Mittwoch, 7. Juni 2017

Vom Sorgen und Steine hüpfen lassen

Morgen fahren wir für ein paar Tage auf Gemeindefreizeit. Ich freue mich schon sehr darauf. Allerdings haben wir nun seit kurzem ein kleines Problem, wenn wir wegfahren wollen, bzw. zwei kleine Probleme, die draußen im Stall sitzen und versorgt werden wollen. Und diese Sache hat mir doch schon ziemlich Sorgen bereitet. Wer wird sich um unsere Hasen kümmern???
Innerhalb kürzester Zeit ist das Anliegen auf die Top-Ten meiner Gebetsliste geklettert. (zeitweise war es sogar auf Platz Nr.1 - vor den Christen im Gefängnis und dem Freund in der Klinik!). Klar, wir haben wunderbare Nachbarn die wir fragen könnten, aber blöderweise ist die Hälfte davon auch im Urlaub. Und mir fällt es erstens schwer jemand um Hilfe zu bitten und zweitens die Sache dann loszulassen und zu vertrauen, dass es gut geht und die Hasen nicht bei unserer Rückkehr verhungert im Stall liegen. 
Ich bete. Und ich mache mir Sorgen. Ich nerve Heio mit dem Gedanken, dass wir nun NIE WIEDER wegfahren können. Worauf der Mann gelassen meint: "Jetzt stress dich nicht! Wir beten und wir finden eine Lösung." Ich bete und sorge mich weiter. Aber der Mann hatte natürlich mal wieder recht. Wir finden ein junges Mädchen das, laut ihrem Papa, gerne vorbeikommt um mal nach den Hasen zu schauen. Gut. Auf Teenager-Mädchen ist ja verlass. Oder??? Ich schreibe einen sorgfältigen Übergabezettel. Muß mich zusammenreißen, dass es kein seitenlanger Bericht wird. Unten dran die Handynummer für Notfälle,  "Die werden schon nicht verhungern!", versichert der entspannte Papa des Mädchens und wirft kaum einen Blick auf meine Liste. Ich lache gezwungen. Haha. Als würde ich so etwas denken. Wir verabschieden uns. Ich hoffe ich kann die Tage genießen und muß nicht ständig an die Hasen denken.

meine Liste

Es ist echt peinlich das aufzuschreiben - aber manchmal kann ich mich in so kleine Dinge total reinsteigern! Und da hilft dann oft nicht mal das Beten. Im Gegenteil: Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich die Anliegen, die ich eigentlich vor Gott bringen will, wie Steine auf meiner Seele ansammeln. Und deshalb kommte es auch schon mal vor, dass ich das abendliche Fürbittegebet ausfallen lasse, weil ich schon genug "Steine" mit mir rumtrage und mir nicht noch ein paar mehr aufladen will.  

Und da lese ich diesen tollen Artikel von Heinrich Christian Rust in der Aufatmen. Er schreibt über das loslassende Gebet. Dass sein Gebetsleben lange Zeit so angefüllt war, wie sein restliches Leben. Ein schwerer Koffer, vollgepackt mit Bitten und Sorgen die man vor Gott schleppt, einzeln auspackt und im blödsten Fall nach dem Amen wieder säuberlich im Koffer verstaut, dann sogar noch mit ein paar Zusatzaufgaben. Aber, so schreibt Rust, er lernt langsam beim Beten weniger zu fragen: Was soll ich tun, Herr? Sondern vielmehr: "Was soll ich lassen?" Was kann ich vor dir loslassen. Stück für Stück. Sorgen, Menschen und Aufgaben in Gottes Hände legen. Und dann mit den freigewordenen Händen von Gott empfangen.  Und mit leichtem Herzen im Alltag weitergehen.

Also stelle ich mir seit kurzem beim Beten vor, dass meine Bitten und Sorgen wie die kleinen, ovalen Steine sind, die man am Strand sammelt, um sie übers Wasser hüpfen zu lassen.  Ich spreche die Anliegen und die Namen der Menschen (oder Tiere) langsam vor Gott aus und dann hole ich weit aus und werfe sie in Gottes Richtung. Ins Meer der Gnade. In die tiefen Ströme seiner Liebe und Fürsorge. Das bewirkt, dass ich mich beim Beten "leicht" mache. Und wenn alle Steine aus der Hand sind, dann kann ich mich selbst noch ein bisschen in die Fluten werfen und mich von Gottes Liebe tragen lassen. Und dann mache mich mit leichtem Gepäck wieder auf den Weg.

Ich bin nicht so gut darin Steine hüpfen zu lassen. Heio kann es viel besser. Und er hat mir beigebracht: man fängt am besten mit den kleinen, ganz flachen Steinen an. Die kleinen Dinge sind zum Üben da. Ich denke das ist ein Grundsatz, der für so ziemlich alles im Leben gilt. (C.S. Lewis schrieb einmal zum Thema Vergebung, dass es hilfreich ist, wenn man nicht gleich bei der Gestapo anfängt:-) ). Also übe ich das loslassende Gebet mit den kleinen Dingen. Kaputte Waschmaschine. Blutender Zeh. Fiebriges Kind. Terminprobleme. Eine anstehende Lesung. Häschenversorgung. Eins nach dem anderen werfe ich Richtung Gott. (und versuche nach dem Amen nicht nach den Steinen zu tauchen) Und wenn ich erst mal den den Dreh raushabe, kann ich auch die größeren Brocken hinterher werfen. Hinein in das Meer der Liebe, das uns alle trägt.


