Dienstag, 29. November 2016

Bereit für die Adventszeit

Ist bei euch der erste Advent auch so überraschend ins Haus gefallen? Ich hab am Sonntag noch schnell ein bisschen Weihnachtsdeko aufgehängt - zum Fenster putzen hat es nicht mehr gereicht, die Sonnenstrahlen heute morgen haben`s verraten.



Egal. Ich bin trotzdem bereit für die Adventszeit. Nein nicht für die hektische "Vorweihnachtszeit" in der wir genervt durch die Läden rennen und nach den Dingen suchen die kein Mensch braucht. Ich freue mich, dass der Advent so früh beginnt weil ich die Erinnerung brauche, dass Gott ankommt, mitten im Dunkel, mitten in unserer verwundeten Welt.  Ich freue mich auf die dunklen Abende und auf das Anzünden der Kerzen. Ich brauche ein bisschen Raum für das Warten und die Sehnsucht nach Erlösung. Ich brauche den Blick auf das Kind in der Krippe, Gott so verletzlich und herzergreifend nah. Ich brauche die Hoffnung dass er immer wieder aufs Neue hineingeboren wird in jedes Dunkel das wir Menschen anrichten und in jedes Dunkel das ist uns wohnt. 
Immanuel. Gott mit uns. 


Komm, ach komm, Immanuel. 




Das heisst nicht dass ich meditativ und still durch die nächsten vier Wochen gehen werde. Es sind ja tatsächlich einige Dinge zu erledigen, Termine einzuhalten und Feste zu feiern. Und trotzdem: Ich will die kleinen Momente nutzen und so oft es geht Kerzen anzünden, Tee trinken und an diejenigen denken, die sich nach Wärme und Licht sehnen. Ich will den Blick durch die ungeputzten Fenster werfen, dankbar für unser warmes Zuhause - so unpefekt wie es nunmal ist. Ich will mich warm anziehen und Spaziergänge machen, den Atem wie Rauchzeichen für den Himmel in die kalte Luft steigen lassen. Ich will die Schuhe an der Tür abklopfen, Jahresrückblick halten und mich frei machen von Ballast auf der Seele. Ich will mein Herz und unsere Tür öffnen, Freunde bewirten und Fremden zulächeln und mit der Wärmflasche auf dem Schoß schöne Bücher lesen. Ich will mich an staunenden Kinderaugen freuen und an kitschig blinkenden Lichterketten und ich will ein bisschen weniger Worte machen und mehr hinhören. Auch hier.  
Ich will euch ein bisschen Ruhe gönnen von meinen vielen Gedanken. Stattdessen gibt es hier bis zu Weihnachten ab und zu kleine Andventsfenster: vielleicht ein Bild, ein Zitat, ein Verweis auf schöne Worte von anderen...Mal schauen wie das klappt :-).
Ich möchte gerne gemeinsam mit euch Warten und Ausschau halten, nach dem Gott der ins Dunkel kommt.
Und da wo ich ihn entdecke will ich feiern.  Unsere Instrumente sind gestimmt...

 Eine erwartungsfrohe Adventszeit euch allen!!!!

Donnerstag, 17. November 2016

Alltagsbilder


Mal wieder ein paar Bilder aus unserem Alltag: 

Samu füttert treu den Hasen, in der Hoffnung bald einen echten zu bekommen!
Schau mal Samu, der Nikolaus war da! (OK, eher Heios neuer Kühlschrank)

Diese Karte ist von Heio - sie passt so gut zu ihm! :-)
auf dem Weg zur Kita - Danke Gott!
leider auch auf dem Weg zur Kita

geliebte Bücher
der Maler ist wieder am Werk


heute: 5 Stufen der Malerei: 1-3: Baby-Erwachsener, 4: Gott,5: Jesus. 
 Gott steht wohl auf Stilleben (Traktor und Sonne), Jesus auf moderne Kunst :-)


empfindlicher Mitbewohner 1
empfindlicher Mitbewohner 2

der rote Faden!
Und endlich, endlich hab ich den roten Faden beim Schreiben gefunden! Bin schon fast verzweifelt. Alles war so durcheinander und plötzlich fällt alles an den richtigen Platz. "Sinn ist wenn wir den Zusammenhang finden", hab ich mal von einem Philosophen gehört. Das erinnert mich an eine der schönsten Verheissungen der Bibel in Römer 8,28. Helmut Thielicke hat darüber geschrieben:

Ich bin gespannt wie Gott das große Thema anpacken wird, das er über mein Leben geschrieben hat: jenes Thema, das mir alles zum Besten dienen soll, wenn ich ihn nur lieb habe und dessen gewiss bleibe dass er an mir festhalten wird.


