Dienstag, 27. August 2024

Wieder da!

Für alle, die sich schon Gedanken gemacht haben, ob wir vielleicht noch mit Autopanne in Nevada festhängen und dass wir doch besser auf den dicken Typ auf der Bettkante gehört hätten, ein kurzes Lebenszeichen: 

WIR SIND WIEDER DA! 

Wir haben es tatsächlich geschafft! Und ja - der Roadtripp war herausfordernd! Als wir beispielsweise mit blinkender Leuchte vom fast leeren Benzintank durch eine weite Wüstenlandschaft fuhren, nachdem ich den unbesorgten Fahrer zuvor mehrmals auf eine Tankstelle hingewiesen hatte, hatte ich kurz die Befürchtung ob unsere Ehe (oder der Mann hinterm Steuer) die Reise überleben würde. Und ab und zu, wenn wir  kilometerlang ein jammernden Ton im Ohr hatten, war der Gedanke verlockend unser Kind "ausversehen" am nächsten Rastplatz zu vergessen (wir hätten ihn bestimmt nach ein paar Stunden reumütig wieder eingesammelt!). Und manchmal war ich selbst so unausstehlich, dass ich es als große Gnade meiner Mitreisenden ansehe, dass sie mich nicht im  Klapperschlangegebiet am Seitenstreifen zurückgelassen haben.  Aber dazwischen waren ganz viele herrlichen Momente, in denen ich nur staunend flüstern konnte: "Danke Gott, dass wir das gemeinsam mit dir erleben dürfen!"  

Letzte Woche sind wir sonnenverbrannt und todmüde, mit viel Dreckwäsche und ein paar zerschmolzenen Reisepräsente in den schweren Koffern, in Frankfurt gelandet Die vielen Erlebnisse und Eindrücke, die wir ebenfalls mitgebracht haben, liegen noch weit verstreut zwischen Herzkammern und Gedankengängen und warten darauf anständig einsortiert zu werden.  Das wird wohl noch ein wenig dauern. Von daher kann ich heute nur auf ein paar Fotos zeigen und ganz amerikanisch dazu stammeln, dass es "great"und "awesome" war (denn das sind schließlich die Momente, die man auf den Fotos festhält): 


Flugangst besiegt...
 
und in Mexico-City gelandet

 
 Über mexikanisches Hochland...

ins bunte San Miguel de Allende.

 

schützende Bäume vor Sonne und Regen


ganz viel Regen!

Immer wieder: große und kleine Kunstwerke bewundern,

der hier: all the way from Canada! (angekommen nach drei Generationen!)    


auch mein Lieblingsneffe: angekommen in Mexico!

Grund unserer Reise: Wir standen auf der Gästeliste ...


und durften mitfeiern! 

Und kaum hatten wir uns so richtig eingelebt...  



ging's auch schon weiter.  




warum wollten wir nochmal hierher???


alles fake - außer den überforderten Touristen ;-)





Deshalb!


 Grand Canyon. 

Jetzt weiß ich was es bedeutet, wenn einem ein Anblick buchstäblich den Atem verschlägt. Noch nie hat mich die Schönheit von einem Ort so überwältigt. Es kam mir so als hätte der Schöpfer hier sein Meisterstück in der Wüste geformt und händereibend vor Freude darauf gewartet, dass seine Menschenkinder es entdecken.


Das Staunen begleitete uns am Pazific...

und beim Anblick der Mammutbäume.



wir staunten im Yosemite Park...




und sprangen an den herrlichsten Orten ins Wasser!


immer ein klein wenig angespannt, dass so einer auftaucht.

Aber keiner gesichtet! Auch nicht am schönen Lake Tahoe.    


Andere scheue Tiere.. 


manchmal ganz nah.


Und ganz viel: "on the road again"..

 und schöne Zwischenstopps auf dem Weg



und nach dem Frühstück ging's weiter.


Wilde Schönheit...


 
Lieblingsorte





traditionelle Fischsuppe probieren- danach war's mir schlecht.

Alcatraz von weitem bestaunen (Tickets hätten wir schon im Januar buchen müssen)


Pelikane bewundern...

und viele Sonnenuntergänge, einer schöner als der andere.




bis wir mit den Vögeln...
wieder heimwärts geflogen sind.