Alle eure Sorgen werft auf IHN,
denn ER sorgt für euch!
1.Petrus 5,7


Mittwoch, 31. Mai 2017

Mutig am Beckenrand.

Es ist jedes Jahr dasselbe: Wenn die große Sommerhitze kommt fühle ich mich wie ein Eskimo der in seinem Schneeanzug in der Wüste Gobi abgeworfen wird. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich meinen Schneeanzug nicht abwerfen kann. Mein Körper; der an mir dran ist und der ich auch bin. Nicht nur. Aber auch. Leib. Seele. Geist. Und ich bin auch dankbar für diesen Leib, in dem dieses unglaublich komplizierte Zusammenspiel des gesamten Organismus so funktioniert, dass ich im Alltag kaum darüber nachdenken muss. Das ist ein großes Geschenk! (und jeder kranke Mensch wird mir an dieser Stelle wild kopfnickend zustimmen) 
Aber wenn die große Hitze kommt, dann denke ich weniger dankbar an die inneren Abläufe sondern sehe das was vor Augen ist. Und das würde ich manchmal gerne in eine etwas andere und abgespecktere Version umtauschen. Da hilft es auch nicht, dass ich jeden Morgen an großen Werbetafeln eines Fitnessstudios entlang fahre und mich anschließend an "Deutschands schönsten Bikinimädchen" vorbeidrängen muss um auf die Startseite von meinem E-mail Account zu kommen.  Und schon fange ich an mich verzweifelt durch meinen Kleiderschrank zu wühlen und Heio mit wilden Zurufen: "Ich hab nichts anzuziehen!" zu nerven und mich der Illusion hinzugeben, dass ich jetzt ganz schnell irgendein schickes Sommerteil in irgendeinem Laden finden muss das mich glücklich und zufrieden macht. In der Wüste Gobi.
Aber ehrlich gesagt: die Wüste Gobi ist einfach nicht mein Ort. Und ich habe zwei kleine Weggefährten gefunden denen es genauso geht. Ausgestreckt und hechelnd liegen sie im Schatten und warten bis es Abend wird (wir haben sie sogar schon in der Mittagshitze in die Wohnung getragen, weil es da ein bisschen kühler ist)

Flokson hat  die "Toilette" zum kühlen Schlafplatz umfunktioniert

Am liebsten würde ich ganz in den Norden Skandinavienes ziehen. Und bei jedem Wetterbericht schaue ich neidisch nach Hamburg.  Aber ich lebe nunmal im Süden. Und in diesem Körper. Und bevor ich wieder anfange mich ständig fertig zu machen, mich zu vergleichen und mich vor dem Freibad zu drücken (in das der kleine Sohn am liebsten jeden Mittag gehen würde!) will ich mich innerlich für die heiße Jahreszeit wappnen. Manchmal hilft es mir, wenn ich mir die Frau vor Augen halte, die ich gerne sein will (mit Gottes Hilfe!!!!):

Ich möchte gnädig mit mir sein. So wie wir für unsere Häschen sorgen, indem wir sie in die kühle Wohnung holen, oder weite Wege auf uns nehmen um ihnen saftigen Löwenzahn zu besorgen, will ich lernen für mich zu sorgen: Alles ein bisschen langsamer angehen. Siesta, Schattenplätze, Sonnenbrille. Viel Wasser trinken. Und immer mal wieder das erhitzte Gesicht im Spiegel anlächeln und der Frau mit den weichen, flapprigen Oberarmen sagen, dass sie geliebt ist.

Ich will mich zeigen wie ich bin.  Ich will lernen loyal zu meinen Körper zu sein und aufhören abwertende Kommentare über ihn zu machen. Anstatt darauf bedacht zu sein meine Problemzonen zu überdecken, möchte ich ein bisschen mutiger zu der Form stehen in der ich lebe. Und wenn mein zierlicher Sohn mir sagt, dass er seinen Bauch zu dick findet (Mann, woher haben das unsere Kinder, dass sie schon so früh negativ über ihren Körper reden???), dann will ich fröhlich mein T-Sirt nach oben ziehen und ihm zeigen, wie ein Bauch aussehen muss, damit er dieses Wort überhaupt verdient! Und ja: nach 48 Jahren ist in dieser "Wohnung" maches ein bisschen abgenutzt und hat Schrammen, die Fassade bröckelt ein wenig und alles ist ein bisschen voller als beim Einzug - aber so ist das nunmal. Lebensspuren! Ich mag es nicht wenn man in eine Wohnung kommt und sich Leute dafür entschuldigen wie es aussieht und darüber jammern was eigentlich besser sein sollte.(ich mache das auch manchmal und kann es auch bei mir nicht leiden!)  Wie schön wenn jemand die Tür weit aufmacht und auf wacklige Küchenstühle einlädt  und sagt: "Willkommmen! Hier leben wir." Und wenn man sich an schönen Nachbarhaus einfach freuen kann, anstatt neidisch über den Zaun zu schielen. Also, ich will mich nicht vergleichen mit all den jungen Muttis am Beckenrand oder mich innerlich fertig machen wenn ich mich in meinen Badeanzug quetsche, sondern lachend der Frau zustimmt die mir gesagt hat: "Du willst eine Bikinifigur sehen? Dann zieh dir einen Bikini an, steh vor den Spiegel und VOILA: Das ist deine Bikinifigur!" Amen dazu, Freunde.

