Donnerstag, 14. April 2022

Rundwege an Ostern

Es ist Donnerstag vor Ostern. Das Brot fürs heutige Abendmahl habe ich gerade in den Ofen geschoben. Morgen werden wir  dann, wie in den letzten Jahren, zu dem kleinen Wäldchen ganz in der Nähe laufen und drei kleine Kreuze aus Zweigen aufstellen, daneben ein Moosgrab vor das wir einen Stein legen. 

 

 Am Nachmittag machen wir uns dann, wie in jedem Jahr, mit unseren Weggefährten auf den Weg zum Birkenkopf, um dort an dem großen Kreuz, das zwischen denTrümmern des zweiten Weltkriegs steht, an den Gott zu denken, der uns so sehr liebt, dass er für uns gestorben ist.


 

Am Samstag werde ich Kuchen backen und Blumen einkaufen und mich mit meinen liebsten Menschen streiten und versöhnen - wie in jedem Jahr.

Wenn dann der Ostersonntag endlich da ist werden wir ganz früh ins Wäldchen laufen und den Stein vor dem Moosgrab wegnehmen, ein schiefes Halleluja singen - und alle Vögel und Hasen damit erschrecken - und auf dem Rückweg  "Der Herr ist auferstanden" auf die Straße malen.  

 

Dann nehmen wir Kuchen und Blumen und Festgirlanden und machen uns auf den Weg zum Osterbrunch in unsere Gemeinde. Die Kinder werden wie immer wie wild um die Tafel rennen während wir einander Kaffee einschenken und alles Gute genießen was wir zusammengetragen haben. Und dann hören wir wieder die vertraute Geschichte von einem leeren Grab. Von einer unerwarteten Wendung. Vom glücklichen Lachen nach schweren Tagen.

 

Diese Tage sind für mich wie vertraute Stationen eines Rundwegs, an dem wir Jahr für Jahr vorbeikommen. Manchmal kommen wir erleichert oder glücklich an, manchmal traurig oder nachdenklich. In manchen Jahren haben sich die Umstände schmerzhaft verändert und manchmal so, dass wir nur voller Freude staunen können... 
 
Ich mag diesen Gedanken, dass vieles im Leben wie ein Rundweg zu verstehen ist. Dass es nicht in erster Linie darum geht irgendwo anzukommen, oder es "geschafft" zu haben.  Es muß auch nicht immer weiter und höher hinaus gehen oder bei jeder Runde besser werden. Wir dürfen einfach zurückkehren. Zum Teilen. Zum Erinnern. Zum Feiern. Zu  den bekannten Orten, mit den vertrauten Bildern und Geschichten.

In diesem Jahr werde ich ziemlich müde ankommen. Aber auch dankbar. Dankbar für diese beste und schönste Geschichte, die mir wieder Mut macht für die nächste Runde und mich hoffen lässt, dass bei der letzten großen Wiederkehr eine unfassbare Festtafel und eine große Umarmung auf uns wartet.
 
Gesegnete Ostertage euch allen!!!!
 



Mittwoch, 6. April 2022

Das Dunkel aushalten

Gestern stand ich in einer Grabhöhle und habe mich geärgert. Also nicht in einer wirklich echten Grabhöhle, aber im toll gebauten Grabgang vom Stuttgarter Ostergarten. Der dunkle Übergang vom Kreuz bis zur blühenden Auferstehungslandschaft. Ich habe als Requisiteurin zwei Führungen begleitet, was bedeutet: Ich schaue, dass alle zur nächsten Station mitkommen, schließe Tore und Vorhänge, schalte die Hintergrundgeräusche wieder ein und komme folglich immer als Letzte an. Während ich also die Grabhöhle betrete höre ich den Reiseleiter schon rufen: "Der Herr ist auferstanden!" Und in mir sträubt sich alles dagegen! Weil ich gerade erst am Kreuz vorbei bin. Weil ich noch im Dunkel stehe und noch nicht mal an den Tüchern mit den Worten: "Er ist nicht hier" vorbeigekommen bin. 
Natürlich ist das jetzt nicht wirklich ein Fehler vom Ostergarten. Es gehört einfach zu meiner Aufgabe in diesem hellen Raum als Letzte anzukommen. Aber mich beschäftigt das Ganze immer noch. Weil es eine Ebene tiefer gelandet ist. Und ich darüber nachdenke ob wir Jesusnachfolger das immer wieder mal machen (und ich schließe mich selbst damit ein!):  Ob wir uns gegenseitig nicht zu wenig Zeit geben - für das Suchen im Dunkel. Für die Zweifel. Die Trauer. Den Schmerz. Die ungelösten Fragen. Ob wir nicht oft viel zu schnell durch dunkle Räume gehen und schon eilig die Osterbotschaft rufen, während sich die Hälfte unserer Reisegruppe noch an den Grabwänden entlangtastet.
Ich muß an die Worte von Ester Maria Magnis denken:
Unser Glaube hat in sich das Wissen um den ganzen Dreck der Welt. Er hat einen Schrecken. So wie diese Welt. Und dann erst kommt die frohe Botschaft.
In diesen Tagen vor Ostern spüren wir etwas von dem Schrecken dieser Welt. Wir sehen verstörende Bilder aus ukrainischen Dörfern und fassen nicht, was Menschen Menschen antun können. Und zusätzlich gehen viele durch ihre ganz persönliche Nöte. In meinem Umfeld zerbrechen Ehen, kämpfen Freunde mit den Folgen ihrer schweren Vergangenheit, während andere Schmerzen ertragen müssen oder vor Sorge um ihre Kinder nicht in den Schlaf finden. Da kann man manchmal nur schweigend daneben stehen. Das muss man mal aushalten. Und das fällt mir oft so schwer.
Ich finde Gott hält so viel aus. Er hält uns Menschen aus. Er hält unsere Fragen aus. Die Verwünschungen, die wir ihm im Dunkel entgegenschleudern. Der Gott, der Wunden trägt. Der seinen Sohn in die Hände von Folterknechten gab. Jesus. Der Schmerzen ertrug. Der keine Abkürzungen ins Licht nahm. Der verzweifelt schrie: "Warum Gott, hast du mich verlassen?" Der zwei Tage im Grab blieb. Und dann, am dritten Tag, ganz liebevoll, ganz persönlich seinen Jüngern begegnet ist und es ganz langsam bei ihnen ankam, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist.
Und auch das habe ich gestern im Ostergarten gespürt: es ist die beste Geschichte, die man erzählen kann! Das gilt besonders dann, wenn man sich Zeit für die einzelnen Kapitel lässt und nicht vorzeitig zum guten Ende springt (wie ich das als Kind immer bei den Büchern getan habe, wenn ich die Spannung kaum noch ertragen konnte).