Jetzt sind wir wieder hier. Wir vertreiben die Fruchtfliegen aus der Küche, die während unserer Abwesenheit Party gemacht haben, mähen den Rasen, sammeln Äpfel unter den Bäume auf und erklären dem Kind unermüdlich warum wir ALLE GEMEINSAM im Haushalt helfen. Nachts liegen wir mit weit geöffneten Augen im Bett (weil in Amerika schließlich Tag ist!) und versuchen zu fassen was wir alles erleben durften!  Und wie groß und weit diese Welt doch ist! So klein kann man sich bei dem Gedanken vorkommen. Und gleichzeitig so leicht und sorglos werden, wie die Vögel am Himmel....

Gestern habe ich in unserer Küche, während dem Essen kochen und gleichzeitigem Predigthören, diesen wunderbaren Satz auf einen Zettel gekritzelt: 

Gott ist der Künstler, der am Ende der Ausstellung steht, in der Hoffnung, dass Du auf ihn zukommst.     (Johannes Hartl)

Die Ausstellung dieses Sommers war grandios! Great. Awesome. Und ich kann nicht anders als zu denken: 

 

Wie unfassbar schön muss der sein, der das alles erschaffen hat!

 



Mittwoch, 17. Juli 2024

Von der Sorglosigkeit und dem dicken Typen auf meiner Bettkante

So langsam nähern sich nun auch in unserem Bundesland die Sommerferien. In genau einer Woche werden wir uns auf der Autobahn Richtung Frankfurt befinden, kurz vor unserem 11-stündigen Flug nach Mexico. Der liegt im Moment wie ein riesiger Berg vor mir. Bisher hatte ich keine Probleme mit dem Fliegen (also dem Fliegen in einem Flugzeug). Vielleicht geht nun die Flugangst von meinem Mann auf mich über, oder es ist mein Alter, dass mir manche Dinge jetzt schwerer fallen, die ich früher völlig sorglos angepackt habe. Meine letzten Fernreisen habe ich immer voller Vorfreude in Angriff genommen. Die sind allerdings auch schon einige Jahre her (oder eher Jahrzehnte?). Als ich beispielsweise mit der Freundin an der Westküste der USA  entlang gedüst bin und wir einfach ganz spontan geschaut haben, wo wir übernachten können (schön war's, Martina!). Nur eine Unterkunft, auf unserem Zwischenstopp in New York, hatten wir gebucht - mittendrin in Harlem.  Das hat den dicken Ticketverkäufer in der U-Bahn so in Aufregung versetzt, dass er sogar seinen Schalter verlassen hat und zu uns nach draußen kam, um uns mehrfach und eindringlich zu versichern: "You don't want to go to Harlem!" Unser "But yes, we do!" wurde immer zaghafter. Irgendwann gaben wir nach. Die Chance einmal im Leben Spanish-Harlem zu besuchen zog winkend an uns vorbei, während unser letztes Reisegeld in einem völlig überteuerten und hässlichen Hotel im Manhatten liegenblieb. Ich bereue es bis heute. 

Und jetzt hat sich so ein furchteinflössender Ticketverkäufer auf meiner Bettkante breitgemacht und hindert mich seit Tagen am Einschlafen. "You don't want to go to America!", sagt er mir eindringlich. Er ist bestens über meine Reise informiert. Er hat eine ganze Liste mit den Dingen, die schiefgehen können: Die Unterkunft in Mexico-City (mindestens so gefährlich wie Harlem!), das nicht funktionierende Handy, die Schlangen, die schon unter der Bettdecke auf uns warten, nicht zu vergessen die Reifenpanne in der Wüste von Arizona. Ob wir bei den komplizierten Mietwagenverträgen eine Pannenhilfe zum Mietwagen dazugebucht haben weiß ich nicht. Definitiv haben wir aber, aus Spargründen,  kein Navi im Auto. Das wird sich bestimmt als großer Fehler herausstellen, denke ich. Nachts um drei. Der Ticketverkäufer nickt sorgenvoll. Er weiß um die Gefahren. Er erinnert mich an die Bären im Nationalpark, an überbuchte Unterkünfte, an Donald Trump, an den schlecht gelaunten Teenager auf der Autorückbank und an meine Flugangst. Die ich, wie gesagt, bisher noch gar nicht hatte. Nur der Mann, der friedlich neben mir schlummert. Aber der hat ja auch keine Hitzewallungen! Wie werde ich einen 11-stündigen Flug aushalten, ohne die Möglichkeit ein Fenster aufzureissen, frage ich mich?  Wie übersteht man eine Panikattacke über dem Atlantik? " You don't want to go to America!" sagt der dicke Ticketverkäufer meiner schlaflosen Nächte. Und ich stimme ihm zu.