Ich will mir keine tausend "mach dich schöner" Teile kaufen. Und falls ich mit etwas kaufe (was ich bestimmt tun werde) dann nicht um etwas zu überdecken oder etwas auszugleichen was mir vermeintlich fehlt. Sondern nur aus dem Grund, den Anne Lamott so wunderbar beschreibt: Weil es manchmal schön ist ein bisschen Licht auf sich scheinen zu lassen, wenn man ein wenig blass um die Nase ist.

Und ich will mich an den guten Dingen des Sommer freuen. Die gibt es auch. Das hätte ich fast vergessen! Ich freue mich auf lange Sommerabende, Gespräche auf dem Balkon und auf viele Mahlzeiten unter freiem Himmel. Ich freue mich auf den Geruch von gemähtem Gras, von Sonnencreme und der frischen Tomaten aus dem Garten.  Ich freue mich auf kleine und große Sommerfeste, auf Wassermelonen im Salat und auf die Abkühlung nach dem Gewitterregen.



Und ja: ich freue mich auf jedes kühlende Nass, in das ich mich werfen kann. Und den Weg bis zum Beckenrand will ich immer mutiger gehen. 

Das ist die Frau die ich diesen Sommer gerne sein will. Manchmal ist es gut sich ein Bild vor Augen zu halten - gegen die Flut von Werbebildern und allem was wir "sein sollten". Manchmal ist es wichtig bewusst wegzuschauen und etwas anderes anzuschauen. Das, was wir durch Gottes Gnade sein können: Menschen die frei sind und sich mutig zeigen können wie sie sind, weil sie einem Gott nachfolgen der sie unbändig liebt. 
Gottes gütiger Blick ruht auf uns. Das heisst: wir werden ständig freundlich angeschaut. Vielleicht bringt uns das dazu, dass wir uns selbst (und andere) immer mehr so zu sehen, wie er uns sieht. Und wenn wir in den Spiegel schauen, dann dürfen wir uns sagen: Sieh an, was für ein wunderbares, geliebtes Kind Gottes!!!   

Wer, wenn nicht wir, könnte mutig am Beckenrand entlang spazieren?!

Ich schreibe das alles hier auf weil ich weiß, dass ich eine Erinnerung brauche. So wie letztes Jahr. Und das Jahr davor. Manchmal denke ich, ich komme kein Stück weiter. Jeden Sommeranfang ringe ich mit diesem Thema. Aber vielleicht ist es ein bisschen so wie bei den Jahresringen am Baum: Man kommt immer an der gleichen Stelle vorbei, aber ein wenig ist man auch gewachsen, gereifter, gefestigter in der Liebe die uns mutig und frei macht.

So. Und jetzt gehe ich mit Heio ein Eis essen. Die Bikinifigur pflegen.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Warum ich dich immer dahin mitschleppe.

"Es ist Zeit," sagt Heio, mit dem Blick zur Uhr."Wir müssen los!"
Oh nein, denke ich, blinzle in die Sonne und kann mich kaum von der Picknickdecke wegbewegen, auf der ich liege. Ich bin noch mitten im Gespräch mit einer Freundin. Und im Kopf hämmert es schon seit dem Aufstehen und eigentlich würde ich gerne für den Rest des Tages nur auf dieser Picknickdecke liegenbleiben. Aber es ist Sonntag. Und Zeit für den Gottesdienst. Also packen wir zusammen, verabschieden uns von den Freunden (die leider nicht mitkommen wollen) und nehmen den kleinen Sohn mit, der auch nicht mitkommen will. Die Aussicht, dass wir heute gemeinsam mit einer kleinen brasilianischen Gemeinde den Gottesdienst feiern, macht es auch nicht besser. Ich fürchte es wird anstrengend, viele neue Leute... kurz überlege ich noch Zuhause zu bleiben. Dann gehe ich doch mit. Schon alleine aus Solidarität mit dem Rest der Familie. 
Und dann sind wir auch schon mittendrin. Weggefährten umarmen. Und Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen habe, die aber auch wegen Jesus hier sind. Dann der Lobpreis: Portugiesisch und deutsch. Kraftvoll und laut. Eine sprudelnde Freude steigt in mir auf. Ich schaue in die bekannten und unbekannten Gesichter und weiß: wir gehören zusammen. Familientreffen. Samu löst sich von meiner Hand und tanzt neben einem kleinen, braslianischen Mädchen mit den schönsten roten Lackschuhen. Wir segnen die Kinder für ihren Gottesdienst. Sie haben sich spontan an den Händen gefasst, was mich irgendwie total berührt.


Und dann erzählt Achim dass seine Abteilung beim Daimler  nach langem hin und her wundersamerweise nun doch nicht wegrationalisiert wird. Gemeinsam jublen wir über einen Gott, der Gebete erhört. Und spätestens nach seiner Predigt bin ich einfach nur dankbar, dass ich nicht auf der Picknickdecke liegengeblieben bin. Das leckere Essen danach und die guten Begegnungen sind dann noch die Zugabe.





