In meinem Kalender steht nach den Sommerferien immer einen Termin über zwei Tage auf den ich mich ebenso freue, wie auf den herannahenden Herbst: die Redaktionssitzung mit den Autorinnen der Joyce! Es ist nun schon fast 10 Jahre her, dass ich diese unerwartete Einladung bekam. Das erste Mal bin ich total aufgeregt dorthin gefahren (und habe befürchtet es fliegt jeden Moment auf, dass ich eigentlich gar nicht in den Kreis dieser klugen und kompetenten Frauen passe). Inzwischen ist es für mich wie ein Freundinnentreffen geworden - bei dem auch ein bisschen gemeinsames Arbeiten ansteht ;-).
![]() |
| was für tolle Frauen!💛 |
Das diesjährige Treffen fand in einem wunderschönen Tagungshaus statt, einem alten Kloster in Fulda. Vor zwei Jahren waren wir schon mal da und ich hatte ein grandioses Zimmer: weiträumig, mit kleinem Erker und einem Ausblick über die ganze Stadt. Als ich dann dieses Wochenende voller Vorfreude meine Zimmertür aufschloss habe, dachte ich zuerst ich habe versehentlich den Wandschrank geöffnet. Vor mir lag eine Klosterzelle. Ein kleines Fenster, gab den Blick auf die gegenüberliegende Mauer frei. Hinter der Wand brummte es im Lüftungsschacht in Dauerschleife. Neben der geplatzten Erwartung überfiel mich spontan noch die Platzangst. Keine Minute würde ich in diesem Zimmer schlafen können! Und weil meine Verzweiflung größer war als meine Befürchtung, kompliziert zu sein und Mühe zu machen, habe ich mich getraut an der Rezeption nach einem anderen Zimmer zu fragen. Die freundliche Dame tippte eine kleine Weile auf ihrem Computer und teilte mir freudig mit, dass tatsächlich noch ein größeres Zimmer frei wäre und sie mich gerne dorthin umbuchen würde. Frohen Herzens ging ich zur Sitzung. Die Blumen auf dem Tisch sagten mir: Gott sieht mich und liebt mich!
Als ich dann etwas später zum Schlüsseltausch wieder an der Rezeption stand meinte die Frau bedauernd: "Jetzt hat sich doch tatsächlich in dem Moment in dem ich Sie umbuchen wollte ein Gast für das Zimmer angemeldet. Es tut mir leid. Da kann ich jetzt nichts mehr für Sie tun." Irgendwo in mir wurde ein dunkler, schwerer Vorhand zugezogen. Ich ging zum Sitzungsraum zurück und versuchte mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Mir fiel auf, dass die Blumen in der Vase schon am Verwelken waren. "Als ob!", schienen sie zu sagen. "Als ob Gott dich sieht und liebt!" Und während ein Teil von mir am liebsten weinend nach Hause gefahren wäre stand ein anderer Teil kopfschüttelnd daneben und sagte: "Jetzt stell dich doch bittte nicht so an! Das wird schon irgendwie gehen." Und tatsächlich ging es irgendwie. Irgendwann war auch dieses Nacht vorbei. Die Enttäuschung blieb. Wie ein blöder Spreißel in der Seele.
Wieder Zuhause hatte ich meine Allein-Zeit mit Jesus. Ích ahnte: der beste Arzt der Welt wollte hören, was weh tut. Nach drei vollgeheulten Taschentüchern hatte ich den Eindruck, dass ich ihn auch mal zu Wort kommen lassen sollte. Er schwieg. Ich schlug seufzend die Bibel auf. An der absolut ungünstigsten Stelle! Ich las, wie Jesus versucht die kanaanitische Frau abzuwimmeln, die ihn um Heilung für ihre Tochter anfleht. (nachzulesen in Matth.15 ab Vers 21). Schon im stabilen Zustand kann mich diese Geschichte in Zweifel stürzen. Jetzt gab sie mir den Rest. Ich fragte Jesus, wieso er so fies zu dieser Frau ist? Wieso er sie scheinbar schweigend ignoriert und dann ziemlich hart mit ihr umgeht. Die Geschichte drückte auf meinem Spreißel rum. Es tat noch mehr weh. Und dann nahm Jesus ganz souverän die Pinzette und zog ihn raus. Ich kann das nicht wirklich erklären. Aber ganz plötzlich wurde mir bewusst: Jesus steht nicht auf dem Prüfstand, sondern mein Herz. Meine "Prüfungsfrage" lautet: Vertraue ich weiter darauf, dass Gott voller Liebe ist, auch bei den Geschichten, die ich nicht verstehe? Ich schlug die Bibel zu. Öffnete irgendwann meine Hände, sagte Jesus: "Ich versteh dich manchmal echt nicht. Aber ich glaube dir, dass du mich siehst und liebhast." und atmete auf.
Ich bin ein bisschen beschämt, über das alles zu schreiben. Weil das ja wirklich keine so große Sache ist. Ein Erkerzimmer verweigert und eine schlechte Nacht - was für ein "Erste-Welt-Problem". Und ja - es gibt Enttäuschungen, die sollte man einfach wegstecken. "Spring drüber!", sagte meine Mama manchmal. Oft geht das auch. Aber manchmal geht es nicht. Dann ist der Sprung ein bisschen zu groß (ich kann leider nicht sehr weit springen!). Manchmal können sich auch kleine Enttäuschungen gehörig an unserem Gottvertrauen reiben. (z.B. wenn wir müde und ausgelaugt sind oder wenn es schon die dritte "kleine Sache" in dieser Woche war, über die wir leichtfüsig springen sollten, oder wenn die kleine Enttäuschung eine größere Enttäuschung mit nach oben holt).
Was dann NICHT hilft ist: ignorieren. Sich zusammenreißen. Den Schmerz abtun. Spreißel mit Pflaster überkleben. Dann brauche ich ausreichend Zeit mit Jesus, um mein Herz vor ihm auszuschütten. Sagen was in uns ist, nicht was in uns sein sollte, wie es C.S. Lewis schreibt. Und dann erlebe ich es immer wieder; und jedes Mal ein bisschen anders:
Sein leises: Ich weiß.
Und: Vetrau mir.
Wie eine liebevolle Umarmung.
Und ich bin - wieder mal - getröstet.
Ps.: Das ist übrigens auch ein Grund warum ich die Joyce so gerne lese: Die Frauen darin schreiben so ehrlich, auch über die Geschichten, die wir nicht verstehen. Falls ihr sie noch nicht kennt, schaut doch mal rein, oder gönnt euch (oder einer Freundin) ein Abo.



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen