Donnerstag, 1. April 2021

Der anfassbare Jesus

Nun leben wir schon ein ganzes Jahr in dieser verrückten Coronazeit. Letztes Ostern war alles noch ganz neu und irgendwie auch aufregend. Anstatt wie gewohnt mit Weggefährten am Karfreitag auf den Birkenkopf zu wandern und dort am Kreuz zusammen an Jesus zu denken, haben wir die Passionsgeschichte aufgeschrieben und an die Bäume gehängt. Wir haben einen kleinen Ostergarten im Wald zusammengestellt, am Sonntag voller Elan "Jesus ist auferstanden" auf die Straßen gemalt, den Stein vom Grab weggerollt, um dann gespannt vor unserem ersten Zoom-Gottesdienst zu sitzen. Und dieses Jahr? Fehlt mir ehrlich gesagt der Elan Ostern so ganz anders und trotzdem besonders zu gestalten. Zum Glück geht das nicht allen so. Die Kirchen an unserem Ort haben einen wunderbaren kleinen Ostergarten aufgebaut. Gestern abend bin ich noch spontan dort vorbeigegangen. Von weitem glitzerten die Weingläser auf dem Abendmahlstisch. 13 Gläser, die darauf warten gefüllt zu werden. Pessach. Erinnerung an die Befreiung aus Unterdrückung und Sklaverei. Unbekümmerte Tischgemeinschaft. Lachen und Gespräche die munter hin und her gehen. Aber auch: plötzlich ernste Fragen. Bedrückte Stille. Vorahnung einer dunklen Nacht.


Bei der nächsten Station: Herrliche Kindergedanken die mich zum Schmunzeln bringen und Gottes Vaterherz ganz  bestimmt mit Liebe erfüllen...



 

Und dann denke ich auch an die verzweifelten Gebete Jesus. Die große Angst. Ein schweigender Vater. Schlafende Jünger. Durch die dunklen Stunden kämpfte sich Jesus allein.

Ich komme an den Stationen vorbei die an Verrat, Verleugnung und Folter erinnern. Denke an meine Glaubensgeschwister für die diese Worte bittere Relität sind. Denke an Myanmar, Weißrussland und Hongkong. So viel Mut und Leid auf den Straßen dieser Welt. So groß die Sehnsucht nach Befreiung von Unterdrückung...

 

In der Abenddämmerung gehe ich weiter. Vorbei am Kreuz. Bis zum leeren Grab. Ich sehe die zusammengelegten Tücher und frage mich, wie Maria: Wo ist Jesus? Da ist so viel Unfassbares in diesen Tagen. Und so viel Sehnsucht .


Meine liebste Lieblingsstelle kommt an der letzten Station. Es ist das Lagerfeuer am See Genezareth, an dem Jesus seinen Jüngern Essen vorbereitet. Müde kommen sie an. Mit ihrem Versagen im Herzen. Ihrem Frust. Der ganzen Verzweiflung. Und da steht plötzlich Jesus am Ufer. Mit der Einladung zum Frühstück. Vielleicht weil er wusste, dass seine Jungs nach den wilden Tagen, dem Mystischen und dem Unfassbaren, etwas ganz Handfestes benötigten. Etwas Vertrautes. Wellenrauschen. Ein knisterndes Feuer. Herrlich gebratener Fisch und frisches Brot. Liebevolle Neckereien. Vertraute Gesten. Mit vollem Magen wieder voller Zuversicht, dass am Ende doch noch alles gut werden könnte. Dass die Geschichte weitergeht. Größer. Wilder. Beängstigender und besser als gedacht. 


 Es ist die Sehnsucht nach diesem "anfassbaren" Gott, die mich dieses Jahr erfüllt. Nach dem Jesus mit dem ich gemeinsam Frühstücken kann, der mit mir über Kindersprüche lacht, der uns die Tränen von den Augen wischt, der sanft die wichtigen Fragen stellt und uns übers Lagerfeuer hinweg seine Liebe versichert. Gemeinde ist für mich der Ort an dem ich das immer wieder erlebe. Jesus, mitten unter uns. Ihr fehlt mir, meine Weggefährten.
 
Am Samstag will ich zusammen mit Heio in unserem Garten ein Osterfeuer machen - so hell und groß wie in keinem Jahr zuvor (es liegen genügend dürre Äste neben der Grillstelle!).  Und dann stelle ich mir vor wie das sein wird, wenn wir uns alle wieder zusammen um eine Frühstückstafel oder ums Feuer versammeln können. Liebevolle Neckereien. Vertraute Gesten. Und wenn dann Jesus zwischen uns Platz nimmt...
 
In will in diesen Zeiten die Sehnsucht nach diesem "anfassbaren Glauben" wachhalten, wie die Glut am Lagerfeuer. Ich will darauf vertrauen, dass unsere Geschichte weitergeht. Größer. Wilder.  Beängstigender und vielleicht sogar besser als wir uns das vorstellen können.
 
 

 

 

Montag, 22. März 2021

Auf das bunte Leben!!!

