Montag, 28. April 2014

mein Abendgebet

Es ist früher Abend.  Gerade eben habe ich den Küchenboden aufgewischt und Heio angedroht: "Wenn ich heute noch einmal den Küchenboden sauber machen muss, dann drehe ich durch!"
Ich bin müde, mein Kopf dröhnt von der Migräne (oder der Tablette die nicht wirken will) und eigentlich wollte ich heute abend noch einen Post über Dankbarkeit schreiben.
Eigentlich wäre ich ja auch total dankbar, würde mir das Leben (und der joghurtschmierende Sohn) nicht immer dazwischen kommen :-).
Aber ich weiß auch, dass Dankbarkeit eine Entscheidung ist und sich das dankbare Gefühl manchmal erst während dem Danken einstellt.

Das habe ich von Heio gelernt. Er hat vor einiger Zeit vorgeschlagen, dass wir abends doch zusammen Gott danken könnten, für das was er uns an dem Tag geschenkt hat.
Ich fand es eine gute Idee, bis zu dem Abend an dem ich mich überhaupt nicht dankbar gefühlt habe (so nach dem zweiten oder dritten Tag). Plötzlich fand ich es anstrengend und Heio war "gesetzlich" und "unflexibel" , weil er darauf bestanden hat. 
Aber ich mache mit. Fast jeden Abend, seit über zwei Jahren. Manchmal aus vollem Herzen und mit großem Gefühl der Dankbarkeit, manchmal mit einem verzweifelten: "Danke, dass wir dieser Tag überstanden haben!" und manchmal spüre ich so wenig Grund zum Danken, dass ich zum Mann sage: "bitte, bete du." Und wenn ich dann höre wofür er dankbar ist murmle ich leicht wiederstrebend  ein zustimmendes "hmhm" und muss am Ende doch kräftig "Amen" sagen, weil ich merke: es stimmt. Ich habe so viel Grund zu danken.

Neulich habe ich mich mit Heio über das Älterwerden und alte Menschen im allgemeinen unterhalten. Ich habe ein paar Jahre in der Pflege von alten Menschen gearbeitet und er hat mich gefragt: "Konntest du einen Unterschied feststellen zwischen Menschen die an Gott glauben und Menschen die nicht glauben?" Ich musste kurz nachdenken und habe ihm dann gesagt: " Eigentlich nicht so sehr. Aber es gibt definitv einen Unterschied zwischen dankbaren alten Menschen und unzufriedenen, verbitterten alten Menschen."
Dankbare alte Menschen sind wunderbar. Bei ihnen ist es keine gefühlsmässige Sache mehr, vielleicht auch nicht mal mehr eine Entscheidung. Ich glaube es ist schon ganz tief in ihrem Charakter eingeprägt. Sie können fast nicht mehr anders wie dankbar sein (leider ist es ebenso bei den verbitterten Menschen).
Ich will gerne einer von diesen dankbaren Menschen werden und deshalb will ich mich heute für die Dankbarkeit entscheiden. Trotz dreckigem Küchenboden: Ich habe so viel Grund dazu!

Würdet ihr mich heute bei meinem abendlichen Dankgebet begleiten?

Danke Jesus für Samu. Du hast ihn heute bewahrt und seine Ohrenschmerzen sind schon viel besser - und vergib mir, dass ich ungeduldig war mit ihm! Mach bitte, dass er keinen Schaden davon nimmt und später sein ganzes Geld für Therapie draufgeht.


Zwischenschub: Ab und zu schleichen sich doch Bitten in mein Gebet ein. Heio mag das nicht so, aber inzwischen ist es für ihn ok, weil ich ihm erklärt habe, dass es spontan kommt und ich mich ja vor Gott nicht verstellen will  und Gott das bestimmt auch nicht will.

Ok, wo waren wir?
Ach ja, DANKE JESUS für das schöne Geburtstagsfest!
Regenwahrscheinlichkeit war bei 90%, meine Sorgen bei 100%, dass das kleine Gartenfest in`s Wasser fällt - aber die Sonne hat gestrahlt und es war ein schönes Fest! DANKE!

Zwischenschub: ich weiß, um Wetter beten ist so eine Sache: da fällt sicher jedem gleich ein Negativbeispiel ein (wenn ich nur an unsere Hochzeit denke...). Ich gehe wirklich nicht davon aus , dass ich ein Recht auf schönes Wetter habe an meinem Geburtstag. Aber ich hatte so große Befürchtungen, dass wir uns alle in die kleine Wohnung quetschen müssen und die Kinder alles auseinandernehmen (der kleine Sohn vorneweg!), dass ich unendlich erleichtert und schlicht überwältigt war von dem guten Wetter.




Und danke Jesus für meine Familie und Freunde, für die wunderschönen Geschenke, für die schöne Stimmung und den Mann (und Becky und Much), der tolles Chili gemacht hat und ein wärmendes Feuer angezündet hat.


wer Verwendung für die alte Waschmaschinentrommel sucht: voila!


Mein tolles "Sammelgeschenk"! Ich werde nähen!!! Und jemand muss es tragen:-)
(foto von www.herz-lieb.de)
Danke für Veronikas Überraschungsbesuch und die vielen wunderschönen Blumen, die ich bekommen habe.




Danke, dass Heio heute Urlaub hat und ich mich mit der ollen Migräne auf`s Sofa legen konnte.
(wäre toll, wenn du mich heilen würdest...oder wenn wenigstens jetzt die Tabletten wirken könnten).

Und Danke Jesus, dass ich dich habe. Du bist der beste Freund den man sich vorstellen kann.
Du vergibst mir alles, du liebst mich ohne Ende und du hast Hoffnung und Zukunft für mich.
Du machst mein Leben so reich. Danke.

Und bitte mach, dass Samu heute Nacht nicht wieder stundenlang wach ist!!!!
Und falls doch, hilf mir dass ich nicht durchdrehe.
Danke.
Amen. 

Donnerstag, 17. April 2014

Ja, das kenne ich auch!

Gestern waren wir zu Besuch bei Freunden die auch einen kleinen Sohn haben . Wir sind mit dem Zug zu ihnen auf die schwäbische Alb gefahren - Samu war begeistert.
Und mir hat es so gut getan mit der Freundin über die Herausforderungen vom "Mama-sein" zu reden. 
Ich glaube wir beide haben ungefähr gleich wenig geschlafen in den letzten Jahren und wir sind ähnlich fertig und erschöpft. Ich konnte ständig nur sagen: Oh ja, das kenne ich,  genau so geht es mir auch. Und immer wieder standen mir Tränen der Erleichterung in den Augen : Gott sei Dank geht es nicht nur mir so, wie gut dass du das auch kennst!

