Mittwoch, 26. November 2025

Bereit für den Advent?

Am Sonntag beginnt die Adventszeit. Jedes Jahr aufs Neue fühlt es sich so an wie mit einem Besuch, der sich schon lange angemeldet hat und dann doch gefühlt völlig überraschend und viel zu früh an der Tür steht. Allein der Gedanke an sein Erscheinen versetzt mich in Stress, weil mir so viele Dinge einfallen, die ich eigentlich erledigen wollte BEVOR er auftaucht: Geschenke besorgen, Weihnachtskarten schreiben oder den Keller aufräumen, damit ich an die Weihnachtsdeko komme. 

 Das ist der "aufgeräumte" Keller (wir haben 2 Räume, fragt nicht wie der andere aussieht!)

Dieses Jahr wollte ich mir die Adventszeit richtig freihalten,  aber beim Blick in den Kalender muß ich feststellen, dass sich schon wieder so viele Termine in die vier Wochen drängen, dass ich jetzt schon Schnappatmung bekomme. Das kann ja wohl nicht sein, sag ich mir. Ich freu mich doch eigentlich sehr auf den adventlichen Besuch!  Ich liebe diese Zeit vor Weihnachten! Vier Wochen in denen wir eine Kerze nach der anderen anzünden werden und uns daran erinnern, dass es an keinem Ort dieser Welt ewig Dunkel bleiben wird! 

Für mich ist es die Zeit, in der wir, die Jesusleute, die Hoffnung hochhalten. So trotzig und rebellisch wie der Teenager, den wir hier Zuhause haben.  Heute morgen bekam der Sohn eine Nachricht über WhatsApp  von seinem Freund. Darin stand: 

Ich hab Impuls, Trägheit und Kraft.  

Es ging vermutlich um die Aufschriebe für die Physikarbeit, aber ich finde es die passendste Beschreibung die ich jemals über einen pubertierenden Jungen gelesen habe - und das nur in drei Worten! :-)  Ich ahne jetzt schon, dass das mit der adventlichen Stimmung in diesem Jahr bei uns ein bisschen holprig wird. Aber es sind ja noch ein paar Tage bis zum 1.  Advent. Deshalb will ich mir jetzt und hier ein bisschen Zeit nehmen und überlegen  wie ich dem Besuch - der Heil und Segen für uns getriebene Menschenkinder im Gepäck hat! - in diesem Jahr angemessen Raum geben will: 

 

Ich will versuchen nicht alle Einträge in meinem Kalender als Termine zu sehen, die ich erledigen muß (schwäbisch gesagt: Wegschaffa!) 

Das ist ein Gedanke den ich auch bei dem Soziologen Hartmut Rosa gehört habe. Laut Rosa stehen wir in einem agressiven Verhältnis zur Welt, weil wir die meisten Ereignisse in unserem Alltag als "zu erledigen" einstufen. Auf unseren To-Do-Listen stehen Dinge, die Generationen vor uns niemals aufgeschrieben hätten. Selbstverständlichkeiten wie waschen oder putzen, oder auch schöne Dinge wie Weihnachtsessen, Spaziergang mit der Freundin oder der Eheabend (ich schreib manchmal sogar Zeit mit Jesus drauf). Die Folge ist, dass wir all diesen Dingen gegenüber das Empfinden haben: Wir müssen es abarbeiten. Einen Haken dahinter machen. Das hat mich sehr angesprochen und ich will das gerne ändern. Ich versuche es mal damit, indem ich die guten Dinge auf eine Extraliste schreibe, unter der Überschrift: Schön! 💛.  Und bei den Arbeiten im Haushalt will ich auch darauf achten, was ich mit Muße erledigen kann (s. letzter Blogeintrag). Ich merke: "Termine" sind einfach mein Leben. Kleine Aufgaben. Interessante Begegnungen. Schöne Gelegenheiten. Ruhiges Arbeiten. Und schon wirkt die Adventszeit ein bisschen lichter. 


Ich will Ausstecherle backen 

Wie in jedem Jahr sind das die einzigen Weihnachts-Bredle (so sagt der Schwarzwälder! Nicht Guatzle - das sind Bonbons!) die ich in den Ofen schieben werde. Weil sie mich an meine Mama erinnern und weil keine anderen in meinem Repertoire sind. Mit Muße will ich die Herzen und Sterne formen und ein ganzes Blech für den Freund verbrennen lassen, der nichts so sehr liebt wie verbrannte Bredle.


 

 

Ich will mir einen Adventskalender schenken 

Während unser Sohn seinen Schoko-Adventskalender wahrscheinlich wieder in den ersten Tagen plündern wird, will ich  jeden Morgen ein paar gute Worte lesen. In diesem Jahr freue ich mich sehr auf den digitalen Adventskalender der wunderbaren Autorin Annette Penno. Sie hat mir den link mit den Worten zugeschickt, dass sie besonders für alle diejenigen schreibt die müde, traurig, krank oder sonstwie vom Leben gebeutelt sind (und nach ihrer schweren Long-Covid-Erkrankung versteht sie eine ganze Menge von all dem!). Bei "müde" habe ich mich schon direkt angesprochen gefühlt und freue mich jetzt sehr darauf! Falls ihr auch gern die Adventspost von Annette in eurem Postfach haben wollt könnt ihr euch hier, ganz kostenlos, dafür anmelden: 

                             https://www.annettepenno.de/adventskalender/


 

 

Ich will so oft wie möglich eine Advents-Abendrunde gehen 

In meiner Kindheit haben wir das immer mit meinem Papa gemacht und dabei die Weihnachtsbäume in den Gärten gezählt. Mir Samuel zusammen bin ich in den letzten Jahren durch unseren Ort gelaufen und wir haben Noten für die schönsten Beleuchtungen verteilt. In diesem Jahr werde ich wohl alleine meine kleine Runde drehen, in ruhigem Tempo, und die Lichter in Gärten und Fenstern bewundern.(ganz ohne sie zu bewerten:-)). 