Gestern habe ich zwei verschiedenfarbige Socken getragen. Absichtlich. Ich bin sonst eher der Schwarze-Socken-Träger. Das hat sich bewährt, bei einer Wachmaschine die sich von einzelnen Socken ernährt. Aber gestern war bunt angesagt. Es war nämlich Welt Down Syndrom Tag. Und immer wenn mein Blick auf meine Füße fiel, habe ich an die wunderbaren Kinder gedacht, die diese Welt so bunt machen und ein leises "wie schön, dass ihr geboren seid!" in ihre Richtung geschickt. Ja, ich weiß auch was für eine Herausforderung so ein besonderes Kind sein kann. Und ich verneige mich zutiefst vor jeder Mama, vor jedem Papa die sich dem Tag für Tag stellen. Aber ich habe in meinem Leben schon viel von dem Segen und der Freude erlebt, die solcher Kinder mit sich bringen. Das haben mir auch immer wieder ihre Eltern bestätigt. Hat Gott das nicht wunderbar gemacht, dass er die Herausforderungen ganz oft im Doppelpack mit Segen zu uns schickt? Wie ein ungleiches Sockenpaar, das aber sehr gut miteinander harmoniert...
Gestern las ich auf dem Blog von Chrissy, Mama von zwei autistischen Jungs (hier durfte ich  einen Gastbeitrag von ihr posten -sehr lesenswert!). Sie hat in einem Blogpost eine Liste aufgestellt mit Eigenschaften, die uns Wert und Ansehen in dieser Welt geben:
  • dünn
  • reich
  • weiße Hautfarbe
  • schönes Haus (Auto, Frau...)
  • gebildet
  • sportlich
  • schön 
  • jung
  • klug
  • erfolgreich
  • angesehener Job
...
Man nennt Menschen die viele Punkte auf dieser Liste abhaken können auch: Priviligiert. 
Und dann - ihr ahnt es - die andere Liste: 
  • alt
  • chronisch krank 
  • behindert
  • "Ausländer" (oder in america: "Non-white")
  • übergewichtig
  • ungebildet
  • arbeitslos
  • arm
  • nicht attraktiv, nach menschlichen Standards ...

Chrissy schreibt dazu: Umso weniger du auf der oberen Liste abhaken kannst, umso mehr musst du unten ankreuzen und umso weniger Wert hast du in den Augen unserer Gesellschaft. Das klingt nach totalem Mist, aber es ist wahr. Du weißt das, und ich weiß das auch.

Manchmal ist es heilsam, dass wir das so krass vor Augen geführt bekommen. Damit wir aufstehen, unsere buntesten Socken anziehen, die wir haben und sagen: Das ist eine verdammte Lüge, die wir glauben! Wir sind wertvoll! Wir sind alle gleichwertig! Gott hat jeden von uns ins Leben geliebt! Ich möchte es in die Welt hinausrufen und weiß gleichzeitig, dass ich es auch meiner eigenen Seele sagen muß. Wie oft mäckle ich an meinen paar Kilos zuviel rum. Wie schwer fällt mir manchmal der Gedanke ans Älter werden. Wie schnell lasse ich mich von hübschen und berühmten Menschen - mit klugen Gedanken und  schön minimaltistischen Wohnzimmern - beeindrucken.

Deshalb bunte Socken! Und Extra-Tage und Gespräche und Blogposts die uns immer wieder stutzen lassen und laut und deutlich den oberflächlichen Werten dieser Welt widersprechen! Feiern wir das Extravagante, die Extrachromosomen und alles was nicht perfekt ist uns aber vollkommen glücklich macht!

Und widersprechen wir, nicht nur mit unseren Worten, sondern vor allem auch mit unserem Leben. Halten wir dagegen! Stellen wir die gute Listen auf:

  • den Obdachlosen freundlich grüßen  (anstatt peinlich berührt den Blickkontakt zu meiden)
  • Zeit nehmen für ein Gespräch am Gartenzaun mit der alten Nachbarin
  • In der Straßenbahn den Platz neben dem merkwürdigen Menschen wählen 
  • Der Mama und ihrem behinderten Kind ein offenes Lächeln schenken
  • die Stillen, die wir so gern übersehen, an unseren Tisch einladen
  • das"schwierige" Kind auf die Geburtstagsliste setzen
  • unser unperfekten Spiegelbild gnädig anschauen und Fotos veröffentlichen, die uns aussehen lassen wie wir sind und die unser Zuhause aussehen lassen wie es ist....

Alles kleine Dinge. Aber es ist ein Anfang. Und wenn viele mitmachen, kann es ganz schön viel verändern. 

Auf das bunte Leben!!!

 

Mittwoch, 17. März 2021

"Bänkle" am Weg

Diesen Morgen habe ich ganz für mich alleine. Was für ein Luxus! Und ich gönne mir: Zeit!  Ich blättere durch die Tageszeitung und genieße meinen Kaffee. Während ich sinnend auf unseren Garten schaue, bekomme ich eine Nachricht vom Spielkamerad meiner Kindheit. Er schreibt, dass er heute an mich denkt und meine Mutter vermisst, die genau vor drei Jahren gestorben ist. Es berührt mich, dass dieser vielbeschäftigter Mann mitten in seinem vollen Leben in Berlin innehält, um mich daran zu erinnern was heute für ein Tag ist. Ich ziehe meine "Erinnerungskiste" aus der Schublade, setze mich auf den Sofa und nehme kleine Schätze und alte Bilder in die Hand. Ich lese die letzte Geburtstagkarte, die mir meine Mutter noch geschrieben hat. Darauf hat sie den Satz aus einem Lied von Gerhard Teerstegen geschrieben:
Ein Tag der sagt`s dem andern,
mein Leben sei ein wandern,
zur großen Ewigkeit!
Passend daneben liegt ein Familienfoto, bei einer Wanderung aufgenommen. Eingekeilt sitze ich zwischen meiner Schwester und meinem Vater, unter dem fürsorglichen Blick meiner Mutter, auf einer Bank am Wegrand. Glücklich und zufrieden. Mein Vater liebte diese "Bänkle" am Weg, mindestens so sehr wie wir Kinder! Wir rannten immer schon ein Stück voraus, um dann freudig zu rufen: "Papa, ein Bänkle!" Strahlend ließ er sich mit uns darauf nieder, um dann die Schokolade aus der Hosentasche zu holen, die er heimlich eingesteckt hatte, die wir dann alle zusammen "Ripple für Ripple" genüßlich schlotzen konnten, bevor wir gestärkt weiter gingen.
 