Ich bin wirklich so gerne Mama, aber was es alles bedeutet, das hätte ich vorher niemals geahnt. Irgendwie habe ich immer gedacht: die Mütter haben es doch gut - sie können den ganzen Tag zuhause sein, auf dem Spielplatz sitzen, müssen nicht arbeiten und so stressig kann ein Kind ja nicht sein- immerhin versorge ich fast täglich 8 behinderte Kinder. 
Ihr lieben Mütter: ICH HATTE KEINE AHNUNG!
Und ich bin auch jetzt keinem böse der so denkt weil ich glaube: man weiß es einfach nicht was es bedeutet, bis man selbst 24 Stunden am Tag für so ein kleines Bündel Leben verantwortlich ist. Wahrscheinlich würde es ernsthaft unsere Fortpflanzung gefährden, wenn wir vorher genau wüssten was da auf uns zukommt ;-).
Ich weiß, es gibt auch andere Mütter, die jeden Tag ihres Mama-seins unendlich genießen und deren Kinder pflegeleicht sind und von Anfang an durchschlafen (und wirklich- ich versuche sie zu lieben!). Aber es tut einfach gut, wenn man jemand trifft dem man alles sagen kann, auch die dunklen Gedanken, und der den Arm um einen legt und sagt: Ich weiß, das kenne ich auch. 

Morgen ist Karfreitag. Irgendwie habe ich dieses Jahr von der  Passionszeit nichts wirklich mitgenommen außer ein paar Kilos mehr. Der Mann hat vom Kaffee bis Zucker alles mögliche gefastet und ich habe die ganzen Süßigkeiten alleine gegessen.
Heute morgen las ich müde ein wenig in meiner Bibel. Mein Blick blieb an diesem Satz hängen: 
Deshalb musste er (Jesus) in allem gleich werden, das heißt er musste Mensch werden, so wurde er ein barmherziger Stellvertreter für uns...weil er selbst gelitten hat und denselben Versuchungen ausgesetzt war wie wir Menschen, kann er uns in allem helfen. 
Hebräer2,17-18

Dieser Satz sagt mir, dass Jesus in jeder Situation in der wir uns befinden, den Arm um uns legen kann uns sagen kann: Ich verstehe dich so gut, das kenne ich auch!

Jesus war so erschöpft, dass er einen lebensgefährlichen Sturm auf einem Boot verschlief. 
Er weiß was es heißt sich fremd und alleine zu fühlen und von seiner Familie missverstanden zu werden. 
Er weiß wie es ist, von den Frommen verurteilt zu werden.
Er weiß wie man sich fühlt wenn sein bester Freund stirbt oder wenn ein sterbendes Kind vor einem liegt. 
Er weiß was es bedeutet große Angst zu haben und Gott anzuflehen, dass ihm das Leid erspart bleibt und nicht erhöhrt zu werden. 
Er weiß was es bedeutet von seinen Freunden im Stich gelassen zu werden, er weiß was Leiden und Schmerz bedeutet und er weiß wie es sich anfühlt zu sterben.
Er weiß...er weiß...er weiß.  

Egal in welcher Situation wir sind:  Er versteht uns. Er ist in deinen und meinen Schuhen gegangen und deshalb ist er unendlich barmherzig. Wie oft hatte ich schon beim Beten Tränen der Erleichterung in den Augen (ähnlich wie gestern bei der Freundin). Er weiß...er weiß...er weiß...

Und er kann uns an der Hand nehmen und uns durch alles Leid hindurch in`s Leben führen.
Karfreitag war voller Leid und Ostersonntag triumphierte das Leben.
Das ist verheissungsvoll für uns...am Ende können wir an Ostern mehr finden als nur ein paar Ostereier:-).

In diesem Sinne wünsche ich euch allen von Herzen gesegnete Ostertage!!!!

Montag, 14. April 2014

Das Leben so wie es ist (und nicht wie ich es gerne hätte)

Zuerst will zu meinem letzten Beitrag den "Realitäts-Check" nachreichen:
Leider war ich an dem Abend nicht auf dem Platz an unserem Fenster um DA zu sein um dankbar die Sonne untergehen zu sehen an einem Tag meines Lebens. Die Gründe dafür waren folgende:
  1. Der kleine Sohn hat im Bett Theater gemacht und schlief erst ein nachdem die Sonne unterging.
  2. Von unserem Fenster aus kann man die Sonne nicht untergehen sehen (irgendeine Sache mit Osten und Westen, die für alle Menschen Sinn macht, nur ich verstehe es nicht).
  3. Im Wohnzimmer schauten die Männer Champions-League und vor ihnen lag die größte Tüte meiner Lieblingschips.
Ich habe es wirklich versucht - aber nach einem kurzen Moment im Dunkel auf der harten Bank in unserer Küche, und einem halbherziges "Danke für diesen Tag" in mir, siegte die Chipstüte.
Mein Leben ist leider ein wenig störrisch, wenn es darum geht, die wunderbaren Erkenntnisse in die Tat umzusetzen. 

Am Wochenende haben wir dann unsere Freunde in der Schweiz besucht.
Wir haben uns schon lange darauf gefreut aber kurz vorher war ich dann so müde und erschöpft, dass ich  überlegt habe, ob wir wirklich fahren sollen.
Was wenn Samu nachts nicht schläft? Was wenn er wieder so schlecht gelaunt  und anstrengend ist wie in unserem Urlaub? Was wenn wir vor Müdigkeit sterben?
Wir haben uns trotzdem entschieden zu fahren und beim Überqueren der Grenze habe ich schon gespürt wie gut es tut, durch die idyllischen, schweizer Ortschaften zu fahren. 
Hier ist die Welt noch in Ordnung, man lebt mit der Natur, alles geschieht etwas langsamer und bewusster und die Menschen sind auch freundlicher. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, aber alleine die Vorstellung, dass es so sein könnte, tut mir gut.  
Auf jeden Fall war es sehr schön in der Schweiz und wir haben die Zeit mit den Freunden genossen. Trotz aller Befürchtungen hat Samu richtig gut geschlafen (für seine Verhältnisse) und wir sind nicht vor Müdigkeit gestorben - auch wenn es sich phasenweise so angefühlt hat.

Unsere Freunde haben einen schönen Ausflug in einen kleinen Kinderzoo organisiert.
Man kann dort auf Ponys, Kamelen oder Elefanten reiten und mit einem "Rösslezug" fahren und vieles mehr - alles Dinge von denen wir dachten, dass Samu begeistert sein wird. Ich hab mich schon auf sein kindliches Staunen und die schönen Fotos gefreut: der Sohn, reitend auf dem Elefant. Leider war er aber etwas störrisch was meine Vorstellung betraf - er war schlecht gelaunt, wollte auf keinem Tier reiten und hat dann auch noch die besten Attraktionen verschlafen. Also sind wir Erwachsenen geritten -  und das hat auch viel Spaß gemacht!
. 
Ein kleiner Elefant wurde getauft (während Samu geschlafen hat)  und es gab eine "Geburtstagstorte" für seine Familie und Körbe voller leckerer Sachen. Also, was diese Tiere weghauen ist schon erstaunlich.


das konnten sie anschließend, mit uns auf dem Rücken, wieder abtrainieren.


bewundert wurde der "Zug", aber zum Einsteigen hat der Mut nicht gereicht.