Mit vollem Magen und erfüllten Herzen fahren wir mit dem Rad nach Hause. Samuel ist total verschwitzt vom Toben mit den Kindern und zeigt mir stolz was er gebastelt hat. "Hat es dir doch gefallen?", frage ich ihn, beim ins Bett bringen.  Er nickt. "Ja, so mittel!" Mittel ist in Ordnung, finde ich. (das meiste ist bei ihm gerade so mittel :-)) Wir beten zusammen und ich bekomme den schönsten, friedlichen Kinderkuss auf die Wange gedrückt. Einige Zeit höre ich ihn noch vor sich hinsingen: Gott du bist stärker, Gott du bist größer, als alles andere..." Dazu hat er heute getanzt. Lächelnd lasse ich mich aufs Sofa sinken. Und sage: "Danke Gott. Für deine Familie."

Ich weiß nicht an was Samu sich später erinnern wird. Vielleicht an schöne Ausfüge? Urlaub am Meer? Tägliche Fahrradwege an Hühnern und Räuberhöhle vorbei? Eine Mama die oft mit Schmerzen im Bett lag? Bücher lesen und Michel schauen? An die Bibelgeschichten? Gemüse pflanzen mit Papa? Quatsch machen am Frühstückstisch? An seine tollen Erzieherinnen in der Kita? An Gartenparties? Sabbatkerze anzünden? Streitigkeiten (und Spielzeugkoffer die als Konsequenz kurzfristig in den Keller wandern)? An die Freunde aus der Gemeinde? Das Beten abends im Bett? Ans Stau spielen? An die Zuversicht, dass Gott stärker und größer als alles andere ist? Vielleicht von allem ein bisschen. Wir stecken gerade mitten in der Geschichte seiner Kindheit. Und wir fügen täglich neue Kapitel dazu. Zur Zeit stellt er viele Fragen über Gott. Manches kann ich ihm erklären. Einiges verstehe ich selbst nicht. Und manches schreibe ich ihm auf, weil er es vielleicht erst später verstehen wird.  Einen Brief an Samu landete im neuen Buch. Zu seiner Frage, warum wir ihn Sonntags denn immer mit in die Gemeinde schleppen. Einen kleinen Teil davon darf ich hier für euch schon abdrucken. (den Rest gibts dann Mitte August :-)).

Lieber Samu!
Letzten Sonntag hast du dein Missfallen darüber ausgedrückt, dass du mit uns in den Gottesdienst kommen solltest. Genaugenommen hast du es mit aller Deutlichkeit, zu der ein Fünfjähriger fähig ist, gesagt, dass du heute nicht „zu den Sch...Jesusfreaks“ mitwillst. Aus zwei Gründen habe ich dich trotzdem mitgenommen: Erstens bist du noch nicht alt genug, um dich alleine zu Hause lassen zu können, und zweitens weiß ich ziemlich genau, dass es dir, wie jedes Mal, richtig gut gefallen wird. Mir geht es übrigens oft auch so. Wenn Papa nicht immer sagen würde: „Lass uns hingehen!“, würde ich manches Mal auch lieber zu Hause bleiben. Aber wir gehen hin. Jeden Sonntag. Ich hoffe, du siehst daran, dass uns diese Sache mit Jesus und seiner Familie wirklich wichtig ist. Ich hoffe, dass du dich auch noch dann daran erinnerst, wenn du selbst viele andere Dinge findest, die man am Sonntag sonst noch so unternehmen könnte. Vielleicht warst du dann oft genug dabei, um zu spüren, was das Besondere an dieser Familie ist.
Als du erst ein paar Wochen alt warst, haben wir dich im Gottesdienst segnen lassen. Die Leute aus der Gemeinde haben einen großen Kreis um uns gebildet und der eine oder andere hat mit seiner Hand deine kleinen Füße oder deine winzigen Finger umschlossen und dir ein Segenswort zugesprochen. Ich war eine ziemlich müde und immer leicht überforderte Mama in deinen ersten Lebensjahren. Was mir von Anfang an klar war: Alleine würde ich das alles nicht hinbekommen. „Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“, sagt man und ich glaube, es braucht eine ganze Gruppe von Menschen, die Jesus lieb haben, dass du ein wenig von dem Reichtum und der Größe Gottes ahnen kannst. 
Ich nehme dich jeden Sonntag mit, weil ich möchte, dass du siehst, wie wir zusammen Jesus anbeten. Ich möchte, dass du erlebst, wie deine Mama ein bisschen gelöster und friedlicher wird, nachdem sie das Abendmahl empfangen hat. Ich möchte, dass du siehst, wie wir Menschen umarmen, die ganz anders sind als wir, und dass du weißt, dass sie auch zu unserer großen Familie gehören. 
Ich will, dass du ganz viele Geschichten über Jesus hörst – nicht nur von mir, sondern auch von wunderbaren Kindermitarbeitern – weil wir ihn so toll finden und ich mir wünsche, dass ihr beide Freunde werdet. Und ich sehe schon, dass das passiert. Wenn irgendjemandem etwas wehtut oder du merkst, dass wir ein Problem haben, dann bist du der Erste, der sagt: „Mama, warum betest du denn nicht?“ Du erinnerst mich daran, warum ich glaube. Du hilfst mir, in meinem Alltag Jesus nicht zu vergessen. Ein bisschen so geht es mir mit der Gemeinde: Sie erinnert mich jeden Sonntag daran, warum ich glaube. Sie hilft mir dabei, Jesus nicht zu vergessen. Sie erinnert mich daran, dass ich Gnade brauche und Vergebung und ich mag es, wenn du uns dabei zuschaust und wie du Teil dieser kleinen, unperfekten Familie bist...
..Ich hoffe, dass du weißt und erlebst, dass ein Platz für dich frei ist an Gottes Tisch. Ein Leben lang. Egal was passiert. Und wenn ich oder dein Papa mal nicht mehr in der Nähe sein sollten, um dir das alles zu sagen, dann hoffe ich einfach, dass du immer eine Familie um dich haben wirst, die dich an all das erinnert... dass sie dir jederzeit die Hände auflegen wird, um dich zu segnen, so wie es schon am Anfang deines Lebens war. Ich glaube, wir brauchen einander, um den Weg mit Jesus bis zum Ende zu gehen. Bis wir uns alle wiedersehen bei ihm. Die ganze große Familie. Das wird ein Fest – und du liebst es doch zu feiern! Wegen all dem schleppe ich dich jeden Sonntag mit. Das ist ein bisschen viel, um dir das alles jetzt zu erklären, ich weiß. Aber ich hoffe, dass du es irgendwann verstehen wirst, und dass du froh darüber sein kannst. Ich liebe dich. Immer. Du bist ein Segen. Und du sollst immer gesegnet sein.
Deine Mama