Wenn ich mich dann morgens todmüde im Spiegel anschaue, sage ich mir: "Jetzt stell dich nicht so an! Das wird doch toll! Sei mal dankbar, was du alles erleben wirst! Und was für Geschichten du danach erzählen kannst! (von Panikattacken und Bärenangriffen!). Und  überhaupt: denk mal an die Freundin, die den ganzen Sommer mit ihrem Kindern in einem überfüllten Freibad in Backnang verbringen muss!" Ach könnte ich doch mit ihr tauschen... Ihr merkt: Es klappt noch nicht so gut, mit dem dankbaren Freuen. Aber ich will es so gerne. Weil ich auch weiß, was für ein Vorrecht das ist. Reisen zu können. Wohin man will. Alles Vertraute hinter sich lassen und neue Eindrücke gewinnen. Und spannende Begegnungen erleben. "Das wird schön", sage ich mir. "Bestimmt", sagt der dicke Ticketverkäufer sarkastisch, "vor allem wenn euer Gepäck auf dem Weg nach Asien ist, während ihr in euren verknitterten Reiseklamotten und ohne Zahnbürste zur Hochzeit in Mexico eintrefft." Oh, dieser Typ nervt! Ich muss ihn dringend, dringend in sein Kassenhäuschen zurückschieben. Und stattdessen intensiver in Richtung von meinem wunderbaren Reisegefährten hören. Der bisher auf jeder Strecke dabei war und in jedem Sturm mein Herz beruhigen konnte. Fürchte dich nicht!, sagt er einfach. Ich bin da. Und diese Erinnerung ist alles, was ich brauche. Er ist da. Überm Altlantik. In der Wüste. Im Angesicht von wilden Tieren und wenn wir den Weg verlieren. Er ist in Harlem. Er ist in Mexico-City. Er ist in der Hitze der Wüste und er wartet am Rande des Pazifiks. Und flöge ich hinauf zum Himmel: siehe so bist du auch da! (Ps.139).  Er wird da sein, so wie er schon immer da war. Auf jeder meiner Reisen. Der einzige Unterschied von damals zu heute ist, dass ich seine Hand fester halten werde, weil mir noch mehr bewusst ist, wie sehr ich ihn brauche. Ach und wie schön wird das sein, wenn er mir seine Welt zeigt...

Jetzt schreibe ich meine Packliste. Als erstes steht da: Mut. Und Vertrauen. Und Neugier. Und auch eine Prise Sorglosigkeit. Die hat sich bestimmt noch in dem alten Reiseführer versteckt. Und wenn heute Abend wieder die Stimme aus dem Dunkel kommt "You don`t want to go to America!" dann sage ich strahlend "But yes, I do!" und zeige auf meinen Reisebegleiter. "Na ja, dann ist das was anderes," wird der Miesepeter grummelnd eingestehen und mir das Ticket aushändigen. "Gute Reise!" 

Gute Reise euch allen, wo immer ihr auf dem Weg seid! Gott ist mit uns. Wie gut.

Ich melde mich, falls ich wenn ich wieder zurückkomme! Bis dahin - habt einen guten Sommer! (bzw. ein gutes Leben! Wir wären dann schon mal am Ziel :-)). 



 






Mittwoch, 3. Juli 2024

Ich bin nicht genug

So langsam tauche ich aus meiner "Schreib-Höhle" wieder auf. Ich blinzle ins Tageslicht, wie eine Bärenmutter nach ihrem Winterschlaf und bin erstaunt wie groß unser Nachwuchs geworden ist.  Das Manuskript liegt jetzt in den Händen von meinem Mann, der schaut ob alle Geschichten auch GENAU SO passiert sind. Er ist sehr wahrheitsliebend. Deshalb liest er alle meine Texte, bevor ich sie veröffentliche. "Fast alle  Texte", würde er mich an dieser Stelle korrigieren. Sein Hang zur unbedingten Wahrhaftigkeit kann schon ein bisschen anstrengend sein! Aber er kennt meine Neigung zur Übertreibungen und deshalb bin ich auch dankbar, dass er mir hilft, so ehrlich wie möglich zu schreiben. 