Am Montag hat eine Freundin ihr neues Cafe eröffnet. Ganz mutig. Mitten in der Coronazeit. Erstmal wird sie ihre leckeren Kuchen, Waffeln, Salat und Suppe "to go" verkaufen, aber hoffentlich schon ganz bald können die Leute sich an die hübschen Tische setzen und auf den roten Sofas niederlassen. Schönste "Bänkle" am Wegrand!  Ich freue mich, dass ich am ersten Tag dabei sein konnte und mithelfen darf, im Cafe Wundervoll! Mit herrlich frisch gebackenem Kuchen und einem großen Strauß Tulpen (Mamas Lieblingsblumen!) kam ich nachmittags wieder Zuhause an. Ich deckte schnell denTisch bevor Samu Richtung Bolzplatz verschwand und wir machen uns über den leckeren Schokokuchen mit Sahne her, der dem Namen des Cafes alle Ehre machte!

Heute morgen, während ich hier schreibend meine Gedanken wandern lasse, ist es mir als würde Gott am Wegrand sitzen, auf einem schönen Bänkle und einladend auf den freien Platz neben sich zeigen. Und er genießt diese Momente mindestens genauso wie wir: 

Ein gemeinsamer freier Vormittag. 

Dankbar in Erinnerungen stöbern.

Tulpen auf dem Tisch. 

Weiches Sofa und warme Suppe.

Kaffee und Kuchen mit Sahne.  

Papa, ein Bänkle!  

Momente, wie kleine Schokoladeecken, die er aus seiner Hosentasche kramt, die wir friedlich schlotzend zusammen genießen. 

Um dann gestärkt weiterzuwandern.  

 Zur großen Ewigkeit....


 

 





Mittwoch, 10. März 2021

Hände lockern

Diese Woche sind wir wieder ganz im Homeschooling-Modus. Was bedeutet, dass ich mich morgens mit Adjektiven, Zehnerreihen und Steinzeitalter beschäftige und wenig Platz für alles andere bleibt. Es klappt erstaunlich gut. Das Kind ist ziemlich konzentriert beim Lernen. Das kann auch daran liegen, dass ich konzentriert bei dem Kind bin. Dass ich nicht, wie sonst, versuche nebenher an einem Text zu arbeiten, mails zu schreiben oder mit dem Frühlingsputz zu starten. Ich weiß, das ist ein Luxus denn sich andere Eltern, die Deadlines und "richtige" Jobs haben, nicht erlauben können. Ich kann mir eingestehen: Fast nichts von dem was ich jeden Tag tue ist so wichtig, dass es nicht auch noch einen Tag liegen bleiben könnte. Also übe ich mich im Loslassen. 
 
Loslassen - das ist auch mein kleines "Fastenprojekt" in diesem Jahr. Beim Ausräumen von meinem Elternhaus wurde mir nämlich bewusst wie schwer mir das werden wird, wenn wir die Schlüssel endgültig abgegen werden. Zu dem Haus in dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe. An dem Ort wo ich jede Straße spielend erkundet habe und jeden Waldweg entlanggehüpft bin. Als ich bei Heio über diesen bevorstehenden Abschiedschmerz geklagt habe meinte er nur entspannt: "Da kannst du loslassen lernen. Und den Fokus mehr nach vorne richten, auf die ewige Heimat." Ach, der Mann. Aus seinem Mund klingen die Dinge oft so einfach, die für mich überhaupt nicht einfach sind. Und deshalb will ich üben. Loslassen für Anfänger. 40 Tage. Jeden Morgen die neugierige Frage Richtung ewige Heimat: "Was könnte ich heute loslassen?" Und es gibt ja SO VIEL Gelegenheiten zum Üben. Manches fällt mir sofort ein, und einiges flüstert mir während des Tages loslassen zu:  Eine Erwartung. Ein Sorge. Eine Vorstellung. Eine Aufgabe, die man gerne erledigt hätte aber eigentlich jetzt nicht sein muß. Eine Enttäuschung. Eine Sache die ich sehe und plötzlich ganz unbedingt haben will ...  Es ist als würde Gott ganz sanft, wie bei einem Kind, meine verkrampften Hände Finger für Finger lösen, damit ich freier und mit offenen Händen leben kann.

Henry Nouwen schreibt über dieses Loslassen, dass es eine lange geistliche Reise des Vertrauens ist. Wir müssen Geduld haben, viel Geduld, bis unsere Hände vollständig geöffnet sind. 40 Tage sind also nur eine kleine einführende Kurseinheit in der Lektion Hände lockern, die wohl ein Leben lang dauern wird. Also setzte ich mich neben mein Kind und wir lernen gemeinsam. Heute steht auf meinem Übungsblatt ein einfaches Gebet, von Henry Nouwen:

Guter Gott, 
was werde ich sein,
wenn ich nichts mehr habe,
woran ich mich festhalten kann?
Wer werde ich denn sein,
wenn ich mit leeren Händen vor dir stehe?
HIlf mir bitte, meine Hände mehr und mehr zu öffnen
und zu entdecken, dass ich nicht bin, was ich habe,
sondern was du mir geben willst.
Und was du mir geben willst, ist Liebe,
bedingungslose, nie endenden Liebe.  

Amen.

 



Dienstag, 2. März 2021

Es wird sich ordnen.

