubenhyazinthen, die - laut Packungsbeilage - in kleinen Gruppen gepflanzt werden wollten (Ihr erinnert euch vielleicht daran - hier habe ich darüber geschrieben). Ich habe sie auch mit der Frage eingepflanzt was in dieser Coronazeit wohl wachsen könnte. In mir.  In  uns allen. Jetzt hat mich Anne danach gefragt was denn aus den kleinen Pflanzenzwiebeln geworden ist. Hier seht ihr das Ergebnis:

 

Sind sie nicht wunderschön geworden? In kleinen Gruppen stehen sie zusammen und es scheint ihnen wirklich gut zu gehen, in meinem Blumenbeet.  Ich hab mich so gefreut als ich die ersten Zeichen entdeckt habe, dass hier tatsächlich mal etwas wächst, was ich eingepflanzt habe! Ich habe die ersten blauen Blüten bejubelt! Allerdings habe ich dann erstaunt festgestellt, dass diese Blumen hier ÜBERALL wachsen. Das ist mir letztes Jahr überhaupt nicht aufgefallen. Auf unserer Wiese im Garten, wie auch in jedem anderen Garten, und auf jedem Hang neben der Straße leuchten mir diese blauen Traubenblüten entgegen! Beim weiteren Studium zu diesen kleinen Pflanzen erfahre ich, dass sie sich liebend gern über Selbstaussaat vermehren und sich mit den Jahren also tatsächlich ganz großflächig und überall ausbreiten. Ich  muß sagen, das hat meine Freude etwas gedämpft. Plötzlich waren meine kleinen tapfer aufgewachsenen Blümchen nichts mehr besonderes. Ein bisschen trübsinnig sagte ich zu Heio: "Ich hätte vielleicht etwas extravaganteres einpflanzen sollen und keine Pflanzen die sich hier sowieso schon überall vermehren."  
Vielleicht habe ich auch deshalb hier noch nichts darüber geschrieben. Weil mir das was bei mir aufgewachsen ist plötzlich so völlig normal und überhaupt nicht besonders vorkam.
 
Ich ahne, dass da vielleicht eine kleine Lektion für mich im Blumenbeet gewachsen ist. Könnte es sein, dass ich Dinge in meinem Leben kleinrede und entwerte, einfach deshalb weil sie nichts "besonderes" darstellen? Weil sich das alles so normal anfühlt und meine kleinen Geschichten hier eigentlich in jedem anderen Garten auch wachsen? Und manchmal verliere ich mich in den extravaganten Schönheiten aus anderen Gärten und were dabei ganz mutlos, im Blick auf mein eigenes schlichtes Blumenbeet...
 
Was könnte in dieser Coronazeit wachsen? -  habe ich mich beim Einpflanzen gefragt. Was wenn es die ganz schlichten Dinge sind? So unscheinbar und weit verbreitet, dass wir sie kaum erwähnenswert finden. Dinge wie: Freundlichkeit. Ein bisschen mehr Dankbarkeit für bisher Selbstverständliches. Aushalten, immer noch einen Tag mehr, und  die Hoffnung immer wieder einsammeln. Spontane kleine Hilfsbereitschaft. Ein wenig barmherziger werden. Öfters mal ganz ehrlich: "ich weiß genau wie es dir geht!" sagen können. Und im bisher fremden Nachbargarten ganz viel Gemeinsamkeiten entdecken.
Ich gebe zu: Ich hätte es gerne ein wenig aufsehenerregender. ICH wäre gerne ein bisschen aufsehenerregender :-). Und dann bin ich doch nur eine von denen, die am besten in kleinen Gruppen aufwachsen und die das hervorbringen, was auch in jedem Nachbargarten zu finden ist. Und Jesus sagt: Es gefällt mir! Deshalb lasse ich so viel davon wachsen. 
 
Und deshab will ich heute eben doch die kleinen Schnapsgläschen aus dem Schrank holen und meine Traubenhyazinthen feiern.  Feiert ihr mit? Sie sind bestimmt auch bei euch am wachsen. Ach, sie wachsen gerade einfach überall! 
 
 




 
 

Dienstag, 27. April 2021

Herz in die Sonne halten

                                                                       Achtung: Dieser Blogpost enthält unbezahlte aber völlig beabsichtigte Werbung!