Auch wenn unsre Alltagsbilder manchmal chaotisch wirken, wenn wir denken, dass vieles oft unwichtig ist oder wenig Sinn macht und die klaren Linien fehlen: Da ist irgendwo der große Zusammenhang, der rote Faden, den Gott durch unser Leben zieht, wenn wir uns ihm anvertrauen. Irgendwann wird alles an seinen Platz fallen und wir werden staunen, wie Gott das am Ende tatsächlich alles zu unserem Besten dienen ließ. Und bis dahin gilt die andere große Verheissung, dass er bei uns ist, an allen Tagen unseres Lebens. Auch heute. Wie gut!



Montag, 14. November 2016

Überrascht

Heute morgen beim Aufstehen, mit schmerzendem Kopf, finde ich Samu an seinem kleinen Tisch - ganz konzentriert beim Malen. Er zeigt mir stolz sein Bild erklärt: "Das sind Fahrzeuge: Porsche, normales Auto, Traktor, Feuerwehr, Bus und Sonnenbrille."


Ich halte mein Kommentar: "Die Sonnenbrille passt aber nicht dazu!" zurück. Ich finde sie klasse - weil es das Muster durchbricht, weil es etwas Überraschendes ist in der Reihe der Fahrzeuge und es gerade deshalb das Bild zu etwas Besonderm macht und mich, in einem trüben Moment am Morgen, zum Lachen bringt.
So ähnlich ging`s mir gestern im Gottesdienst. Ich war bei meiner Schwester und in ihrer kleinen, etwas wilden, charismatischen Gemeinde. Bei den einleitenden Worten rechne ich mit allem nur nicht mit dem ruhig vorgetragenen Rilke-Gedicht. Vom Prediger, den ich von früher kenne, erwarte ich große und vollmundige Worte. Aber er steht, von Krankheit gezeichnet, am Mikrophon und spricht unglaublich ehrlich über seine Schattenseiten und Gottes Gnade.  

Ich glaube Gott liebt es unsere Vorstellungen zu sprengen und das Muster das wir erwarten zu verändern:  Er macht Frauen mit fragwürdiger Vergangenheit zu seinen Nachfolgern, packt liebevolle Samariter in seine Geschichten und  schenkt Offenbarungen aus dem Mund von Obdachlosen und kleinen Kindern. Er spricht durch merkwürdige Menschen und schlechte Filme. Er kann uns begegnen im Chaos der Jesusfreaks, in der 1000-jährigen Liturgie der römisch-katholischen Kirche, in einem evangelikalen und einem liberalen Christen, in einer wild-charismatischen Kirche, in der Kneipe, beim IKEA und an der Aldikasse. (Nina Hagen ist er auf einem LSD-Trip begegnet :-)) Man kann sich nie wirklich sicher sein. Er schmeisst unsere Vorstellungen über den Haufen, ändert die Reihenfolge, erklärt die Abgehängten zu den Gewinnern, macht aus Niederlagen die größten Siege, lässt Leben auf den Tod folgen. Ich liebe es mit Jesus unterwegs zu sein.

Er taucht liebend gern in Momenten auf in denen wir ihn nicht kommen sehen: 

durch die Ritzen der Worte eines suchenden Dichters  

durch die Brüche unseres Lebens

durch Gemälde von 5-jährigen Jungs

durch ein Lachen

Unerwartet fallen wir in die Umarmung der Gnade.


Die Blätter fallen, 
fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
 
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit. 
 
Wir alle fallen. 
Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, 
welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält. 
 
