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Donnerstag, 10. November 2022

Nicht genug.

Nach ein paar weiteren wunderbar nutzlosen Tagen (Gott sei Dank für Herbstferien!) bin ich wieder zurück am Schreibtisch. Aber der gewohnte Alltag ist noch nicht eingekehrt.  Das Kind ist seit Montag im Schullandheim. Ich zähle die Tage und Nächte bis er wiederkommt. Ich hoffe mein Sohn vermisst mich nicht so sehr wie ich ihn vermisse. Als er am Montag ganz tapfer in den Bus eingestiegen ist, mit den vielen coolen - und auch viel größeren! - Jungs, habe ich noch kurz überlegt seine Lehrerin zu fragen ob ich mitfahren darf. Heio hat mich zurückgehalten. Wir haben drei Finger in die Höhe gehalten - ein Zeichen für die drei volle Tage, die er nun weg ist. Drei Tage. Und vier Nächte. Das ist der überschaubare Zeitraum, den wir ihm vor Augen gemalt haben (leider habe ich ihm das Heimweh-Gen unserer Famile großzügig weitervererbt). Bis in drei Tagen! - so steht es auf dem großen Zettel, den er mit einem Herz ausgeschmückt, an unsere Wohnungstür gehängt hat. In Klammer: Ihr seid ja da. Ja. Wir sind da. Ach, ich liebe ihn so sehr. Ganz besonders merke ich das wenn er schläft oder grade nicht da ist. Was er wohl gerade macht? (denke ich diese Woche so ungefähr 100 Mal am Tag).

Ich versuche mich abzulenken. Nutze einen der freien Abende und folge der Einladung einer Freundin. Zusammen mit drei anderen Mamas sitze ich in ihrem Wohnzimmer und wir hören uns einen Podcast an - über Erziehungsfragen! (keine wirklich gute Ablenkung:-)) Viele gute Gedanken waren dabei, die ich fleissig mitgeschrieben habe. Was habe ich alles falsch gemacht! Seit über 11 Jahren! Wir sollten dringend für einen guten Therapeuten für das Kind sparen. Ehrlich. Ich war kurz davor die Lehrerin im Schullandheim anzurufen und sie zu bitten, meinen Sohn zu wecken und ans Telefon zu holen, dass ich mich bei ihm zu entschuldigen kann. So sehr ich auch dagegen ankämpfe: In Sachen Erziehung schwimmen bei mir die  Schuldgefühle oben drauf  wie das Fett in der Suppe. Aber unterm Fett sind meist die nahrhafte  Gedanken. Zum Beispiel, dass Gott uns immer, immer zugewandt bleibt! ER ist ja da. Denkt so viel mehr als hundert Mal am Tag an uns! Und zu ihm dürfen wir immer wieder heimkommen. Gnade und Barmherzigkeit empfangen. Ein Leben lang. Und auch  ganz am Ende der Strecke  (noch drei Tage und vier Nächte!).
Ach, wie sehr wünsche ich mir, dass mein Kind  diese Liebe Gottes in seinem Leben ganz echt und anfassbar erfährt! Und vielleicht sind es gerade die Situationen, wenn ich ihm nicht nah sein kann oder wenn ich ihm im Alltag mal wieder nicht gerecht werde, in denen er sein lebenslanges Gespräch mit Jesus beginnen wird. Vielleicht an einem Abend im Schullandheim, in dem er mit heimwehkrankem Herzen zwischen den "coolen Jungs" liegt. Oder wenn ich mal wieder die Geduld verliere und ihn nicht angemessen durch seine Not begleite. Auch wenn ich mir heute vornehme, dass das ab jetzt anders wird und mein Kind morgen einer ausgeglichenen und immer liebenden Mutter in die Arme springen wird. Ich weiß, die Realität sieht (leider) anders aus. Meine Weggefährtin Anne drückt das in ihrem Buch so wunderbar aus:
So sehr ich auch an mir arbeite und alles dafür tue, wieder und wieder werde ich denen, die ich liebe, weh tun...  Während mich meine Schuld fast erdrückt, schreie ich zu Gott, dass er mir zeigt, was ich tun soll. Dass er mir zuspricht, dass es ausreicht. Doch das tut er nicht.
Er bleibt still.
Bis ich in einem Buch folgende lese: "Du bist nicht genug."
Und da wird es nach Monaten das erste Mal ruhig in mir. Weil ich weiß, dass das stimmt. Und weil es mir keine Angst mehr macht.
Denn da steht auch: "Deshalb wird dein Kind einen Retter brauchen."
(aus: Wir feiern uns durchs Jahr, Anne Gorges, Neukirchener Verlag)
Dieser tröstlichen Wahrheit kann man eigentlich nichts mehr hinzufügen. Ich bin nicht genug. Ich brauche einen Retter. Und mein Kind auch. Wie gut, dass wir seine Ankunft bei uns Menschenkindern jedes Jahr wieder aufs Neue feiern dürfen. Es ist November. Wir kämpfen uns noch ein paar Wochen durch den Nebel. Aber die Tage bis Weihnachten kann man schon zählen.... 
 
 


 

Dienstag, 28. Juni 2022

So soll es sein.

Letzte Woche habe ich in unserer kleinen und überaus feinen Bücherei im Nachbarort einen Film entdeckt, den ich Samuel schon lange zeigen wollte: Ein Dokumentarfilm über den Schulweg von Kindern. Durch grandiose Landschaften hindurch. Durch Flusstäler Indiens (in dem ein unfassbar fröhlicher Junge von seinen zwei kleinen Brüdern im rostigen Rollstuhl zur Schule gezogen wird!) , über die Hochenene Argentiniens (auf dem Rücken von Pferden) und durch die kenianische Savanne (zwei tolle Kinder die sich jeden Tag, hüpfend und schnell laufend und nur mit einem Stock in der Hand, der Gefahr von wilden Tieren aussetzen). Am Ende des Films waren wir einfach nur tief beeindruckt von diesen Kindern. Und Samuel hat nun seinen ersten Wunsch für Weihnachten: "GENAU DIESEN FILM, Mama!" Ich bin nicht weniger  beeindruckt von den Eltern, die ihren Kindern diesen Weg zutrauen und zumuten. Man kann natürlich sagen: Was bleibt ihnen anderes übrig! Aber die Art und Weise wie sie ihr Leben annehmen und meistern, hat mich wirklich tief berührt. 
 