MIt dicken Winterjacken und Schals kamen wir nach den Faschingsferien von unserem "Schwarzwald-Wohnung-Ausräum-Urlaub" zurück, da zog uns schon der Frühling in seine Umarmung. Ich atme genußvoll seinen erdig warmen Geruch, lass mich von ihm in den Garten ziehen, den ich in den letzten Monaten nur frierend, auf dem Weg zum Kompost, durchquert habe, und staune über die üppig verteilten Schneeglöckchen und Narzissen. Heio baut voller Freude sein neues kleines Gewächshaus auf, bestellt Anzuchterde, bereitet Blumentöpfe und Samenpäckchen vor, um bei nächster Gelegenheit Balkon und Badewanne mit kleinen Pflänzchen vollzustellen. Das Kind zieht es auf den Bolzplatz am Ortsrand und kommt erst bei Einbruch der Dunkelheit völlig verdreckt und glücklich zurück. Und gestern morgen ging es dann sogar wieder mal in die Schule! "Ich freu mich so!", riefen Kind und Mutter. Was für ein Lichtblick!!!

 





Natürlich ist bei uns nun nicht alles heiter Sonnenschein (großes Gelächter meiner Mitbewohner an dieser Stelle!). Aber der Frühling macht mir Mut die Schwere und die Sorge der letzten Wochen und Monate einfach mal ein bisschen auszuschütteln, wie Samuels Fußballschuhe, die er mir abends voller Sand und mit dreckverklumpten Sohlen entgegenstreckt, und das Gesicht in die Sonne zu halten. Tief einatmen. Auf das Zwitschern der Vögel hören und mein Herz mit frischer Zuversicht füllen lassen. Dazu las ich diese Worte von Tomas Sjödin:

Zuversicht heißt auf Schwedisch fortröstan und enthält das Wort tröst, Trost. Es spricht davon, dass man an den Trost zu glauben wagt, ehe man ihn erfährt, darauf vertraut, dass es gut wird. Und wenn es nicht gut wird, dann werden sich die Dinge dennoch auf wundersame Weise ordnen.

Ach, klingt das nicht wunderbar?! Auch wenn es nicht alles gut wird (zumindest jetzt und hier nicht): Es wird sich ordnen. Ich mag diesen Satz.  Im muß dabei an meine Mutter denken, die abends noch durch die Wohnung ging, hier und da kleine Handgriffe getätigt hat, den Frühstückstisch vorbereitet, die Wäsche gefaltet, Kleidung für den nächsten Tag zurechtgelegt und ihr Abendgebet gesprochen hat. Schläfrig und zufrieden habe ich Abend für Abend diese Geräusche vernommen, kurz bevor ich eingeschlafen bin. Was für ein Trost war in dieser ordnenden Hand am Ende des Tages! Ein ähnlicher Trost finde ich in Schneeglöckchen, Weidenkätzchen und den Knospen an den Bäumen. Zeichen einer liebevoll ordnenden Hand, die den neuen Tag vorbereitet...

Der Frühling macht mir Mut an den Trost zu glauben noch ehe alles gut ist. Und daran, dass sich die Dinge auf wundersame Weise ordnen werden...  Wie sagte es meine Freundin Tine neulich in einem Gottesdienst, zu Beginn der Fastenzeit: "Ab jetzt können wir wieder die Tage bis Ostern zählen!"  

 


 



Mittwoch, 10. Februar 2021

Kleine Winterpause

 

 

Wieder ist draußen Schnee gefallen. Langsam lässt die Begeisterung ein wenig nach mit der wir ans Fenster rennen und das Kind ist auch nicht mehr so leicht nach draußen zu bewegen mit dem Hinweis: "Das ist vielleicht der letzte Tag an dem wir Schlittenfahren können!" Wir hatten schon viele "letzte Schneetage". Und jetzt liegt wieder wunderbarer Pulverschnee vor der Tür. Er erinnert mich daran: Der Winter ist noch nicht vorbei. Der Lockdown auch noch nicht. Das Leben, das von hinten schon wieder drückt und schiebt und mich in Unruhe versetzen will, soll sich noch gedulden und eine Runde rodeln gehen. 
Es ist immer noch die Zeit in der wir uns am frühen Abend mit einem spannenden Buch ins Bett verkriechen (die Ausgangssperre macht`s möglich: Besuch kommt nach 8 Uhr eh keiner mehr!), in der wir morgens gaaanz langsam in die Gänge kommen (Schule beginnt erst um 9 Uhr vor dem Computer und kein Mensch sieht`s wenn man noch die Schlafanzughose anhat!), in der die Cafeeröffnung der Freundin noch einmal nach hinten verschoben wird (JA- ich werde in einem Cafe mithelfen! Irgendwann. Wenn das Leben uns wieder nach vorne schubsen darf!) und in der wir die Mittagsruhe so lange ausdehnen können wie diesen Satz, der sich zieht und nun endlich zu einem Punkt kommt. Einen Punkt will ich auch hier machen. Nächste Woche sind Faschingsferien. So ganz ohne Fasching. Was uns nicht wirklich fehlen wird (entschuldigt liebe Narren und feierfreudige Rheinländer!). Wir nutzen die Woche noch einmal für eine kleine Winterpause. Denn:
Die Erde ist auch zum Ausruhen da! Ein JA zum Liegen-Lassen und zum Lieben-Lassen! Ein JA zu unseren Begrenzungen! Ein JA zu Vormittagen in Jogginghosen! Halten wir mit unserem Ausruhen eine Welt fest, die kaum mehr in der Lage ist stillzuhalten, und flüstern ihr zu: "Es ist gut! Wir müsen einander nichts beweisen. Wir sind unendlich geliebt." Auf die Ruhe! Auf die günstige Zeit des Nichtstun! Auf auf all das, was so ganz ohne unser Zutun geschehen wird.
(aus: Heimat suchen und Himmel finden) 
Diese Tage können uns so müde machen. Und das dürfen wir auch sein. Müde. Was für eine günstige Zeit für eine kleine Pause! Um eine Tasse Tee zu machen, uns ans Fenster zu setzen und den Schneeflocken beim Fallen zuzuschauen. Und die Erinnerung ins Herz sinken lassen, dass wir nicht allein sind. Und dass sich unter der Schneedecke das neue Leben bereit macht. Und aufwachsen wird. Zu seiner Zeit... 
 