Es sind noch ein paar Tage bis Ostern.

Nehmen wir uns Zeit.

Gehen wir durch die düsteren Räume der Geschichte.

Gethsemane.Golgatha.

Die Kämpfe. Die Einsamkeit. Der Schmerz.

Halten wir in diesen Tagen das Dunkel zusammen aus.

Dann erst kommt die frohe Botschaft. 

 


Donnerstag, 31. März 2022

Wieder mal nur Krümel!

Gestern konnte ich nichts schreiben. Gestern war ich im Fernsehen. Was so groß klingt, ist tatsächlich eher klein. Kümmerlich klein - was mich angeht. Eigentlich hatte ich mir nach meinem letzten TV-Auftritt vorgenommen: Sowas mache ich NIE WIEDER! Es liegt mir einfach nicht! Ich fühle mich dabei so unwohl wie eine kleine Hochstaplerin, die es durch die Hintertür geschafft hat,  sich ins Scheinwerferlicht zu drängen. Zu allem Überfluss wirke ich dann dort überhaupt nicht unsicher und vorsichtig (was in meinem Fall wirklich angebracht wäre!) sondern ich rede viel zu viel, ziemlich ungefiltert und unreflektiert - so wie ich das immer tue, wenn ich aufgeregt bin. Zurück bleibt das schamhafte Gefühl, dass ich zu sehr die Christina war, die ich eigentlich nicht sein möchte, die ich aber eben bin. Wenn ihr versteht was ich meine. Nie wieder, habe ich mir deshalb beim letzten Mal gesagt. Und jetzt war ich eben doch wieder da. Der Grund dafür saß mir direkt gegenüber und stellte kluge Fragen: Titus Müller, einer meiner Lieblingsautoren. Seiner Einladung konnte ich einfach nicht widerstehen (hätte ich doch besser mal, denke ich jetzt!). Ach ja, es war wie gehabt. Es war gefühlt mal wieder viel zu viel von mir - was vielleicht einfach passiert wenn die Kamera auf einen gerichtet wird - und gleichzeitig eben auch das Gefühl, dass das zu wenig ist.
Heute morgen, nachdem sich die wilden Gefühle langsam gelegt haben, lese ich noch einmal was ich nach meinem letzten TV-Auftritt geschrieben habe. Und mich trösten meine eigenen Worte (als würde mich die Person, die das geschrieben hat, ganz gut kennen, haha). Eigentlich sind es aber besonders diese Sätze von Adrain Plass, meinem anderen Lieblingsschriftsteller, der in einem inneren Dialog mit Gott folgendes sagt (Gott beginnt:-):
"Was hat der kleine Junge Jesus gegeben, als er fünftausend Leuten zu essen geben musste?"
"Sein Mittagessen."...
"Meinst du es wäre schlau von dem Jungen gewesen, bei seinem nächsten Zusammentreffen mit Jesus mehrere LKW-Ladungen mit Brot und Fischen dabei zu haben, damit Jesus sich nicht die Mühe machen musste ein Wunder zu tun?...Alles was du je zu bieten hattest waren die paar Brote und Fische, die du bist. Es war fast nichts als du angefangen hast, und ohne ein Wunder reicht es hinten und vorne nicht, aber es ist immer noch alles was ich will. Sei der du bist, liebe mich und tu, was ich dir sage. Das ist alles."
Fünf Jahre und ein paar verbrannte Mittagessen später gilt das wohl immer noch: Sei der du bist, liebe mich und tu, was ich dir sage. Es war fast nichts da als ich angefangen habe und - seien wir ehrlich: es ist inzwischen auch nicht viel mehr geworden (außer dem  "viel mehr" was in der Maske nötig war, um meine Falten notdürftig zu kaschieren). 
Manchmal habe ich die Vermutung, dass da eine Reihe von richtig coolen und begabten Leute sind, die sich aber aus irgendwelchen Gründen, weigern, ihre Talente und Begabungen Jesus hinzuhalten. Und dann sind da wir. Die weniger Begabten. Die nicht so Coolen. Die so vieles nicht auf die Reihen bekommen und sich manchmal in ihrem Versagen und den Selbstzweifel verlieren können. Aber wir leeren unsere Taschen vor Jesus aus. Wir sagen zweifelnd: "Wenn du das irgendwie gebrauchen kannst, dann bitteschön: Du kannst es haben." Und: Er nimmt es! Er nimmt es tatsächlich! Und dann macht er vielleicht sogar jemand damit satt; oder hungrig, nach ein bisschen mehr von diesem Jesus, der uns so unendlich liebt. Unsere unzensierte Version. Mit der wir uns manchmal am liebsten Zuhause verkrümeln würden. Dann schickt er ein paar Menschen vorbei die uns nach draußen locken, weil sie in uns etwas sehen, was wir in unserem Spiegelbild so schwer erkennen können: Dass wir geliebte Kinder Gottes sind! Und dass wir ein Segen sind. Mitten in einer zerbrochenen Welt. Wir kleine Lichter. Mit unseren kleinen Fischen. ..