Ich will weniger Online sein 

Immer wieder wuchert meine Handynutzung und ich werde in das ständige hin- und her von NAchrichten und das Aufrufen von kleinen (oft unsinnigen) Filmchen reingezogen. Das sorgt für viel innere Unruhe. Also will ich mal wieder einen "Rückschnitt" machen. Während ich abends in die Fenster anderer Leute schaue will ich  Online die verlockenden Windows schließen, eine kleine Blogpause bis Weihnachten machen und das Handy öfters zur Seite legen (mit Gottes Hilfe!). Dazu könnte ich mir diesen tollen Digital-Detox-Kerzenständer bestellen, den meine Freundin heute Online entdeckt hat: 


OK, fällt wohl eher unter die Dinge, die man NICHT braucht ;-)

 

Ich will Kerzen anzünden! Hoffnungsvoll und trotzig. Jede Woche mehr 

Ich will  an all die Menschen denken, deren Tage gerade so wenig glitzern. Dabei möchte ich nicht so viele Worte machen sondern einfach flüstern:  Maranatha, Komm Herr Jesus.  Ich will keine gehetzten Gebete sprechen sondern den Gott anschauen, der mich in Liebe anschaut, wie es der Autor John Marc Comer so wunderbar ausdrückt. 

Prayer is relaxing into Gods goodness.(J.M.Comer)

 

 

Ich will Jahresrückblick halten und ein bisschen aussortieren

Gefühlt komme ich am Ende des Jahres mit übervollen Taschen an.  Ich nehme mir ein paar Tage nach Weihnachten frei (was für ein Luxus!) und fahre auf den Betberg.  Dort möchte ich alles mal in Ruhe vor Jesus ablegen und mit ihm zusammen anschauen was ich in diesem Jahr lieber zurücklasse und was ich einpacken will, fürs neue Jahr. 

Dieser schöne Druck ist von Silke Schmidt


Ich will adventliche Lieder und Worte hören, die mein Herz zum Klingen bringen

Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir. (Jesaja60,2)

Tochter Zion, freue dich sehr und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu Dir, ein Gerechter und ein Helfer. (Sacharja9,9)

Es erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes unseres Heilands, und machte uns selig. (TItus3,4)  

Mit Maria, der Mama von Jesus, will ich meine Hände öffnen und beten: 

Es geschehe mir - es geschehe uns allen! - nach deinem Wort. 

 


Ach, langsam wächst die Vorfreude auf die kommenden vier Wochen...

(noch vom letzten Jahr im Fenster :-)).
 

Ich wünsche euch allen von Herzen eine gesegnete Adventszeit!   

 

Ps: Falls ihr noch ein bisschen Lesezeit verschenken wollt: Ich schicke euch gern ein weihnachtliches Päckchen zu - alle Infos dazu hier.  In diesem Jahr gibt es auch ein Sonderangebot und zwar mein Buch: "Warum ich da noch hingehe. Die Kirche Jesus und ich". Eine unerschütterliche Liebeserklärung an Jesus und seine Kirche, steht auf der Rückseite und das trifft den Inhalt ziemlich gut. Eignet sich vielleicht auch als Geschenk für den Hauskreis oder die Mitarbeiter in der Gemeinde.  Das Buch gibt es jetzt für 5 Euro (anstatt für 12 Euro), und ab einer Bestellung von 5 Büchern für 4 Euro. Solange der Vorrat reicht. 



Freitag, 7. November 2025

Von Zeitersparnis und der Muße

Gestern saßen wir mit unseren Freunden hier am Ort bei unserer wöchentlichen  Halbzeitpause zusammen. Vor ein paar Jahren habe ich hier schonmal über diese wöchentliche Tradition darüber geschrieben. Als ich eben den Text von damals gelesen habe musste ich echt grinsen. Ich hatte mir überlegt wie das wohl aussieht, wenn unsere vier Jungs ins Teenageralter kommen. Und es ist genauso gekommen wie ich mir das vorgestellt habe: Sie hängen meist schweigsam und etwas peinlich berührt auf dem Sofa neben uns und verschwinden nach dem Essen zusammen in einem ihrer Zimmer. Dort machen sie Teenager-Sachen - von denen ich keine Ahnung habe - und tauchen nur dann auf, wenn sie Hunger haben (also sehr häufig). Dann lassen sie uns wieder ungestört weiterreden. 
Gestern haben wir uns über die Frage unterhalten: Warum sind unsere Leben gefühlt so voll? Warum haben wir so wenig Zeit - gerade auch für Dinge, die uns wirklich wichtig sind? Wenn wir an unsere Großeltern denken, dann muß man doch sagen: Wir haben unfassbar viel Zeitersparnis! Der Waschtag hat sich durch die Technik in ein paar Handgriffe reduziert. Auch Spülmaschine und elektrischer Ofen nehmen uns viel Arbeit ab (um nur mal ein paar Beispiele zu nennen). Eigentlich sollte uns das doch alles richtig viel Ruhe und Freiraum schenken. Aber, wie wir alle wissen: Es ist nicht so! Im Gegenteil. Nie zuvor in fühlten sich die Menschen so erschöpft und überfordert und klagen über ein viel zu volles Leben. Warum ist das so?
 
