Donnerstag, 12. Mai 2022

Das Rennen verlangsamen

Auch wenn ich bereits darüber geschrieben habe und wir das müde wissend abwinken können - ich will es noch einmal schreiben (und sei es nur deshalb weil ICH es noch einmal hören muss): Die letzten zwei Pandemiejahre gingen den meisten von uns ganz schön an die Substanz! Es ist so. Ich merke es an meiner begrenzten Kraft und auch an den müden Gesichtern, jetzt wo - Gott sei Dank! - die Masken fallen. Der Bund hat das große Aktionsprogramm "Aufholen nach Corona" für Kinder und Jugendliche gestartet und ein bisschen kommt es mir so vor als hätten auch wir Erwachsene so ein Aufholprogramm eingelegt. Wir planen Treffen, Feste und Festivals mit dem verständlichen Wunsch vieles nachzuholen und nachzufeiern was lange nicht möglich war. Jetzt aber! Jetzt starten wir wieder durch! Und ich war auch ganz fröhlich dabei. Ich habe jede Party zugesagt (endlich wieder möglich!), habe den Alphakurs in der Gemeinde gestartet (endlich wieder möglich!), habe jede Lesungsanfrage mit begeistertem JA zugesagt (endlich wieder möglich!) und in den Urlaub können wir jetzt auch wieder mal weiter weg fahren (endlich wieder möglich!). Und plötzlich merke ich, dass mir die Puste ausgeht und wenn ich jetzt nicht aufpasse, dann wird mir für längere Zeit gar nichts mehr möglich sein  (und das so ganz ohne Lockdown!).

Aber es ist ja noch etwas anderes möglich, nämlich das zu tun, was mir oft so schwer fällt: Ich könnte auf mein stolperndes Herz hören und auf mein erschöpftes Spiegelbind achten, das mich dringend bittet lansamer zu werden. Ich könnte eine andere Gangart einschalten. Und mit dem aufholen wollen aufhören. Vielleicht können wir das ja gemeinsam machen - weil es in der Gruppe viel leichter fällt? Seid ihr dabei? Wir verlangsamen das Rennen!  Wir entscheiden uns ganz bewusst für ein entspanntes Aufatmen nach angespannter Zeit! Wir entscheiden uns für das einfache Sein dürfen, das uns die innere Freiheit schenkt, das  eine Treffen abzusagen und ein anderes zuzusagen (und dann vielleicht doch spontan wieder abzusagen, weil wir merken: Es ist zwar möglich aber es geht nicht!). Wir entscheiden uns dafür OHNE perfekten Beitrag oder passendes Geschenk auf einem Fest aufzutauchen und mit den anderen fröhlich darauf anstoßen, dass wir es überhaupt bis hierher geschafft haben! Ich könnte mich dafür entscheiden eine Lesung mal ein bisschen holpriger machen zu dürfen, mich an Sätzen zu verhaspeln, Wichtiges ungesagt lassen und am Ende einfach darauf vertrauen, dass das Entscheidende sowieso ein anderer austeilt. Und wir müssen den Alphakurs nicht auf Biegen und Brechen durchziehen, sondern wenn nötig (und die fehlende Kraft es erfordert)  können wir einfach ein paar Abende früher aufhören und dabei merken, dass Gottes Geschichten mit uns sowieso weit über diese Abende hinaus gehen. Ich könnte meinen Mann dazu überreden, dass wir ein paar Extraübernachtungen auf dem Weg in den Urlaub einplanen und spontan noch einen Tag länger dort bleiben, wo es uns am besten gefällt. Unser Garten darf auch in diesem Jahr immer noch ein bisschen verwildert aussehen - Stichwort Renaturalisierung! - und Samuel muß nicht alle Hausaufgaben sauber abgeheftet in Ordnern und Hirn haben! Heute essen wir einfach die Reste von gestern und wenn es nicht reicht schieben wir die Fertigpizza in den Ofen. Die zu erwartende große Obsternte kann man auch mal ein wenig großzügiger den Vögeln überlassen - oder einfach Schild an den Bäumen anbringen, dass auch andere sich bedienen dürfen! Ach und überhaupt: Man darf doch merken, dass wir ein bisschen angeschlagen ankommen! Wir können doch auch in diesem Sinne unsere Masken fallen lassen! Wir müssen uns nichts gegenseitig beweisen! Wir dürfen gnädig sein. Mit uns  und mit dem Kind, das im Lernplan eigentlich schon viel weiter sein sollte. Aber nun sind eben wir hier.  Und Gott wartet nicht schon ungeduldig an der übernächsten Ecke und ruft uns mit der Stoppuhr in der Hand zu, dass wir total im Verzug sind. Nein. Ich will mich daran erinnern, dass ich dem Gott nachfolge, der die Zeit erschaffen hat. Er geht ganz entspannt neben uns her. Und vielleicht können wir uns einfach mal kurz an den Wegrand setzen und miteinander anstoßen, dass wir es bis hierher geschafft haben. "Gut gemacht, mein Kind!" sagen.  Und "Gut gemacht, mein Kind!" hören. Und dann gehen wir langsam miteinander weiter. 

(und wenn in der nächste Zeit hier die Beiträge mal nur zweiwöchentlich erscheinen dann deshalb, weil ich auch beim Schreiben langsamer machen muss. Danke wenn ihr auf mich wartet!)  

 






1 Kommentar:

  1. Danke, das geht mir derzeit genauso! Seit dem Lass es leuchten online Kongress frage ich mich im Alltagstrubel: was hält mich derzeit lebendig? statt nur zu funktionieren.
    Ich versuche mehr Pausen einzuplanen und auch langsam sein zu dürfen. Ich übe einen fehlerfreundlichen Umgang mit mir! Es tut so gut, dass ich mich dabei nicht allein fühle und wir uns auf dem Weg ermutigen!

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