 
 
Und dann sehe ich unser Leben an.
 
Ich sehe ein Kind, das oft genug über die kleinsten Dinge jammert und seinen - wirklich nicht sehr gefährlichen! - Schulweg an den meisten Tagen so widerwillig geht. Langsam wird mir ehrlich gesagt schon ein bisschen Angst vor der Pubertät Ich fürchte, ich werde eine sehr schlechte Teenager-Mama sein. Und auch das:
 
Ich sehe wie schlecht ich loslassen kann. (Aufgabentrennung ist das neue Wort das ich lernen möchte: Das sind die Hausaufgaben meines Kindes und nicht meine! Zum Beispiel)
 
Ich sehe mich als nörgelnde Ehefrau. Zur Zeit leider viel zu oft!  (auch hier: Aufgabentrennung: SEIN BÜRO - SEIN CHAOS!)
 
Ich sehe wie schwer ich mir immer wieder damit tue, mich so anzunehmen wie ich bin (vielleicht das Nachbeben eines Fernsehauftritts, den ich lieber nicht gemacht hätte ;-))

Ich sehe die Wege über die ich hier gehe, die mir im Moment wieder so fremd sind (Maisfelder gab es im Schwarzwald sehr wenig!) und die mich mit einem großen Heimwehgefühl bei Gott ankommen lassen. 
 
Ich sehe meine Freunde, die gerade schwere Wegstrecken zu meistern haben. Keine wilden Tiere weit und breit und doch, sind ihre Herausforderungen nicht weniger beängstigend.
 
Egal welche Landschaften wir gerade durchwandern, vielleicht ist es tatsächlich so wie der Schriftsteller Frederick Buechner immer wieder betont: Unsere Geschichten sind so unterschiedlich, und doch sind sie es nicht!  Letztlich, so schreibt er, sind es zwei Geschichten die uns begleiten: Die Geschichte Gottes mit uns Menschen, wie er die Welt erschaffen hat, und wie er sie liebt und sie verloren ging und er dabei ist, sie zurückzuholen. Und dann ist da die Geschichte von uns Menschen. Alle auf diesselbe Art und Weise geboren. Alle mit der Aufgabe unsere Kindheit zu überleben - also die schlechten und verwirrenden und schmerzhaften Teile daran. Alle dabei rauszufinden wer wir wirklich sind. Und alle werden wir alt und krank und sterben. Und während wir unsere Geschicht leben, verbindet sich Gottes Geschichte mit der unsrigen.
 
Natürlich ist es sehr vereinfacht dargestellt, aber am Ende des Tages sind wir tatsächlich alle einfach Gottes Menschenkinder auf dem Weg sich finden, liebhaben und nach Hause bringen zu lassen. Wir alle müssen Schulwege meistern. Gefährliche Täler durchqueren. Loslassen. Und die Landschaften unseres Lebens annehmen lernen. 
A-N-N-E-H-M-E-N. So vieles entscheidet sich in diesem kleinen Wort. Darin steckt ein anderes Wort: Amen. Was so viel bedeutet wie: So sei es! Ich spreche dieses Wort ein paar Mal am Tag aus. Meistens ziemlich gedankenlos. Als Abschluss meiner Bitten an Gott. Und  man könnte es deshalb durchaus mit dem ersetzen, wie es der lustige Junge Schlunz im gleichnamigen Kinderbuch tut: Ende der Durchsage. Aber Amen ist ja so viel mehr. Freunde unserer Eltern nannten ihr Kind, das schwer behindert auf die Welt kam, Amina. So sei es. Was für eine Durchsage über einem Leben, das wunderbar einzigartig aber sicher nicht einfach ist! Für mich  klingt es nicht wie ein passive Hinnahme (man kann ja doch nichs ändern, man muß halt zu allem JA und Amen sagen) sondern es klingt fast wie eine Kampfansage: Auch wenn wir uns das Leben anders vorgestellt und gewünscht haben: Dieses wurde uns gegeben und dazu sagen wir Amen. Jeden Tag neu. Und genau das will ich lernen! Hier ist meine Aufgabe (wenn ich schon bei der Aufgabentrennung bin:-)).  Ich will mein Leben im Rahmen meiner Möglichkeiten gestalten und die schwierigen Strecken angehen - auch wenn, um die Ecke das gefährliche Pubertier lauert! Und am Ende des Tages will ich meine Hände öffnen und leise aber ganz bestimmt "Amen" sagen. So sei es. 
 
Amen. 
Zu meinem Weg.  
Zu meinem Kind. 
Zu meinem Mann. 
Zu meinem Spiegelbild (und zu den unsäglichen Fernsehauftritten). 
Zu meinen Nachbarn.
Zu den Feldern vor unserer Haustür. 
Zu dem Leben und der Strecke, die Gott mir heute zumutet.
 
Vielleicht sind wir am Ende alle zusammen auf unserem Schulweg, um genau das gemeinsam zu lernen. 

 
 

Mittwoch, 15. Mai 2019

Du schaffst das!