Rilke, Aus: Das Buch der Bilder 


Montag, 7. November 2016

6 Minuten berühmt - oder: Gnade im Schweinwerferlicht




Letzte Woche stand ich im Scheinwerferlicht. Zugegeben - es waren eher kleine Scheinwerfer in einer Buchhandlung in Holzgerlingen. (und ja: Holzgerlingen kennt jetzt auch nicht jeder!) Aufgenommen wurden auch nur 2 x 3 Minuten für eine Folge der schöne Sendung Bücherzeit, die voraussichtlich im Januar auf Bibel-TV laufen wird. Also nicht gerade mein Einstieg um berühmt zu werden. Und trotzdem: Ich war die Tage vorher echt aufgeregt. Hab mir kluge Sätze überlegt die ich gerne sagen würde. Hab mir sogar ein Zitat von Frederick Buechner auf einen Spickzettel geschrieben um ihn an passender Stelle vielleicht zu zitieren. Es hat nicht wirklich geklappt. Ich hatte ein total entspanntes und nettes Gespräch mit dem Moderator Daniel Schneider - BEVOR die Kamera eingeschaltet wurde. Und in meinen 6 Minuten hab ich dann - zumindest in meiner Wahrnehmung - nicht viel Tiefgründiges gesagt. Im Rückblick fielen mir so gute Sätze und Gedanken ein! Aber eben nur im Rückblick :-).
Lustigerweise ging es inhaltlich um das Kapitel in meinem Buch, in dem ich etwas Besonderes und Außergewöhnliches sein will. Ich sprach ich darüber, dass mir klar wurde, dass es eigentlich nur darum geht, dass wir ganz außergewöhnlich geliebt sind. Und während ich das sagte hoffte ich inständig dass es sich ganz außergewöhnlich klug und reflektiert und beeindruckend anhört!


Bilder von Bücherzeit

Echt, manchmal leide ich total an meinen inneren Widersprüchen! Sie sind im Alltag wie die stachlige, schmerzhafte Hüllen von Kastanien. Ich weiß nicht ob ich mich über die blöden Stacheln ärgern oder über die samtigen Früchte freuen soll. Da rede ich intensiv und liebevoll mit einer obdachlosen Frau und hoffe gleichzeitig, dass es auch jemand bemerkt und positiv wahrnimmt (wie am vergangenen Donnerstag geschehen) Ich bin in einem Moment total mutig und im nächsten Moment wieder richtig feige. Ich kann total liebevoll und selbslos sein und dann wieder so voll mit mir selbst, dass ich kotzen könnte. Da kann den ganzen Nachmittag eine liebevolle, geduldige Mama sein und plötzlich bricht es aus mir raus und ich schnauze meinen kleinen Sohn an, dass ich selbst darüber erschrocken bin. Ach, ich könnte noch ewig so weiter machen, über diese ganze Widersprüchlichkeit in mir. 

Ich schütte mal wieder Jesus mein Herz aus. Sage ihm: "So bin ich und ich werde nie anders sein, wenn du mich nicht irgendwie veränderst." Und ich ahne, dass Jesus nicht daran interessiert ist, dass ich alles toll hinbekommen und möglichst gut dastehe. Vielmehr wünscht er sich einfach, dass ich ihm vertraue, dass er aus meinem Leben, mitten in meiner Widersprüchlichkeit, einen Segen machen kann.  Und vielleicht könnte ich folgendes lernen:

Ich will das Gute nicht abtun und entwerten ("Ach, ihr habt ja keine Ahnung wie ich sonst so bin..."), sondern mich daran freuen. ("Stimmt. Ab und zu gelingt mir etwas richtig gut!")
Und nur weil ich manchmal meinem Kind gegenüber ausraste bin ich keine schlechte Mama.
Auch wenn ich auf ein bisschen Anerkennung schiele ist das Gespräch mit der  obdachlosen Frau etwas ganz besonderes für mich gewesen.
Auch wenn ich keine Buechner-Zitate aus dem Ärmel schütteln kann, kann ein Inteview trotzdem  etwas gelungenes haben - weil irgendwo, zwischen den Zeilen und in den Lücken, Jesus auftauchen kann um uns zu segnen.
Ich will auf die Gegenwart Jesu vertrauen. Dass er durchkommt bei mir - und ganz oft auch trotz mir.