Neulich habe ich ein spannendes Interview mit dem Soziologen Hartmut Rosa gehört. Er schilderte das Problem so: Mit jeder zeitsparenden Erfindung, haben sich auch die Möglichkeiten erweitert. Natürliche Grenzen wurden ausgedehnt, z.B. mit der Erfindung der Glühbirne. Früher ging man einfach ins Bett wenn es dunkel wurde, heute kann man bis tief in die Nacht arbeiten. Mit der Erfindung des Autos - und dann später mit dem Flugzeug - konnten wir Alltagsstrecken schneller bewältigen. Gleichzeitig wurden wiederum die zurückgelegte Distanzen um ein vielfaches größer als die Zeitersparnis. Dank der digitalen Erfindung können wir viel effektiver kommunizieren aber die Anzahl der Kontaktmöglichkeiten wurden so erhöht, dass viele von uns auch mit schnell geschriebenen (oder aufgesprochenen )Antworten nicht gegen die Menge der Nachrichten ankommen. Und jeder der ein Smartphone besitzt weiß, dass diese Teile wahre Zeitfresser sind! 
Briefe schreiben, Rasenmähen, kochen, Lesen... alles wird immer effezienter und zeitsparender. Der Mähroboter fährt gemütlich durch den Garten, während wir im Haus gestresst vor den Diplays sitzen. Anstatt und mit einem Buch in Ruhe in die Sonne zu setzen, bietet die KI uns an,  eine Zusammenfassung zu liefern damit wir durch die Zeitersparnis noch mehr Termine in unseren Alltag packen können. Und wozu noch das tagelange Laubrechen, wenn wir mit einem Laubbläser in einer halben Stunde fertig sind? Und genau hier liegt - laut Hartmut Rosa - auch ein Teil vom Problem: Wir lassen uns die Dinge nehmen, die wir mit Muße erledingen können. Ruhige Arbeiten, bei denen wir uns über uns, über Gott und die Welt Gedanken machen können. Ich verstehe das so: Muße können wir bei allen Tätigkeiten im Alltag erleben, die wir nicht hektisch erledingen können. Das variiert auch je nach Persönlichkeitstyp (oder Lebensalter). Ich finde man kann nicht hektisch Geschirr abtrocknen oder die Wäsche bügeln. Diese Tätigkeiten sind wirklich beruhigend für mich. Aber Gartenarbeit bringt mich (im Gegensatz zu Heio!) oft eher ins Stress - besonders wenn ich die vielen unerldigten Aufgaben im Garten warhnehme. Nur das Laubrechen in der Herbstsonne - das ist wirklich Wellness für meine Seele! Ebenso die ruhigen Handgriffe in der Küche, wenn ich einen ganzen Vormittag am Bildschirm verbracht habe.  Wenn mir alles zu viel wird, dann hilft nicht die Fertigpizza, die ich schnell in den Ofen schiebe - ok, manchmal schon auch;-) - aber was ich eigentlich viel eher brauche ist dann: Ein langsames Gericht kochen. Schnittlauch und Kartoffeln aufs Schneidebrett legen. Wasser aufkochen. Karotten raspeln. Den Ofen vorwärmen....Alle diese kleinen Arbeitsschritte helfen mir dabei, innerlich ruhiger zu werden. Mein Menschsein anzuerkennen. Mich auch mit denen zu verbinden, die vor uns waren. Ich sehe meine Oma vor mir, wie sie die Kartoffen in Ruhe geschält hat,  in einem Leben das erfüllt von Arbeit und Mühe war. Von Schönheit und Schmerz. Beides hat sie tief wahrgenommen. Und wenn Abends die Gebetsglocke vom Kirchturm geläutet hat, hat sie alles aus der Hand gelegt und ist ganz still geworden, um ihre Hände Gott hinzuhalten.
 
 Ich bin wirklich froh über die Erfindungen, die meinen Alltag erleichtern! Jedes Mal, wenn die Halbzeitpause Zuende ist, räume ich dankbar das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine und lege mich ins Bett, während die Maschine den Abwasch erledigt. Aber ich will auch darauf achten, dass ich mir die Dinge nicht nehmen lasse, die mir Muße schenken. Die mich aus einem gestressten Zustand (in dem ich mich leider allzuoft befinde) in ein geerdetes und demütiges Leben zurückholen. Ich will die Wäsche aufhängen, den Boden fegen, Brotteig kneten und wenn draußen die Herbstsonne scheint das Laub unter den Walnussbaum zusammenrechen. Ich will meine Arbeit verrichten bis am Abend die Gebetsglocke läutet. Dann will ich meine Hände und mein Leben Gott hinhalten, seinen liebenden Blick wahrnehmen und mich daran erinnern: ER hat alle Zeit der Welt für mich. 



Donnerstag, 16. Oktober 2025

Blick durch den Nebel

Sie sind Zuhause! Was war das für ein Paukenschlag an diesem Montag! Angekündigt aber doch nicht gewiß, ob man damit rechnen kann: Die Hamas gibt die noch lebenden israelischen Geiseln frei. Ein Tag zum Jubeln, aber auch in der Bestürzung darüber was Menschen Menschen antun. Tröstlich war der Tagesvers in der Losung: 

So spricht der Herr: Dein Schaden ist verzweifelt böse und deine Wunden sind unheilbar. Doch ich will dich wieder gesund machen und deine Wunden heilen. (Jeremia 30,12+17)

 

(Screenshot: Omri Miran mit seiner Frau und Vater vereint).
 