Gestern habe ich meinen Geburtstag gefeiert. Ich habe die Nacht davor kaum geschlafen und war entsprechend müde. (dachte eigentlich ich bin aus dem Alter raus an dem man vor Aufregung über den Geburtstag nicht schlafen kann!). Und  weil es auch mein zweiter Lockdown-Geburtstag war, blieb es ein richtig ruhiger Tag - die wilden Partypläne mit einer weiteren erwachsenen Person auf Abstand haben wir dann doch nicht umgesetzt. Wir saßen zu dritt auf der Holzbank auf unserem Stückle und haben der Sonne auf ihrem Weg Richtung Westen zugeschaut.


Geburtstagskarte von Samu

 
Und hier kommt das Geschenk (also eigentlich 2 Geschenke:-))

 


Als der Rasen gemäht war und es langsam Dunkel wurde, habe ich noch ein Geburtstagsgeschenk eingeweiht: Ein Sonnenglas! (Danke!!!)

Laut Gebrauchsanweisung muß man tagsüber Sonne sammeln und dann wird es abends hell. (eine Stunde Tageslicht gibt zwei Stunden Licht in der Nacht!). Ich erfahre auch, dass dieses Sonnenglas in den Townships von Johannesburg entwickelt wurde und die Herstellung über 65 zuvor arbeitslosen Menschen aus Soweto eine Arbeitsstelle schenkt. Mein Licht wurde von Rose hergestellt. Sie hat zumindest auf der Gebrauchanweisung unterschrieben. Vielleicht werde ich mein Glas, ihr zu Ehren, mit einer Rose dekorieren. ..


Ach, am liebsten würde ich euch allen so ein tolles Sonnenglas schenken! Weil ich glaube, dass wir es in diesen Tagen so dringend gebrauchen können - das Sonnenstrahlen einsammeln! Wenn sich, trotz beginnendem Frühling, unsere Herzen manchmal so schwer und unendlich müde anfühlen, dann halten wir unser Herz doch ein bisschen an die Sonne.

Setzen wir uns mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon oder vors Haus

Betrachten wir unsere schönsten Urlaubsfotos

Lesen wir ein Gedicht oder ein paar Seiten in unserem Lieblingsbuch 

Verschnüren wir unsere Sorgen zu einem Gebet, mit einem dankbaren Gruß an den Empfänger

Denken wir einen Moment daran wie geliebt wir sind. Genau so. Mit der ganzen dunklen Oberfläche die wir Richtung Sonne strecken

Auf dass uns die Hoffnung in den Nächten nicht ausgeht! (wenn meine Berechnungen stimmen, dann schafft ein Sonnentag zwei Nächte ). 

Für Rose in Soweto. Für die Menschen in Indien und für alle anderen die gerade nach Luft ringen. Für die Schwachen und für diejenigen die heute ein wenig Halt geben können. Für die Einsamen und für diejenigen die so gerne mal ein bisschen Zeit für sich alleine hätten. Für die Sorgenvollen und die Viel-zu-Sorglosen. Für gestresste Kinder und ihre mindestens so gestressten Eltern. Für uns alle: 

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns.

Er erfülle uns mit seinem Schalom.



Mittwoch, 21. April 2021

Winkende Wolke

Ich bin vergesslich. Schreibe mir Einkaufszettel und lasse sie IMMER Zuhause auf dem Tisch liegen. Vergesse die Wäsche in der Waschmaschine (stand vorher erstaunt vor der vollen Maschine und hab vergeblich überlegt, wann ich sie befüllt habe!). Vergesse die Zeit und welchen Tag wir heute haben und beteilige mich regelmässig am derzeitig beliebtesten Volkssport: Zurück zum Startpunkt rennen, weil Maske vergessen.
Und ich vergesse das Gute! Vergesse Gottes Nähe und seine Fürsorge. Deshalb schreibe ich weiter meine Dankesliste. Ein Merkzettel auf meinem Nachttisch. Und immer wenn ich mich müde und deprimiert fühle, dann blättere ich durch die Seiten und erinnere mich:
 
3535. Bewahrung auf der Heimfahrt
 
3536.Bügeleisen von Mama
 
3537. Gottes (und Samuels) Vergebung über mein gestresstes Mama-sein
 
3538. Frühlingsluft und keine Kopfschmerzen
 
3539. Tulpen aus dem Garten
 
3540. tolle Lehrerinnen
 
3541. ein lustiges Buch aus dem Backnanger Bücherregal
 
3542. Erstes Eis des Jahres
 
3543.  Eine Umarmung 
 
3544.  Ein dankbar strahlendes Geburtstagskind

3545.  Ein winkende Wolke am Abendhimmel
 
Diese Wolke von gestern Abend bringt mich immer noch zum Lächeln. Sie erinnert mich daran, wie Gott sein Volk durch die Wüste geführt hat: Wolkensäule am Tag, Feuersäule in der Nacht. Und ich stelle mir vor, wann immer einer aus dem Volk sorgenvoll oder traurig war  - oder einfach nur nach einem schlechten Traum aufgewacht ist - hat er aus dem Zelt gespäht und die Feuersäule betrachtet. Oder die Wolke. Ein Erinnerungszeichen:  Gott ist mit uns! Wir sind nicht allein auf dieser Wanderschaft. 
Die Seiten in meinem Dankebuch sind für mich wie eine winkende Wolke: Ich bin bei euch. Ich führe euch. Tag für Tag. Den ganzen Weg, bis zum Ziel.
Das will ich nicht vergessen.
 