Kamele unter sich





Bei der Seehundshow wollte das Tier nicht wirklich durch den Ring springen - der Trainer wäre fast in`s Wasser gefallen. Auch sonst war der Seehund noch sehr ungeübt und hatte nicht wirklich Lust auf die Kunststücke. Er muss noch einiges lernen  um eine tolle Show zu machen. Wir wurden aufgefordert viel zu klatschen um ihn zu motivieren, damit er nicht aufgibt.
Irgendwie hat mich diese Vorführung gerührt -  wer braucht schon eine perfekte Show wenn er einem kleinen Seehund etwas Mut machen kann:-). 

Am Sonntag besuchten wir noch einen Gottesdienst. Er fand in in einer großen Halle statt mit schöner Musik, alles bestens organisiert, ein toller und gutaussehender Prediger, Videoleinwände die alles wunderbar übertragen haben, man konnte Gebet bekommen oder auch einen Kaffee (beides sehr wichtig!) - es war ein fast ein perfekter Gottesdienst. Das hat mich ein wenig deprimiert. Ich dachte an unsere Gottesdienste...an das Chaos, an den Beamer, der schon so lange kaputt ist.
Und dann dachte ich an eine Freundin, die hier mitten unter den Leuten saß und deren Leben sich seit längerer Zeit alles andere als geordnet und  wunderschön anfühlt.  Wie muss sie sich hier fühlen, habe ich mich gefragt und wäre am liebsten auf die Bühne gerannt um etwas umzuschmeissen oder irgendetwas anderes schräges zu tun um ihr zu zeigen: auch das Ungeordnete, auch die Zweifel und Fragen und das Chaos gehören bei Gott dazu. 
Ein wenig mehr "Seehundshow" hätte mir gefallen, ein wenig mehr Applaus für diejenigen, die ihr Bestes geben und trotzdem nicht "hoch genug springen", ein wenig mehr Freude über die kleinen Versuche, auch wenn sie scheitern, weil das Leben eben oft etwas störrisch ist und nicht so will, wie wir das gerne hätten.
Zum Abschluss hat Samu noch ein kleines Mädchen in den Finger gebissen ("ich bin ein Löwe, Mama!") und wir sind leicht beschämt abgezogen.

Der verpasste Sonnenuntergang, die Müdigkeit, der verschlafene Zoobesuch vom Sohn, ein Seehund der so vieles (noch) nicht kann und ein Biss in einem fast perfekten Gottesdienst - ich will lernen, das Leben so zu nehmen wie es ist und nicht wie es meiner Vorstellung nach sein sollte. Und ich bin dankbar für das gemeinsame Lachen, das Spielen und die guten, ehrlichen Gespräche unter Freunden.
Wie hat Brennan Manning es so wunderbar gesagt hat:  
"Wir sind geliebt, so wie wir sind und nicht so wie wir gerne wären."  
Und Gott wartet nicht fingertrommelnd in einer perfekteren Version meines Lebens auf mich, sondern er ist DA in meinem Leben- so wie es gerade ist.
Darüber bin ich sehr froh.

Und ich bin froh, dass ich euch berichten kann, dass die kleine Johanna von der Beatmungsmaschine weg ist und am Wochenende auf eine normale Station verlegt werden konnte. Es ist ein kleines Aufatmen, aber es liegt noch ein sehr langer Weg vor ihr und ihrer Familie. Aber sie lebt -  und das ist an sich schon ein großes Wunder!
Wenn ihr weiter für sie beten möchtet, könnt ihr mir gerne eine kurze mail schreiben und ich halte euch auf dem Laufenden.

Mittwoch, 9. April 2014

Heute will ich dabei sein.

Gestern hatte ich Spätschicht in unserem Behindertenheim. 
Durch Heios Arbeitswechsel kann ich jetzt meine wenigen Dienste unter der Woche arbeiten (und nicht mehr am Wochenende), was von meinem Arbeitgeber richtig toll ist. 
Ich finde es auch gut, aber es gibt einen kleinen Nachteil: Während der Schulzeit muss man abends die "Big Macks" von den Kindern besprechen. Das ist nichts zum Essen, sondern ein Hilfsmittel zur "unterstützenden Kommunikation". 
Das Ganze funktioniert wie ein kleines Aufnahmegerät: Man berichtet in ein paar Sätzen was das Kind bei uns im Heim erlebt hat und über seinen Tag erzählen will und in der Schule können es die Lehrer dann abhören. Durch einen leichten Druck auf die große Taste kann es das Kind auch selbst "erzählen".

Ich saß gestern etwas ratlos da, den Big Mack in der Hand, das schwerstbehinderte Mädchen neben mir und ich habe sie gefragt: was soll ich über deinen Tag erzählen? Was willst du sagen, was war schön, was war schwierig - was hast du erlebt?
Leider ist es so,dass die Kinder, nüchtern betrachtet, bei uns nicht so viel erleben. Nicht oft kann man etwas so spektakuläres wie "Ich hatte Besuch", "Wir haben ein Fest gefeiert" oder "Ich habe einen Ausflug gemacht" erzählen.  
 Einen Satz könnte ich aber jeden Abend und bei jedem unserer Kinder draufsprechen: 

"Heute war ein Tag an dem ich DA war!"
Ich habe das Essen geschmeckt, den Wind gespürt, habe geweint und mich geärgert und mich gefreut wenn jemand Zeit hatte mich in den Arm zu nehmen. Ich habe die Sonne auf meinem Körper wahrgenommen und auch die Stimmung meiner Bezugserzieherin. Ich war ganz zufrieden wenn ich gut gelagert war und keine Schmerzen hatten. Ich habe mich über meine Lieblings-CD gefreut und mein Lieblingsgeräusch hat mich heute, wie auch an all den vielen Tagen zuvor, zum Lachen gebracht. Ob es etwas erzählenswertes ist weiß ich nicht: aber so war mein Tag: Ich war einfach DA.

 Aber das spreche ich nicht auf den Big Mack. 
Vielleicht weil das von meinem Gefühl her nicht reicht oder es nicht pädagogisch oder therapeutisch genug ist, oder die Lehrer dann denken wir machen nichts mit den Kindern. Und deshalb versuche ich mühsam ein paar Sätze zu finden die aus ein paar Stunden, an denen nicht viel passiert ist etwas besonderes rausholen.
Als wäre es nichts besonderes  einfach da zu sein.