Nein, es ist kein "Ende gut- alles gut". Tiefe Wunden wurden geschlagen. Auf beiden Seiten der Grenze. Der Friede ist wie ein scheuer Vogel, der schnell wieder davonfliegen könnte. Die Hamas legt (Stand heute) nicht die Waffen nieder sondern kündet stattdessen die Fortsetzung des Terrors an, um ihr Ziel zu erreichen: die Zerstörung Israels. Und doch: hinter all dem offensichtlich Bösen ist Gott am Wirken. Am Montag konnten wir ein wenig davon ahnen.
 
Der Theologe Eugene Peterson schreibt, dass wir das Böse oft überschätzen und Gott unterschätzen. Wir sehen sehr deutlich, zu was das Böse in der Lage ist und denken, dass die Dunkelheit die Kontrolle hat. Gottes Handeln nehmen wir dagegen oft nicht wahr und schließen daraus, dass er gar nicht handelt. Peterson meint, was unsere Welt so dringend braucht sind Menschen, die Gott und die Welt im Blick haben und dabei von Gott mehr beeindruckt sind als von dem gegenwärtigen Dunkel.
Passend dazu habe ich heute in dem wilden und für mich oft so unverständlichen Buch von Hesekiel gelesen. Er ist "der Seher" unter den Propheten des alten Testaments. Er malt dem Volk Gottes, das ins Exil verschleppt wurde (und sich von Gott vergessen fühlte) wilde und kraftvolle Bilder. Er sah mächtige Wesen, die Gottes Willen ausführen, begleitet von Feuerflammen und Flügelschlägen, die sich wie das Tosen der Niagarafälle anhören. Hesekiel macht seinem Volk Mut: Gott ist in den Katastrophen unseres Lebens nicht abwesend! Auch wenn er sich oft unter der Oberfläche bewegt. Gott handelt. Er berührt Herzen. Bringt nach Hause. Er heilt und tröstet. Er rettet und regiert.  

Die Herbsttage führen mir das gerade so passend vor Augen: Am frühen Morgen sind die Bäume im Garten nur dunkle Schatten und die Häuserreihe gegenüber ist völlig verschwunden. Als wäre kein Mensch in der Nähe und alle Schönheit vom Nebel verschluckt .Aber dann schickt die Sonne ihre ersten Strahlen durch die Wolkendecke. Und macht mich sehend. Für das was ist. Und die ganzen Zeit da war.  


 

 

 


Wenn unsere Tage verdunkelt sind 
und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, 
dann wollen wir stets daran denken, 
dass es in der Welt eine große segnende Kraft gibt, die Gott heißt. 
Martin Luther King 

Dienstag, 30. September 2025

Besuch im Herbst

Ich bin so müde. Und ich weiß, dass man einen Text nicht mit "ich" beginnen sollte, aber das ist erhrlicherweise der Satz, der gerade am Anfang meiner Tage steht. Dann quäle ich mich aus dem Bett, werfe einen Blick auf die Nebelsuppe vor dem Fenster und schlurfe in die Küche, um mir einen Kaffee zu kochen. Müde schlage ich meine Bibel auf. Lese von dem erschöpften Elia, dem Gott einen Engel mit frisch gebackenen Brot und Wasser vorbeigeschickt hat, der ihn dann weiterschlafen ließ, bevor der müde Prophet gestärkt weitergehen konnte, um mit Gott am Berg Horeb einen liebevoll geflüsterten Dialog zu führen.(s. 1.Könige19). Ich hoffe auf einen Engel. Ich warte auf das liebevolles Flüstern. Heute finde ich es in dem Buch der Wortkünstlerin Sarah Marie. Sie schreibt so wunderbar über die Herbstmüdigkeit: 

Weißt du, dass das eigentlich normal ist?
Schau mal, alles um uns kommt grad zum Stehen
Gestern war ich draußen und ich habe
ein gelbes Blatt zu Boden fallen sehen
Zu keiner Zeit hab ich im vorgeworfen
dass es sich anstellt, dess es Schwäche zeigt
Stattdessen sagte ich zu ihm im Stillen:
ist schon okay, alles hat seine Zeit.*
 
 
Während ich das hier aufschreibe stelle ich mir vor, dass die Müdigkeit wie eine alte Freundin ist, die zu Besuch kommt.  Am liebsten würde ich ihr ja die Tür vor der Nase zuschlagen und sagen: "Du kommst sehr ungünstig! Ich habe TERMINE! Ich hab wirklich KEINE ZEIT! Komm wann anders wieder." Und gütig lächend sagt die Herbstmüdigkeit:
Ich komme genau richtig - alles hat seine Zeit. 
Also öffne ich ihr die Tür und bitte sie freundlich herein (bevor sie sich draußen den Tod holt). Sie nimmt im Schaukelstuhl am Ofen Platz und packt ihre Geschenke aus: 
 
Sie hilft mir langsamer zu gehen. Die Pausen ein bisschen verlängern. 
 
Sie macht mich darauf aufmerksam mein Gesicht in die Sonne halten, wenn sie nachmittags kurz auf unserem Balkon vorbeischaut. 
 
Sie bringt mich dazu, früher ins Bett zu fallen und mehr liegen lassen. 
 
Sie erzählt mir die Geschichten, die ich im Sommer zu schnell gelesen habe, nochmal mit ruhiger Stimme. 
 
