Zugegeben - diese Überschrift ist etwas übertrieben, aber es gibt wenig Termine im Jahr, die mich mehr verunsichern als ein Elternabend. Gestern war es wieder soweit. Ich hatte schon den ganzen Tag Kopfschmerzen und kurz bevor ich losging habe ich noch eine starke Tablette eingeworfen. Es hat nicht viel genützt. Schon die erste kurze Inforunde über das Sozialpraktikum, das die Schüler ableisten müssen, hat mich sehr besorgt zurückgelassen. Ob sich mein Sohn darum kümmert??? Bisher hat er es kaum erwähnt! Jetzt höre ich, dass scheinbar alle Mitschüler sich schon anständig angemeldet haben. Der Lehrer plaudert von seinem Kind, das in seinem Praktikum im Altersheim einen Spielenachmittag organisiert hat und mit seinem Saxophon die alten Menschen erfreut hat. Unser Sohn spielt kein Saxophon (das wäre doch mal ein lustiger Buchtitel!). Und ich kann ihn mir auch nicht vorstellen, dass er an IRGENDEINEM Ort dieser Welt einen Spielenachmittag organisiert! Mein Kopfweh wird schlimmer. Ich laufe benebelt weiter, zum nächsten Klassenzimmer in dem der Physiklehrer auf uns wartet. Ich habe keine Ahnung, ob es der Physiklehrer von meinem Kind ist (habe seinen Namen jedenfalls noch nie gehört). Er stellt uns ein Solarmodel vor, das die Schüler in diesem Jahr bauen und selbst programmieren sollen. Ich starre wie hypnotisiert auf das Teil und wundere mich, warum niemand in Gelächter ausbricht. Niemals! denke ich. Niemals baut mein Kind so ein Teil! Jetzt wäre es Zeit die nächste Tablette einzuwerfen aber dummerweise habe ich keine dabei. Ich versuche nicht den Anschluss zur Elterngruppe zu verlieren, die nun zielstrebig ein anderes Klassenzimmer ansteuert. Dort wartet der Schulleiter auf uns. Er teilt ein Blatt aus, auf dem die Notentransparenz (?) aufgeschrieben ist. Die Mütter neben mir machen sich darauf Notizen. Ich hab keine Ahnung, was ich damit anfange soll. Ich muß ja schließlich keine Arbeiten schreiben, oder doch? Langsam kriecht meine alte Schulangst wieder in mir hoch. Das Gefühl von völliger Überforderung nimmt zu, als sich die neue Französischlehrerin vorstellt und vom Schüleraustausch berichtet. Obwohl unser Sohn kein Französisch hat, mache ich mir Gedanken darüber, was ich mit einem französischen Austauschschüler am Frühstückstisch sprechen sollte. In meinen Schläfen wird das Pochen immer stärker. Ich werfe einen verzweifelten Blick zur Uhr, so wie ich das früher auch immer im Klassenzimmer getan habe. Endlich ist der Abend vorbei. Eigentlich wollte ich mit den anderen Eltern noch etwas trinken gehen, aber mein Kopf ist am Explodieren. Außerdem spüre ich wieder dieses Unbehagen, das mich in Müttergruppen oft überfällt. Als gehöre ich eigentlich gar nicht dazu. Ich glaube ich habe ein "Imposter-Syndrom" was mein Mama-sein angeht! Vielleicht auch weil ich nur EIN Kind habe. Vor vielen Jahren sagte einmal eine Kollegin wegwefernd zu mir: "EIN Kind ist KEIN KInd." Wie genau sie das gemeint hat weiß ich bis heute nicht. Aber ich habe sofort gespürt, dass sie irgendwie recht haben müsste. Passenderweise laufe ich nun allein im Dunkel nach Hause. Dort erwartet mich mein "KEIN Kind". Schon allein der Anblick wie der Sohn sich gemütlich auf dem Sofa räkelt anstatt Hausaufgaben zu machen oder Saxophon zu üben, macht mich wütend. Auf seinen fordernden Zuruf "Na, wie war`s?" sage ich nur mit kalter Stimme: "Ich weiß wirklich nicht wie du dieses Schuljahr schaffen willst!" Mein Mann schaut mich warnend an. Er spürt wenn ich kurz davor bin zu explodieren und rät mir, mich gleich hinzulegen. Ich gehe in die Küche und stopfe noch ein paar Chips in mich hinein, bevor ich im Schlafzimmer verschwinde. Unser Sohn wagt es noch einmal mich zu stören. Er sucht das Drei-Fragezeichen-Buch, das ich für ihn ausgeliehen habe. Ich denke daran, dass in Deutsch Andorra auf ihn wartet und schicke ihn ohne das Buch ins Bett.
Heute morgen fühle ich mich verkatert. Im Kopf hämmert es immer noch, als wäre da eine riesige Schul-Baustelle. Ich denke mein Kind wird nicht klarkommen. Ich denke ICH werde nicht klarkommen. Dieses Leben ist zu viel für mich. Mutlos schlage ich die Bibel auf. Heute ist die Offenbarung dran. Unter allen Büchern! Zornesschalen und düstere Zukunftsvisionen. Das hat mir gerade noch gefehlt. Und dann lese ich diesen kleinen Satz im ersten Kapitel: Ihm, der uns liebt... - ihm gebührt alle Ehre! Ihm, der uns liebt. Es fühlt sich an, als würde Jesus mir ein Taschentuch reichen und mir einmal sanft über den Kopf streichen. Er, der uns liebt. Der die Welt regiert. Der alles in seiner Hand hält und jederzeit eine Solaranlage programmieren könnte.
Vor ein paar Tagen habe ich eine Podcastfolge von "Ungeskriptet" angehört. Der Host Ben Berndt spricht darin mit Johannes Hartl über das Thema: Warum du ohne Glauben nicht leben kannst. Ein sehr inspirierendes Gespräch! Am Ende stellt Ben folgende Frage: "Wenn Du morgen früh aufwachen würdest und du kannst dich an nichts erinnern, aber du könntest jetzt noch auf ein Post-it etwas schreiben, was für dich morgen relevant ist, was würdest du darauf schreiben?" Johannes Hartl gibt eine tolle Antwort (die ihr nachhören könnt ;-)). Meine ist nicht weit davon entfernt. Ich würde mit dickem Stift darauf schreiben:
Ich gehöre zu Jesus. Und: Er liebt mich.