Also will ich weiterhin vor Jesus mein Taschen ausleeren. Ich will ihm bringen was ich heute habe. Auch wenn ich dabei ständig über meine eigenen Füße stolpere.  Es ist wie Dietrich Bonhoeffer geschrieben hat: Aus dem Unmöglichen heraus wird die Welt erneuert. Dass Gott aus allem "unmöglichen" meines Lebens einen Segen machen kann - dieses Wunder will ich ihm  - gegen alle Zweifel in mir! - immer wieder glauben. 


 

Und hier geben auch ein paar Leute, was sie haben (und ich lege ein paar ganz kleine Krümel dazu):

Im Moment sieht's mal wieder so aus, als reicht es nicht (Heio sucht noch verzweifelt ein paar römische Soldaten!), aber Jesus wird  am Ende wohl wieder mal ganz entspannt damit sein Ding machen. Falls du in der Nähe von Stuttgart wohnst und das miterleben möchtest  und vielleicht noch jemand dazu einladen willst, der Hunger hat: Es sind noch ein paar Krümel Karten übrig! (hier kannst du buchen).

Mittwoch, 23. März 2022

Gleichzeitig

Am Wochenende hatten wir unser jährliches Joyce-Redaktionstreffen. Leider konnte es auch dieses Jahr nur online stattfinden. Aber diese zwei tollen Frauen, Sonja und Tine, kamen ganz in echt bei mir vorbei und wir haben - neben Sonjas unfassbar guten Cupcakes! - den gemeinsamen Gedankenaustausch mit allen genossen. 


Als die Chefredakteurin Melanie Carstens uns am Anfang aufgefordert hat mit ein paar Sätzen etwas darüber zu sagen, wie es uns gerade geht (immer eine große Herausforderung für mich!) sagte eine der jüngeren Frauen: "Ach, diese Gleichzeitigkeit fällt mir so schwer! Es ist Krieg und gleichzeitig will ich unseren Sommerurlaub planen! Und ich fühle mich gerade so müde und überfordert."  Verständnisvolles Nicken allerseits. Genau. So geht's uns. Anja Schäfer zitierte einen Satz der Pastorin Nadja Bolz Weber die meinte, dass die Kapazität unserer Seele (und die Fähigkeit das Leid von anderen mitzutragen) für ein Dorf reicht, aber nicht für die ganze Welt. Das klingt logisch. Da wundert es nicht, dass wir uns überfordert fühlen, wenn wir von allen Ecken und Enden dieser Erde die schlimmsten Nachrichten direkt auf unser Handy gestreamt bekommen. Aber wir leben nun mal in dieser globalen Welt und wir haben globale Verantwortung, könnte man richtigerweise anmerken. Und es ist einfach so: Wir planen Feste angesichts von Krieg und Krisen, bewundern Blumen während andere leiden und suchen nach Urlaubsunterkünften während anderswo Menschen fliehen müssen....  
Und gleichzeitig sind wir gerade mitten in der Passionszeit. Gestern habe ich die Stelle gelesen in der Jesus seine Jünger schon mal gedanklich auf sein Weggehen und die schwierigen Tage, die vor ihnen liegen, einstimmt. Und er erzählt ihnen, dass er vorausgehen wird um ihnen eine Wohnung vorzubereiten. Während ich anschließend noch kurz über die Felder neben unserem Haus gelaufen bin (wo der Frühling schon ganz spürbar ist!) dachte ich darüber nach, dass es noch eine Gleichzeitigkeit gibt:  Während wir Menschen hier leben und lachen und weinen und leiden bereitet Jesus eine Wohnung vor (und alle Urlaubsunterkünfte dieser Welt werden daneben verblassen!). Und während wir uns vielleicht manchmal ängstlich fragen wie wir dorthin kommen und ob es da wohl Platz für uns hat, lächelt er uns zu und sagt: Ich bin der Weg. Hab keine Angst. Genau so glaube ich das (an meinen guten Tagen;-)). 
Auch wenn es vielleicht naiv oder platt  klingt. Glaube geht für mich irgendwie immer nur ganz einfach. Anders kann ich ihn nicht verstehen. Ich glaube an ein  >alles gut!< auch wenn heute längst nicht alles gut ist. Weil ich, wie Tomas Sjödin das so wunderbar ausdrückt, das was kommt für entscheidender halte als alles, was heute ist.  Das ist mein Senfkornglaube. Den ich heute in den diesen Boden pflanze, während Jesus gleichzeitig die letzten Handgriffe in unserer neuen Wohnung tätigt, wo wir ihn dann so ganz in echt treffen werden.
Und diese Hoffnung reicht nicht nur für mein kleines Dorf, sondern für die ganze Welt. 
 
 





Donnerstag, 17. März 2022

Von Sauerstoffmasken in der Wüste und dem Leuchten, das die Welt braucht

Das war eine merkwürdige Stimmung, in den letzten Tagen: Der Himmel war gelblich rot und am frühen Nachmittag mussten wir schon die Lampen in der Wohnung anschalten, weil es draußen so düster wurde. Und beim Abendspaziergang staunte ich über den Saharastaub, der die Autos in Wüstenfahrzeuge verwandelt hat . Ich war heute mit unserem Auto in der Waschanlage, weil ich kaum mehr durchs Fenster sehen konnte. Ich fürchte es war zu früh! Die Wüste weht weiter in unsere Richtung... 