Und ich will lernen den Widerspruch in mir gnädig anzuschauen ("Ja, das bin ich auch, aber ich bin geliebt. Immer. Auch in diesen Momenten.") Ich will es hinnehmen, wie man ein Foto hinnehmen kann, auf dem man nicht gerade vorteilhaft aussieht ("Tatsächlich, manchmal sehe ich wirklich so aus. Das bin ich. Aber es gibt mich auch in schöner")


so sah mein Mann auch mal aus :-)


Ich will mich nicht vor Scham verstecken sondern mein Herz ganz weit öffnen für Gottes Gnade - weil ich ein Mensch werden will, der voll ist mit Gnade. 
Richard Rohr schreibt: Nur wenn wir lernen unsere eigenen Widersprüche gnädig anzuschauen, wenn wir uns vergeben und vergeben lassen, dann werden wir das auch bei unseren Mitmenschen tun."

Ich will es annehmen, in mir, in Heio, in Samu und in allen anderen: Wir sind Menschen.  Wir sind eine Mischung aus Licht und Dunkel, aus Stärke und Schwachheit aus Schönem und Hässlichem, aus Mut und Feigheit, aus Klugheit und großer Dummheit und meistens sind wir ganz vieles auf einmal. Wir haben so viele Facetten, so viele unterschiedliche Motive und Antriebe in uns, wenn ein Scheinwerfer auf einen Teil davon gerichtet wird - sei es der strahlende Teil oder der weniger strahlende Teil - will ich lernen zu sagen: "Ja, genau so bin ich. Und auch noch ganz anders. Und immer bin ich geliebt." Das ist nämlich wirklich tatsächlich die Hauptsache.

Und ich will nicht vergessen: Die wirklich wichtigen Dinge spielen sich nicht in unseren 2 x 3 Minuten im Scheinwerferlicht ab, sondern  meistens dann wenn niemand hinschaut. Wenn nur Gottes liebevoller Blick auf uns gerichtet ist und ich ihm dann strahlend und aus ehrlichem Herze sagen kann: "Das hier ist nur für dich! Weil ich dich liebe." 
 Also, ich geh dann mal unser Chaos hier aufräumen. Mit einem Bündel von Widersprüchen in mir. Spot on, Sendung läuft: "This one is for you, Jesus!" 

Dienstag, 25. Oktober 2016

Schweden ist viel mehr als nur IKEA !


Zur Zeit sitze ich morgens an meinem zweiten Buch, was bedeutet: Ich schreibe gerade viel und wenn ich nicht schreibe dann laufe ich gedankenversunken durch die Gegend (man sollte Menschen die ein Buch schreiben das Autofahren wirklich verbieten - gestern bin ich schon wieder an der richtigen Ausfahrt vorbeigedüst, da hat auch die Vollbremsung nichts mehr genutzt) Es geht mir einfach so viel durch den Kopf das ich dringend ordnen muß. Zum Glück habe ich ja meinen Blog und Euch, meine geschätzten Leser. Also, die Frage die mich im Moment beschäftigt ist folgende:

Wie kann ich mit meinem Kind über Jesus und meinen Glauben reden, dass es für ihn so vertraut und real wird wie unsere abendliche Umarmung und dass es ihn gleichzeitig so neugierig, wach und voller Fragen macht, wie der letzte Tag vor Weihnachten?



Wenn ich an meine christliche Kindheit denke dann gibt es im Rückblick eine Sache die ich schwierig finde: Wir bekamen ständig Antworten auf Fragen, die wir uns noch gar nicht gestellt hatten. Manche Fragen habe ich nie (oder viel zu spät) gestellt, weil die Antworten schon fertig in meinem Schoß lagen. Ich habe manche Geschichten nie angefangen zu leben weil mir das Ende schon erzählt wurde. Vielleicht war das Problem nicht die Antworten an sich, sondern dass sie schon so fertig daherkamen. Sie haben mich nicht auf meine eigene Suche geschickt. 