Es ist ein gutes Gefühl wenn so eine intensive Schreibphase abgeschlossen ist. Gleichzeitig bleibt auch immer die Frage, ob es gut genug ist, was ich gegeben habe, oder ob es nicht doch ein bisschen mehr sein müsste (was durchaus der Grund für die eine oder ander Übertreibung sein könnte).  Heute morgen saß ich jedenfalls ganz entspannt auf unserem Sofa und habe versucht in Gottes Richtung zu hören. Das war nicht so einfach, weil sich unter unserem Dach ein Spatzennest befindet und die kleinen Vögel laut und fordernd zwitschern. Zwischendurch hört man Fügelgeflatter und ein Elternteil bringt Futter, um die hungrigen Mäuler zu stopfen. Was aber immer nur ansatzweise gelingt. Ich lausche dem Treiben unterm Dach jetzt schon seit einigen Wochen (es sind also gleich mehrere Nester oder es ist eine Spatzen-Kita). Ich finde es unfassbar wie hungrig diese kleinen Wesen sind! Der Satz:"Ich habe hunger wie ein Spatz" ist ab sofort für mich das Synonym zum Bärenhunger! Das Rufen und Zirpen hört gar nicht mehr auf, selbst wenn die Eltern schon einige Male das Nest angeflogen haben.  Und natürlich sind die kleinen Spatzen auch in meinem Manuskript gelandet (wenn Heio sie nicht rausstreicht, weil es vielleicht keine Spatzen, sondern nur spatzenähnliche Meisen, sind!).

Diese kleinen Vögel (zu welcher Gattung sie auch immer gehören mögen) bringen mich jeden Morgen zum Lächeln. Auch weil sie mich daran erinnern, wie groß und unersättlich der Seelenhunger von uns Menschenkindern ist. Und der Gedanke ich könnte diesen Hunger mit meinen Worten stillen oder in irgendeiner Art und Weise "genug" für andere zu sein kommt der Vorstellung gleich, dass ich die hungrigen Vogelkinder sättigen könnte wenn ich ihnen ein paar gute Worte und vielleicht auch noch unsere Müslipackung zuwerfen würde! 

Eigentlich wollte ich hier einen Text unter dem Motto: 'Ich bin genug' schreiben. Jetzt kommt mir ein ganz anderer, viel schönerer Gedanke: 'Ich bin nicht genug!'   Zumindest ist das, was ich zu geben habe, nicht genug. Nicht genug für die Lesenden, nicht genug für mein Kind, für meinen Mann und meine Freunde. In dieser Hinsicht sind wir völlig ungenügende Wesen füreinander! Und gleichzeitig sind wir völlig ausreichend in unserem Mensch-sein!  Denn genau so hat sich das Gott gedacht. Nicht dass wir uns gegenseitig satt machen müssen, sondern das wir uns miteinander in einem Nest wärmen und uns in unserer ganzen Bedürftigkeit in Gottes Richtung auszustrecken. Ein bisschen Nestwärme - das können wir uns gegenseitig schenken. Mit guten Worten. Mit kleinen Taten der Liebe. Und darin, dass wir einander wahrnehmen und uns nicht gegenseitig aus dem Nest werfen, vor lauter Verlangen gesehen zu werden. In allem anderen sind wir darauf angewiesen, dass Gott vorbeischaut und genug Futter dabei hat.

So sitze ich jeden Morgen am offenen Fenster. Ich sage Gott wie sehr ich ihn brauche. Wie auch seine ganze Welt. Ich gebe denen, die hier mit mir sind, durch mein Dasein ein wenig Wärme und manchmal auch Anlass zu wildem Geschrei. Und nebenher erzähle ich zum Zeitvertreib die eine oder andere Geschichte (ohne zu sehr zu übertreiben). Und vielleicht helfen meine Worte ein wenig dabei, dass wir geduldig bleiben in unserem Hunger, und nicht verzagen,  bis wir die großen Flügelschläge hören. Und dann öffnen wir unseren Mund weit, dass er gefüllt werden kann.


Foto:Canva

  Deine Nähe sättigt den Hunger meiner Seele wie bei einem Festmahl.
(David in Psalm 63,3)

 

Mittwoch, 12. Juni 2024

Bildergeschichte

Gestern habe ich das Mauskript für mein neues Buch ausgedruckt. Das ist immer ein besonderer Moment - wenn die Geschichten, die bisher nur Worte auf dem Bildschirm waren, ganz anfassbar warm und schwer in meinen Händen liegen. Ein kleiner Feiermoment, in dem ich einfach nur dankbar bin, dass ich so etwas wunderbares als meine Arbeit bezeichnen darf: Geschichten erzählen! 