 



 

Montag, 12. April 2021

Ein Schatz hinterm Klavier

Nach einer Woche Osterferien, die wie im Flug vergangen sind, schalten wir heute wieder ins   Homeschooling-Programm. Ehrlich gesagt graut es mir davor. Ich fürchte, dass die Nerven innerhalb kürzester Zeit wieder blank liegen beim Versuch meine Pläne für die Woche und das Kind irgendwie passend machen - wie zwei Puzzleteile, die man leider nur mit großem Druck irgendwie passend machen kann. Ich bin stark versucht zu sehr am Leben zu ziehen, um die Wogen zu glätten - wie Jennifer Zimmermann das in ihrem Vorwort in meinem neuen Buch so gut ausgedrückt hat. Sie schreibt über diese Sehnsucht, dass das Leben doch wie ein fertiges Puzzle wäre. Dass wir einfach die richtigen Teile zusammensetzen müssen und dann läuft das schon. Mit dem Alltag. Und den Menschen, die uns oft genug die fein sortierten Puzzleteile wieder durcheinanderbringen. Aber es ist wie bei einem verhedderten Wollknäuel: Umso mehr wir ziehen, umso enger werden die Knoten. Aber, so formuliert Jenny es so wunderbar, das Beste was wir tun können, ist die Hände zu öffnen und lieben zu lassen. Sich und das ganze unsortierte Leben. Ach, genau das will ich lernen. Lieb haben lassen und lieben was ist...
Apropos unsortiert: Letzte Woche haben wir die Ausräum-Aktion in meinem Elternhaus fortgesetzt. Ganz schön viel wurde aussortiert und ist - völlig unsortiert - im Container gelandet! Heio, der Sammler, konnte kaum hinschauen. Samuel fand es klasse die Dinge mit einem gehörigen Knall aus dem ersten Stock zu werfen.
 

 
Spät abends kamen noch zwei muskelbepackte Männer aus Berlin, die gekonnt unser Klavier durchs Treppenhaus manövriert haben, um es in sein neues Zuhause ins Cafe Wundervoll zu bringen. Hinterm Klavier fand sich Staub und Dreck der letzten 50 Jahre (wie der wohl dahin kommt?) und ein vergilbtes Stück Papier. Ein Notenblatt mit der Überschrift: Wohl mir, dass ich Jesum habe! Stundenlang habe ich als Jugendliche diese Bachkantate geübt. Es war eins der Lieblingsstücke meiner Eltern und ich wollte ihnen damit eine Freude machen  Sagen wir mal so: Das Ergebnis meiner Mühe war eher mittelmässig, wurde aber wohlwollend aufgenommen.
Dieses Notenblatt zu finden, im fast leergeräumten Haus, war für mich wie ein letzter Gruß meiner Eltern. Es ist wie die Summe ihres Lebens, die unterm Strich geblieben ist. Wenn der irdische Besitz aus dem Fenster geworfen: Eins bleibt. Ein unvergängliches Erbe: Wohl mir, dass ich Jesum habe!
 
Mein Weggefährte Achim sagte es gestern so treffend in seiner Predigt:
Als Jesusnachfolger werden wir uns nicht immer glücklich fühlen, aber wir können uns immer glücklich schätzen! 

Daran will ich mich erinnern. Mitten in diesem unsortierten Leben. Wenn ich in diesen Tagen zu sehr an den Knoten ziehe (was zu befürchten ist!) will ich immer wieder aufs neue meine Hände öffnen. Durchatmen. Mich lieb haben lassen.  
 

Wohl mir, dass ich dich habe, Jesus!
 