 
 

Mittwoch, 3. Februar 2021

Gnade für einen Menschen mehr.

Heute morgen bekam ich eine liebe mail von einer Leserin aus der Schweiz. Sie schrieb den wunderbaren Satz: "Das Leben besteht aus vielen Gnadenmomenten!" Wie wahr! Das nehme ich heute als meinen Satz des Tages. Ein Tag der mit Migräne angefangen hat (nach einer sehr unruhigen Nacht) und damit, dass das Kind nach ein paar Minuten Unterricht mal wieder aus der Videokonferenz seiner Klasse rausgeflogen ist. Das vorletzte Mal bekam er deswegen einen ziemlichen Wutanfall. Letztes Mal ist dann zur Abwechslung die Mutter ausgerastet und hätte am liebsten den Laptop gegen die Wand geschmissen (und das Kind saß ganz  entspannt daneben!) und heute haben Mutter und Kind nur resigniert mit den Schultern gezuckt. Müde macht sie uns, diese Zeit. So müde.

Als gestern Abend Frau Merkel in der Tagesschau wieder einmal zu Geduld aufrief, dass der Lockdown noch länger andauern wird, bin ich ins Nebenzimmer und habe mit meiner Freundin Chrissie telefoniert, der wunderbaren Grundschullehrerin, die sich heldenhaft durch diese Zeit kämpft (wie auch Samuels Klassenlehrerin und viele andere! DANKE EUCH!!!). Wir haben über die Nebenwirkungen des Lockdowns geredet, darüber wie alte Menschen vereinsamen,  wie Kinder - die eh schon benachteiligt sind - vollends abgehängt werden und schwierige häuslichen Situationen allein ertragen müssen, wie Eltern am Rande ihrer Kräfte sind, wie Singles sich durchkämpfen müssen und sich nur mit schlechtem Gewissen in den Arm nehmen lassen, wie Selbstständige um ihre Existens kämpfen und vor Sorgen kaum noch schlafen können.... ach, es ist schon deprimierend das alles aufzuzählen. Aber ich denke es ist wichtig, dass wir uns das ebenso vor Augen halten wie den aktuellen Inzidenzwert!  Und glaubt mir: Ich bin weit davon entfernt Corona auf eine harmlose Grippe herunterzureden. Aber es gibt gerade so viel Not - neben Corona!

Und ich  möchte so gerne helfen! Aber ich merke: ICH brauche Gottes Hilfe, jeden einzelnen Moment in diesem Tagen! Ich flehe ihn an: Bitte hilf mir, dass ich mein Kind jetzt nicht vor lauter Wut schüttle, weil es einfach nicht so funktioniert wie es SOLLTE, und dass ich mich nicht verachte, weil ICH nicht funktioniere wie ich SOLLTE. Ach, ich brauche so unzählige Gnadenmomente für mich und mein Kind....Und wie dankbar bin ich, dass das jemand in meinem Umfeld sieht! Dass da eine Mama ist, die mir am Abend eine WhatsApp schickt: "Übrigens, morgen nachmittag kann Samuel gerne zu uns kommen." Ich kann es kaum in Worte fassen was das mir (und Samuel!) bedeutet! Es ist meine Rettungsinsel, wenn ich verzweifelt nach Luft schnappe und kein Land mehr sehe. Die Freundin, die mit ihren drei Kindern im wildesten Alter alle Hände voll zu tun hat, denkt an uns und öffnet ihre Tür für noch ein Kind mehr. Vor ein paar Tagen hab ich Samuel bei ihnen abgegeben und die drei Jungs sprangen uns entgegen und umarmten Samuel freudig strahlend mit den Worten: "Bruder!"  Das hat mich so tief berührt. Jeder von euch der schon hier eine zeitlang mitliest weiß, dass es Samuels größter Wunsch ist, Brüder zu haben. Nun kann ich den leider nicht mehr erfüllen (Gott steh uns bei!:-)). Aber ich habe unzählige Gebete gesprochen, dass Samuel in seinem Leben gute Freunde an die Seite gestellt bekommt. Und da sind in dieser schwierigen Zeit für mein Einzelkind drei Jungs, die ihn begrüßen wie einen Bruder!

Vielleicht ist das die Schönheit, die wir in dieser Zeit entdecken können: Dass wir einander zu Brüdern und Schwestern werden. Dass wir Herzen und Türen öffnen, für noch einen Menschen mehr in unserem Umfeld. Oder wir lernen durch eine offene Tür zu gehen, die uns aufgehalten wird. Mit leeren Händen und bedürftigem Herzen. Gnade geben. Gnade empfangen. Auch wenn ich gerne bei den Gebenden bin und es mir unglaublich schwerfällt auf der Seite der Bedürftigen zu sein: Ich gehöre in diesen Tagen definitiv zu den Empfangenden. Ich kann nur still "Danke" flüstern, die Tränen aus den Augenwinkeln wischen und meine Schwester und Freundin umarmen. 

Danke.

Danke an alle die ihre Tür öffnen, für noch einen Menschen mehr.

Danke an alle die ihr Zuhause zu kleinen Rettungsinseln für andere machen.

Das ist es was wir brauchen - mindestens so dringend wie einen Impfstoff.

 


Dienstag, 26. Januar 2021

gut gemacht.