Die nächsten Wochen werde ich nun mit dem Stift in der Hand ganz vieles streichen und neu schreiben und Kommas nach Lust und Laune über die Seiten verteilen (mach dich schon mal auf ne Menge Arbeit gefasst, liebe Sigi!:-)). Aber vorher will ich hier noch ein paar Worte schreiben. Meine kleine Blogecke, die im Moment ein bisschen vernachlässigt wird, für die ich aber auch so dankbar bin. Also vor allem für euch - die ihr euch immer wieder die Zeit nehmt, hier vorbeizuschauen! Und weil ich gerade so viele Worte mache, möchte ich euch ein paar Bilder schicken, die euch einen kleinen Einblick in mein Leben geben:

In den Pfingstferien haben wir in meiner Schwarzwaldheimat vorbeigeschaut. Wir waren auf dem tollen Barfußpfad in Hallwangen, bei Tante Inges Minigolfplatz (Gruß an alle Joyce- Leserinnen!) und ich habe von weitem einen etwas wehmütigen Blick auf mein Elternhaus geworfen. Das Leben ist ein Fluss - es fließt weiter und nie wird es mehr so sein wie es heute ist. Umsomehr will ich die guten Momente dankbar wahrnehmen (auch weil es daneben immer wieder wilden Stromschnellen gibt - der Ablösungsprozeß des Teenagers kommt gerade so richtig in Fahrt!). Apropos Fluss: ich hoffe ihr seid alle gut durch die regenreiche Tage hier im Süden gekommen?!


Bei uns schüttete der Himmel an einem Nachmittag die Regentropfen wie kleine Diamanten vom Himmel. Der Bach verwechselte daraufhin kurz mal die Straßenkreuzung mit seinem Flussbett, ansonsten sind wir (im Vergleich zu manchen Nachbarorten) glimpflich davongekommen. 

Wie sehr spürt man in solchen Tagen, welche Gewalt die Natur hat. Was mich aber bei allem immer berührt sind die Bilder und Berichte von Menschen die zusammenhelfen. Nachbarn, die gemeinsam Keller leerschaufeln. Feuerwehrmänner, die bis zur Erschöpfung für andere im Einsatz sind. Firmenmitarbeiter, die spontan Suppenküchen organisieren... Heute schickte eine Freundin auf ihrem Status die Nachricht, dass sich Lehrer nachmittags zur Verfügung stellen, um den Kinder, die durch ihre Mithilfe bei der Überschwemmung einiges an Unterricht und Klassenarbeiten versäumt haben, ihre Unterstützung anzubieten. Look for the helpers!  Wie ermutigend ist das, wenn wir Menschen in solchen Zeiten zu wahren Mitmenschen werden! 

Liebe ist niemals abstrakt, Liebe hat Arme!, schreibt Wendell Berry. Wie sehr brauchen wir so eine anfassbare Liebe in den Zeiten, in denen uns das Wasser (fast) bis zum Hals steht!

 

So eine anfassbare Liebe erlebe ich auch immer wieder in meiner kleinen Jesus-Familie.    Wie in den letzten Jahren waren wir wieder auf Gemeindefreizeit in der Friedensherrberge in Ittlingen. Ich bin so dankbar für meine Weggefährten! Für diejenigen, mit denen ich schon ein halbes Leben zusammen bin und für diejenigen, die jedes Jahr neu dazustoßen. Gemeinde ist oft auch anstrengend und es gibt wirklich zähe Wegstrecken. Aber dann gibt es die gemeinsamen Höhepunkte, wenn wir uns am Gipfelkreuz versammeln und dankbar auf die Wegstrecke zurückschauen, die wir zusammen bewältigt haben und unzählige Chipstüten aufreißen und lachen und feiern und gemeinsam dem treuen Gott unseren Dank bringen.

 

Und dazwischen bin ich auch ganz viel alleine unterwegs. Ich genieße diese Jahrezeit in der alles aufwächst (ok, das Unkraut im Garten könnte sich etwas zurückhalten!) und ich mit den schönsten Blumensträuen nach Hause komme.  

 


 

Und abends warten gute Bücher auf meinem Nachttisch...

 

 

Und dieses Andachtsbuch von Tomas Sjödin liegt auf unserem Frühstückstisch. Endlich haben wir etwas gefunden, das wir in müden Zustand lesen können und auch für unseren 13-Jährigen passt. (und dass die Bibeltexte in der Message-Übersetzung geschrieben sind, freut mich ganz besonders!)