 

Passend zur Umgebung bereite ich gerade die Predigt für Sonntag vor: Elia, in der Wüste. Ein müder, ausgebrannter Prophet, der über seine Kraft gegangen ist und am liebsten sterben würde.  Und Gott schickt ihm einen Engel, der Wasser und frisch gebackenes Ciabatti bringt und ihn in Ruhe schlafen lässt, bevor er ihn noch einmal weckt, zum zweiten Frühstück, mit den Worten: 

»Steh auf, Elia, und iss! Sonst schaffst du den langen Weg nicht, der vor dir liegt.« (1.Könige19,7)

Vor kurzem hat meine Weggefährtin Anne einen wunderbaren Blopost über diese Geschichte geschrieben.   Sie beschreibt darin, dass sie etwas sehr geistliches getan hat: Sie hat sich auf den Sofa gelegt, nach dem ihre zwei Jungs im Kindergarten und Schule waren, und dann hat sie ein Schläfchen gemacht. Danach hat sie in Ruhe einen Kaffee getrunken und ein Marmeladebrot gegessen. Sie schreibt dazu:  Manchmal da schenkt uns Gott einfach einen langen Mittagsschlaf und die Welt sieht ein bisschen weniger grau aus.
Da kann ich ihr nur von Herzen zustimmen! In Zeiten in denen wir sehr herausgefordert sind, emotional, geistlich oder körperlich, ist es wichtig, dass wir die einfachen Dinge nicht vergessen: Ausreichend essen und trinken. Rechtzeitig ins Bett gehen. Nach draußen gehen und die Natur genießen (auch wenn Wüstenstaub drüber liegt). Mit Freunden reden und beten. In die Badwanne liegen oder einen Mittagsschlaf einlegen. Über die Kinder mehr lachen als sich über sie aufregen.  Und seinem Spiegelbild ein barmherziges Lächeln schenken. 
Ich bin versucht zu denken, dass das alles doch nicht so wirklich geistlich ist! Gerade jetzt sollten wir doch eigentlich Nächte durchbeten, Flüchtlinge aufnehmen, gegen den Krieg demonstrieren, Hilfstransporte organisieren und uns nebenher noch liebevoll um die Kinder kümmern und das Auto in die Waschanlage fahren. Aber allein schon der Gedanke an das alles erschöpft mich genug, dass ich ein Schläfchen halten will! 
Immer wenn ich mich so ganz überfordert fühle und in Gefahr bin loszulegen und meine Grenzen zu ignorieren, dann muß ich an die Sicherheitsanweisungen im Fluzeug denken. Nicht an  diese lächerlich kleine Trillerpfeife, die uns angeblich helfen soll, wenn wir mitten im offenen Ozean  treiben (ich fürchte die zieht höchstens die Aufmerksamkeit von Haifischen auf sich!), sondern ich denke an die Sauerstoffmasken die bei Druckabfall aus der Kabinendecke fallen. Jedesmal ist das wie ein Reden Gottes zu mir, wenn wir freundlich darauf hingewiesen werden in so einem Fall ZUERST die Maske über unser Gesicht zu ziehen, bevor wir dem Kind oder einem anderen hilfsbedürftigen Menschen helfen. Was durchaus Sinn macht, wenn man kurz darüber nachdenkt. Tue ich das nämlich nicht, kann es passieren, dass mir beim Helfen ganz schnell die Luft ausgeht und ich selbst zu einem Notfall werde
Gott weiß das. Er ist unsere Schöpfer. Er kennt unsere Grenzen. Die Grenzen unserer Fähigkeiten. Unseres Körpers. Unseres Geistes. Unserer Tragfähigkeit. Und ganz oft geht es im Leben nicht um eine Hau-Ruck-Aktion, sondern um Herausforderungen die sich über eine längere Strecke ziehen. Klug ist der, der nicht unvorbereitet losrennt und nach der erste Etappe in der Wüste zusammenbricht, nachdem er gemerkt hat, dass er seine Wasserflasche Zuhause vergessen hat. Wie gut, dass unser liebevoller Gott dann ein paar Engel beauftragt, die Trinkflasche und Pausenbrote nachzubringen. 
In schwierigen Zeiten merke ich immer wieder, dass meine "Ideal-Christina" vor mir auftaucht. Dieses tolle Bild, wie ich gerne wäre. Was ich alles machen würde und worüber ich dann hier, für euch, berichten könnte. So ganz nebenbei. Und völlig demütig natürlich:-).  Anselm Grün schreibt so klug darüber:
Demut meint den Mut zur Wahrheit, den Mut hinabzusteigen in die Realität unseres Leibes und unserer Seele, in die Realität unserer psychischen Konstitution.
Immer wieder muß ich das: Hinabsteigen. In meine Realität. Schauen was möglich ist. Und meiner, vom Schöpfer geschenkten, Wirklichkeit gerecht zu werden, das zu leben, was Gott allein mir zutraut und zumutet. (Anselm Grün in: Gut mit sich selbst umgehen).
Und manchmal ruft er mich auch über meine Grenzen hinaus. Manchmal wächst auch die Kraft mit dem Ziel und ich merke erstaunt, dass ich, von Gott gestärkt, viel weiter gehen kann als ich dachte! Und da gefällt mir dieses Gedicht von Erich Fried so sehr. Weil es mir Mut macht, immer mal wieder etwas Neues zu wagen. Hinkend an der Hand von Jesus, der den schweren Versorgungsrucksack trägt! Und nicht vor lauter Sorge vor dem erneuten Ausbrennen, das Leuchten lieber ganz einzustellen:
Auch ungelebtes Leben 
Geht zu Ende.
Zwar vielleicht langsamer
Wie eine Batterie
In einer Taschenlampe
Die keiner benutzt
Aber das hilft nicht viel:
Wenn man
(sagen wir einmal)
diese Taschenlampe
Nach soundsovielen Jahren
Anknipsen will
Kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
Und wenn du sie aufmachst
Findest du nur deine Knochen
Und falls du Pech hast
Auch diese schon ganz zerfressen.