Sie erinnert mich am Samstagabend daran, die Decke der Gnade auszubreiten und die Schabbatkerze anzuzünden.

Sie bringt mir eine dampfende Suppe mit frischgebackenem Brot und befiehlt mir nicht ständig an mir zu zerren, sondern mich einfach mal ein bisschen in Ruhe zu lassen. 
 
VIelleicht ist meine Herbstmüdigkeit ein klein wenig das für mich, was der Engel für Elia war. Sie lässt mich essen und schlafen und wenn ich bereit für die nächste Wegstrecke bin, packt sie ihre Koffer und verabschiedet sich mit einem sanften Kuss auf die Stirn und einem leisen: Alles hat seine Zeit. 
 
 
Ich glaub, jetzt ist die Zeit zum Innehalten
Wickel dich in warme Decken ein
Mach dir einen Tee und komm zur Ruhe
Du musst nicht stärker als die anderen sein.
Halt die Empathie nicht nur für andere
Zeig auch etwas Verständnis für dich selbst
Nach wochenlangem Sommer darf der Herbst kommen
Das gilt für dich genau wie für die Welt.  
 
(*Sarah Marie in ZWISCHEN MENSCHLICHES.) 
 
 

 
  

 

 

Mittwoch, 17. September 2025

30 Jahre "broken together".

Kennt ihr das? Wenn tagelang das Herz noch mit Dankbarkeit erfüllt ist für einen ganz besonderen Tag? So geht es mir gerade und ich kann nicht anders - ich muß es hier einfach mit euch teilen! Am vergangenen Sonntag haben wir das 30-jährige Bestehen unserer kleinen Gemeinde gefeiert. Es war wild, laut und wunderbar! Aus allen Richtungen kamen Menschen angereist, um mitzufeiern. Einige habe ich seit über 20 Jahren nicht mehr gesehen. So viele Menschen sind in den letzten 30 Jahren zu unserer Gemeinschaft dazugestoßen. Manche sind geblieben und viele haben sich wieder verabschiedet. Manche sind dankbar gegangen, andere auch enttäuscht und verletzt. Wir haben einiges falsch gemacht. Wir sind an vielem gescheitert. Wir sind zusammen gewachsen. Wir versuchen Sonntag für Sonntag einander zu lieben (bzw. oft auch: zu ertragen) und uns immer mehr auf Jesus zu verlassen. Eine wunderbare Beschreibung von Shannon Martin in ihrem  Buch the ministry of the ordinary über Gemeinschaft finde ich den Satz:

Let`s be broken together! 

Lass uns zusammen zerbrochen sein! 

Lass uns gemeinsam Vergebung annehmen und einander weiterreichen. 

Lass uns zusammen lernen, was es heißt, Jesus hinterherzustolpern.

 

 

Wir sind sehr zerbrechliche Gefäße. In meinem Inneren gibt es viele geklebte Risse und auch noch so manche kaputte Stellen. Ich glaube, das wird auch immer so bleiben. Bei mir. Und auch in unserer Gemeinschaft. Es gibt keine "heilen Gemeinden". Aber wenn wir uns mit gnädigen Augen betrachten, dann erkennen wir den kostbaren Schatz - Jesus! - der mit seinem treuen Dabeisein in unseren Leben das Licht anmacht. Immer wieder neu. In unserer Gemeinschaft seit 30 Jahren.  There`s a crack in everything, that`s how the light gets in, singt Leonhard Cohen. Am Sonntag hat dieses Licht ziemlich hell geleuchtet und ich konnte einfach nur staunend DANKE JESUS! sagen. 

Danke, für deine Treue. 

In den Hoch-Zeiten, aber auch in unseren (zahlreichen) Krisen-Zeiten. 

Du warst da. 

Das war immer genug. 

Du wirst auch in Zukunft immer genug sein.  

 


Ich verehre den Gott, der die Niedrigen sieht.

 Der sich mit den Geringsten identifiziert.

Der sein Reich mit Unvollkommenen und Verachteten füllt  
und uns zeigt, dass den Gebrochenen seine Zuwendung gilt. 
Er ist der Gott der Gescheiterten
König der Armen und Einsamen 
Erlöser für die Verzweifelten  
und für mich.  *

(*eins meiner Lieblingslieder aus unserer Jesusfreak-Bewegung. Von Gerhard Buchner. Hier  anzuhören)

Montag, 8. September 2025

kleine Aufmerksamkeit

Von Herzen DANKE für eure Kommentare zum letzten Blogpost, in denen ihr eure Marmeladenmomente des Sommers verraten habt! Danke auch für die Ehrlichkeit an diejenigen, denen es schwerfiel etwas zu finden. Ich seufze ein wenig mit euch... zu manchen Zeiten ist der Himmel zu bewölkt, um Sterne zu zählen. Und doch kann der Himmel jederzeit wieder aufreißen und uns zum Staunen bringen. Ich liebe die Dichterin Mary Oliver, die so wunderbar über kleine Beobachtungen in der Natur schreibt. Sie hat einmal in einem Interview erzählt, dass sie bereits als Kind schon viel Zeit draußen in der Natur verbracht hat, weil ihr Zuhause alles andere als ein sicherer Ort war. Bei diesen vielen Ausflügen lernte sie das, was sie in einem ihrer Gedichte schreibt:

Anweisungen für das Leben:

Gib acht.

Sei erstaunt.

Berichte davon. 