Heute morgen war ich bei unserem Bäcker Brot kaufen. 
Es war viel los in dem kleinen Laden und hinter der Ladentheke standen drei Verkäuferinnnen. Ich habe müde meine Bestellung aufgegeben und während dem Geld rauskramen leicht panisch festgestellt, dass ich nicht weiß bei wem ich bezahlen soll. Ich hatte keine Ahnung mehr mit welcher der drei Verkäuferinnen ich gesprochen habe. Der Grund dafür war nicht, dass sie sich so ähnlich sahen (überhaupt nicht!) sondern ich war nicht wirklich da. Meine Gedanken waren schon vorausgeeilt zum nächsten Punkt in meinem Tagesablauf und ich habe dadurch den Menschen vor mir völlig übersehen. 
Danach bin ich schnell nach Hause um die Wohnung aufzuräumen. Aus den Augenwinkeln habe ich wahrgenommen wie vor dem Fenster der Wind den blühenden Kirschbaum hin- und hergeschüttelt hat, wie winkende Girlanden. Eigentlich mein Lieblingswetter, aber ich hatte keine Zeit es zu genießen. Es gab ja noch soviel auf meiner "to-do-Liste".
Abends saß ich mit Kopfschmerzen beim Abendessen, den Blick zur Uhr: noch über eine Stunde, bevor ich Samu in`s Bett bringen kann. "Mama, komm doch spielen!", forderte er mich auf, aber Mama war müde und lag in Gedanken schon auf der Couch. 
Kennt ihr solche Tage? Sie gehen vorbei, ohne dass ich richtig hingeschaut habe. Ein Tag meines Lebens und ich war nicht wirklich dabei.
Der Autor Frederik Buechner erzählt, wie er eine Gruppe von Studenten am frühen Abend unterrichten wollte. Gerade war er dabei mit seinem Vortrag zu beginnen, da nahm er durch die Fenster der Klassenzimmers wahr, dass sich draußen ein Sonnenuntergang in den wunderbarsten Farben ereignete. Er hielt mit seiner Rede inne und bat die Stundenten das Licht auszumachen und die Stühle an`s Fenster zu rücken. So saßen sie dann, in völliger Stille, und sahen gemeinsam wie die Sonne unterging.  Er berichtet darüber:

"Wir saßen still im Dunkel. Kein Wort wurde gesprochen. Der Sonnenuntergang- so schön er auch war- war vielleicht nicht das Besondere, was in diesem Moment geschah. Es war die Stille, die plötzlich über uns lag. Keine Stille, die peinlich gewesen wäre. Wir waren uns der Gegenwart der anderen bewusst. Und wir waren einfach nur da. Nichts wurde getan. Es gab keine erklärenden Worte. Wir nahmen wahr was es zu sehen gab. Und wir sahen nicht nur die Sonne so wunderbar untergehen, wir sahen auch ein Tag in unserem Leben der zu Ende ging -ohne Traurigkeit, einfach in dem Bewusstsein: wir haben nur soundsoviele Tage und das war einer davon. Kurz dachte ich darüber nach ob ich nicht ein paar Worte an die Studenten richten sollte, es war schließlich mein Unterricht. Aber es gelang mir zu schweigen und ich sagte in das Dunkel und die Stille hinein: "Ihr könnt gehen". Schweigend gingen wir auseinander. Ich glaube es war ein guter Unterricht."

Das finde ich auch: Es war ein guter Unterricht, von Frederick Buechner und von meinen Kindern bei der Arbeit. Und ich will davon lernen. 
Heute will ich dabei sein.
Ich will rausgehen und den Wind spüren und wahrnehmen, was es zu sehen gibt.
Ich will die Verkäuferin anschauen und dankbar sein, dass sie mich so freundlich bedient. 
Ich möchte den kleinen Sohn beim Sandeln beobachten und mich nicht nebenher ständig mit meinem Handy beschäftigen. 
Ich will das Essen schmecken und mich darüber freuen, wie gut wir jeden Tag versorgt werden.
Ich will meine "to-do-Liste" loslassen und meine Lieblingsmusik einlegen. 
Ich will mich umarmen lassen und will jemand sagen, dass ich ihn lieb habe.
Und vielleicht werde ich heute abend einfach mal den Fernseher auslassen, das Licht ausmachen und den Stuhl vor`s Fenster rücken und still dabei sein, wie ein (ganz gewöhnlicher) Tag meines Lebens zu Ende geht.
Und dann will ich in`s Dunkel flüstern: "Danke für diesen Tag. Danke, dass ich dabei war."
Mal schauen ob es mir gelingt...




Freitag, 4. April 2014

Mein Mann der Gärtner und das Unkraut in mir




Mit dem Beginn der Frühlingszeit stolpere ich jedes Jahr über kleinen Töpfe, Säcke von Blumenerde und Saatgut, das der liebe Mann über den ganzen Balkon (und manchmal auch in der halben Wohnung) verstreut. Samu scheint seine Gärtnerleidenschaft schon übernommen zu haben und er geht abends begeistert mit zum Pflänzchen giessen, Erde düngen, Schnecken vom kleinen Salatbeet pflücken (Igitt!) und das Unkraut bekämpfen.

Mir dauert es meist viel zu lange bis aus einem Saatkorn eine Pflanze wächst. Es braucht auch so viel Pflege und am Ende kommen die Schnecken und fressen die Hälfte davon auf. Da gehe ich lieber in den Supermarkt und kaufe mir einen Kopfsalat(natürlich regional und biologisch!:-)). 
Aber ich muss schon zugeben, dass es etwas besonderes ist, wenn Samu die Tomaten auf dem Balkon erntet (nicht die Grünen- das weiß er schon) oder Heio mit einer großen Zuchini aus dem Garten kommt und im Herbst die eigenen Kartoffeln in der Pfanne brutzeln.
Der Mann bringt die Ernte dann immer mit strahlendem Gesicht in die Küche - den Lohn für seine Mühe. Ich bewundere seine Beharrlichkeit, die treue Pflege und seine Geduld. Darunter gedeihen nicht nur unsere Pflanzen, sondern er ist auch so treu und beharrlich im Beten für andere, bei "schwierigen Menschen" (vorneweg die Ehefrau:-)) oder wenn es darum geht an seinen eigenen Schwächen zu arbeiten.