Da hättest du 
Genauso gut
Leuchten können.

(Erich Fried)





Dienstag, 8. März 2022

Mein wahrer Satz

Vor kurzem hat meine Freundin Veronika einen Blogartikel geschrieben unter der Überschrift: Ein wahrer Satz. Sie schreibt darüber, wie schwer es manchmal ist, Sätze zu schreiben die nicht zurechtformuliert und gezähmt wurden, sondern die einfach  wahr sind. Das hat mich (und viele andere Leser) sehr angesprochen. Wenn man öffentlich schreibt, dann ist es schon so, dass man manches filtert und aussortiert und das ist - zumindest in meinem Fall - oft auch ganz gut so! Aber letztlich kann es passieren, dass beim ganzen Aussortieren etwas Wahres und Wirkliches verlorengeht. Und ich glaube es tut unserer Seele gut, wenn wir Orte haben an denen wir ungefiltert und unsortiert reden und schreiben können. Ersteres nenne ich beten und für letzteres habe ich mein Tagebuch. Und seit kurzem habe ich noch dieses kleines Buch in das ich jeden Tag einen Satz schreibe. 

 

 Ich will euch meinen Satz von heute schreiben (auch wenn es mir ein bisschen schwerfällt):

So wenig emotionale Kraft. Hab Samuel vor Wut (bei Hausaufgabenverweigung) geschüttelt und auf den Po geschlagen. Scheitere beim Mamasein, wie bei allem anderen auch. Dankbar für Gnade und lange Spaziergänge zum Runterkommen und für ein Kind das vergeben kann.

So sieht es gerade aus. In mir. Und bei uns Zuhause. Die Welt schmerzt, mein Kopf tut weh und mein derzeitiges Grundgefühl ist: Überforderung! Ganz ähnlich wie in dieser Situation am vergangenen Wochenende: 
Wir haben einen kleinen Schäferwagen für unser "Baum-Stückle" bekommen. Und als wir ihn voller Stolz auf die Wiese gefahren haben, ist er eingesunken (und fast zur Seite weggekippt). Alle Anstrengungen den Wagen an die richtige Stelle zu ziehen, blieben erfolglos. Er sank nur immer tiefer ein. Dummerweise an der Grenze zum Nachbargrundstück! Wir waren völlig fertig und wussten keinen Rat mehr. Wir hielten nach kompetenten Helfern Ausschau und der entscheidende Tipp kam von einem Waldarbeiter. In der Nähe gab es wohl einen Schafhirten, der einen Traktor mit Gabelschaufel hat (oder so ähnlich, mir fehlt das Fachwissen in dem Bereich). Heio lief los und kam mit der guten Nachricht zurück, dass der Hirte sich gleich auf den Weg machen würde.  Und tatsächlich. Er kam. Mit schwerem Gerät. Und stellte unseren Wagen an die (fast) richtige Stelle. Was waren wir erledigt, erleichtert und dankbar! Nachdem wir noch die Girlande am Wagen angebracht hatten fuhren wir erschöpft aber glücklich wieder nach Hause. Vorbei an "unserem" Hirten, der gerade dabei war seine Schafe nach Hause zu bringen und uns fröhlich zuwinkte bevor er einem kleinen Schaf hinterher spurtete, das ausgebüxt war.


 

Und auch wenn sich das nach schön formulierten Sätzen anhört - sie kommen direkt aus meinem Herz: Was bin ich dankbar, dass ich in diesen Tagen den Karren nicht aus dem Dreck ziehen muss!  Was bin ich dankbar für andere Helfer, die scheinbar viel besser wissen wo man anpacken muss! Und wie dankbar bin ich, dass wir einen Hirten um Hilfe bitten können, der das nötige schwere Gerät mitbringt! Der wirklich helfen kann. Bei den Krisen der Welt und denen in unseren Wohnzimmern. Oft sind es nicht die großen Hau-Ruck-Aktionen, bei denen das Problem ein für alle Mal beseitigt wird. Leider. So ein Schaufelbagger, der ungebremst Richtung Kreml fährt, hätte schon was! (andererseits bin ich froh, dass er nicht ungebremst in unser Wohnzimmer fährt;-)) Aber er sammelt seine Menschenkindern. Er kümmert sich um Verletzte und fängt Verlorene ein. Diejenigen die vor Angst flüchten und alle die sich auf offener Wiese verlaufen. Die nicht mehr wissen wo ihnen der Kopf steht. Die mit ihren Kindern die Geduld verlieren. Er gießt Gnade über die Wunden. Und Hoffnung ins Herz.  Lass dich tragen, flüstert er. Lass dich tragen. Ich bin da. Ich behalte den Überblick. Fürchte dich nicht. Und dann sagt er noch: Ich hab dich lieb. So wie du bist. Ganz ungefiltert und unsortiert." Und ich hoffe und will es auch glauben: Das ist ein zutiefst wahrer Satz. 

 

 

Freitag, 25. Februar 2022

Fackel ins Dunkel

Was soll man auch schreiben? Kann man überhaupt Worte finden? Sollte man nicht lieber schweigen? Das geht mir heute morgen durch den Kopf, angesichts von dem was gerade in Europa passiert. Ein Krieg, nur zwei Flugstunden weg (wie unser Kanzler das gestern Abend eindringlich erwähnt hat). Menschen auf der Flucht Richtung Westen, andere die bleiben und versuchen ihre Heimat zu verteidigen, gegen einen übermächtigen Feind.

