Dienstag, 8. Juni 2021

Ich darf

So, jetzt liegen die Pfingsferien auch schon wieder hinter uns und die  letzte Schulzeit vor den Sommerferien hat begonnen. Wie gerne würde ich noch einmal voller Elan durchstarten, aber die Geduldsfäden, die ich aus dem derzeit so verhedderten Leben ziehe, sind kurz und angeknabbert. Die Müdigkeit liegt zäh über den Tagen und ich bin jeden Abend froh, wenn ich mich mit einem Buch im Bett verkriechen und nach ein paar Kapiteln die Decke über den Kopf ziehen kann. Oft genug wälze ich mich noch lange hin und her und die Gedanken, die tagsüber keine Beachtung finden, sitzen wie aufgedrehte Teenagermädels auf einer Pyjamaparty an meiner Bettkante und lassen mich nicht einschlafen:
Da ist der Verkauf meines Elternhauses, der sich schwierig gestaltet und das anstehende Abschiednehmen von meinem Heimatort - den letzten Zipfel Kindheit, an den ich mich noch klammere. 
Da ist der baldige Schulwechsel für Samuel - das Ende der entspannten Grundschulzeit, wie mir erfahrene Eltern berichten (oh weh, wenn DAS eine entspannte Zeit war - was kommt da bloß auf uns zu, frage ich mich!).  
Da ist ein Manuskript das dringend nach Zeit verlangt,  wie ein schreiendes Baby das zu wenig Beachtung bekommt. 
Da ist ein Leben das Zuende ging, ein Mensch - ein Vorbild - dem ich soo viel verdanke! (hier durfte ich einmal über ihn schreiben und seine Frau Sally interviewen - noch so ein Vorbild für mich!) Ich freue mich für ihn, dass er nun - nach fünf Jahren schwerem Leiden - Zuhause angekommen ist, in einer warmen Umarmung bei seinem himmlischen Papa! Und gleichzeitig rollen mir seit Tagen immer wieder die Tränen übers Gesicht, weil seine warmen und väterlichen Umarmungen auf dieser Welt so schmerzlich fehlen werden! 
Und da sind so viele wunderbare Menschen die ich in den letzten Monaten vermisst habe, die wir nun langsam endlich wieder treffen dürfen, aber ich fühle mich wie eine schmollende Ehefrau, die zu lange bei gedecktem Tisch und kalt werdendem Essen gewartet hat und sich sagt: "Danke. Jetzt will ich auch nicht mehr!",  bevor ich mich wieder müde ins Bett lege - zu meinen vielen Gedanken. 
 
Wenn ich alles hier so aufschreibe, dann denke ich kopfschüttelnd: Da muss sich doch etwas ändern! Das kann doch nicht so weitergehen! Aber das MÜSSEN ist doch irgendwie das Letzte was wir gerade brauchen, oder? Stattdessen: das DÜRFEN! 

Ich darf früh ins Bett gehen.
 
Ich darf Dinge liegen lassen.
 
Ich darf traurig sein. Und nachdenklich. Und vergesslich. 

Ich darf auch mal sagen: "Jetzt reicht´s, liebes Kind! Ich kann nicht mehr. Morgen wieder!"
 
Ich darf mich in Arme fallen lassen, die mich halten können wenn ich zu müde bin, um irgendetwas zu halten.

Ich darf. Und du darst das auch.

Und irgendwann, wenn wir lange genug durften, werden wir eines Morgens aufstehen und fröhlich  pfeiffend den Tag begrüßen und den Tisch decken für drei Haushalte und 10 Personen unter 14 Jahren und Urlaube planen und Gartenfeste und Lesungen, und unsere Arme wieder weit öffnen für das Leben und uns unglaublich über alles freuen, was wir nun wieder dürfen....
 

 

Kommentare:

  1. Liebe Chrischtel,
    das hast Du echt so schön geschrieben und mir rollen beinahe selbst die Tränen in mein Zitronenwasser bei Deinen Worten für Floyd, obwohl ich ihn gar nicht kennt und auch nie verfolgt habe.
    Ich kann das total nachvollziehen. Alles. Schön von Dir zu lesen und ich wünsche dir gute und ruhige Gedanken, Nicola

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    1. Ach schön liebe Nicola! DANKE für deine Worte und ich drück dich zurück und wünsche dir sonnige Tage zum Auftanken!!!!

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  2. Liebe Christina, auch ich kann alles nachvollziehen, am Allermeisten jedoch den Schmerz über den Heimatort und das mit der schmollenden Ehefrau, genau, diese Müdigkeit. Viel Kraft und Freude Dir!

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  3. Liebe Christina, immer wieder mal hab ich nach einem neuen Beitrag von dir geschaut und mich sehr gefreut heute fündig geworden zu sein- einfach vielen Dank dir , du tust mir immer wieder gut in deinen Worten, Christiane

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    1. Liebe Christiane! Von Herzen Danke für deine Worte - sie tun mir gut. Und ich schick dir liebste Grüße zurück! Sei gesegnet, mittendrin in allem worin du grade stehst.