Heute morgen reibe ich mir die müden Augen und hoffe ich kann in der kurzen Zeit in der Samuel heute in der Schule ist etwas sinnvolles schreiben (die letzten zwei Stunden fallen leider aus  ;-)) . Das Leben ist gerade etwas überwäligend. In fünf Wochen steht unser Umzugstermin an. Das bedeutet: Ich sortiere seit Tagen unsere Sachen aus - und versuche mich auch brav, Marie-Kondo-mässig, bei jedem Gegenstand zu bedanken, bevor er wegkommt.  Langsam verschwinden auch schon größere Möbelstücke aus der Wohnung - Ebay sei Dank.  Gestern wurde unser wunderbarer Ofen weggetragen. Und in den nächsten Tagen wird auch die Küchenbank samt Tisch verschwinden. (ähh, wo werden wir dann eigentlich essen?) Ich finde den Gedanken schön, dass unsere alten Möbel nicht auf dem Sperrmüll landen, sondern in andere Wohnungen ein neues Zuhause finde. Und da sind ja auch die Dinge die wir aufbewahren und mitnehmen werden, die nun nach und nach in bereitstehenden Bananenkisten verschwinden. 
Samuel wird kommende Woche in der neuen Schule angemeldet. Er hat natürlich Angst. Und ich bin mit ihm aufgeregt. Aber ich will an das denken was mir meine kluge Freundin, die Grundschullehrerin, gesagt hat: "Es ist so wichtig, dass ihr Eltern euren Kindern auch etwas zutraut!"  Und das will ich. Ich will, dass Samuel das, bei allem Mitfühlen, aus meinen Worten hört:  Du schaffst das! Das weiß ich! Vielleicht nicht auf Anhieb. Und bestimmt werden Angstanfälle und Tränen mit im Programm sein. Manches wird schwierig. Manches wird anders. Und vieles wird auch so viel besser. Zum Beispiel wird sein bisheriges Problem, dass er seine Klassenkameraden in der Pause unter den vielen Kindern nicht finden kann, an der neuen Schule verschwunden sein. Es ist eine SEHR KLEINE Schule! Die neue Klassenlehrerin war ganz glücklich, dass noch ein Kind dazu kommt. :-)

Ja, es geht wirklich von der Stadt aufs Land. Und ich bin mehr als bereit dafür. Immer mal wieder schaue ich auf dem Handy das Foto an, das ich von unserem zukünftigen Balkon aus gemacht habe. Ach, ich freue mich schon so auf die Abende wo wir einfach dort sitzen und über die Felder schauen werden. (und keine laute Bundesstraße weit und breit!)


und die gemütliche Gartenlaube wird auch zu uns gehören!

Aber bis wir dort entspannt sitzen werden, gibt es hier noch einiges zu tun. Deshalb kann ich mich in den nächsten Wochen wahrscheinlich hier nur kurz melden. Ich werde versuchen meine - leider etwas kleine - Kraft gut einzuteilen, an den richtigen Stellen Nein zu sagen und nicht alles auf einmal erledigen zu wollen. Ich werde mir vornehmen barmherzig mit dem Mann zu sein, dem das weggeben von Dingen sehr schwerfällt (der sich aber die größte Mühe gibt!). Ich werde versuchen, meine Gedanken nicht nur mit Umzug und Pinterest-Bildern von Wohnungseinrichtungen zu füllen und bei IKEA keinen Kundenrekord aufzustellen. Ich nehme mir vor geduldig mit Samuel zu sein und ich will wenigstens einmal am Tag alles stehen und liegen lassen und gemeinsam mit ihm  auf den Fahrrädern ziellos durch die Gegend fahren. Einfach weil es wichtig ist, dass wir nicht nur effektiv unsere Tage verbringen. Zeit verschwenden ist ein ein völlig unterschätzter Bestandteil des Lebens. Finde ich.
Ja. Alles das will ich versuchen. Und ich weiß jetzt schon, dass ich in jedem dieser Bereichen auch grandios scheitern werde. Aber dann will ich daran denken was die Freundin zu ihren entmutigten Schülern sagt, wenn sie etwas nicht auf Anhieb hinbekommen: Sag nicht: Ich kann das nicht. Sag: Ich kann das noch nicht! (und mit so einer tollen Lehrerin an der Seite kann ich das auch tatsächlich glauben!) Das scheint mir ein wunderbarer Rat fürs Leben zu sein. Ein Satz der Mut macht Dinge weiter zu versuchen, auch wenn sie uns oft schwerfallen. Der selbstgesteckte Grenzen freundlich zur Seite räumt und uns Zeit zum Lernen gibt. (Angstanfälle und Tränen inbegriffen).  Ein Satz aus dem Barmherzigkeit tropft, der Raum für zweite Versuche gibt, für Versöhnungskuchen, heilige Bitte-hilf-mir-Gebete und für einen Neustart in der zweiten Hälfte unserer Tage. Es ist ein Satz hinter dem ich das Flüstern eines liebenden Gottes höre, für mich, für Heio und Samuel, für jeden von uns, der gerade vor Herausforderungen steht :

Ich trau dir das zu!  

Du schaffst das!  

Ein Tag nach dem andern. Eine Kiste nach der anderen. Ein Schritt vor den nächsten. MIt Gott an unserer Seite. Und dann, plötzlich, ist es geschafft.


Bewahren. 
Aussortieren. 
Loslassen.
Und danach 
den Staub aus den Kleindern schütteln,
den freien Raum betrachten,
und das Lächeln von den auffangen 
der Neuanfänge liebt.

(aus: Warum ich da noch hingehe)

 



Mittwoch, 16. Januar 2019

Angst oder Hingabe

Das neue Jahr fängt bei uns etwas überwältigend an. Eine größere Entscheidung steht an und meine Stimmungslage schwankt zwischen zuversichtlichem Vertrauen und angstvollem Kopfkino. Dann hat mich noch eine heftige Halsentzündung lahmgelegt. Samu leistet mir Gesellschaft und liest aus seinen Autobüchern vor. 