 

Und dann ist da noch ein kleiner Bücherstapel, der uns auf eine Reise vorbereitet, die bald ansteht. In diesem Jahr ist es nicht Holland und auch nicht das Allgäu, sondern wir reisen um die halbe Welt! Weil dort eine Hochzeit gefeiert wird, zu der wir eingeladen sind (mein Lieblingsneffe und Patensohn zieht nach Mexiko!). Ich bin noch etwas überfordert, während wir leicht hektisch Reisepässe, internationale Führerscheine und Unterkünfte organisieren und hoffen, dass das Geld und die Kraft  reichen wird und wir nicht schon am ersten Tag ausgeraubt werden oder mit Schlangenbissen im Krankenhaus landen. Ich lerne Spanisch auf Duolingo und kann schon so hilfreiche Dinge sagen wie: Heute ist nicht mein Tag und: Jesus rennt über das Wasser. Aber neben allen Befürchtungen steigt auch langsam die Vorfreude auf dieses unerwartete Abenteuer... 


 

Und endlich haben wir die kleine Tanne, die wir nun vor fast 15 Jahren auf dem Standesamt in meinem Heimatort bekommen haben, in die Erde gepflanzt. Viel zu lange war sie eine Topfpflanze! Endlich konnte ich Heio dazu überreden, dass wir sie einpflanzen. Wir haben extra ein bisschen Schwarzwalderde für sie mitgebracht. Jetzt kann sie sich hier verwurzeln und wenn wir doch noch umziehen in den nächsten Jahren, werden andere Menschen sich an ihr freuen können.


 

Das Leben ist im Fluß. Bestimmt auch bei euch. Wer weiß schon was morgen sein wird. Aber heute sind wir miteinander hier. Und egal wo wir unterwegs sind: Gott ist mit uns. Oft auch mit ganz anfassbarer Liebe (look for the helper). 

Jetzt greife ich zum Manuskript und arbeite weiter.  Mit diesem hoffnungsvollen Zitat im Kopf, aus dem schönen Buch von Sarah Brendel:

Eines Tages werde ich die richtigen Worte finden, und sie werden sehr einfach sein.  

(Jack Kerouac)


 

Mittwoch, 29. Mai 2024

Freude veröffentlichen

Am Sonntag war ich auf einem Geburtstag von einer Weggefährtin aus unserer Gemeinde. Sie hatte mich im Vorfeld angefragt ob ich Fotos vom Fest und den Gästen machen könnte. Ich hoffe dann immer, dass die Belichtung vor Ort passt und dass die Leute sich auch gerne fotografieren lassen, damit es schöne Erinnerungsfotos gibt. Als ich dann im Nachhinein die Fotos von der Speicherkarte auf dem Computer geladen habe, war ich richtig froh über die Bilder. Was für wunderschöne, kostbare Menschen, dachte ich immer wieder beim Betrachten! Und ich glaube ich weiß auch, warum mir auf diesem Fest die Fotos so gut gelungen sind: Das Geburtstagskind hat mir eine wunderbare Gelegenheit dafür geschenkt!  Sie hat als Programmpunkt kleine Herzen an ihre Gäste verteilt und dazu jeweils ein paar wertschätzende Worte gesagt, warum sie sich über diesen Menschen freut. Ganz öffentlich. Vor allen anderen. Und ich musste nur die Kamera darauf halten und den Moment einfangen, in dem das Gesicht von der Besorgnis (wird sie etwas Gutes an mir finden?) zur Freude überging und die Worte im Herz ankamen.

Passenderweise habe ich heute folgendes gelesen: 

Einige von uns gehen durchs Leben ohne die Erfahrung zu machen, dass jemand wirklich und wahrhaftig Freude an uns hat....Aber ich denke wir sind dazu erschaffen, dass jemand zutiefst beglückt über unser Dasein ist.  (Cole Arthur Riley)

Was für ein schöner Gedanke, dass einfach nur mein pures Dasein jemand so richtig froh machen könnte! Aber es fällt mir ehrlich gesagt auch schwer so einer Freude zu glauben. VIelleicht weil ich mein eigenes Dunkel zu gut kenne und ich mich frage ob der  Andere auch dann noch seine Freude an mir hätte, wenn ich ihm morgens mit schlapprigem Schlafanzug und verquollenen Augen schlecht gelaunt am Frühstückstisch gegenübersitzen und nörgelige Kommentare von mir geben würde?  Was fast alle Eltern mit quengelndem Baby am Tisch fröhlich bejahen würden! JA!!! Wir sind verliebt in dieses Kind, das uns den Schlaf raubt und uns so viel Arbeit macht - aber auch so viel Freude!!! (zugegeben: in der Pubertät sieht das ein wenig anders aus- da muß man manchmal ein bisschen länger suchen, aber aus irgendeiner Ecke kann man doch die Freude ziehen, die mit schiefem Grinsen ein Herz überreichen kann;-)).