(© 2017 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn,Christina Schöffler: Kinder, Kinder, in Warum ich da noch hingehe. Die Kirche, Jesus und ich)


Mittwoch, 17. Mai 2017

Vom Neuanfang und der zweiten Hälfte des Tages

Zur Zeit gehe ich gerne früh ins Bett: Zu meinem Geburtstag habe ich ein paar wunderbare Bücher bekommen und ich kann es kaum abwarten darin zu lesen!


Neben tollen Geschichten, freue ich mich auch sehr an einem Buch übers Schreiben (danke Vroni!): Still writing, von Dani Shapiro. Immer wieder finde ich bei solchen Büchern nicht nur hilfreiche Tipps zum Schreiben, sondern Erkenntnisse übers Leben. Eine davon ist folgende: 
 
 Wir können immer wieder neu anfangen.

Wie oft habe ich schon ganz viel Text geschrieben und dann gemerkt: das wird so nichts. Also alles nochmal löschen (oder durchstreichen) und es geht von vorne los. Das ist natürlich bisschen frustrierend, aber ganz oft sind diese gelöschten Worte und Gedanken wie eine Machete mit der ich mich sich ziemlich orientierungslos durchs Dickicht schlage, bis ich dann endlich eine Spur finde, der ich folgen will. Und das ist dann auch der Startpunkt, um mutig neu anzufangen. Dani Shapiro schreibt ihre ersten Entwürfe gerne in Notizbücher, weil die eingefügten Sätze, die Pfeile, Sternchen und durchgestrichenen Absätze sie daran erinnern, dass man die Arbeit jeden Moment verändern kann, dass es immer auch andere Möglichkeiten und Neuanfänge gibt.


Das erinnert mich an den vergangenen Muttertag. Eigentlich bin ich kein Mensch der große Erwartungen an diesem Tag hat. Dachte ich zumindest. Aber nachdem ich früh aufgestanden war um das Frühstück zu machen, das Chaos aufzuräumen und noch schnell einen Kuchen zu backen (während Heio entspannt die Hasen im Garten beobachtete) überkam mich der ganze Jammer einer nicht gesehenen und nicht wertgeschätzten Mutter.Ich habe versucht mich innerlich zu beruhigen, zu beten, ein bisschen in der Bibel zu lesen, aber der Schmerz wurde noch größer. Weinend saß ich auf dem Sofa. Irgendwann bemerkte das der kleine Sohn, der bis zu dem Zeitpunkt zufrieden, in sich versunken, Autostau gespielt hatte. Besorgt fragte er nach was los ist, und nach meinen unbeholfenen Erklärungen rief er seinem Papa durchs Fenster zu (in einer Lautstärke, dass es alle Nachbarn mitbekommen haben): "Papa, komm schnell. Mama weint, weil sie kein Geschenk bekommt." Na toll.
Das war der Tagesanfang und es wurde lange nicht besser. Es fiel mir schwer Heios Entschuldigung anzunehmen (und gleichzeitig musste ich an Corrie Ten Boom denken,die einem ihrer KZ- Aufsehern die Hand zur Vergebung reichen konnte. Und ich kann meinem Mann nicht vergeben, der mir am Muttertag kein Frühstück ans Bett gebracht hat!) Trübselig schlich  unser Vormittag dahin. Samu passte sich mit kindlicher Flexibilität der Stimmung an. Schluß mit dem friedlichen Stau. Er jammerte ununterbrochen: "Mir ist langweilig!!!" Und: "Das ist der allerblödeste Tag in meinem ganzen Leben!" Worauf ich innerlich mantrahaft das Gebet von Michels Papa aus Lönneberga wiederholte: Gott, steh mir bei, dass ich meine Hand nicht an dieses Kind lege!
Gegen Mittag hatte ich dann genug. Ich rief den Familienclan zusammen. Wahrscheinlich erwarteten sie das nächste Donnerwetter von der schlechtgelaunten Mutter. Die will aber endlich die Kurve kriegen. Ich holte tief Luft und halte meine kleine Rede: „Der Tag war bisher echt blöd." Eifriges Nicken in der Runde. „Ich bin einfach schlecht gelaunt aufgewacht." Vorsichtige Zustimmung von Heio, Samu schluchzte mit dem unglaublich großen Selbstmitleid zu dem ein Sechsjähriger fähig ist. "Ich bin enttäuscht und finde es blöd, dass ihr mir nichts besonderes zum Muttertag gemacht habt. Ich vergebe euch. Und entschuldigt bitte meine schlechte Laune. Und jetzt will ich Jesus bitten, dass er uns hilft, dass wir den Rest des Tages besser hinbekommen." Unter großem Einverständnis meiner zwei liebsten Menschen fassten wir uns an den Händen. Ich sagte Jesus, dass wir dringend seine Hilfe brauchen; für die zweite Hälfte des Tages. Ein dreistimmiges "Amen". Und nach dem ganzen Durcheinander von Gefühlen, durch die wir uns gekämpft haben, war da plötzlich eine Spur. Eine Löschtaste der Gnade. Für uns alle. Und die Möglichkeit neu anzufangen. Eine neue Geschichte, für die zweite Hälfte unseres Tages. Und der wurde dann richtig gut. Ich könnte eine wunderschöne Geschichte darüber erzählen....