Gestern hat mich eine Freundin gefragt wie es mir denn gerade geht und die Antwort die mir spontan einfiel, die tatsächlich meinem Zustand am passendsten beschreibt, war: Das Leben fühlt sich gerade ziemlich überwältigend an!

Da sind einmal die vielen wunderbaren Rückmeldungen von euch, meinen so geschätzten Bloglesern. VON HERZEN DANKE ich euch dafür! Und damit verbunden waren so viele Buchbestellungen, dass die Poststelle im Nachbarort langsam zu meinem zweiten Zuhause wird. Ich hoffe sehr, dass alle Päckchen richtig ankommen und bei den Widmungen auch der richtige Name steht... (falls was nicht stimmt meldet euch, dann kommt ein Entschädigungspäckchen :-)). 

Und in der Woche des freudigen Feierns fiel dann auch die Beerdigung meines Onkels und ein langsam beginnendes Abschiednehmen von meinem geliebten Heimatort.







 

Und dann ist in dieser Woche eine Weggefährtin aus unserer Gemeinde nach Hause zu Jesus gegangen. Es ist das Ende eines langen Leidenswegs. Ich kann es noch nicht wirklich fassen, dass sie nicht mehr da ist. Bei uns. Bei ihrem Sohn, nicht viel älter als Samuel, und ihrem Ehemann.  Sie hat hier immer treu mitgelesen. Das war mir sehr bewusst. Man schreibt vorsichtiger, wenn man weiß, da liest jemand, der langsam mit seinem Leben abschließen muß.
Was haben wir dagegen angebetet! Gott angefleht ein Wunder zu tun. Er hat es anders gemacht. Und ich stehe mal wieder mit angehaltenem Atem daneben. Was Gott zumuten kann. Wie scharfkantig und unbarmherzig der Tod ins Leben greift. 
Neben den Gebeten für ihre Familie ist seit heute morgen auch ein Satzstück,  das sich immer wieder über meine unruhige Gedanken legt: "Damit keiner allein stehe, wider das Dunkel!" Ich grüble woher er kommt und werde bei dem poetischen Text der Lebensgemeinschaft OJC fündig. Da schreibt Dominik Klenk:
Wo sind die gefährten
gemeinschaft der beherzten
die alles riskieren
und vertrauen dass der geist des herrn
der den tod überwand
leidenschaftlich in ihrem leben wirken
und sie zusammenschmelzen darf
damit keiner allein stehe wider das dunkel
und das licht aufstrahle für viele
 
Während ich hier die Worte eintippe tauchen die Bilder der letzten Wochen und Monate vor mir auf. Von einer kleinen Gemeinschaft die, in all ihrer Schwäche und Begrenztheit, zusammengestanden hat. Unzählige Gebete, an Kinderbetten gesprochen, ins Tischgebet gequetscht und in langen Nächten geseufzt. Hände, die angepackt haben und die jetzt in diesem Moment immer noch da sind, um zu trösten und helfen. 
Ein Außenstehender könnte vielleicht sagen: Es war ja nicht genug. Nicht genug Gebete für ein Wunder. Nicht genug Hände, um so eine Last zu tragen. Aber als eine die mittendrin stand, oft ganz hilflos, habe ich genug gesehen, um zu sagen: In dieser Gemeinschaft kann man nicht nur zusammen feiern. Diese Menschen tauchen auch dann noch auf, wenn es ans Sterben geht. So schwer dieser Weg ist und so wenig man ihn letztlich dem anderen abnehmen kann. Aber da ist dieses trotzige: "dass keiner alleine stehe, wider das dunkel!"
Das erlebe ich in diesen Tagen. Und bei allem Schmerz und bei allen stummen Fragen, beim "überwältigt fühlen" und der Sorgen wie es für die lieben Menschen weitergeht - da ist auch ein Staunen in mir. Und dahinter die zarte Ahnung, dass Jesus gerne unserer kleinen unperfekten Gemeinschaft und einem wunderbaren Ältestenteam zuflüstern möchte: Gut gemacht. So habe ich mir das vorgestellt. 
Feiert zusammen. 
Teilt euer Leben miteinander. 
Und dann, wenn die letzte Strecke vor euch liegt: 
Begleitet euch gegenseitig nach Hause. 
 
Gut gemacht! - eigentlich ist das ein Wort von dem ich bisher immer dachte es gehört nur an das Ende unseres Lebens. Aber ich glaube Gott steht da hinter uns Mamas (und Papas) nicht zurück. Wir wissen, dass unsere Kinder das öfters mal hören müssen. Mittendrin. Oder am Ende eines langen Tages. In Zeiten, die nicht einfach für uns sind. Für jetzt und hier:
 
Gut gemacht, mein Kind. 
 
Und morgen üben wir zusammen weiter.

damit keiner allein stehe wider das dunkel.
 
Und das licht aufstrahle für viele.

 
 
Gut gemacht, Jesusfreaks Stuttgart. 
Was für ein Segen mit euch unterwegs zu sein.
 
 

Montag, 18. Januar 2021

Da ist das Ding!

Jetzt ist es da: Das neue Buch! Und es ist so wunderschön geworden - es glitzert sogar auf dem Cover! Ich hoffe die Geschichten darin wärmen uns ein wenig in dieser Jahreszeit, die sich so gar nicht nach Glitzern anfühlt... Eigentlich wollte ich die Buchveröffentlichung mit einem großen Fest feiern (Stichwort: Altäre bauen, Kapitel 7), aber das geht nun leider nicht. Zumindest nicht so wie ich das mir vorgestellt habe. Feiern will ich trotzdem! Die Girlande habe ich im Esszimmer aufgehängt. Und heute morgen, müde und mit verquollenen Augen von tagelangen Migräneschmerzen, will ich mit euch anstoßen. Meine treuen Lesern! 