Gestern war Heio mit dem kleinen Sohn unterwegs um seiner Mutter im Garten zu helfen.
Ich habe die Gelegenheit genutzt um ein wenig Ordnung in unserem "Wurf- Zimmer" zu schaffen (der Raum in den man alles einfach reinwirft, kurz bevor der Besuch kommt).
Wenn ich sauer bin, kann ich am effektivsten aufräumen - und ich war sauer. Ich war enttäuscht, dass ich am Wochenende die tolle Predigt verpasst habe die genau in meine Situation gepasst hätte, weil ich mit Samu zuhause bleiben "musste". Ich war neidisch auf den Erfolg einer Freundin und gekränkt über die mangelnde Dankbarkeit von jemand, dem ich geholfen hatte... und dann der ganze Dreck - ich hatte viel Energie zum Putzen.
Nebenher habe ich mit halbem Ohr eine Predigt angehört von Prof. Zimmer über die Existenz des Bösen. Er sprach über das Gleichnis von der guten Saat und dem Unkraut im Acker
Und plötzlich trafen mich die Worte direkt in`s Herz. Er sagte: 
"Hier geht es nicht um "gute" oder "böse Menschen".
Die einzig angemessene Reaktion auf dieses Gleichnis ist zu beten:
Lieber Gott, du siehst das viele Unkraut in meinem Herzen: ich bitte dich, lass es nicht die gute Saat überwuchern. Und bitte schütze andere vor dem Unkraut in mir. Pass auf sie auf, dass ich sie nicht so verletzte. Amen."

Und ich sehe plötzlich "das Unkraut" in mir:
der Neid, anstatt mich mitzufreuen,
das Gekränktsein, anstatt einfach froh zu sein, dass ich jemand etwas Gutes tun konnte,
der Ärger über die verpasste Predigt, anstatt dankbar zu sein, dass mein Mann mir den Inhalt ganz genau nacherzählt hat.
Und ich lege den Putzlappen aus der Hand und spreche das Gebet noch einmal langsam mit:
bitte schütze die anderen vor dem Unkraut in mir....

Ich denke an das Gartenbeet von meinem Mann, seine treue Pflege und mir kommt die Bibelstelle:
Mehr als alles andere was man sonst bewahrt, behüte dein Herz. Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens. Sprüche 4,23

Auch wenn ich nie eine gute Gärtnerin werde - auf mein Herz  will ich achten. 
Ich will dem Leben Raum geben und die zerstörerischen Gedanken eingrenzen, wo es mir möglich ist.  Und ich will vertrauen, dass die guten Früchte wachsen, trotz allem was so oft in mir ist...durch Gottes Gnade.

Freitag, 21. März 2014

außergewöhnlich gewöhnlich.

Gestern, beim Lesen auf anderen Blogs, kamen mir mal wieder die Zweifel, ob es denn genug ist was ich hier schreibe. 

Ich habe keine außergewöhnliche Lebenssituation die spannend zu erzählen wäre und leiste keine herausragende Arbeit in irgendeinem armen und gefährlichen Land. 
 Ich habe keine besonders auffällige Begabung zum Schreiben und ich kann euch auch keine tollen "do-it-yourself"- Sachen vorführen (gut, ich könnte euch unseren Küchenvorhang zeigen, den ich letzte Woche selbst gemacht habe - ohne zu nähen uns zu bohren, aber er fällt beim Öffnen des Fensters meistens zu Boden!) . 
Und wenn hier mal was tiefsinniges steht, dann sind es meistens Zitate von anderen klugen Leuten. 

Eigentlich schreibe ich über so normale und gewöhnliche Dinge - wie Ehestreit und Kind in die KiTa bringen -  dass ich mich Frage, ob die Seitenaufrufe nicht ein fake sind und mein liebster Mann ein paar Leute dafür bezahlt, hier immer wieder mal vorbeizuschauen. 

Das erinnert mich daran wie enttäuscht ich war zu erfahren, dass die ganzen lieben Postkarten und Briefe die wir nach unserer Hochzeit bekommen haben, von meiner Schwägerin organisiert wurden. Sie hat die Leute an unserem Hochzeitsfest dazu eingeteilt uns in unserem ersten Ehejahr monatlich zu schreiben. Und ich war ganz begeistert wieviel Post wir bekommen und dachte die Leute machen das freiwillig (ok, es war ja freiwillig, aber dann auch wieder nicht so richtig, ihr wisst was ich meine).

Ähm, wo war ich stehengeblieben? Ach ja, dass ihr tatsächlich freiwillig hier vorbeischaut... vielleicht ist es ja auch in der Hoffnung: irgendwann muss ja mal was interessantes hier stehen:-). Das ist jetzt kein "fishing for compliments", sondern etwas was mich eigentlich schon mein Leben lang beschäftigt: der Wunsch, dass das was ich tue und wie ich lebe, etwas besonderes, etwas außergewöhnliches ist.

Die christliche Kultur, in der ich aufgewachsen bin, hat diesen Gedanken noch verstärkt. Da war viel die Rede davon etwas großes für Gott zu machen: "Gott hat einen Plan mit deinem Leben", "Du kannst mit Gott die Welt verändern", "Gott hat eine besondere Berufung für dich!" - und ich wollte das so gerne glauben.

Da ich ein ganz gewöhnliches Mädchen aus dem Schwarzwald war, ohne berühmte Eltern und ohne krasse Vergangenheit -  beides Dinge mit denen man damals in christlichen Kreisen hätte punkten können - dachte ich: ich werde etwas krasses für Gott machen. Ganz bestimmt will ich kein gewöhnliches Leben, mit Mann, Kind und Eigenheim. Ich lebe lieber ungewöhnlich.

Der Start dazu war denkbar schlecht: ich machte eine Ausbildung zur Krankenschwester, was so ungefähr jedes zweite christliche Mädchen gemacht hat. 
Ich hätte wahlweise noch Erzieherin werden können, aber nach dem Vorpraktikum in einem Kindergarten war ist so genervt von den Kindern, dass ich (ohne jede Leidenschaft) Krankenschwester gelernt habe. Innerlich war mir klar: das ist ja nur vorübergehend bis ich meine große Berufung finde.
Natürlich wollte ich nie in einem "normalen" Krankenhausbetrieb arbeiten und habe mir dann die eher heftigen Aufgaben ausgesucht: Pflege bei AIDS-Kranken (war anfang der 90-er noch  nicht so beliebt), Arbeit mit Drogenabhängigen und dazwischen internationale Einsätze.

Ich war an der Gründung der "Jesus-freaks" in Stuttgart beteiligt und wir waren von dem Gedanken erfasst, etwas außergewöhnliches, neues und anderes zu machen, wie alle anderen Gemeinden zu der Zeit.
 Und vieles davon war wirklich außergewöhnlich: Punkmusik im Gottesdienst, bekiffte Prediger und Alkoholausschank während dem Gottesdienst , das war eher ungewöhnlich (das ist heute nicht mehr so bei uns, ok!:-)). Ja, es sind tatsächlich wilde Dinge passiert und  auch wunderbare außergewöhnliche Sachen. Aber ich bin eigentlich immer "nur ich" geblieben: ein ganz gewöhnliches Mädchen aus dem Schwarzwald (nichts gegen Schwarzwälder, da gibt es ja auch außergewöhnliche Menschen, man denke nur an Tony Marshall oder Jürgen Klopp;-)).