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  4. Ach liebe,liebe Christina, heute nimmt mir dein "du darfst" eine große Last von den Schultern und aus dem migränegeplagten Kopf. So viel Müdigkeit, so viele Gedanken und schon wieder so viele Erwartungen. Fühl dich umarmt (im Übrigen habe ich bereits zweimal den Übertritt als Einschnitt, vor allem aber auch als Erleichterung erfahren dürfen. Neue Menschen, neue Fächer und spannende neue Themen. Wogegen an der Grundschule viel gelitten wurde, weil das Ausmalen etc als persönliche Zumutung empfunden wurde. Also wer weiß, vielleicht wird es einfach gut?)

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    1. Liebe Sandra! WIE SCHÖN von dir zu lesen. Und danke für diese ermutigenden Worte einer erfahrenen Mama. ICh schick dir eine Umarmung zurück - hoffe der Kopf ist bald besser und das Leben ist freundlich mit dir..( Was freu ich mich auf dein Buch!!!)

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  5. Liebe Christina, interessanterweise habe ich und viele meiner Freundinnen erleichtert aufgeatmet, als die Grundschulzeit vorbei war, weil wir es so erlebt haben, dass die Kinder lieber zur weiterführenden Schule gegangen sind und es dann leichter wurde. Ich habe acht Jahre als Lehrerin an der weiterführenden Schule gearbeitet und viele Eltern haben mir das gleiche geschildert. Es war für viele wie ein Aufatmen. Auf einmal hatten die Kinder wieder Freude an der Schule und auch die Leistungen wurden besser. Für uns ist es auf jeden Fall einfacher geworden und definitiv entspannter. Auch weil einige Fächer dazu gekommen sind, an denen mein Kind viel mehr Interesse hat als an den Fächern in der Grundschule.:-)! Von daher: Nur Mut!
    Eli

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    1. OH liebe Eli, ich danke dir für diese wunderbare Aussicht einer erfahrenen Lehrerin - das macht mir wirklich Mut! Herzlichste Grüße zu Dir!!!

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  6. Liebe Christina, wie immer findest Du wieder so treffende Worte, mit denen Du uns mitten im Alltag berührst. Danke dafür! Der Wechsel in die weiterführende Schule liegt bei meinen Kindern schon so lange zurück, doch ich habe keine schlechten Erinnerungen daran. Gerade hat meine Älteste mitgeteilt, dass sie ihre letzte Prüfung zur Grundschullehrerin bestanden hat. So vergeht die Zeit und ja, lass uns das Leben wieder neu feiern und uns immer wieder daran freuen, dass wir einfach SEIN dürfen :) Liebe Grüße von Vera

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    1. Oh wow, liebe VEra - nun hast du eine Lehrerin als Tochter! Glückwunsch! So wahr- wie schnell vergeht die Zeit und wie wertvoll ist die Zeit, die wir heute miteinander haben. Danke für diese Erinnerung! Schick dir herzlichste Grüße!!!!

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  7. Liebe Christina,auch ich habe immer wieder nach Gedanken von dir gesucht..und ich danke dir für deine Gedanken! Ich kann deine Trauer gut nachvollziehen,Elternhaus und Heimat aufgeben,das schmerzt...loslassen tut weh und ich wünsche dir,dass du neu Heimat findest..jetzt im Rems Murr Kreis...und auch deine innere Heimat spürst..
    Dürfen ..ich darf müde sein, erschöpft sein..das muss,nein,das darf ich lernen...auch das ist schwer...aber es fühlt sich auch gut an..ich selbst finde es sehr anstrengend,wieder in das Leben hinein zu finden mit den Lockerungen in Corona Zeiten..Ich erlebe es anstrengend,die vielen Menschen in Tübingen, Hektik in der Stadt,Lärm...und das macht mich auch müde..."ich darf mir Zeit lassen,in meinem Tempo weitergehen.";mein Lernschritt!
    Möge Gott dir Weisheit geben für deine nächsten Schritte,einen um den anderen..und Dich dabei begleiten,deine Dorothee

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    1. Danke liebe Dorothee für deine, wie immer, so kluge wie liebevolle Worte. Sich Zeit lassen im eigenen Tempo zu gehen - was für ein barmherziger Gedanke... Ich schick dir herzlichste Segensgrüße zurück!

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  8. nochmals eine kleine Anmerkung: ich habe alle Achtung vor den Eltern oder auch Alleinerziehenden, die jetzt über so lange Zeit homeschooling auch mit allen technischen Herausforderungen leisten mussten. Das kann man mit einem Marathon vergleichen und da darf man auch mal einfach müde sein. So wünsche ich Dir und allen anderen erschöpften Mamas eine Zeit, in der ihr wieder auftanken könnt und Gott eure Herzen mit neuer Lebensfreude füllt :)

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