Ich sage euch: Es ist ziemlich einschläfernd wenn ein Zweitklässler dir mit monotoner Stimme Fakten über die schnellsten Autos der Welt vorliest. (und nach ein paar Sätzen immer das Wissen abgefragt wird von welchem Auto man denn nun besonders beeindruckt ist. Und warum. Also abschweifen geht gar nicht!) Dazwischen muß er dann auch mal kurz in die Schule, was er weinend tut, um dann so eine herzerweichende Nachricht vor meiner Schlafzimmertür zu hinterlassen:

Heio sagt: er war nicht krank, er hat sich nur so gefühlt - wahrscheinlich weil ich krank war :-)
Heute morgen ging es mir endlich etwas besser. Zur Feier des Tages haben wir Pancakes zum Frühstück gemacht. Freudig legt sich Samu drei Stück in die Vesperdose. Trostessen für die Pause. Er schnallt sich den schweren Schulranzen auf, kämpft, wie jeden Morgen, gegen die Angst zu spät zu kommen und irgendwelche Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. Er wirft einen Blick auf seinen Stundenplan und seufzt. Dann verabschiedet er sich tapfer mit einem Kuss. "Aber du musst noch winken, Mama!" Macht die Mama. Ich stehe am Fenster, sehe ihn die Straße überqueren und wir winken uns so lange es geht. Dabei läuft er ganz langsam rückwärts, um mich keine Sekunden aus den Augen zu lassen. Bis er widerstrebend hinter einem großen parkenden Auto verschwindet. Obwohl ich ihn nicht mehr sehe weiß ich, dass er sich dann umdreht und schnell Richtung Schule rennt. Und wenn er von weitem seinen Freund erspäht ist alles gut. Dann stürzt er sich ins Leben und kommt mittags als großer Zweitklässler zurück, der seinen Ranzen in die Ecke pfeffert und munter fragt was es denn zum Essen gibt. Eine erstaunliche Verwandlung, die ich jeden Tag beobachten darf. 
Gestern habe ich in einem Buch den Satz gelesen: Man kann im Leben zwischen Angst und Hingabe wählen.  Das gefällt mir. Auch wenn ich mich ganz oft am liebsten unter der Bettdecke verkriechen würde - da ist etwas was mich ins Leben ruft; was mir sagt, dass da draußen meine Geschichten auf mich warten, dass ich mich winkend von Geliebtem und Vertrautem verabschieden darf um dann ein bisschen gewachsener zurückzukehren.
Manches kostet mich richtig viel Überwindung.  Manche Wege erfordern nur ein wenig Mut. Die Nachbarin einladen. Den Anruf erledigen. Den Termin absagen. Endlich das ehrliche Gespräch führen. Entschuldigung sagen. Ein Seminar besuchen auf dem ich niemand kenne. Einen lang gehegten Traum angehen. Zum Arzt gehen. Eine Freundschaft bewusster suchen...
  
Angst oder Hingabe. Beides ist in mir. Ich kann wählen.Jeden Morgen neu.

Jesus, wenn du um die Ecke auf uns wartest, dann schenk mir Mut! 

Dienstag, 7. November 2017

Warum ich ein bisschen wengier "Tante Erna" sein will

Heute morgen ist mein Mutterherz ein wenig schwer. Samu hatte einen tränenreichen Start in die Schulwoche. Ich habe es schon befürchtet. Immer wieder hat er in den Herbstferien sorgenvoll gefragt: "Mama, wann muss ich wieder in die Schule gehen?" und freudig gestrahlt wenn er erfahren hat, dass  ihn noch ein paar Nächte von diesem  Tag des Schreckens trennen. Nun aber war es soweit: Ferien vorbei, Ranzen packen - es geht in die Schule! Wie ein Mückenschwarm umkreisen viele kleine Ängste und Sorgen die Kinderseele: Was wenn die Lehrerin mit mir schimpft? Wenn ich zu spät komme? Wenn ich weinen muss, weil ich die Hausaufgaben nicht verstehe? Wenn der Relilehrer wieder nicht weiß, dass ich nach der Schule nach Hause darf und mich in den Hort schicken will? (mit Entsetzen hat er neulich in einer Liedzeile vernommen, dass Gott unser Hort ist - das klingt in seinen Ohren wie eine Drohung! ;-)) Um es kurz zu machen: Es war ein tränenreicher Abschied am Schultor. Und wie der kleine Kerl so ganz alleine und leise schluchzend auf die große Schule zugesteuert ist, wäre ich ihm am liebsten nachgerannt mit den Worten: "Ach komm, du darfst wieder mit mir nach Hause gehen. Wir finden eine andere Lösung, wenn dir das hier solche Angst macht."
Ich muss da immer an meine Großtante Erna denken, die nach dem ersten Tag im Kindergarten ihren Sohn gefragt hat ob es ihm denn gefallen hat. Auf seine verneinende Antwort hin meinte sie einfach kurz: "Dann musst du auch nicht mehr hingehen." Damit war die Sache mit dem Kindergarten für ihn gegessen. Das nenne ich mal eine schnelle Problemlösung. Haha. Aber leider funktioniert ja das im Leben meistens nicht so. In unserer wunderbaren und gefallenen Welt beginnen ganz viele Tage mit angstvollen Gedanken und großen und kleinen Schwierigkeiten, an denen kein Weg vorbeigeht. 
Ich gestehe: Ich würde die Sache ganz gerne im Tante-Erna-Style lösen. Zumindest scannt mein Gehirn sofort die Suche nach Problemlösungen ein. Wie könnte ich das Ganze für ihn leichter machen?  Nichts gegen Problemlösungen und erleichternde Maßnahmen (und eine richtige Schulangst ist definitiv ernstzunehmen!) aber ich ahne, dass an erster Stelle jetzt die große Herausforderung steht, das Leben, wie es nunmal ist, zu bejahen. Manchmal gelingt das auf Anhieb, manchmal muss man ein Stück Weg dazu gehen. Und vielleicht braucht der kleine Sohn dieses morgendliche Kämpfe, die Auflehnung, um zu seinem JA zu kommen. Und für diese Wegstrecke braucht er eine Mutter, die ihm diese Kämpfe zutraut und sie mit ihm aushält und die nicht innerlich schon nach Lösungen sucht, wie alles einfacher werden könnte.  
Ach, wie gerne bin ich diejenige die bei Lösungen hilft, die Situationen auflösen, oder zumindest leichter machen kann. Für Freunde und Weggefährten, die durch schwere Zeiten gehen. Für Probleme aller Art: Ich bin für die schnelle Lösung! Ich bete gerne um ein kraftvolles Eingreifen Gottes, das die Schwierigkeiten mal eben so beseitigt.  Und dann denke ich an den Satz von Paul Tornier: 
 Der mühevolle, oft mit Mißerfolgen gepflasterte Weg, wird uns zum Menschen erziehen.
Das ist ein ganz schöner Brocken, den dieser Schweizer Psychotherapeut da zu schlucken gibt. Aber vielleicht steckt hier mehr Wahrheit und Nahrung für unser Leben drin, als in den vielen gutgemeinten Sätzen, die darauf abzielen unser Leben leichter zu machen. Passend dazu höre ich gestern eine Predigt von Johannes Hartl, in der er die Sorgen von manchen  Älteren (und wahrscheinlich vielen Eltern) beschreibt: Ach, wir dürfen unsere jungen Leute doch nicht so überfordern!, und er antwortet darauf: "Wir überfordern sie nicht, wir rufen sie zur Größe!" Wow. Vielleicht geht es tatsächlich darum: Gott ruft uns zur Größe! Er erzieht uns zu Menschen die mitfühlend, mutmachend, ausdauernd hoffnungsvoll, und mit weitem Blick nach vorne durchs Leben gehen. Das wünsche ich mir für Samu. Für mich. Für uns alle. Und da gibt das Leben mit all seinen Herausforderungen manchmal genau die richtigen Zutaten dazu.
Deshalb: auch wenn es mir wirklich, wirklich schwerfällt, ich will mir vornehmen, ein bisschen weniger "Tante Erna" zu sein. Nicht nach schnellen Lösungen und Abkürzungen suchen; keine einfachen Erklärungen und Beschwichtigungen warum der schwierige Weg bestimmt nicht der Weg Gottes ist. Ich will dieses Leben meinem Sohn, und den Freunden die gerade am kämpfen sind, zutrauen. Vielleicht ist dieses Erleben, dass wir schwierige Zeite durchstehen können und mit Gottes Hilfe zu Überwinder werden, so viel wichtiger als ich das ahne. 
Ich will lernen auch auf die Tage anzustoßen, die unter Tränen beginnen. L`chaim! Auf das Leben, das unseres ist. Hier und heute. Darauf, dass Gott mit uns ist, und uns am Ende des Tages zu Überwindern macht.