Manchmal stecken wir lange in der "ersten Hälfte des Tages." Manchmal fängt die zweite Hälfte erst am Abend an wenn ich neben Heio im Bett liege und wir gemeinsam beten und den Ärger beiseite legen. Und dann gibt es Beziehungen bei denen wir jahrelang im Dickicht von verwirrenden Gefühlen, Verletzungen, Missverständnissen und wenig gelungenen Texten feststecken können; und leider gibt es da oft keine Abkürzungen.
Bei mir und meiner Schwester war das so. Wir haben uns total lieb aber da waren familiäre Geschichten die schon vor unseren eigenen angefangen haben und egal wie sehr wir es auch versucht haben: immer wieder waren da diese verwirrenden Gefühle. Und beim Versuch da durchzukommen, haben wir uns oft genug verletzt. Aber wir haben uns weiter durchs Dickicht geschlagen, jeder für sich.(und immer wieder mit toller Hilfe- danke Marianne!!!) Und dann, fast unbemerkt, hat vor einem Jahr unsere "zweite Tageshälfte" begonnen. Plötzlich stand alles auf Neuanfang. Eine neue Möglichkeit uns zu  begegnen. Eine gemeinsame Spur.  Wir legen die Macheten beiseite und fallen uns mit ungläubigem Staunen und verschwitzem Gesicht in die Arme. Das Dickicht liegt hinter uns. Es ist für mich immer noch total unfassbar und ein großes Wunder. Gott hat unserer Geschichte eine völlig neue Wendung gegeben.

meine tolle Schwester! (dank dir, dass ich darüber erzählen darf! Gruß nach USA!)
Ich schreibe darüber weil unsere Geschichte vielleicht Mut macht: Egal wie der erste Teil unseres Tages ist, egal wie verletzt wir sind, wie verwirrend unsere bisherigen Wege waren und wie wenig Ahnung wir haben wie das alles gut werden soll -  es gibt immer die Hoffung auf eine entscheidende Wendung der Geschichte. (und manchmal dauert es ein halbes Leben) Manchmal beginnt sie ganz einfach damit, dass wir Gott sagen: Die erste Tageshälfte war nicht sonderlich gut. Wir brauchen dringend deine Hilfe. Eine Löschtaste der Gnade. Eine Möglichkeit neu abzubiegen. Und dann kommt der Autor unseres Lebens und plötzlich fließt eine wunderbare Geschichte aus seiner Feder. In der zweiten Tageshälfte. 


Always, we begin again.  

As we begin again, so does God.
                      Tanya Marlow
 

Mittwoch, 10. Mai 2017

Neues Land

Die Fassade "unseres" Hauses wird gerade renoviert. Das heißt am frühen Morgen wird schon mal gegen die Rolläden vom Schlafzimmer geklopft mit der Bitte sie zu öffnen und wenn ich müde ins Bad wanke, grüßt ein schwäbischer Bauarbeiter durchs Fenster. Solche Situationen versetzen mich immer in innere Unruhe. Heio hat mich heute morgen etwas sorgenvoll angeschaut, weil ich wieder seit Tagen mit Migräneanfällen kämpfe und entsprechend fertig aussehe und er meinte warnend: „Denk bloß nicht, dass es deine Aufgaben ist die ganzen Bauarbeiter zu versorgen.“ Er kennt mich halt nur zu gut. Tatsächlich habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht ob ich es zum Bäcker schaffe und ob noch genug Kaffee da ist. Außerdem überfällt mich bei den emsigen Arbeitern am Fenster das Gefühl, dass ich dringend auch etwas richtiges TUN sollte. Garten umgraben. Flüchtlinge besuchen. Einen Job suchen. IRGENDETWAS. Aber es geht nicht. Am liebsten würde ich ein Schild am Fenster anbringen das mein Zuhaus-sein rechtfertigt. Darauf würde dann sowas stehen wie: 

Fertige Frau. Zu lange alle Bauarbeiter dieser Welt versorgt!