Was kann ich tun? Was soll ich auch schreiben? Soll ich nicht lieber schweigen?
Aber vielleicht ist es gerade das was es jetzt braucht: Worte. Die lauten und die leisen. Die bestimmten und die freundlichen. Die zaghaften und die gewissen.  Auch wenn sie sich unbedeutend und schwach anfühlen und es scheinbar andere Waffen braucht
Ich glaube an die Kraft von Worten! An ihre heilende, versöhnende Kraft! Ich glaube dass die richtigen Worte zur richtigen Zeit gesprochen, die härtesten Herzen öffnen können.  Dass sie, wie Kafka das schrieb, die Axt für das gefrorene Meer in uns sein können. Doch. Gerade jetzt. Ich glaube daran, dass wir nicht verstummen sollten!
 
Und: Ich glaube an die Kraft des Gebets! Ich glaube daran, dass es erstmal sinnvoller ist einen Starken zur Hilfe zu rufen, als sich selbst in die Schlacht zu stürzen. Ich glaube, an einen Gott der eingreift, der DA ist und tröstet und hilft und rettet, wann immer wir nach ihm rufen. Und ich  glaube, dass das Gebet Armeen auf den Plan rufen kann, von denen wir keine Ahnung haben.

Und ich glaube an die Kraft der kleinen Taten von Liebe und Barmherzigkeit! Ich glaube dass man immer ein ganz kleines bisschen etwas tun kann. Auch wenn es sich unbedeutend anfühlt. Ermutigen. Trösten. Umarmen. Unterstützen. Mit offenen Händen und wilder Zuversicht gegen die Angst angehen, die uns lähmen möchte.
 
Und ich glaube daran, was am heutigen Tag so passend in der Losung steht und ich will es wie eine leuchtende Fackel ins Dunkel halten:
 
Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit;
denn sie sollen satt werden!
(Jesus in Matthäus 5,6)
 
 

Mittwoch, 16. Februar 2022

Nachts um drei

Heute ist so vieles in meinem Kopf, worüber ich gerne schreiben würde. Zum Beispiel über dieses Gespräch mit einer Freundin, die gerade dabei ist eine weitreichende Entscheidung zu treffen. Tagsüber hat sie den Mut dafür, aber nachts um 3 Uhr wird es schwierig.  In dieser sogenannten Wolfsstunde, in der düstere Gedanken kreisen und der Neugier aufs Leben ein dunklen Umhang aus Furcht umlegen. "Um drei Uhr morgens sind die meisten Probleme unlösbar!", sagt der Psychologe Greg Murray und empfiehlt deshalb, um diese Zeit besser kurz aufzustehen und das Licht anzuschalten, um aus dem Gedankenkarusell abzuspringen. Wie gut, dass wir große Lebensentscheidungen nicht nachts um drei treffen müssen! Wir würden wohl nie so etwas wagen, wie es die Freundin tut, sondern stattdesen ein ungelebtes Leben hinter verschlossener Tür verbringen.
Und dann würde ich gerne etwas über den wunderbaren Freund schreiben, mit dem wir gestern beim Frühstück saßen. Er erzählte von seinen Kämpfen und Krisen - von  Dingen die man nachts um drei fürchtet. Wie er sich an seine Weggefährten aus der Selbshilfegruppe hält und mit ihnen einen Weg durch das Dunkel sucht. Ich finde ja das Konzept der Anonymen Alkoholiker würde sich hervorragend für unsere Gemeinden eignen! Würde es uns nicht gut tun, unsere Veranstaltungen mit dem Bekenntnis zu beginnen, dass wir unser Leben nicht alleine meistern können und dass wir eine Macht brauchen, die größer ist, als wir selbst, um geistige Gesundheit zu erlangen?* Wäre es nicht erleichternd festzustellen, dass wir alle miteinander Genesende sind, auf dem Weg heil zu werden? Und wie schön wäre es wenn wir uns gegenseitig unser Dunkel anvertrauen und anderen eine Zuversicht schenken könnten, die uns oft für das eigene Leben fehlt, und am Ende aller Geschichten noch ganz viel Gnade übrig wäre.
Und da ist noch dieses kleine Erlebnis mit Samuel, von dem ich euch gerne erzählen würde. Wie sein ersehnter Wunsch in Erfüllung ging und ich mit ihm in einer Kneipe saß, mit Pommes und Fanta auf dem wackligen Stehtisch. Und wie ich ihn so nebenbei gefragt habe mit welchem seiner Freunde - oder mit welchem berühmten Bayern-Spieler :-) - er jetzt am liebsten hier sitzen würde. Die Antwort kam prompt und sehr nachdrücklich: "Mit dir, Mama!" Strahlte und vertiefte sich wieder in die Pommesschüssel. Seitdem strahlt dieser kleine Satz in mir. Mit dir! Mit dir bin ich am liebsten hier. Immer wieder kommt er mir in den Sinn. Er ist ein Gebet geworden. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich es zu Gott sage oder ob Er diesen Satz vielleicht sogar zu mir sagt. Ich weiß nur, dass es sich anfühlt, als würde man nachts um drei das Licht anknipsen. 
Über alles das würde ich heute gerne schreiben. Und dann am Ende einfach sagen - so von einem Genesenden zum andern: Gott ist mit dir am liebsten hier! 
 

 
 
 



 
 
*aus den 12 Schritten der Anonymen Alkoholiker

Donnerstag, 10. Februar 2022

What's your season?