Heimatdorf von Tante Erna und von mir





Weitsprungkontest für Überwinder:-)

Hasensprung...

nur Waldmaussprung- aber mit hohen Absätzen!

Lesung mit Hustenanfall -  schön wars bei  euch!!!
auf allen deinen Wegen, geht dein guter Vater mit.

Montag, 25. September 2017

Wenn Jesus mit uns reden könnte....

Wir sitzen auf dem Balkon und feiern die erste überstandene Schulwoche mit Samus Lieblingsessen: Spinat, Kartoffelbrei und Fischstäbchen (was bin ich froh, dass ich ihn mit so einem einfachen Essen glücklich machen kann!). Da steigt uns, neben den gestreiften Fischresten noch ein anderer Geruch in die Nase. Ein Fuchs scheint mal wieder seine Revier in unserem Garten markiert zu haben. Igitt. Wir essen trotzdem erst mal tapfer weiter und Samu meint: „Mama, wenn Jesus mit uns reden könnte, dann könnte er uns jetzt bestimmt sagen wo der Haufen liegt."
Ach, ich liebe es, wenn sich mitten im hunds-oder besser fuchsgewöhnlichen Alltag ein Moment auftut, in dem wir über Dinge reden können die vielleicht fürs Leben richtig wichtig sein können. (und die Zeit in der er die Weisheiten seiner Mutter bereitwillig und staunend aufnimmt schmilzt in den nächsten Jahren wohl schneller als die Polarkappen!) Also ergreife ich die Chance, erkläre ihm, dass Jesus gerne mit uns redet, dass es manchmal wie ein freundliches Flüstern in unsere Gedanken ist und dass wir ganz langsam lernen den Klang seiner Stimme ein bisschen besser zu erkennen. Und während ich ihm das so erkläre ist auch ein kleiner Teil in mir der leicht hysterisch denkt: Bist du dir da sicher? Redet Gott wirklich? Oder ist das der Moment in dem du deinem Sohn zu Dialogen mit einem imaginären Freund ermutigst – und wir wissen ja wo sowas enden kann!  Aber ist es nicht genau das was ich glaube? Wenn Jesus lebendig ist, mitten im Alltag, dann redet er doch auch zu uns, oder? Also erkläre ich Samu weiter, dass er einfach Jesus bitten kann, dass er seine Stimme hören darf. Er nickt freudig, macht die Augen zu und betet leise. Wir essen genüsslich weiter. Das Thema scheint erstmal erledigt. Beim Nachtisch sagt er plötzlich: „Ich glaube jetzt hat Jesus was gesagt!“ „Was denn?“, frage ich neugierig. „Hallo Samuel!“ sagt er strahlend. Ach, wie schön.