Aber ich tue es natürlich nicht. Stattdessen traue ich mich in den Garten zum Hasengehege. Ach, unsere Hasen! Ich bin total verliebt in diese zwei kleinen niedlichen Geschöpfe, die seit zwei Wochen bei uns sind. Nein, das wird kein "Hasenblog" - wie Julia schon so vorsichtig (und vielleicht etwas besorgt) angefragt hat. Aber, schaut mal: sind die nicht süß???!!!!

wir beschnuppern uns...


Flockson bei der kleinen Hasenwäsche


Frenzy im Glück

Ich sitze einfach nur nebem dem Gehege, beobachte die wilden Sprünge und genussvollen Pausen in denen die Beiden unsere ganzen Vergißmeinnicht niedermachen und merke, wie gut mir das gut tut. Und wie schwer mir das immer noch fällt: einfach nur DA sein und  den Moment genießen. Eine viel zu lange Zeit in meinem Leben habe ich das nicht getan. In meiner krankhaften Annahme, dass das Leben nur aus dienen und sich aufopfern und Hingabe besteht. Aber wir haben auch einen „heiligen Auftrag zur Freude“, wie Frederick Buechner das so wunderbar schreibt. Wir sind gerufen uns an den kleinen Hüpfern von Hasen zu freuen, an verspielten Sonnenstrahlen zwischen blühenden Ästen, an den kleinen Lachfältchen in den Augenwinkeln des Menschen den man liebt, am Wind, dem Geruch von gerösteten Kaffeebohnen - ach an so vielen wunderbaren Dingen, die es auf dieser Welt gibt.

Es kommt mir vor als hätte mein Leben in den letzten Jahren eine Vollbremsung hingelegt. Einfach weil es nicht mehr anders ging. Weil der Motor heiß gelaufen war und kurz davor stand richtig kaputt zu gehen. Und ich setzte mich neben dem qualmenden Wagen ins Gras und staune über die Blumen die hier blühen. Es ist wie ein neues Land in dem ich mich bewege. Oft noch völlig unsicher. Weil ich die Sprache nicht kenne und keine vertrauten Wegmarkierungen finde. Und immer wieder kommt noch der Gedanken, dass wir das „alte Gefährt“ wieder zum Laufen bringen müssen. Aber das Gefährt macht das nicht mehr mit. Und diesem Umstand verdanke ich das Glück, in diesem neuen Land zu sein.
Neulich las ich etwas in dem wunderbaren Buch von Tomas Sjödin Warum Ruhe unsere Rettung ist, was meine Situation so treffend beschreibt. Auch wenn es Sr.Sofie ist, die hier von ihrem Zusammenbruch erzählt. Sjödin schreibt über das Gespräch mit ihr:

Wir unterhalten uns eine Weile darüber, dass ihr Buch aus einer großen Müdigkeit heraus entstanden ist, und das, obwohl sie sich selbst früher als `eine von diesen Supereffektiven` beschrieben hätte...Das Supereffektive stand offenbar dem Eigentlichen im Weg. "Als ich gezwungen wurde anzuhalten", erzählt sie weiter,"entstand eine neue Art der Kreativität, eine Folge von Tätigkeiten, die mir etwas gaben, statt nur von mir zu fordern, bis ich leer war. Und das Schreiben, das jetzt in mein Leben kam, fühlt sich viel fruchtbarer an als allles, was ich vorher getan habe."
Alles begann in der Ruhe. Und es begann zu blühen als sie ein bisschen zu müde war.

Ich habe jeden Satz unterstrichen, weil ich ganz ähnliches erlebe. Vielleicht stand auch bei mir das Effektive dem Eigentlichen im Weg. Und vielleicht gibt es eine Berufung die Gott vor allem in erschöpfte, müde gewordene Hände legen kann. Weil man Dinge wahrnehmen lernt, die man nur entdeckt, wenn man stillhält. 
"Zeuge sein, von dem was ist", diesen Satz habe ich mal irgendwo gelesen. Und ich habe lange genug Sonntagabends den Tatort angeschaut um zu wissen: die besten Zeugen sind diejenigen, die Zeit haben um richtig hinzuschauen. Die kleine Detais wahrnehmen. Hinhören, was andere überhören. Die wach und aufmerksam sind und einfach ganz DA sind.  Vielleicht meint Gott auch so etwas, wenn er uns sagt, dass wir seine Zeugen sein sollen. Das ist ja kein Ruf zu hektischer Betriebsamkeit. Sondern eher dazu ruhig zu werden. Hinhören. Genau hinschauen. Kleine Details wahrnehmen. Zeugen seines Handelns werden. Vielleicht beginnt das mit der Erlaubnis zum Nichstun, kleine Hasen beim Hüpfen beobachten während andere, ein paar Meter weiter, alten Häusern ein neues Kleid anlegen. Es beginnt in der Ruhe. Und manche von uns gelingt das erst dann, wenn wir für alles andere zu müde geworden sind.
 
Ich gehe schüchtern wieder an den Bauarbeitern vorbei ins Haus. Und sehe, dass unser Vermieter einTablett mit Kaffee für alle hingestellt hat. Als würde Gott mir lächelnd damit sagen: Siehst du. Ich versorge andere, während du lernst still zu halten. Zeuge zu sein. Willkommen im neuen Land! 