Gestern war ich bei meiner Schwester zum Kaffeetrinken. Sie ist nur knapp zwei Jahre älter als ich und doch schon in einer ganz anderen Lebensphase. Vor kurzem sind ihre beiden Kinder ausgezogen. Mein Schwager hat kurzerhand eine Wand eingerissen und zwei ehemalige Jugendzimmer in einen großen gemütlichen Aufenthaltsraum verwandelt - viel Platz, um ihre neue Zweisamkeit zu genießen! Aber nicht nur an der Raumaufteilung ist erkennbar, dass ein anderes Kapitel in ihrem Leben aufgeschlagen wurde. Meine Schwester hat eine Leitungsaufgabe in einer neugegründeten Gemeinde übernommen und  gerade ihre erste kleine Predigt seit ganz langer Zeit gehalten. "Mir kommt es vor als hätte ich nach vielen Jahren  meine Stimme wiedergefunden!", sagt sie, selbst noch ganz erstaunt. Ich staune auch. Und freue mich mit ihr.  Es ist als hätte Gott ein paar längst vergessene Dinge und verloren geglaubte Projekte für sie aus der Ecke gezogen, den Staub abgeklopft und fröhlich gesagt:  "Wie sieht's aus, sollen wir hier vielleicht mal weitermachen?"

Noch ein paar Tage zurück: Ich sitze mit einer Freundin aus Berlin im Cafe. Sie ist gerade mittendrin in der Kleinkindphase.  Erzählt von ihrer quirligen Dreijährigen und einem nachtaktiven Einjährigen. Ich sehe wie tapfer sie sich durchkämpft ("spätestens nach zwei schlaflosen Nächten fange ich an genervt zu werden!") und das Mama-Strahlen in ihren Augen. Denke zurück wie das bei uns war und bin ganz dankbar für das, was jetzt ist (nie hätte ich gedacht, dass unser Kind mal länger als bis 6 Uhr morgens schläft - aber das Wunder geschah und geschieht weiter!). Wir reden auch ein wenig von unseren Träumen. Von dem was gerade liegenbleibt, was alles nicht möglich ist, weil einfach wenig Raum und Kraft dafür ist. Und nach einem kurzen, innigen Gebet füreinander sprintet die Freundin zurück zu ihrem kleinen Jungen, der gestillt werden will. Atemlos und wundervoll ist sie, diese Lebensphase.

Know your season!, dieser Satz fiel mir in letzter Zeit immer mal wieder ins Herz. Ich glaube es ist so wichtig für ein gutes Leben die Lebensphasen zu erkennen, in denen wir uns befinden. Manche Zeiten sind nicht so klar und offensichtlich wie bei meiner Schwester oder der Freundin. Ich stecke irgendwo zwischendrin. Vieles ist nicht mehr und anderes ist noch nicht.  Gerade habe ich ein längeres Schreibprojekt abgeschlossen und da steigt die leichte Panik auf: Was soll ich denn jetzt TUN? Da ist etwas, was mich innerlich antreibt und mich mehrmals am Tag meine mails checken lässt - nur für den Fall, dass ich die Welt retten müsste... Nach einer vollen Zeit zur Ruhe zu kommen fällt mir wirklich schwer. Heute habe ich diese Worte neu entdeckt, in einer Erklärung zu der Jesusgeschichte, als er seinen Jüngern, nach einem aufregenden Einsatz für den Herrn, ins Boot verfrachtete und sie an einen einsamen Ort brachte:

Das Herz der Jünger Jesu war voll von dem, was sie für ihren Herrn getan und gesagt hatten. Nun sollte es wieder voll werden von dem was er ihnen sein wollte.   
(aus: Hanspeter Wolfsberger & Evelyn Hause: Stille suchen - im Schweigen hören)
Das will ich - that's my season! Zurückkommen zu dieser tiefsten Berufung: Bei Jesus sein. Nur ihn haben. Auf ihn hören. Meine Identität nicht in dem suchen, was ich tue, sondern darin wer ich bin und was Jesus mir sein will. (deshalb laufe ich gerade ziemlich oft mit diesem tollen Lied auf den Ohren über die Felder). 
Und nebenher will ich immer mal wieder leise und neugierig fragen: Was hast du als nächstes mit mir vor? Soll ich weiter meine Stimme erheben? Willst du ein altes Projekt aus der Ecke ziehen bei dem du mit mir weitermachen willst wo wir aufgehört haben? Oder wollen wir vielleicht zusammen die eine oder andere Wand einreißen und Platz für etwas neues schaffen, was mir eventuell den Schlaf rauben und meine Augen zum Strahlen bringen wird? 
Ich habe keine Ahnung was als nächste dran ist. Oder vielleicht doch: Mittagessen kochen. Hausaufgaben betreuen. Arzttermine ausmachen, die ich lange vor mir hergeschoben habe. Spaziergang und Einkauf verbinden. Schönheit betrachten. Ein Geburtstagspäckchen zur Post bringen. Zweisamkeit mit Jesus genießen.  My season.  Frühjahr 2022.  Alles andere wird sich finden.