Einige Zeit später. Ich schlage mich mit dem Unkraut im Garten rum, damit der Fuchs weiß, dass hier NICHT sein Revier ist!  Samu fährt lärmend mit seinem alten Bobbycar hin und her (wir haben es leider gekauft bevor wir von der absolut segensreichen Erfindung von Flüsterrädern erfahren haben!) Ich bin schon echt angenervt und will ihm gerade den fahrenden Untersatz entreißen, da ruft er fröhlich und GANZ LAUT (man muss ja schließlich den Lärm übertönen): „Mama, ich glaube Jesus hat gerade wieder was zu mir gesagt!“ Aha. Ich werfe einen leicht nervösen Blick auf die offenen Fenster der Nachbarn. „Was denn?“ „Mach weiter! Ich hab dich lieb!“ Na bravo. Ich muss lachen. Und irgendwie kommt mir die Stimme schon bekannt vor. Zu mir sagt sie nämlich auch ganz oft sowas wie: Hallo Christina, ich hab dich lieb! Klar, ich war auch schon tief enttäuscht davon, dass sich etwas, was ich meinte von Gott zu hören, dann doch eher als mein eigener Wunschgedanke herausgestellt hat. Und trotzdem: Ich erlebe es immer wieder, dass Jesus redet. Auf die verschiedensten Arten. Und ganz oft über dieses sanfte Flüstern in meine Gedanken. Und ich muss an einen Satz von der wunderbaren Melissa Helser denken die sagte: "Ich will, dass meine Kinder lernen nicht nur auf mich zu hören, sondern dass sie mit der Stimme von Jesus vertraut werden, weil sie ihn – im Gegensatz zu mir - ein Leben lang brauchen werden."
Wie wahr. Ja, er soll auch lesen lernen. Und schreiben. Und freundlich sein. Alles wichtig fürs Leben. Aber am allermeisten wünsche ich mir, dass er Jesus kennenlernt, dass er lernt auf seine Stimme zu achten, mitten im Alltag. Es gibt so viele Stimmen die uns kaputt machen, antreiben, anklagen, klein reden....und da ist diese eine Stimme, die so oft einfach unseren Namen voller Liebe sagt, die uns ganz lebendig und froh machen kann! Diese Stimme wahrzunehmen und ihr mehr zu glauben und zu folgen als allen anderen - das scheint mir das Allerwichtigste was man lernen kann. Und da drücke ich mit dem kleinen Sohn gemeinsam die Schulbank. Ein Leben lang.

 You have one single Teacher, and you are all classmates. 
Jesus in  Matth. 23,8 (the message)

Montag, 6. März 2017

Hungrig im Keller

Es gibt so Momente im Leben, da würde ich am liebsten vor lauter Frust den Kopf rhythmisch auf die Tischkante hauen! Kennt ihr das? So ging es mir jedenfalls letzten Sonntag:
Anstatt in meine kleine, wunderbare Gemeinde zu gehen, habe ich mich, mit Samu im Schlepptau, auf den Weg zur Kirche meiner Schwester gemacht. Sie hatten einen interessanten Gastprediger, den ich so gerne mal hören wollte. Und außerdem ist dort eine tolle Kinderbetreuung mit vielen Spielsachen, direkt neben dem Gottesdienstraum. Ich war mir sicher: Samu würde da gerne mit den anderen Kindern bleiben. Bevor ich losfuhr sagte ich zu Heio ganz glücklich: "Ach, ich freu ich. Einfach mal wieder wo reinsitzen und auftanken. Ich brauche das jetzt so sehr!" Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte: genau an diesem Sonntag fand zum ersten Mal eine Kinderbetreuung für die "Großen" (ab 5 Jahre) statt - in einem Kellerraum!  Und während ich mit Samu den Weg dorthin durch ein dunkles Labyrinth von Gängen lief, wurde mir klar: hier unten bleib er niemals alleine! Hier unten würde ICH niemals alleine bleiben!  Hier erwartete uns auch keine wilde fröhliche Kindergruppe, stattdessen saß da noch ein einsamer Vater, von seiner ängstlichen Tocher fesgeklammert, auf dem Sofa. Ein Leidensgefährte. Wir sahen uns in die Augen uns wussten: hier kommen wir nicht wieder raus, ohne unsere Kinder. Und während oben die Predigt gehalten wurde, auf die ich mich so gefreut hatte, saßen wir im Keller und spielten die Geschichte vom verlorenen Schaf nach. Mäaaah. Ich hätte heulen können, so frustriert war ich. Und so hungrig.

Wahrscheinlich war das dann der Grund, dass ich mich ein paar Tage später, trotz absoluter Müdigkeit, auf den Weg zu einem Abendgottesdienst gemacht habe. Meine Schwester hatte mich begeistert informiert, dass dort ein wunderbarer Gastprediger aus Amerika sein würde, der auch immer wieder direkte Worte von Gott für die Zuhörer bekommt.  Eigentlich stehe ich gerade nicht so auf amerikanische Gastredner. Aber ich war hungrig! Und sowas von bereit. Jesus, wenn du mir was sagen willst - hier bin ich! Bring it on!!!  Die Gruppe war auch nicht so groß, also rechnete ich mir gute Chancen aus mit einer Prophetie in der Tasche nach Hause zu gehen. Allerdings saß ich direkt hinter einem Pfosten, so dass ich den Prediger nicht sehen konnte - und der sah mich natürlich auch nicht! Mein Schwager, der zwei Plätze neben mir saß, NICHT hinter einem Pfosten, bekam eine ermutigende Botschaft. Ich gönne es ihm. Ehrlich. Aber ich bin schon ein bisschen deprimiert nach Hause gefahren (und tröstete mich mit dem Gedanken: wenn das ein echter Prophet gewesen wäre, hätte er mich durch den Balken hindurch gesehen! Haha.)

Und dann war ich am Samstag bei meiner Mutter im Schwarzwald. Was ich nicht wusste: in meiner Heimatkirche, direkt neben meinem Elternhaus, war an diesem Samstag ein Tagesseminar mit Johannes Hartl. Einer meiner Lieblingsprediger! Die Kirche stand offen, jeder konnte dazukommen. Aber ich wusste: mit Samu zusammen macht das keinen Sinn (und meine Mutter ist leider nicht mehr so fit, dass sie ihn alleine beschäftigen könnte) Also ging ich mit meinem Sohn auf den Spielplatz, mit der Bibel in der Tasche, und war dort mit Sicherheit die frustierteste Mutter der Welt!!! 
Ich weiß, alles nicht so dramatisch. Und - dass ihr keinen falschen Eindruck bekommt: ich renne normalerweise nicht ständig irgendwelchen "wichtigen" Christen hinterher. Überhaupt nicht. Aber manchmal staut sich in mir so ein Hunger nach Gott an und ich habe das Gefühl ich finde ihn einfach nicht.  Oder ich sitze hinter einem bescheuerten Pfosten und er sieht mich nicht!