Neulich habe ich in einer Predigt den Satz gehört:

Es gibt mich, weil Gott jemand zum Lieben haben wollte.
Was für ein unfassbar schöner Gedanke: Gott hat mich nicht erschaffen damit er einen Diener hat (dafür hat er genügend Engel), sondern weil er jemand wollte, an dem er seine Freude haben kann. Und das nicht  weil mein Verhalten so perfekt wäre, sondern weil seine Liebe so perfekt ist! Deshalb schreibt der Prophet Zefanja:
 Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der rettet; er freut sich über dich in Fröhlichkeit, er schweigt in seiner Liebe, er jauchzt über dich mit Jubel!

Und gerade meine angefressene Seelenlage ist ein wunderbare Landeplatz für diese Liebe Gottes. Das erlebe ich immer wieder. Wenn ich, so wie heute morgen,  müde ankomme und meine, dass Gott bestimmt seufzend denkt : "Oh weh, da kommt sie schon wieder!" und stattdessen werde ich mit einem freudigen: "Da bist du ja!" begrüßt. Gott ist tatsächlich zutiefst beglückt über unser Dasein! Wow. Dass wir so geliebt sind! An jedem unserer Tage!

Und gerade weil das oft so schwer ist, so einer gewaltigen Liebe zu glauben hilft es, wenn wir ab und zu die Stimme eines anderen Menschen dazu hören. Und es kann auch richtig gut tun, wenn das ganz öffentlich - vor vielen anderen - über uns ausgesprochen wird. Als Einladung zum Mitfreuen! Und in dem bestätigenden Nicken der Anderen und an ihrem Strahlen können wir etwas davon entdecken, dass wir wirklich und tatsächlich geliebte Kinder sind, an denen Gott seine Freude hat.

Und umso mehr von dieser Liebe in unserem Herz ankommt, umso schöner werden wir. 

 



Mittwoch, 15. Mai 2024

12 points for Schalom

Ende letzter Woche habe ich auf meinen Beitrag  "I stand with Israel"(Oktober im vergangenen Jahr)  einen Kommentar bekommen.  Beim Beantworten habe ich gemerkt, dass mich das Thema immer noch so beschäftigt - ganz aktuell durch die unsäglichen Ereignisse um den ESC. Deshalb habe ich mich entschieden aus meiner Antwort einen Blogpost zu machen. Auch wenn ich hier am liebsten ermutigende Beiträge schreibe. Heute ist das mal ein schwerer Brocken. Aber es scheint mir wichtig zu sein. Von daher schonmal: Danke fürs Lesen und für das gemeinsame Ringen in all dem.

Hier der Kommentar:

Als Person mit (weit entfernten) jüdischen Wurzeln bin ich ganz klar gegen Antisemitismus, gegen Hass & Hetze, gegen Terror. Ich bin aber nicht nur gegen... Sondern auch für... Für Frieden, für Versöhnung, für ein Miteinander, für ein Nebeneinander und für noch ganz vieles mehr!
Die Geschichte ist komplex. Auf der anderen Seite gibt es auch fünf jährige Mädchen... verwaist, verletzt, am verhungern, voller Angst, auf der Flucht... Hinter einer bestimmten Volkszugehörigkeit, hinter einem bestimmten Glaube steckt immer eine persönliche Geschichte und ein Gesicht. Wie kann ich bei so viel Tragik (auf beiden Seiten!) Partei ergreiffen? 