Und heute lebe ich ein ganz gewöhnliches Leben und ertappe mich dabei,wie ich kinder-wagenschiebend durch Stuttgarts Vororte laufe und sehnsüchtig die Eigenheime der Menschen betrachte. 

Klar, es gibt noch Träume, Dinge die ich gerne tun würde, aber ich bin mir nicht mehr so sicher ob ich wirklich eine "außergewöhnliche Berufung" möchte.
Manchmal, wenn ich die Leute in der Bibel anschaue oder Leute die heutzutage eine krasse Berufung leben, denke ich man kann vielleicht froh sein wenn man nicht zu diesem erwählten Kreis gehört.  Der Preis dafür scheint sehr hoch zu sein (zumindest wollte ich keine 40 Jahre mit einem mürrischen Volk durch die Wüste wandern oder mein Zuhause mit 100 Strassenkindern teilen).
Ganz leise kommen auch die Zweifel dazu, ob dieses "besonders sein wollen" nicht eher etwas mit unserer Kultur wie mit dem christlichen Glauben zu tun hat. Vielleicht wurden ja die krassen Geschichten so sehr in den Mittelpunkt gestellt und nur über extreme Leben wurden Bücher geschrieben, dass die vielen einfachen und gewöhnlichen Leben daneben, scheinbar unbedeutend sind.

Heute morgen habe ich die Bibelstelle in Timotheus gelesen:
" Ich ermahne euch nun zum Gebet.... und dass wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in Gottesfurcht und Ehrbarkeit. Das ist schön und angenehm vor unserem Gott." 
Ich glaube darüber habe ich noch nie eine Predigt gehört.
Dafür aber einige zum Thema:  
Verkaufe alles was du hast und gib es den Armen 
(nicht dass ich das jemals getan hätte, aber diese Stelle hat eben Pfeffer!).

Aber ganz langsam, mit den Jahren, ahne ich, dass das alles vielleicht nicht das  Entscheidende ist. Ich lerne meine eigenen Verletzungen anzuschauen und versuche in dem Wissen Frieden zu finden, dass ich geliebt bin, so wie ich bin.  

Ich habe lange versucht (bewusst oder unbewusst) etwas besonderes, etwas außergewöhnliches, hinter meinen Namen zu schreiben: 

Christina, die eine krasse Arbeit macht
Christina die jedem hilft und sich aufopfert
Christina, die toll predigt 
Christina die internationale Rednerin die Bücher schreibt (Wunschtraum!)...

aber all das ist kein wichtiger Teil meines Namens. 
Es soll überhaupt nie (wieder) Teil meines Namens sein.
Mein Name ist einfach: Christina, von Gott geliebt. 
  
Damit ist das Wichtigste gesagt. Ich bin, so wie ich bin, von Gott geliebt. Und dieser Zusatz macht mich, macht jeden von uns zu etwas außergewöhnlichem.

Und wenn die Welt etwas braucht, dann sind es Menschen die diese Liebe annehmen und sie überfliessen lassen, im ganz gewöhnlichen Alltag. 
Wie sagte Mutter Theresa (wieder so eine besondere Berufung!): 
Es geht nicht darum große Dinge zu tun, sondern die kleinen DInge mit großer Liebe. 

Und hier und da kann ich vielleicht dann doch etwas außergewöhnliches tun, aber es wird dann hoffentlich nicht mehr so wichtig für mich sein.
Es ist nicht meine Identität. 
Mein Name ist ein anderer.

 Das schreibt Euch: Christina, die von Gott geliebte.


Dienstag, 18. März 2014

Ich brauche dich.

An manchen Tagen hängt eine trübe Stimmung über mir, wie eine kleine dunkle Gewitterwolke, die sich vor die Sonne schiebt und ich schaffe es einfach nicht sie loszuwerden. Gestern war so ein Tag.
Am Wochenende war bei Heio viel los und ich war die meiste Zeit mit dem kränklich, anhänglichen Sohn alleine unterwegs. Also war mit ausruhen nicht viel und ich bin erschöpft in die Woche gestartet. Es kam wie es kommen musste: das Gewitter hat sich auf den armen Mann entladen. Nun gibt es ja kleine Streitereien über den Tag, die man einfach so wegsteckt und dann zusammen weitermacht. Aber es gibt auch die Art von Streitigkeiten bei denen ein ganzer Sturm an Gefühlen losbricht und die Worte wie Blitze einschlagen und eine Schneisse der Verwüstung hinterlassen. Es war einer dieser Streits.

Ich habe wutentbrannt die Wohnung verlassen und bin mit dem Auto durch die Gegend gefahren. Eigentlich wollte ich einen ruhigen Ort finden um zu weinen und mit Gott zu reden, aber das ist nicht so einfach, wenn man mitten in der Stadt wohnt. An irgendeiner Müllhalde habe ich dann geparkt (wie passend). Ich habe die ganze Wut in mir gespürt und Gott angefleht mir zu helfen, mir zu vergeben, mich heil zu machen... Immer noch aufgewühlt bin ich dann zurückgefahren.
Am Nachmittag sollten wir Besuch von Freunden aus der Gemeinde bekommen. Vielleicht kennen das manche von euch: man hat Leute eingeladen und ist jetzt blöderweise total zerstritten. Die Frage ist dann: Leute wieder ausladen oder aber einfach so tun als ob alles in Ordnung wäre, oder einer verschwindet während der Zeit, oder man schafft es vorher den Streit zu bereinigen. Das letztere schien unmöglich und ich wollte schon alles absagen.
Aber da fiel mir noch eine Möglichkeit ein: ehrlich sein. Hmmm. Nicht so einfach für mich. Ich will andere so ungern mit meinen Problemen belasten. Der Gedanke: "anderen geht`s doch viel schlechter", hält mich oft davon ab den Menschen in meinem Umfeld mein Herz auszuschütten. Nach Rücksprache mit Heio (wir haben tatsächlich kurz miteinander geredet!) waren wir uns einig: der Besuch soll kommen, wir wollen ehrlich sein.

Also saßen wir kurz darauf am gedeckten Tisch im Garten. Fast hätte ich gekniffen, es schien so unpassend über unsere Schwächen zu reden, aber dann habe ich mir einen Ruck gegeben und gesagt: "uns geht es gerade nicht so gut."
Die Antwort war: "Ihr seht so fertig aus, wir dachten schon, dass es euch nicht gut geht." Aha. Und dann haben wir ein wenig darüber geredet was uns gerade bedrückt, wie wir im Alltag damit kämpfen die neue Arbeitssituation von Heio gut hinzubekommen, über meine Erschöpfung, meine - oft so ungerechten - Vorwürfe, wir haben einfach die Karten auf den Tisch gelegt. Die Freunde haben voller Anteilnahme zugehört, uns vorsichtig ein paar Tipps gegeben und dann noch für uns gebetet.