 




Donnerstag, 1. April 2021

Der anfassbare Jesus

Nun leben wir schon ein ganzes Jahr in dieser verrückten Coronazeit. Letztes Ostern war alles noch ganz neu und irgendwie auch aufregend. Anstatt wie gewohnt mit Weggefährten am Karfreitag auf den Birkenkopf zu wandern und dort am Kreuz zusammen an Jesus zu denken, haben wir die Passionsgeschichte aufgeschrieben und an die Bäume gehängt. Wir haben einen kleinen Ostergarten im Wald zusammengestellt, am Sonntag voller Elan "Jesus ist auferstanden" auf die Straßen gemalt, den Stein vom Grab weggerollt, um dann gespannt vor unserem ersten Zoom-Gottesdienst zu sitzen. Und dieses Jahr? Fehlt mir ehrlich gesagt der Elan Ostern so ganz anders und trotzdem besonders zu gestalten. Zum Glück geht das nicht allen so. Die Kirchen an unserem Ort haben einen wunderbaren kleinen Ostergarten aufgebaut. Gestern abend bin ich noch spontan dort vorbeigegangen. Von weitem glitzerten die Weingläser auf dem Abendmahlstisch. 13 Gläser, die darauf warten gefüllt zu werden. Pessach. Erinnerung an die Befreiung aus Unterdrückung und Sklaverei. Unbekümmerte Tischgemeinschaft. Lachen und Gespräche die munter hin und her gehen. Aber auch: plötzlich ernste Fragen. Bedrückte Stille. Vorahnung einer dunklen Nacht.


Bei der nächsten Station: Herrliche Kindergedanken die mich zum Schmunzeln bringen und Gottes Vaterherz ganz  bestimmt mit Liebe erfüllen...



 

Und dann denke ich auch an die verzweifelten Gebete Jesus. Die große Angst. Ein schweigender Vater. Schlafende Jünger. Durch die dunklen Stunden kämpfte sich Jesus allein.

Ich komme an den Stationen vorbei die an Verrat, Verleugnung und Folter erinnern. Denke an meine Glaubensgeschwister für die diese Worte bittere Relität sind. Denke an Myanmar, Weißrussland und Hongkong. So viel Mut und Leid auf den Straßen dieser Welt. So groß die Sehnsucht nach Befreiung von Unterdrückung...

 

In der Abenddämmerung gehe ich weiter. Vorbei am Kreuz. Bis zum leeren Grab. Ich sehe die zusammengelegten Tücher und frage mich, wie Maria: Wo ist Jesus? Da ist so viel Unfassbares in diesen Tagen. Und so viel Sehnsucht .


Meine liebste Lieblingsstelle kommt an der letzten Station. Es ist das Lagerfeuer am See Genezareth, an dem Jesus seinen Jüngern Essen vorbereitet. Müde kommen sie an. Mit ihrem Versagen im Herzen. Ihrem Frust. Der ganzen Verzweiflung. Und da steht plötzlich Jesus am Ufer. Mit der Einladung zum Frühstück. Vielleicht weil er wusste, dass seine Jungs nach den wilden Tagen, dem Mystischen und dem Unfassbaren, etwas ganz Handfestes benötigten. Etwas Vertrautes. Wellenrauschen. Ein knisterndes Feuer. Herrlich gebratener Fisch und frisches Brot. Liebevolle Neckereien. Vertraute Gesten. Mit vollem Magen wieder voller Zuversicht, dass am Ende doch noch alles gut werden könnte. Dass die Geschichte weitergeht. Größer. Wilder. Beängstigender und besser als gedacht. 


 Es ist die Sehnsucht nach diesem "anfassbaren" Gott, die mich dieses Jahr erfüllt. Nach dem Jesus mit dem ich gemeinsam Frühstücken kann, der mit mir über Kindersprüche lacht, der uns die Tränen von den Augen wischt, der sanft die wichtigen Fragen stellt und uns übers Lagerfeuer hinweg seine Liebe versichert. Gemeinde ist für mich der Ort an dem ich das immer wieder erlebe. Jesus, mitten unter uns. Ihr fehlt mir, meine Weggefährten.
 
Am Samstag will ich zusammen mit Heio in unserem Garten ein Osterfeuer machen - so hell und groß wie in keinem Jahr zuvor (es liegen genügend dürre Äste neben der Grillstelle!).  Und dann stelle ich mir vor wie das sein wird, wenn wir uns alle wieder zusammen um eine Frühstückstafel oder ums Feuer versammeln können. Liebevolle Neckereien. Vertraute Gesten. Und wenn dann Jesus zwischen uns Platz nimmt...
 
In will in diesen Zeiten die Sehnsucht nach diesem "anfassbaren Glauben" wachhalten, wie die Glut am Lagerfeuer. Ich will darauf vertrauen, dass unsere Geschichte weitergeht. Größer. Wilder.  Beängstigender und vielleicht sogar besser als wir uns das vorstellen können.