 

 

Danke für alle ermutigenden Worte und für so viele Vertrauensvorschuß mit euren Vorbestellungen! (unser Wohnzimmer sah am Wochenende wie eine Poststelle aus!) Mit jedem Päckchen schicke ich ein Gebet, dass die Geschichten das Herz  darüber zum Glitzern bringen, dass wir so unendlich geliebt sind. Und weil wir nicht alleine und niemals ohne Hoffnung sind -  durch jede Jahreszeit unseres Lebens hindurch.

Wer noch nicht bestellt hat kann das gerne tun, ich habe noch ein paar Bücher hier liegen:-).

 


Schreibt mir einfach eine kurze Nachricht an chris.f@freenet.de, auch ob ihr eine Widmung möchtet, Überweisungsdaten gibt es hier, und schon ist das Päckchen ganz bald auf dem Weg zu euch.

Herzliche Segensgrüße zu euch und viel Kraft und Zuversicht für diese Woche!!!



Dienstag, 12. Januar 2021

Ein gutes Ende

Heute fällt es mir schwer die Gedanken zum Schreiben einzufangen und der Reihe nach aufzustellen. Aber ich will es trotzdem versuchen. 
Samuel hat zur Zeit eine diebischen Freude daran sich leise hinter eine Tür in unserer Wohnung zu schleichen, um mich zu erschrecken. Heute, am frühen Morgen, hätte ich vor Schreck fast den Wäschekorb die Treppe hinuntergeschmissen als er mich so unerwartet, mit lautem "Buhh!" aus dem Flur ansprang. Und es kommt mir so vor als hätte mich dieses neue Jahr ähnlich angesprungen. In den letzten Tagen habe ich versucht meinen Herzschlag zu beruhigen und wieder gleichmässig zu atmen...ein und aus.... um zu begreifen:
Mein lieber Onkel, letzter Heimatmensch meiner Kindheit, ist nicht mehr da. Der Onkel, der mit meiner Oma ein Stock tiefer gewohnt hat, was dann einfach unsere erweiterte Wohnung war (und nicht zuletzt deshalb so attraktiv, weil dort ein Fernseher stand!), der Sportler, der meiner Schwester und mir das Skifahren beigebracht hat (leider nur mit mäßigem Erfolg) und einer der letzten wahren Junggesellen, die erst von der Mutter und dann von der Schwester (meiner Mutter) rundumversorgt wurden. Ein bisschen habe ich dann, nach dem Tod meiner Mutter, die Versorgung übernommen. In abgeschwächter Form! Ich musste immer etwas grinsen, wenn ich mich mich mit dem Bügeln seiner Hemden abgemüht und sie ihm dann, noch ziemlich faltig, in den Schrank gelegt habe. Er hat sich nie beschwert. War einfach dankbar, wenn wir da waren. Und ich war dankbar, dass er noch da war. Zuhause. 
Ich war auch immer ein wenig stolz auf meinen Onkel. Die Skiurlaube hat er mit weit über 80 Jahren nur deshalb  eingestellt weil - laut seiner Aussage - die "Jungen" nicht mehr mitkamen. (die waren auch schon Anfang 80!).  
Ab und zu hat sich die Sorge bei mir breit gemacht wie es wird, wenn er nicht mehr alleine kann. Wie wir das bewältigen werden. Was für Entscheidungen dann anstehen. Sorgen die umsonst waren. Wie das bei Sorgen ja  meistens so ist. Ach eigentlich sind sie doch alle umsonst. Würden sie was kosten, würden wir uns weniger davon machen. (Oh je, jetzt wisst ihr was ich meine mit: Gedanken einfangen). Auf jeden Fall habe ich nun vor wenigen Tagen, als wir gerade im Schwarzwald waren, meinem Onkel abends noch fröhlich zugerufen: "Schlaf gut! Bis morgen früh!" und am nächsten Morgen fand ich ihn tot in seinem Bett. Er durfte gehen. Einfach so. Mit 94 Jahren (und es hätte mich nicht wirklich gewundert, wenn er seine Skier auf die letzte Strecke noch  mitgenommen hätte)
Eigentlich kommt das Ende in diesem Alter nun wirklich nicht überraschend und doch: Ich glaube der Tod springt uns immer unvermutet an und erschreckt uns zutiefst. So zumindest geht es mir. Wenn ich gerade abends völlig müde ins Bett falle kommt es mir so vor als würde in mir drin ein Kind mit weit aufgerissenen Augen liegen, das sich weigert einzuschlafen. Weil es versucht die Tatsache zu begreifen, dass da ein vertrauter Mensch nicht mehr ist. Und dass der Tod sich einfach so anschleichen darf und "Buhh" macht und uns unsere ganze Zerbrechlichkeit vor Augen hält.  Neben der Trauer und dem Schrecken empfinde ich aber auch Dankbarkeit. Ganz viel Dankbarkeit. Dass sich mein Onkel einfach so still und heimlich verabschieden durfte. Und wir in seiner Nähe sein konnten.
 
Als meine Buchveröffentlichung im letzten Frühjahr wegen Corona auf diesen Januar verschoben wurde habe ich befürchtet, dass die Geschichten beim Erscheinen ihre Aktualität verloren haben. Und nun bin ich auf einmal wieder mittendrin: Im Wohnung auflösen. Im Abschied nehmen von dem Ort der mir hier auf der Erde zutiefst "Zuhause" war. Im Heimat finden und Himmel suchen...

Unter dem Stapel Dokumenten die mein Onkel aufbewahrt hat sind auch viele Bilder von ausgelassenen Feiern im Kreis seiner vielen Freunde, von unseren Weihnachtsfesten (bei denen wir - wie auch bei jedem alltäglichen Mittagessen-  immer alle zusammen am Tisch saßen) und  spannende alte Fotos von unserem Zuhause.
 