Vor einigen Tagen war ich mit Samu beim IKEA. Wir haben das Glück, (Heio würde sagen das Pech!) dass er bei uns ja fast um die Ecke liegt. Ich habe mit Samu einen gemütlichen Nachmittag dort verbracht. Wir waren schwedisch essen und haben ein paar Kleinigkeiten besorgt. Kurz vor der Kasse konnte ich es mal wieder nicht fassen wieviele "Kleinigkeiten" wir im Wagen hatten und sortierte die Hälfte wieder aus. Alles in allem war es ein schöner Ausflug nach Klein-Schweden.
Inzwischen weiß Samuel, dass ich das Land toll finde - dass er sogar dort entstanden ist - aber wir waren noch nie zusammen da. Ich könnte ihm nun beim IKEA und ein paar Köttbullar erklären: „Samu, genau das ist Schweden!“ Das wäre ja nicht total falsch - ich habe in Schweden tatsächlich öfters diese leckeren Fleischbällchen gegessen - aber Schweden ist noch viel mehr: Es beginnt mit einer langen Autofahrt, einer Fähre (oder eine lange Brücke), mitten hinein in wilde Landschaften und endlose Straßen auf denen Tiere auftauchen können die einen das Staunen und Fürchten lehren. Schweden sind kalte, dunkle Winternächte, Elchjagd, heiße Suppe und stille Seen die man auf Kanus durchqueren kann. Ich weiß es, ich war schon öfters dort. Schweden ist so viel mehr als ein Fleischklops auf dem Teller bei IKEA oder ein kleiner Michel-Film. Das sind höchstens Dinge, bei denen ich ein bisschen seine Neugier und Liebe zu diesem tollen Land wecken kann



Und (ich hoffe dass ihr meinen etwas wirren Gedankensprüngen hier folgen könnt) ich wünschte die Kirche würde es schaffen - nein ICH würde es schaffen! - meinem Kind die Glaubenswahrheiten nicht als Fertigessen zu servieren sondern wie ein kleiner Appetitanreger, wie eine Postkarte die Fernweh in ihm auslöst, ein Hinweis auf ein fernes Leuchten, das ihn ermutigt sich mit klopfendem und fragendem Herzen und erwartungsfrohem Blick auf den Weg zu machen. Hinein in sein eigenes Abenteuer, in wilde, ferne Landschaften, in denen er Gott auf die Spur kommen kann.




Ich wünsche mir so sehr, dass ich Samu eine Sehnsucht nach Jesus mitgeben kann,
das sich wie Fernweh und Heimweh zugleich anfühlt, 
wie ein Geheimnis das man unbedingt ergründen will, 
wie eine Fährte der man folgen will.

Wer Gott auf die Spur kommen möchte, begibt sich auf grosses, weites Land,
in dem man oft mehr Fragen als Antworten hat, 
das man niemals durchwandern kann, 
und über das man ein Leben lang staunen kann.

Ich ahne, dass meine eigene Reise mit Gott ganz entscheidend das Bild prägt, das mein kleiner Sohn von diesem Land bekommen wird. Deshalb will ich jeden Tag mit offenem Herzen zu Jesus kommen, mit all meinen Fragen und wirren Gedanken und das vertraute alte Buch aufschlagen mit der Bitte: "Jesus, bring mich zum Staunen!"

Und eines Tages werden wir das Auto beladen und zusammen nach Schweden fahren. ich werde Samuel meine vertrauten Orte zeigen und wir werden gemeinsam neues entdecken und dieses wilde, wunderschöne Land genießen. Ich hoffe es wird auch sein Lieblingsland.





Mittwoch, 19. Oktober 2016

Schaden an der Seele

Die letzten Tage war Samu krank und natürlich sind die Bakterien auch fröhlich bei mir gelandet. Und ich wollte doch so viel erledigen und habe gefühlt NICHTS hinbekommen! Außer Autos gespielt, Teekannen befüllt und Büchle vorgelesen. Heute morgen schicke ich das Kind trotz Husten und Schnupfnase in die Kita. Drei Stunden für mich alleine! Jetzt würde ich am liebsten losspurten wie bei einem 100m Lauf und alles gleichzeitig anpacken was liegengeblieben ist.

An solchen Tagen fällt die Zeit, die ich morgens auf dem Sofa verbringe, um zu beten eher kurz aus. Du bist doch nicht sauer Gott, oder? Es gibt halt viel zu tun. Und ich versuche ihn zu vertrösten, wie einen aufdringlichen Liebhaber: Vielleicht klappt ja mal ein Abend diese Woche an dem ich wieder ausgiebig Zeit habe.  Und dann renne ich in den Tag und merke: Ich bin dabei mich zu verlieren. Ich spüre meine Grenzen nicht, ich werde genervt, bin dünnhäutig und empfindlich, mache mir Sorgen um Dinge die nicht so wichtig sind und ich nehme mich selbst viel zu wichtig. 
Ich vergesse so leicht, dass die Zeit mit Gott kein großzügiges Geschenk meinerseits an ihn ist, sondern es ist sein großes Geschenk an mich!
 Und er zieht sich nicht beleidigt zurück, wenn ich mir die Zeit nicht nehme (das macht er niemals - Gott sei Dank!) aber es tut ihm leid - vor allem um meinetwillen! Weil er weiß, was meine Seele braucht und was meiner Seele schadet.