Und ich bin euch dankbar, dass ihr in den Kommentaren von eurem Erstaunen berichtet habt. Eben habe ich nochmal alle Marmeladenmomente eingesammet. Es ist eine wunderbare Liste geworden, die mich zum Lächeln bringt: 

  • Auf der Wiese liegen und den Vögeln zuhören
  • Ein Besuch von Freunden, die Schönheit im Garten- trotz Unkraut -  entdecken
  • Die Freude der Kinder, die im Wasser toben
  • die ersten Schritte des Enkels
  • ein Urlaub der, trotz Regen, am Ende besser war als erwartet
  • Ein Sonnenuntergang am See mit Freunden (ja, so schön wars!!!) 
  • Ein spontaner Segen von einem schwerst behinderten Mädchen in Gebärdensprache 
  • begeisterte Kinder, die Bergziegen füttern
  • Kein Urlaub aber ein schöner Tag am See 
  • In der Hängematte liegend Schwalben beobachten und ein Buch mit Happy-End lesen
  • Muscheln mit den Kindern am Strand sammeln
  • Zuschauen, wie sich die Bäume im Wind bewegen 
  • En Kohlmeisenpaar beobachten,  das im Garten sein Nest gemacht hat
  • Austauch mit einer Freundin, füreinander da sein und lachen
  • ein 7-Jähriger, der Sprudel in kleine Gläser füllt und die Familie auffordert auf etwas anzustoßen was in den letzten (nicht einfachen) Tagen gut geklappt hat. Am Ende waren die Gläser leer und die Herzen voll! 
  • Einkehren nach einer Wanderung
  • ein Zitat in einem Text finden, das gut tut 
  • auf der Wiese liegen und den Vögeln zuhören
  • Sternschnuppen am Himmel entdecken
  • eine unerwartete Umarmung der 5-Jährigen Tochter (die eigentlich keine "Kuschlerin" ist)
  • Ein Spätsommertag im Lieblingspark  

Was mir an dieser Liste auffällt: Es sind eigentlich fast alles keine großen Dinge sondern es sind die kleinen Freuden, die man auch leicht übersehen kann. Die Erde ist erfüllt mit der Güte des Herrn - das habe ich gestern in Psalm 119 gelesen . Seine Liebe erfüllt die Erde... Es ist eine zarte Liebe, die sich nicht aufdrängt. Oft ist sie bedeckt mit Alltagsstaub. Aber sie ist da. Unaufhörlich legt sie kleine Aufmerksamkeiten in unsere Tage.  Und ich glaube es bringt Gott zum Lächeln, wann immer wir sie entdecken. 

Gott überrascht uns immer wieder mit seiner Liebe, schreibt auch Carina Nil in ihrem Buch Marmeladenmomente. Und jetzt hoffe ich, dass ich zwei von Euch überraschen kann, mit der Nachricht, dass ihr jeweils eins ihrer Bücher gewonnen habt, und zwar... 

.....kleiner Trommelwirbel: 

 

Doro (die Gesegnete  :-)) und Kerstin, die sich über das Zitat von Peter Ried gefreut hat (und gleich den ersten Kommentar geschrieben hat). Meldet euch bitte kurz mit eurer Adresse über Email bei mir, damit ich die Päckchen losschicken kann (Chris.f@freenet.de). 

Und hier noch ein paar Fotos von unserem gestrigen Sonntags-Spätsommerausflug in meiner alten Heimat. Definitiv ein paar Marmeladenmomente! So viel zum Staunen...


 




 

“When it’s over, I want to say: all my life
I was a bride married to amazement.
I was the bridegroom, taking the world into my arms.
(Mary Oliver in: when death comes) 

 

Donnerstag, 28. August 2025

Sommer-Allerlei (und eine Verlosung!)

Wir sind noch mitten in den Sommerferien und hier sind ein paar Dinge, die mich gerade bereichern und beschäftigen: 
 
Ein kaputtes Handy 
Auf dem Weg an den Bodensee ist es passiert: Mein Smartphone hat seinen Geist aufgegeben. (bzw. da es ein seelenloses technisches Gerät ist, das keinen Geist hat, ging es schlicht kaputt ;-)). Und das auf dem Weg zur Familienfreizeit! Ich hatte dieser Woche schon mit einiger Besorgnis entgegengesehen. Mit meiner Herkunftsfamilie waren wir auch schon ab und zu auf einer Freizeit und jedes Mal hat sich ein Gefühl über diese Tage gelegt, dass wir nicht dazu passen. Keine Ahnung woher das kam. Hätte doch eigentlich passen müssen. Nette Menschen. Christliches Umfeld. Trotzdem fühlten wir uns als Familie meistens so daneben, wie an dem Abend, als wir in Wanderkleidung beim Galadiner saßen, an dem alle anderen mit todschicken Klamotten aufgetaucht sind. Genauso daneben habe ich mich dann gefühlt, als wir am ersten Abend ganz alleine an unserem Tisch saßen, während sich alle anderen scheinbar - wie befürchtet! - kannten, oder mir ihrer Großfamilie angereist waren.
Oh, wie sehr habe ich mein Handy in den Anfangstagen vermisst! Wie gern hätte ich mein Herz bei meinen Freunden ausgeschüttet und eine tröstliche Nachricht zurückbekommen! Wie gern hätte ich ein bisschen Ablenkung aufgesogen, um meine innere Verlorenheit unter Menschen nicht so sehr zu spüren.  Mir fiel der Satz von Sarah Clarkson ein, den ich kürzlich erst gelesen habe: 
I wonder if at times my smartphone had become my replacement for the holy spirit, the ever-present-comforter I turned to in times of fear.
Ich frage mich ob mein Smartphone mein Ersatz geworden ist für den Heiligen Geist - mein ständig gegenwärtiger Tröster nach dem ich in meinen Zeiten der Not greife. 