Das älteste Foto von unserem Haus

 
an Weihnachten mit dem Lieblingsonkel
 
 
Neben den Fotos fanden wir auch einen sorgfältig aufgeschriebenen Lebenslauf. Darin sind Stationen seines Lebens über die er mit uns, wenn überhaupt, nur sehr ungern gesprochen hat: Mit 17 Jahren in den Krieg. Gefangenschaft. Rückkehr in ein verändertes Zuhause. Ohne den Vater und den geliebten Bruder weitermachen (mit dem er eigentlich ein Architekturbüro eröffnen wollte)... Mir wird wieder einmal bewusst wie vielschichtig unsere Geschichten sind. Da sind helle und schöne Kapitel neben dunklen und schweren. Und irgendwann wird die letzte Seite aufgeschlagen. Und wir hoffen auf ein gutes Ende.

Mir scheint mein Onkel hat genau das bekommen: Ein gutes Ende. Und vielleicht liegt in unserem letzten Dialog, so banal er mir im Rückblick auch vorkommt, die größte Hoffnung:
"Schlaf gut! Bis morgen früh!"
 

Freitag, 1. Januar 2021

Nur Mut.

Ihr Lieben, ich möchte euch einfach kurz einen Neujahrsgruß schicken. Samuel ist gerade mit einem Bastelprojekt beschäftigt und in diesen Tagen heißt es: kleine Freiräume zum Schreiben nutzen:-).

Als ich gestern Abend mit Mann und Kind auf dem Balkon stand und das Feuerwerk bewundert habe (die russischen Partyfreunde hier am Ort haben mich nicht enttäuscht - ich wusste sie würden das Zeug irgendwie einschmuggeln!) wurde es mir ein bisschen bang ums Herz. Was wird wohl auf uns zukommen, im neuen Jahr? In das letzte Jahr sind die meisten von uns unbekümmert feiernd gestartet und dieses Silvester war nun alles anders.  Wir waren brav um acht Uhr Zuhause (hätten wir vor einem Jahr geglaubt, dass wir eine Ausgangssperre haben würden?) und saßen zu Dritt um unser großes Raclettegerät. Die wenigen Termine fürs neuen Jahr trug ich heute vorsichtig, mit Bleistift und Fragezeichen dahinter, in den Kalender 2021 ein. Das hat uns die vergangene Zeit gelehrt:  Pläne sind Schall und Rauch! Wir wissen so wenig was der morgige Tag bringen wird. Diese Tatsache so vor Augen geführt zu bekommen kann für uns kleine Menschen ganz schön beängstigend sein. Zumindest ging es mir letzte Nacht so. Ich habe versucht vor dem Einschlafen noch ein bisschen im letzten Buch der Bibel zu blättern, um mir zu versichern, dass am Ende doch alles gut ausgehen wird, aber ich bin irgendwo zwischen den Zornesschalen und der letzten Trübsal eingeschlafen. Das war dann auch nicht so beruhigend. 

Heute, nach einer starken Tasse Kaffee, habe ich mich dann erinnert was Gott zu Josua gesagt hat. Es klingt ein bisschen wie eine Neujahrsansprache für einen Mann, der ziemlich viel Angst hatte. Der große Mose war gestorben und hatte sie in der Wüste zurückgelassen und nun sollte Josua irgendwie diesen Karren aus dem Dreck ziehen. Vor ihnen lag das verheissende Land, das aber völlig unbekannt und angsteinflössend war und das Vorwärstgehen würde ihnen einiges an Mut und Kampfeswillen abverlangen. Dreimal sagt Gott in seiner kleinen aber gewaltigen Ansprache zu Josua: 

"Sei stark und sei mutig!

Und er fügt hinzu: 

"Ich werde mit dir sein! Ich werde dich nicht aufgeben und dich nicht verlassen. Jeden Ort, auf den eure Fußsohlen treten - euch habe ich ihn gegeben."  

Und hier ist es, das Trostwort für uns alle, die sich ähnlich wie Josua fühlen: Ängstlich. Überfordert. Mit einer ziemlichen Aufgabe an der Backe und keinen wirklichen Plan wie es weitergehen wird. "Sei stark und sei mutig! Ich werde mit dir sein!" Und dann gehen wir los, noch ein bisschen mit zitternden Knien, in dieses unbekannte Jahr das vor uns liegt... mit Gott an unserer Seite.

 Und wenn die Angst kommt, dann krame ich aus dem Gepäck mein Jahreswort:  

 
 
Eigentlich sind es erstmal zwei Worte (genau deshalb habe ich auch das englische Wort genommen).
Fear less. Ich will mich weniger fürchten. Vor all dem ungewissen und vor dem was gewiss ist im neuen Jahr: Dass ich andere enttäuschen werde und ich Erwartungen nicht erfüllen kann, dass ich versagen und mich verrennen werde, dass die Nachbarn sich über das enegiegeladene Kind und die dreckigen Treppenstufen ärgern, dass mich Situationen überfordern und manche Kämpfe weit über meine Kraft gehen werden. 
"Stell dir vor wie wir leben könnten, wenn wir uns weniger fürchten würden?", schreibt der wunderbare Künstler Charlie Mackenzie. Darüber will ich in diesem Jahr nachdenken. Und dabei einfach einen Schritt vor den anderen setzen. Tag für Tag. Und vielleicht stehe ich am Ende dieses Jahres staunend auf neuem Land.  Fearless.

Gott wird mit uns sein. Soviel ist sicher.

Nur Mut!


 

 




 Habt ein gesegnetes neues Jahr!!!! 



 Und verratet ihr mir auch eurer Jahreswort?