Gestern habe ich dann in unserer Gemeinde gepredigt. Seit langem mal wieder. Über die Geschichte wie Maria und Joseph ihren 12-jährigen Jesus verloren hatten und drei Tage lang (!!!) nach  ihm suchen mussten, bis sie ihn wiederfanden. Ich predigte darüber wie wir Jesus "verlieren" können und ihn manchmal einfach nicht finden und uns fragen wann und wo wir ihn zum letzten Mal gesehen haben. Und während ich gepredigt habe, hat mich so eine unglaubliche Sehnsucht nach Jesus erfasst! Es war, als hätte GOtt die ganzen Tage zuvor trockenes Holz in meinem Herz aufgeschichtet um jetzt einmal kurz reinzupusten und das Ganze zum Brennen zu bringen. Alles in mir war Sehnsucht. Alles was ich sagte war so voller Hunger. Nach der Predigt war ich naßgeschwitzt, wie nach einem 1000-m Lauf!
 Und dann feierten wir gemeinsam das Abendmahl. Ich nahm den Traubensaft und das Brot aus den Händen meiner Weggefährten und es hat so wunderbar geschmeckt, als hätte ich seit drei Wochen nichts gegessen. An dieser kleinen Tafel hat Gott mich leise lächelnd wieder satt gemacht.

Ich glaube manchmal braucht Gott uns hungrig. Manchmal nimmt er unsere ganze Verzweiflung. Unser Warten. Unsere Sehnsucht. Unseren Frust. Manchmal lässt er es zu, dass wir hungrig von seinem Tisch aufstehen, dass wir hinter Balken sitzen und in einem Kellerloch feststecken und nur noch "Mähhh" rufen können. Und dann wird unsere Sehnsucht irgenwann zu Feuer, weil er mit seinem Geist in unser Herz bläst.  Und dann findet er uns wieder. Und macht uns satt. Alle zusammen. Mit nur einem kleinen Schluck Saft und einem Brocken Brot.(und dass ICH von so etwas satt werde ist wirklich ein Wunder!)

An alle Mamas, die hungrig auf den Spielplätzen der Welt sitzen: Das ist besonders für euch!!!!  Gott vergisst uns nicht. Am Ende ist er IMMER der Gott der uns sieht. Und der uns, manchmal nach langem Warten, wieder satt macht. Und dazwischen segnet er uns mit Sehnsucht....


Dienstag, 25. Oktober 2016

Schweden ist viel mehr als nur IKEA !


Zur Zeit sitze ich morgens an meinem zweiten Buch, was bedeutet: Ich schreibe gerade viel und wenn ich nicht schreibe dann laufe ich gedankenversunken durch die Gegend (man sollte Menschen die ein Buch schreiben das Autofahren wirklich verbieten - gestern bin ich schon wieder an der richtigen Ausfahrt vorbeigedüst, da hat auch die Vollbremsung nichts mehr genutzt) Es geht mir einfach so viel durch den Kopf das ich dringend ordnen muß. Zum Glück habe ich ja meinen Blog und Euch, meine geschätzten Leser. Also, die Frage die mich im Moment beschäftigt ist folgende:

Wie kann ich mit meinem Kind über Jesus und meinen Glauben reden, dass es für ihn so vertraut und real wird wie unsere abendliche Umarmung und dass es ihn gleichzeitig so neugierig, wach und voller Fragen macht, wie der letzte Tag vor Weihnachten?



Wenn ich an meine christliche Kindheit denke dann gibt es im Rückblick eine Sache die ich schwierig finde: Wir bekamen ständig Antworten auf Fragen, die wir uns noch gar nicht gestellt hatten. Manche Fragen habe ich nie (oder viel zu spät) gestellt, weil die Antworten schon fertig in meinem Schoß lagen. Ich habe manche Geschichten nie angefangen zu leben weil mir das Ende schon erzählt wurde. Vielleicht war das Problem nicht die Antworten an sich, sondern dass sie schon so fertig daherkamen. Sie haben mich nicht auf meine eigene Suche geschickt. 

Vor einigen Tagen war ich mit Samu beim IKEA. Wir haben das Glück, (Heio würde sagen das Pech!) dass er bei uns ja fast um die Ecke liegt. Ich habe mit Samu einen gemütlichen Nachmittag dort verbracht. Wir waren schwedisch essen und haben ein paar Kleinigkeiten besorgt. Kurz vor der Kasse konnte ich es mal wieder nicht fassen wieviele "Kleinigkeiten" wir im Wagen hatten und sortierte die Hälfte wieder aus. Alles in allem war es ein schöner Ausflug nach Klein-Schweden.
Inzwischen weiß Samuel, dass ich das Land toll finde - dass er sogar dort entstanden ist - aber wir waren noch nie zusammen da. Ich könnte ihm nun beim IKEA und ein paar Köttbullar erklären: „Samu, genau das ist Schweden!“ Das wäre ja nicht total falsch - ich habe in Schweden tatsächlich öfters diese leckeren Fleischbällchen gegessen - aber Schweden ist noch viel mehr: Es beginnt mit einer langen Autofahrt, einer Fähre (oder eine lange Brücke), mitten hinein in wilde Landschaften und endlose Straßen auf denen Tiere auftauchen können die einen das Staunen und Fürchten lehren. Schweden sind kalte, dunkle Winternächte, Elchjagd, heiße Suppe und stille Seen die man auf Kanus durchqueren kann. Ich weiß es, ich war schon öfters dort. Schweden ist so viel mehr als ein Fleischklops auf dem Teller bei IKEA oder ein kleiner Michel-Film. Das sind höchstens Dinge, bei denen ich ein bisschen seine Neugier und Liebe zu diesem tollen Land wecken kann



Und (ich hoffe dass ihr meinen etwas wirren Gedankensprüngen hier folgen könnt) ich wünschte die Kirche würde es schaffen - nein ICH würde es schaffen! - meinem Kind die Glaubenswahrheiten nicht als Fertigessen zu servieren sondern wie ein kleiner Appetitanreger, wie eine Postkarte die Fernweh in ihm auslöst, ein Hinweis auf ein fernes Leuchten, das ihn ermutigt sich mit klopfendem und fragendem Herzen und erwartungsfrohem Blick auf den Weg zu machen. Hinein in sein eigenes Abenteuer, in wilde, ferne Landschaften, in denen er Gott auf die Spur kommen kann.