DIeser "Ersatz" hat mir nun gefehlt und alles was ich tun konnte war, mein Herz Jesus hinzuhalten. Ich hatte das Gefühl, dass in diesen Tagen ein altes Pflaster von einer Wunde gerissen wurde (ohne Betäubung!) und ganz viel frische Luft drankam. Und die gekappte Handyverbindung wurde zur liebevollen Erinnerung: Die wichtigste Verbindung in meinem Leben ist die Verbindung zu Jesus. Er ist mein Zufluchtsort. Mein "Safe-Space". Bei ihm bin ich genau richtig. Mit ihm zusammen lerne ich, dass ich einfach da sein darf. Mensch unter Menschen. In meiner ganzen Verletzlichkeit und Bedürftigkeit. Der Satz, den der Bibelschullehrer Peter Reid uns am ersten Abend mitgab hat es so sehr für mich auf den Punkt gebracht:

Jesus wird dort Wirklichkeit, wo du ihn am meisten brauchst.

Und so lag über den - nicht ganz einfachen - Tagen seine liebevolle Nähe...



Unser Segensort - Danke ihr Lieben!





EIne herzliche Einladung 
Passend dazu landete in meinem Briefkasten ein Stapel Einladungskarten: Ein Wochenende im Februar auf dem Schönblick, das ich gemeinsam mit der wunderbaren Musikerin Christina Stöhr gestalten darf. Vielleicht geht es euch ja ein bisschen ähnlich wie mir und ihr fühlt euch in einer Gruppe, in der ihr niemand kennt, unsicher und leicht verloren. Dann bin ich schonmal nicht alleine ;-). Für mich ist dieses Wochenende auch ein Wagnis. Ich fühle mich gerade oft sehr armselig und zweifle daran, dass das was ich zu geben habe ausreichend ist. Aber vielleicht erleben wir (gerade deshalb?) an diesem Wochenende zusammen, wie Jesus uns zur Wirklichkeit wird. In Texten und Liedern. Am Lagerfeuer. Beim Spazierengehen. Beim gemeinsamen singen, essen, lachen und einfach zusammen da sein. Also, falls ihr Lust darauf habt: eine ganz herzliche Einladung!!!! Hier gibt es genauere Infos und die Möglichkeit sich anzumelden (leider nur für Frauen): 
 
 

 
Eine beeindruckende Entscheidung
In meiner handyfreie Zeit hat mein Mann beiläufig erwähnt, dass Samuel Koch sich vorerst von seinem Insta-Kanal verabschiedet hat  (mit über 70 Tsd. Followern!). Er schrieb dazu, dass er bemerkt hat, wie er in eine "Co-Abhängigkeit" gerutscht ist, die ihn in eine innere Unfreiheit gebracht hat. In seiner humorvollen Art meint er: 
Als Schauspieler ist der Rückzug aus den sozialen Medien heutzutage fast ein Genickbruch für die Arbeit. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich: Ein Genickbruch ist auch nicht immer zum Tode.
 Was für eine mutige Entscheidung - allen Einfluß einfach mal loszulassen, wenn man merkt, dass die Seele dabei schaden nimmt. Ich feier Dich, Samuel! (das Ganze könnt ihr auch hier nachlesen). 
 
Ein schönes neues Buch 
Und nochwas feiere ich in diesen Tagen: Das neue Buch von Carina Nill:
 
 
 
Der Titel kam von der Beobachtung wie ihre kleinen Kinder die Hände ins Marmeladenglas gesteckt und sie genüsslich abgeschleckt haben. Für Carina wurde das zum Bild, die kleinen Freuden des Alltags zu genießen -  mit einem inneren "All in"- das Gute aus den Tagen zu holen- wo immer es sich finden lässt! Genau das beschreibt sie dann ganz wunderbar ehrlich und humorvoll und so, dass man sie unbedingt zum Kaffee einladen möchte, um mit ihr weiterzureden. Und das habe ich dann auch getan. Schön war's liebe Carina! Und deinem Buch kann ich nur von Herzen ganz viele Leserinnen und Leser wünschen! (eignet sich auch richtig gut als schönes Geschenk für eine Freundin).  Hier gibt es zwei Exemplare zu Verlosung! Wenn ihr gern ein Buch bekommmen wollt - an eine deutsche Adresse - dann schreibt einfach bis Ende nächster Woche einen Kommentar unter diesen Beitrag (mit eurem Namen!). Vielleicht könnt ihr mir ja dabei verraten was euer Marmeladen-Moment dieses Sommers war?
 



 
Mein Sonnenblumen-Moment 
Ihr findet mich in diesen Tagen staunend im Garten. Aus einem kleine Samen ist, völlig unbemerkt von mir, eine Zwei-Meter-hohe-Sonnenblume gewachsen! Und sie wächst immer noch weiter. Ständig kommen neue Blüten dazu! Wow. Sie erinnert mich daran, die unscheinbaren Dinge und die kleinen Entscheidungen meines Lebens nicht zu verachten. Heute scheint uns manches vielleicht  kümmerlich wenig, aber wenn wir es in Gottes Hände legen - wer weiß, was daraus wachsen kann....
 