 

Liebe Leserin! (oder lieber Leser :-)) 

VIelen Dank für deine Anmerkung. Und noch mehr: Von Herzen DANKE für freundliche Worte! - die sind gerade so selten, wenn man in dieser Sache nicht ganz einer Meinung ist. Ja, die Geschichte ist wirklich komplex, da stimme ich dir aus vollem Herzen zu. Vielleicht ist es das erste Eingeständis was wir machen sollten. Die Anerkennung, dass es schwierig ist und, dass es keine einfachen Lösungen gibt.  Ein bisschen wie bei einem langen Familienstreit, der sich über Generationen zieht, bei dem Außenstehenden vieles einfach nicht verstehen können. Meiner Meinung nach sollten wir diese Demut haben, wenn es um den Nahostkonflikt geht.

Von daher will ich auch nicht wie jemand erscheinen, der den klaren Durchblick hat. Was ich sehe ist dasselbe wie du: Auf beiden Seiten leiden die Menschen!  Da ist das Leid der Angehörigen der ermordeten Frauen, Männern und Kindern des Massakers vom  7.Oktober, das Leid der entführten Geiseln, das Leid der Angehörigen der getöteten jungen israelischen Soldaten. Und da ist das Leid auf der anderen Seite des Grenzzauns: Das schreckliche Leiden der palästinensischen Bevölkerung, von Frauen, Männern und Kindern, die von einem Winkel des Gazastreifens in den anderen flüchten muss  - weil eine Terrororganisation sie als Schutzschilder bei den israelischen Angriffen benutzt, hinter der sie sich in ihren unterirdischen Gängen versteckt. Und jedes getötete Kind, das dabei umkommt und in die Kamera gehalten wird, ist ihr dazu dienlich, um den Judenhass weiter zu schüren (gerade auch bei ihrer eigenen Bevölkerung!) und ihr Ziel zu erreichen: Die Zerschlagung des Staates Israels. (nachzulesen in der Charta der Hamas,auf Wikipedia oder auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung). Ja, hinter allem steckt eine Geschichte. Aber dieser Hass auf ein Volk, der Hamaskämpfer dazu bringt Familien in ihren Betten zu erschießen, Kindern die Köpfe abzuschneiden, junge Menschen wie Tiere über ein Festivalgelände zu jagen und Geiseln zu verschleppen und zu misshandeln (was dann schockierenderweise auf den Straßen in Gaza - und auch bei manchen im unserem Land - gefeiert wird und Süßigkeiten an Kinder verteilt werden!)- alles das kann und will ich mir mit keiner noch so schlimmen persönlichen Geschichte erklären.

Und die traurige Frage ist: wie kann es ein Miteinander geben, solange dieser Hass besteht?

Ich glaube auch, dass die Bevölkerung auf beiden Seiten vor allem das will, was du geschrieben hast: Frieden. Und ganz bestimmt macht Israel nicht alles richtig!! (so wie auch Deutschland beispielsweise nicht alles richtig macht! Eigentlich logisch, aber bei Israel muss man das immer dazu sagen. Es gibt Dinge, die laufen wirklich nicht gut. Und die meisten Israelis würden das sofort einräumen!). Und ich bete für die Menschen in Gaza ebenso wie ich für die Menschen in Israel bete.  Aber gerade weil ich sehe, wie der Antisemitismus durch diesen Konflikt wieder aufblüht, in der linken Szene und mit wütenden anti-israelischen Demos an Universitäten und mit einem ungezügelten Hass auf einem Songcontest -  gerade weil ich es erlebe, wie viel Hass in diesen Tagen eine Israelflagge auf unseren Straßen in Deutschland auslöst und weil solche Berichte sich gerade immer mehr häufen -   gerade deshalb komme ich für mich zu dem Entschluss,dass es wichtig ist Partei zu ergreifen. So wie das damals auch wichtig war.

Es hat mich so berührt was die 102 Jährige Holocaust-Überlebende Margot Friedländer beim deutschen Filmpreis sagte:

Als ich vor 14 Jahren hierher zurückgekommen bin, hätte ich es mir nicht  träumen lassen was jetzt in der Öffentlichkeit los ist. So hat es damals auch angefangen. Nie wieder darf so etwas geschehen... In diesem Raum sitzen viele Geschichtenerzähler, ihr habt die Verantwortung die Kraft des Films. Ich bitte euch mich zu unterstützen, dass die Geschichte sich nicht wiederholt. So etwas darf nie, nie wieder geschehen, ich bitte euch seid Menschen!

VIelleicht können wir uns darauf einigen: Wir wollen Menschen sein. Jeglichem Hass entgegentreten. Und die Geschichten so wahr wie es uns möglich ist erzählen. 

Das hier ist mein Versuch. 

Schalom. 

Christina