Ich wünsche mir so sehr, dass ich Samu eine Sehnsucht nach Jesus mitgeben kann,
das sich wie Fernweh und Heimweh zugleich anfühlt, 
wie ein Geheimnis das man unbedingt ergründen will, 
wie eine Fährte der man folgen will.

Wer Gott auf die Spur kommen möchte, begibt sich auf grosses, weites Land,
in dem man oft mehr Fragen als Antworten hat, 
das man niemals durchwandern kann, 
und über das man ein Leben lang staunen kann.

Ich ahne, dass meine eigene Reise mit Gott ganz entscheidend das Bild prägt, das mein kleiner Sohn von diesem Land bekommen wird. Deshalb will ich jeden Tag mit offenem Herzen zu Jesus kommen, mit all meinen Fragen und wirren Gedanken und das vertraute alte Buch aufschlagen mit der Bitte: "Jesus, bring mich zum Staunen!"

Und eines Tages werden wir das Auto beladen und zusammen nach Schweden fahren. ich werde Samuel meine vertrauten Orte zeigen und wir werden gemeinsam neues entdecken und dieses wilde, wunderschöne Land genießen. Ich hoffe es wird auch sein Lieblingsland.





Dienstag, 11. Oktober 2016

Wir wollen mutig sein.

 Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da!!!! Herzlich willkommen - du meine Lieblings-Jahreszeit! 





Im Killesbergpark wird wieder  die schönste Dahlie gewählt (wie soll man sich denn da bitte entscheiden?) und Samu sammelt wieder Unmengen an Blättern und Kastanien.

Auf dem Weg zur Kita ist der Blick nach oben einfach zum Staunen!



Und auch der Blick zum Werbeplakat an der Seite macht mich froh. Ich finde manche Dinge muß man einfach richtig stellen.


Das bringt mich dazu darüber nachzudenken (nur mal ganz theoretisch ;-)), dass man als Mama eigentlich die besten illegalen Aktonen durchziehen kann. Man ist erstens total unauffällig unterwegs - auf einem Fahrad mit Kindersitz - und zweitens ist man oft zu einer Zeit wach in der alle anderen noch schlafen. 
Eigentlich schade, dass man in einem Alter in dem man richtig mutig sein könnte (weil man nicht mehr so viel darüber nachdenkt was andere denken) entweder zu müde ist um vom Sofa hochzukommen oder das Leben einem doch schon den Schneid abgekauft hat. 
Das sind so meine Gedanken wie wir am Sonntag zu Freunden zum Kaffetrinken fahren. Wenn kein Gottesdienst bei uns ist, laden sie einfach die Gemeinde zu sich nach Hause ein. Und es ist jedes Mal eine total schöne Zeit. (nicht nur deshalb weil die Gastgeberin die weltbesten Kuchen backen kann!)


Während die Kinder das übliche Chaos anrichten sitzen wir Eltern und ein paar Singles zusammen und unterhalten uns über Gott und die Welt. Wir kommen auf das Thema Schule zu sprechen. Ich äußere meine Bedenken ob wir Samu nächstes Jahr in der Grundschule um die Ecke einschulen sollen. Sie hat  nicht den besten Ruf, der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund ist sehr hoch, jetzt kommen noch die Flüchtlingskindern dazu und die Lehrer sind ziemlich überfordert. Unser Nachbarsjunge hat schon in der ersten Klasse die Schule gewechselt, weil seine Lehrerin ständig krank war. Während ich also meine Bedenken äußere, und die anderen Eltern verständnisvoll nicken, sagt neben mir eine Freundin (die keine Kinder hat) : "Wäre es nicht toll wenn ihr trotzdem da hingeht? Wenn ihr Teil davon seid? Wenn Samuel mit diesen vielen Nationen aufwächst? Warum sollte eine andere Schule besser für ihn sein? Man kann sich doch nicht einfach rausziehen, wenn es schwierig ist..." In mir regt sich der Widerspruch. Ich denke, dass ich auch so gedacht habe als ich noch Single warAber eigentlich bin ich total dankbar für die Worte der Freundin. Weil sie mich darüber zum Nachdenken bringen, dass ich ja eigentlich mutig leben will und Samuel das Leben, so wie es ist, auch zutrauen möchte.
Heute lese ich bei Brene Brown: 

Mut ist so etwas wie eine Gewohnheit. Es ist wie schwimmen lernen indem man schwimmt. Man erlernt Mut indem man mutig ist.

Ich will mir diese Gewohnheit aneignen. Mitten im Alltag. Mit über 40 Jahren. Ich will ein bisschen Vorbild sein. Ich will aus vollem Herzen leben. Will Schwächen zugeben. Verletzlich sein. Schwierigkeiten angehen anstatt sie zu vermeiden. Neues ausprobieren. Widersprechen wenn man etwas nicht einfach so stehen lassen kann. Und ich will mich darin üben Samuel loszulassen. Jeden morgen auf`s Neue. Nein- ich will ihn nicht unvorbereitet ins kalte Wasser schmeißen, aber ich will ihm das Schwimmen beibringen, will ihm Schwimmflügel und jede Unterstützung geben, die ich habe und ihm vom Beckenrand aus Mut machen.  Ich will ihm das Leben zumuten, will ihm zutrauen, dass er seine Kämpfe kämpfen kann, mit Schrammen und blauen Flecken, Enttäuschungen und allem was dazugehört. Ich will ihm das Erlebnis schenken, dass er auch mutig sein kann, dass man schlafen kann auch wenn man Monster unterm Bett vermutet, dass er schwierige Dinge lernen kann und dass das Wasser ihn trägt. Ich will das mit ihm zusammen üben bis wir im nächsten Jahr mutig genug sind für die Schule. Egal welche es dann sein wird.

 Here is the world: 
Beautiful and terrible things can happen. 
Don`t be afraid.
                                               F. Buechner