 

Dienstag, 22. Juli 2025

Der große Hunger

Wenn ich mich in diesen Tagen an meinen Schreibtisch setze, fällt es mir richtig schwer mich zu konzentrieren.  Das mag an meiner derzeitigen Müdigkeit liegen, aber auch an den Vogelnestern, die wir in den Hohlräumen unter unserem Dach beherbergen (ich sollte meinen Blog in "Die Spatzen auf dem Dach" umbennen  - das würde der Realität viel näher kommen!). Es fühlt sich so an als würde ich direkt unter einem Kindergarten wohnen.  Die frisch geschlüpften Spatzenkinder machen einen Riesenlärm! Vom frühen Morgen bis zum Abend rufen sie nach Nahrung. In einem schlauen Buch über Spatzen habe ich gelesen,  dass die Eltern in einer Brutsaison an den Nachwuchs ungefähr 20 000 Insekten verfüttern und ca. 400 mal am Tag das Nest mit Nahrung anfliegen! Unfassbar, oder? 
 
Foto Canva
 
Trotz der ständigen Versorgung hören die Kleinen nicht auf lautstark zu piepsen. Und ich kann sie gut verstehen. Weil ich mit einem ähnlich großen Hunger kämpfe.  Ich spüre ihn, wenn ich Abends eine Chipstüte aufreiße und durchs Internet scrolle. Er überfällt mich, wenn ich mein Mail-Fach öffne oder nach Rezensionen zu meinem neuen Buch schaue. Er kann richtig groß werden, wenn ich Urlaubsbilder von Freunden auf ihrem Status betrachte oder auch wenn ich die Wochenplanung mit meinem Mann mache. Dann werfe ich ihm vor, dass er die schönsten Dinge unternimmt während ich einfach "immer nur da bin". Alles in mir schreit: Es ist zu wenig! Mein Leben ist zu klein! Da muss doch mehr sein!
 
In dem wunderbaren Buch "reclaiming Quiet" schreibt die Autorin Sarah Clarkson:
We are all born hungry. So hungry. We don`t always remember this, but the broken world around us was never the one we were originally made for. 
 
Wir kommen alle hungrig auf diese Welt. So hungrig. Wir machen uns das nicht immer bewusst, aber diese zerbrochene Welt war nie die Welt, für die wir ursprünglich geschaffen wurden.  

Ich finde es nicht einfach mit diesem Hunger zu leben. Zwei Dinge helfen mir dabei. Einmal ist es schlicht das: Immer wieder neu Ja zu sagen, zu dem Leben das ich habe. Dass ich "einfach immer nur da bin" (was ja so auch nicht stimmt - ab und zu bin ich auch mal unterwegs - mindestens bis ins Nachbardorf :-)) Ich erinnere mich daran, dass ich nicht durch Erfolg oder am anderen Ende der Welt, mit der schönsten Urlaubsreise oder mit den außergewöhnlichen Dingen satt werde, sondern mitten in meinem begrenzten, ruhigen Leben. Es gibt ein Gedicht von Donald Hall, das ich auch in dem Buch von Sarah Clarkson entdeckt habe. Passenderweise heisst es Summerkitchen. Darin beobachtet der Dichter seine Frau, die in der Küche steht, auf das Vogelzwitschern hört, Knoblauch schält und nebenher an einem Glas Wein nippt. Die zwei letzten Zeilen lauten:

We ate, and talked and went to bed and slept.
It was a miracle.  
Diese Einfachheit berührt etwas in mir. An meinen ruhigsten und gewöhnlichsten Tagen kann ich die kleinen Dinge anschauen: Das Essen auf dem Tisch. Die Freundlichkeit der Verkäuferin. Das Rauschen der Bäume. Das warme Bett, in das ich falle...  mindestens 400 Mal am Tag wird mein Inneres mit ein wenig Futter angeflogen. Jeden Abend könnte ich  ein Gedicht daraus machen und "It was a mircale" darunter schreiben. Wenn mir dieser Blick auf meine Tage gelingt, (was nicht immer der Fall ist) dann kommt etwas in mir zur Ruhe und ich finde Frieden, in dem Leben das ich habe. 
Und das andere, das mir hilft ist: Ein Ja zu zu dem Hunger zu haben. Er gehört zu unserem Menschsein. Und es können heilige  Momente sein, wenn ich spüre, dass nichts auf dieser Welt mich vollständig und dauerhaft ganz und heil machen kann. Wenn meine Gebete zu einem geflüsterten "Komm bald wieder, Jesus!" werden. Unseren Hunger wahrzunehmen und ihn nicht ständig zu verdrängen ist eine heilige Aufgabe, schreibt Sarah Clarkson. Der Hunger hält etwas in uns wach. Eine Sehnsucht, die über diese Welt hinaus geht. Eine Vorfreude. Eine Ahnung....  Er beflügelt die Hoffnung und schenkt einen Glauben, der wie ein Vogel ist, der singt wenn die Nacht noch Dunkel ist. (RabindranathTagore) Womit wir wieder bei den Spatzen auf unserem Dach wären. Seit ich hier angefangen habe zu schreiben, haben sie unablässig gepiepst. Jetzt gerade sind sie  einen Moment ruhig. Auch das - dieses Ruhigwerden und für einen Moment so ganz zufrieden sein  -  erinnert mich an die Zukunft und die Hoffnung die ich habe.
One day. We`ll eat and drink. And we`ll be fully satisfied.
 
auf dem Hof von Freunden, zur letzten Lesung vor dem Sommer....

 
...ein Ort an dem ich jedes Mal etwas von dem "gestillt werden" erlebe. Danke euch!