Ich muß immer wieder an ein Radiointerview mit Christian Streich denken, dem Trainer des SC Freiburg, das mich sehr beeindruckt hat. Er erzählt darin eine kleine Geschichte von einem spanischen Fußballer: Die Spieler durften sich von einem Sponsor ein Auto aussuchen und es war für diesen Fußballer einfach naheliegend das größte und teuerste Auto zu nehmen. Da zog ihn sein Teamkollege Xavi zur Seite und meinte: "Überleg es dir gut, ob du das wirklich willst. Es könnte deiner Seele schaden!" Das war nicht überheblich gemeint. Es war eine freundliche Warnung eines erfahrenen Profispielers der erkannt hat, dass manche Entscheidungen uns in die falsche Richung ziehen können. Und manche Dinge können unserer Seele schaden. Christian Streich hat mit der Geschichte erklärt, warum er es sich länger überlegt hat, ob er tatsächlich den Trainerjob einer Mannschaft der ersten Bundesliga annehmen soll. "Weil es etwas mit dir macht, mit deiner Seele, und ich habe überlegt, ob das gut für mich ist."
Das hat mich sehr beeindruckt. Wer redet heute schon von Dingen die unserer Seele schaden?

Heute morgen, auf dem Sofa, lese ich diese Worte von Jesus. Eigentlich will ich sie schnell überfliegen, aber sie wirken wie eine Vollbremsung:
Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt dabei Schaden an seiner Seele. (Oder wie es in der Message steht: er verliert sich selbst dabei) Matthäus16,26

Ich glaube was unserer Seele schadet kann bei jedem etwas ganz anderes sein.
Für mich heisst es:

Was hilft es, wenn die Wohnung sauber ist, alle Dinge auf meiner Liste erledigt sind, aber ich mich selbst dabei kaputt gemacht habe?

Was hilft es, wenn ich erfolgreich bin, aber mich dabei selbst verloren habe?

Was hilft es, wenn ich sämtliche Erwartungen erfüllt habe aber die Beziehungen zu den Menschen, die mir am nächsten sind, nehmen Schaden, weil ich so gestresst bin? 

Was hilft es, wenn ich am Ende des Tages alle Mails beantwortet habe, aber es fehlt die Zeit, auf Gottes Liebe zu antworten?

Was hilft es, wenn ich tolle Gedanken habe und sich meine Blogleser verdoppeln und am Ende ist meine Beziehung zu Jesus nur noch eine Zweckbeziehung?

Was hilft es, wenn ich das tollste Lob einfahre und darüber vergesse, wen ich mit meinem Leben loben will?

Heute morgen habe ich versucht die lauten und stressigen Gedanken und die alten Antreiber auf ihre Plätze zu verweisen. (hinterste Reihe. Höchstens. Besser: Stehplatz im Gang!) Ich hab Heios Gitarre geholt und mit kratziger Stimme den alten Jesus-freak-Schlager gesungen: "Glory, glory to the highest, Glory, glory to your name!" Immer wieder. Bis ich das Gefühl hatte: jetzt ist es irgendwie angekommen. Innendrin. Ich habe meiner Seele die Richtung gezeigt wofür ich eigentlich leben will.

Ich will mich heute nicht verlieren. Ich will nicht, dass meine Seele schaden nimmt.

Und die schrillen Stimmen vom Gang sind plötzlich ganz kleinlaut. Sie müssen eine Nummer ziehen und brav an der Tür warten bis sie reindürfen. Einer nach dem anderen. Und wer heute nicht dran kommt - morgen ist auch noch ein Tag!

Dienstag, 11. Oktober 2016

Wir wollen mutig sein.

 Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da!!!! Herzlich willkommen - du meine Lieblings-Jahreszeit! 





Im Killesbergpark wird wieder  die schönste Dahlie gewählt (wie soll man sich denn da bitte entscheiden?) und Samu sammelt wieder Unmengen an Blättern und Kastanien.