Mittwoch, 2. Februar 2022

Hard to say I'm sorry

Gestern kam ein bedrücktes Kind nach Hause. Nach einem recht schweigsamen Mittagessen und sehr zähen Versuchen Englisch zu lernen, bricht es aus ihm heraus: "Ich habe keinen Freund mehr!" Nach einigem vorsichtigen Nachfragen kommt die Geschichte ans Licht. Er hat seinen besten Freund verletzt und ihm wehgetan. Stumm sind sie danach nebeneinander im Bus gesessen und ohne ein Abschiedswort auseinandergegangen. Nun leidet der Übeltäter. Zusammen überlegen wir, was er tun könnte, um sich wieder zu versöhnen. Aber egal was ich vorschlage - er traut sich nicht. Unglücklich verzieht er sich an seinen Schreibtisch. Nach  einiger Zeit taucht er wieder auf, ein Papierherz in der Hand. Darin eine Süßigkeit und ein hangeschriebenes: Es tut mir leid! Das wollte ich nicht. In Begleitung seines Vaters, macht er sich mit  schweren Schritten auf den Weg zum Haus des Freundes. Minutenlang stehen sie vor der Haustür bevor er klingelt. Der Freund, der nun vielleicht für immer keiner mehr ist, macht auf. Bekommt das Herz überreicht. Mit einem zaghaften: "Es tut mir leid!" Die Antwort kommt prompt: "Ist schon ok. War doch nicht so schlimm." Die Mutter ruft "Komm doch noch rein!" und die Welt ist wieder in Ordnung.

Abends spielen wir mit dem erleichterten Kind noch eine Runde Karten. Heio ist wie immer nicht nur Mitspieler sondern auch Schiedsrichter und als solcher legt er die Regeln mehr als korrekt aus. Eine Eigenschaft, die mich auf die Palme bringen kann! (oder wie die Psychologen so schön sagen: Es triggert mich!) An diesem Abend eskaliert das Ganze. Ich sage Dinge, die ich besser nicht gesagt hätte, schmeiße die Karten wütend auf den Tisch und verlasse das Zimmer, ein bekümmertes Kind und einen verblüfften Spielleiter zurücklassend (hat er sich aus seiner Sicht doch nur völlig korrekt verhalten!). Es dauert länger bis wir wieder zusammen finden. Auch heute morgen spüre ich, dass unsere kleine Welt noch nicht ganz in Ordnung ist. Und wie schwer mir das "Entschuldige bitte!" fällt. Weil da ein Teil in mir sich gar nicht entschuldigen will! Weil ich immer noch davon überzeugt ist, dass ICH doch Recht habe! Und es irgendwie auch um mehr geht als um dieses blöde Spiel. Und überhaupt: Ich entschuldige mich doch immer! Und Heio enschuldigt sich nie! (Merke: Immer und Nie sind zwei unversöhnliche Freunde, die nie die Wahrheit sagen!) Ich ringe mit mir. Bringe ein halbherziges Enschuldigung hin, das ich bei meinem Kind nur augenrollend akzeptieren würde, und verkrieche mich vor den Computer. Schreiben ist manchmal eine hervorragende Tätigkeit, um sich vor wichtigen Dingen zu drücken (auch gut: bei Google-Earth alle Häuser, in denen man jemals gewohnt hat über Streetview betrachten). Aber ich drücke mich nur so halb. Ich schreibe ja schließlich darüber! Und ich frage mich ob es als Kind leichter war, sich zu entschuldigen? Nicht einfacher. Einfach ist es nie. Aber es gehörte einfach dazu!  Man streitet und dann versöhnt man sich wieder. Immer mal wieder beobachte ich staunend wie ein kindlich zerknirschtes und halb verschlucktes "Tschuldi...!" ein strahlendes "Angenommen!" auslöst und Zwei, die sich eben noch geschworen haben NIE WIEDER miteinander zu spielen, Arm in Arm abziehen, als wäre niemals was gewesen. 

Nun bin ich weit davon entfernt, kindliches Verhalten zu idealisieren - weiß ich doch von mir selbst, wie grausam und gemein Kinder auch sein können. Aber das mit dem versöhnen und vergessen - das können sie wirklich gut. Mensch, was wäre das, wenn wir Erwachsene das wieder lernen könnten?! Wenn ein Staatsoberhaupt sagen wurde: "Tschuldigung, war blöd, was wir da gemacht haben!" Und der andere ihm mit einem erleichterten "Angenommen!" ins Wort fällt. Und dann fängt man wieder zusammen von vorne an. Ja, ich weiß, so einfach ist es nicht.  Das sagt mir mein Schiedsrichter von gestern abend. Über den eigene Schatten springen ist echt schwer! Und seine eigenen Wunden anschauen (lassen) ist auch nicht einfach. Und die Welt ist komplex und die Schuldgeschichten oft sehr verstrickt. Das ist alles wahr. Und doch. Ich glaube es ist das, was es so dringend braucht: Dass da einer Mal sagt: "Entschuldigung, vielleicht habe ich dich einfach falsch verstanden! Erklärst du mir's nochmal?"  Dass da einer die Waffen sinken lässt und den ersten Schritt macht, auch wenn er das Gefühl hat, der andere hat auch ganz schön viel kaputt gemacht. Dass jemand mal einen Kniefall macht wo andere in Verteidigungsstellung gehen. Dass  sich einer mit einem roten Papierherz zaghaft auf den Weg macht. Und dass da jemand die Tür aufmacht anstatt sich zu verbarrikadieren und "Angenommen!" sagt. Dass da einer den Groll und die stillen Vorhaltungen in dieTonne klopft und Seelenschmerz zu Kompost verwandeln lässt. Dass jemand noch eine zweite und dritte Chance verteilt mit einer Großzügigkeit, als hätte er noch eine ganze Kiste davon im Keller. Und dass einer die Regeln und wer jetzt eigentlich dran wäre  mal unter den Tisch fallen lässt - ach, all das braucht unsere Welt so sehr! 

Und jetzt drücke ich mich nicht länger. Manchmal bringt mich das Schreiben nämlich auch dazu, etwas anzugehen. Ich werde einen Kaffee kochen und mich entschuldigen. Und eine Sache kann Heio Gott sei Dank richtig gut: "Angenommen!" sagen. Und dann fangen wir mal wieder von vorne an.