Eigentlich keine außergewöhnliche Geschichte. Wir versuchen eine gute Ehe hinzubekommen, wir kämpfen und es ist nicht immer einfach. Und doch fällt es mir manchmal schwer darüber zu reden. Und zwar dann, wenn wir die Situation noch nicht gelassen im Rückblick sehen können. Kein: "Ach ja, wir streiten auch manchmal" und man schaut sich dabei verliebt in die Augen. Nein, wenn wir mittendrin sind in unserem Sturm und nicht genau wissen wie wir es schaffen da heil rauszukonnen, dann fällt es mir schwer darüber zu reden. Dann fühle ich mich so schwach und verletzlich.
Aber der ehrliche Moment in unserem Garten war der Wendepunkt. Und er hat uns nicht nur wieder näher zueinander gebracht, sondern auch näher zu den Freunden, die da waren.

Bei "the work of the people"(einer wunderbaren Website) habe ich neulich einen kleinen Film von Jean Vanier gesehen. Er ist der Gründer der "ARCHE",das sind Gemeinschaften in denen Behinderte und Nicht-Behinderte Menschen zusammenleben. Er redet über "schwach und verletzlich sein" und mich haben seine Worte sehr berührt:

"Leben kommt aus der Erkenntnis, dass wir es nicht alleine schaffen, wenn wir merken: wir brauchen einen Erlöser. Kein Erlöser der mir in erster Linie Kraft gibt, sondern der mir offenbart was meine wahre Identität ist: Ich bin von Gott geliebt.
Wenn wir sagen können: ich bin schwach, ich brauche dich, das ist nichts schlimmes, sondern es kann der Ort werden wo wir einander begegnen und Gemeinschaft haben...
Die Schönheit unserer Menschlichkeit ist, dass wir wunderbare DInge schaffen können aber auch, dass wir erkennen können: wir brauchen HIlfe."

Schwäche als Chance zur Gemeinschaft.
Meine Schwäche zieht mich näher zu Gott und ich flehe ihn an mir zu helfen. Und, wenn ich mutig genug bin, kann sie mich in Gemeinschaft mit anderen ziehen, so wie gestern in unserem Garten.
Es ist nicht schlimm wenn wir am kämpfen sind. VIel schlimmer ist es, wenn wir so tun als wäre alles in Ordnung und wir irgendwann mutlos aufgeben, weil wir es dann doch nicht alleine schaffen.
Deshalb will ich lernen zu Gott und dann auch vor zu Menschen zu sagen:
Ich bin schwach. Ich brauche einen Erlöser. Und ich brauche Gemeinschaft. Ich brauche dich.

 

 

Gottes zu bedürfen, ist des Menschen höchste Vollkommenheit.
Sören Kierkegaard

 

Dienstag, 11. März 2014

Schönheit und Schmerz

Die letzten Tage waren angefüllt mir viel Schönheit.
Ein Wochenende voller Sonnenschein, ganz für mich allein - oh yeah!-  und ohne weitere Polizeibesuche (am Sonntag bin ich auch schon um 8 Uhr aufgestanden und hab gleich den Mann angerufen:-)).
Ich war in meinem Lieblingspark, hab gelesen und Briefe geschrieben, (ganz "old-school" mit Füllerfederhalter!) - gestern wurden sie losgeschickt, einer zur Freundin nach Norwegen und der andere nach Kalifornien zur Lieblingssnichte! 






Und da vorne hat der VFB mal wieder nicht gewonnen...mir sind ein paar leidende Fans begegnet:-(
das schöne Briefpapier von Nicola kann man hier bekommen!

Am Sonntag war ich dann auf der schwäbischen Alb. Ich mag die Natur, das rauhe Klima hier oben. Früher bin ich oft hierher gefahren, einfach um den Kopf frei zu bekommen und die wilde Schönheit zu geniessen. Die letzten Jahre hat es nicht mehr so oft geklappt. Ich vermisse den Ort und die verwitterte Bank, auf der ich schon in jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter saß.
Jetzt kam noch der gute Freund mit und es war einfach schön. Er hat sogar einen Kuchen gebacken!!!



was die hier oben mit den Männern machen ist schon hart! :-)


Und dann war das Wochenende schon wieder vorbei.
Es war schön, aber ich habe mich auch wieder sehr auf diesen kleinen Kerl (und seinen Papa!) gefreut.


Heute haben wir zusammen Frühlingsblumen eingepflanzt. So viel Schönheit....


Und gestern wurde die kleine Tochter von Freunden am Herz operiert.
Die Familie geht durch eine sehr harte Zeit, es ist kaum vorstellbar für mich was sie da gemeinsam durchmachen. Gestern dann ihr stundenlages Warten vor dem OP-Saal und die vorsichtige Nachricht : sie hat überlebt. Trotzdem ist es noch nicht vorbei.
Ich bete. Mehr kann ich nicht tun. Aber ich bete wie schon lange nicht mehr. 
Heute morgen, nach einem Kurzbericht von der Intenisvstation, drückt mich dieses Leid, was die Freunde durchmachen müssen, fast zu Boden. Weiterbeten fällt mir plötzlich schwer. 
Die Frage nach dem Leid, nach Gottes Eingreifen...all das steigt in mir hoch. Die Bibelstelle für den heutigen Tag handelt von Hiob. Bitte nicht Hiob!
Manchmal wirkt diese Geschichte auf mich, als würde Gott eine Einladung  Satans zum Pokern annehmen, wieviel Leid Hiob wohl aushalten kann, ohne dass sein Glaube zerbricht.
Kein gutes Bild von Gott und bestimmt ein total falsches. Ich sitze also vor meiner Bibel, mit all den schweren Gedanken, da taucht ein anderes Bild in mir auf: Gott am Kreuz, der leidende Gott. Ein Gott der sein liebstes gibt, der sich total verletzlich macht, der dreckig leidet und qualvoll stirbt.

Einer meiner Lieblingsautoren Frederick Buechner schreibt über das Kreuz:
Ein sechsstrahliger Davidstern, der wachsende Halbmond, eine Lotusblüte-  diese Symbole anderer Religionen stehen für Schönheit und Licht. Das Symbol des Christentums ist ein Instrument des Todes. Es steht, um nur das Mindeste zu sagen, für Hoffnung.