Auf dem Weg zur Kita ist der Blick nach oben einfach zum Staunen!



Und auch der Blick zum Werbeplakat an der Seite macht mich froh. Ich finde manche Dinge muß man einfach richtig stellen.


Das bringt mich dazu darüber nachzudenken (nur mal ganz theoretisch ;-)), dass man als Mama eigentlich die besten illegalen Aktonen durchziehen kann. Man ist erstens total unauffällig unterwegs - auf einem Fahrad mit Kindersitz - und zweitens ist man oft zu einer Zeit wach in der alle anderen noch schlafen. 
Eigentlich schade, dass man in einem Alter in dem man richtig mutig sein könnte (weil man nicht mehr so viel darüber nachdenkt was andere denken) entweder zu müde ist um vom Sofa hochzukommen oder das Leben einem doch schon den Schneid abgekauft hat. 
Das sind so meine Gedanken wie wir am Sonntag zu Freunden zum Kaffetrinken fahren. Wenn kein Gottesdienst bei uns ist, laden sie einfach die Gemeinde zu sich nach Hause ein. Und es ist jedes Mal eine total schöne Zeit. (nicht nur deshalb weil die Gastgeberin die weltbesten Kuchen backen kann!)


Während die Kinder das übliche Chaos anrichten sitzen wir Eltern und ein paar Singles zusammen und unterhalten uns über Gott und die Welt. Wir kommen auf das Thema Schule zu sprechen. Ich äußere meine Bedenken ob wir Samu nächstes Jahr in der Grundschule um die Ecke einschulen sollen. Sie hat  nicht den besten Ruf, der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund ist sehr hoch, jetzt kommen noch die Flüchtlingskindern dazu und die Lehrer sind ziemlich überfordert. Unser Nachbarsjunge hat schon in der ersten Klasse die Schule gewechselt, weil seine Lehrerin ständig krank war. Während ich also meine Bedenken äußere, und die anderen Eltern verständnisvoll nicken, sagt neben mir eine Freundin (die keine Kinder hat) : "Wäre es nicht toll wenn ihr trotzdem da hingeht? Wenn ihr Teil davon seid? Wenn Samuel mit diesen vielen Nationen aufwächst? Warum sollte eine andere Schule besser für ihn sein? Man kann sich doch nicht einfach rausziehen, wenn es schwierig ist..." In mir regt sich der Widerspruch. Ich denke, dass ich auch so gedacht habe als ich noch Single warAber eigentlich bin ich total dankbar für die Worte der Freundin. Weil sie mich darüber zum Nachdenken bringen, dass ich ja eigentlich mutig leben will und Samuel das Leben, so wie es ist, auch zutrauen möchte.
Heute lese ich bei Brene Brown: 

Mut ist so etwas wie eine Gewohnheit. Es ist wie schwimmen lernen indem man schwimmt. Man erlernt Mut indem man mutig ist.

Ich will mir diese Gewohnheit aneignen. Mitten im Alltag. Mit über 40 Jahren. Ich will ein bisschen Vorbild sein. Ich will aus vollem Herzen leben. Will Schwächen zugeben. Verletzlich sein. Schwierigkeiten angehen anstatt sie zu vermeiden. Neues ausprobieren. Widersprechen wenn man etwas nicht einfach so stehen lassen kann. Und ich will mich darin üben Samuel loszulassen. Jeden morgen auf`s Neue. Nein- ich will ihn nicht unvorbereitet ins kalte Wasser schmeißen, aber ich will ihm das Schwimmen beibringen, will ihm Schwimmflügel und jede Unterstützung geben, die ich habe und ihm vom Beckenrand aus Mut machen.  Ich will ihm das Leben zumuten, will ihm zutrauen, dass er seine Kämpfe kämpfen kann, mit Schrammen und blauen Flecken, Enttäuschungen und allem was dazugehört. Ich will ihm das Erlebnis schenken, dass er auch mutig sein kann, dass man schlafen kann auch wenn man Monster unterm Bett vermutet, dass er schwierige Dinge lernen kann und dass das Wasser ihn trägt. Ich will das mit ihm zusammen üben bis wir im nächsten Jahr mutig genug sind für die Schule. Egal welche es dann sein wird.

 Here is the world: 
Beautiful and terrible things can happen. 
Don`t be afraid.
                                               F. Buechner