Mit allem tiefen Respekt vor den anderen Religionen: ich bin heute besonders dankbar dafür, dass Gott nicht nur Schönheit und Licht verkörpert. Ja, dort ist er auch. Ich fühle mich Gott in der Natur nahe, sehe seine Fingerabdrücke und staune über die Schönheit. 
Aber das Kreuz sagt mir: er ist auch im Leid, auch im Schmerz, auch im Dreck dieser Welt.
God ist watching us from a distance- mit so einem Glauben könnte ich nicht leben! 
Ich glaube an einen Gott der sich die Hände schmutzig macht, dessen Herz blutet, der uns unendlich liebt und uns in unserem Schmerz nicht alleine lässt!  Das gibt mir Hoffnung und macht mir wieder Mut  heute weiterzubeten, auch mit Kloß im Hals.

Und dieses Lied ist in diesen Tagen mein liebstes Lieblingslied. Irgendwie passt es gerade sehr gut.
Meine Lieblingsstelle im Text ist diese:
"Wenn du wüsstest was du mir bedeutest,
würden in deinem Herz alle Glocken läuten..."

Samstag, 8. März 2014

Ausschlafen verboten!

Ihr werdet nicht glauben was mir soeben passiert ist! Ich muss es einfach gleich aufschreiben, weil es noch so frisch und total surreal in meinem Kopf ist.

Um kurz die Umstände zu erklären: Heio ist mit dem kleinen Sohn gestern zu seiner Mutter gefahren und ich habe ein FREIES Wochenende!!! Was für ein ungewohnter Luxus.
Ich will an diesem Wochenende ein paar Dinge erledigen, etwas schönes unternehmen und vor allem: SCHLAFEN!!!
Gestern abend konnte ich dann schlecht einschlafen (wahrscheinlich haben mir die ganzen Schlafgeräusche meiner sonstigen Mitbewohner gefehlt) und ich habe eine Schlaftablette eingeworfen und Ohropax in`s Ohr gesteckt. 
Heute morgen um halb 11 bin ich aufgewacht!!! Whow. So lange habe ich seit über 3 Jahren nicht mehr geschlafen.
Es klingelte resolut an meiner Tür.
Ich habe geöffnet und bin vor Schreck fast umgefallen. Zwei Polizisten standen davor. Sie erklärten mir, dass die Nachbarn angerufen hätten, weil die Rolläden noch unten waren. WAS???!!! Darf man in Deutschland nicht mehr ausschlafen? Davon habe ich nichts mitbekommen. Irgendwie eine lustige Vorstellung: Wer länger als 9 Uhr schläft bekommt eine Verwarnung, ab 10 Uhr ist eine Strafe von 50 Euro fällig. 
Ich war total verdattert. Hab irgendwas gestammelt von Kind und endlich mal ausschlafen und mich entschuldigt (für was eigenltich?!) und die Polizisten sind wieder abgezogen.
Unser Mitbewohner von oben hat sich inzwischen dazugesellt. Er war 2 Wochen in China und meinte: "warte mal", bevor ich die Türe wieder schliessen konnte. Mir wurde ein Mitbringsel überreicht und er bestand darauf, dass ich es gleich öffne. Im Päckchen waren zwei chinesische Porzellankatzen  für Salz und Pfeffer.
Ich stand also in unserem Flur, in meinem verbeulten, alten Schlafanzug mit den zwei Katzen in der Hand und dachte: Jetzt geht gleich unsere Kellertür auf und das Team von versteckter Kamera erscheint. Aber niemand kam und ich hab kopfschüttelnd die Türe wieder zugemacht.

Erst langsam Begriff ich, dass es nicht die Nachbarn waren, sondern mein liebster Mann hat sich Sorgen gemacht, weil ich nicht an`s Telefon ging. Er hat einen weiteren Nachbarn eingeschaltet, dass er bei mir läuten soll, aber ich habe friedlich geschlafen und nichts gehört. Dann hat er die Polizei verständigt die innerhalb von 5 Minuten(!) vor meiner Tür stand.
Ich dachte die Polizei kommt frühestens wenn man eine Woche verschwunden ist! Wie froh bin ich, dass ich rechtzeitig aufgewacht bin, sie hätten sonst sicher mit der Feuerwehr meine Tür aufgebrochen.
Und wie schade, dass Samu nicht hier war! Er wird traurig sein zu hören, dass die echte Polizei mit Polizeiauto bei der Mama war und er war nicht da. 
Wahrscheinlich werde ich nach diesem Schreck nie wieder ausschlafen können. 

Gerade klingelt wieder das Telefon. Heio hat sich verwählt. Er steht auf dem Golfplatz und wartet auf seinen Kumpel, der kurz das Auto parken wollte um dann nachzukommen. Aber er ist noch nicht aufgetaucht. Heio meint:"dann werde ich wohl die Polizei rufen" und legt auf. :-)
Etwas angespannt, mein armer Mann.
Ich werde jetzt auf jeden Fall , völlig ausgeschlafen, meinen Tag geniessen!

Hier ist ein Beweisfoto- leider nicht von der Polizei, aber von den chinesischen Katzen. 




Freitag, 7. März 2014

Was man aus Scherben machen kann

Veronika hat mir, nach meinem letzten Blogeintrag, ein Bild geschickt. Sie hat es letztes Wochenende in Barcelona aufgenommen und dazu geschrieben:
 "soviel zum Thema: Scherben neu zusammensetzen!" 




Wahnsinn, oder ? Der Architekt Gaudi saß wohl eines Tages vor einem Schutthaufen Keramikscherben und das hat ihn zu seinen berühmten Mosaiken inspiriert.Was für ein Künstler! 

Ich habe ja  darüber geschrieben, dass Gott heil machen kann (im Gegensatz zum "repariert werden")  und das Beispiel von einer Vase genommen, bei der die Scherben neu zusammengesetzt werden. Mir fiel nichts besseres ein. Gaudi fiel etwas fiel besseres ein, etwas so wunderschönes was man mit Scherben machen kann, davon hatte ich keine Ahnung.

 Es war mir als würde Gott mit dem Bild in mein Herz flüstern:
"Christina, ich kann aus deinen Scherben etwas so wunderschönes machen, davon hast du keine Ahnung!" (vielleicht werden meine Scherben in einer kleinen Treppenstufe eingearbeitet:-)).  Ich fand das so ein tolles Bild, dass ich Veronika gefragt habe, ob ich es euch hier zeigen darf. Ich darf. Danke!

Das Bild sprengt etwas den Rahmen meines Blogs. Manches ist einfach zu groß. Man kann es nicht eingrenzen in einen kleinen Blogbeitrag und ich bekomme es auch nicht wirklich in mein Hirn rein. Vielleicht ist das gut so. Kunst sollte man nicht erklären.
Wünsche Euch ein wunderbares, sonniges Wochenende!