 







Dienstag, 25. April 2017

ausgebloggt !?

Immer mehr Blogger machen sich ziemlich rar, oder hören sogar ganz mit dem schreiben auf. Es scheint als würden Instagram, Pinterest und Co die Blogsphäre ziemlich ausdünnen. Und bei einigen die weiterhin noch schreiben, kommen Zweifel, ob man weiterschreiben soll. Ob sich der Aufwand "lohnt". Ob man nicht zum tausendsten Mal über ähnliches schreibt. Und mancher wird dem Klang der eigenen Stimme ein bisschen müde. Ich kenne die Zweifel nur zu gut. Wieso sollten meine Gedanken, Bilder und mein gewöhnliches Leben etwas sein, was andere gerne lesen und anschauen? Wie kann ich euch angesichts der Not dieser Welt hier meine oft so kleinen "privilegiert-westeuropäischen-Mittelklasseprobleme" zumuten?  In einem meiner Lieblingsbücher von Frederick Buechner tellings secrets schreibt dieser brilliante Schriftsteller auch von solchen Zweifeln: Wen interessiert es wohl, wie das Verhältnis zu seinem Vater war, was er an kleinen Alltagsentdeckungen macht und welche Krisen er in seiner Familie zu bewältigen versucht? Und dann schreibt er diese Sätze:

Ich erzähle trotzdem weiter über mein Leben. Auch wenn es tatsächlich kaum etwas weniger wichtigeres geben könnte, so könnte es andererseits kaum etwas wichtigeres geben. Meine Geschichte ist wichtig, nicht etwa deshalb weil es meine Geschichte ist - weiß Gott nicht! - sondern weil die Chancen groß sind, dass andere darin ihre Geschichten erkennen können, wenn es mir gelingt die meinige richtig zu erzählen. Und vielleicht gibt es tatsächlich kaum etwas wichtigeres als diesen Geschichten auf der Spur zu bleiben - darüber wer wir sind, wo wir herkommen und wem wir auf unserem Weg begegnen - weil es genau diese Geschichten sind, in aller ihrer Eigenart und Einfachheit, durch die Gott sich uns ganz persönlich und eindringlich offenbart. Und sollte dies tatsächlich wahr sein, was ich zutiefst glaube, dann würden wir menschlich und geistlich verkümmern, wenn wir die Spur unserer Geschichten verlieren würden.

Was für wunderbare Worte! Wie sehr glaube und erlebe ich genau das: Gott offenbart sich persönlich und eindringlich in unseren Geschichten:
Ich mag es bei Lena zu lesen. Ihre schönen Bilder erinnern mich an meine Sehnsucht nach Schönheit, nach gutem Essen und dem "Shabbat shalom". Veronikas ehrliche Geschichten trösten mich immer wieder mitten in den Bruchstücken meines Alltags. Mich berühren Chrissy Gedanken, warum sie ein Jahr lang keinen Gottesdienst besucht hat und ich liebe es eine whatsApp-Nachricht von Franz zu bekommen, der mich wissen lässt, dass er bei seiner Geschäftsreise auf der Flughafentoilette mal wieder für einen kranken Mann gebetet hat. Ich staune über die unglaubliche Geschichte von  Tina die Jesus auf einem Feld in Chile getroffen hat. Und ich freue mich über Achims wunderbare Predigt in der er davon erzählt, dass er seine Frühstückspause bei der Arbeit seit kurzem nicht mehr damit verbringt Weißwürste in der Kantine zu essen, sondern stattdessen im Konferenzraum mit seiner, fast blinden, Oma zu telefonieren, ihr einen kurzen Bibeltext zu lesen um dann noch gemeinsam mit ihr zu beten.(und das ist defintiv dies schönste Konferenzschaltung von der ich je gehört habe!!!)
Ach, ich könnte noch lange so weiter machen. So viele Geschichten werden mir ständig zum Segen, weil sie etwas in mir berühren, eine Sehnsucht, eine Erinnerung an das was ich bin, was mich begleitet und in welche Richtung ich unterwegs bleiben möchte.

Morgen habe ich Geburtstag (den ich dieses Mal ganz entspannt mit der Familie verbringen werde - die letzten Wochen haben mich ziemlich "feiermüde" gemacht). Ich habe,wie jedes Jahr, noch ein bisschen in meinem Tagebuch geblättert. Gedanken, Erlebnisse, Eindrück von einem Lebensjahr, das morgen beendet sein wird. Es ist wie eine Spurensuche, und die Dankbarkeit ist das Vergrößerungsglas, das ich über die Tage halte. Ich erkenne so viel Gutes! So viele Momente der Gnade. Gottes Güte, seine Nähe, seine Versorgung... Ja, es ist wahrscheinlich ein ziemlich verwöhntes Mittelklasseleben - über manche Probleme kann ich tatsächlich im Rückblick nur den Kopf schütteln - aber es ist das Leben das ich habe, gefüllt mit Tagen in die Gott immer wieder seine Spuren setzt und mir begegnet.

Bestimmt ist hier auch irgendwann mal "ausgebloggt", aber ich werde nie aufhören meine Gedanken und Erlebnisse auf Zettel zu kritzeln, in Tagebücher zu schreiben und am Tisch meinen Freunden zu erzählen. Und ich werde weiter begeistert in anderen Geschichten lesen. Weil mir das alles hilft dem Leben, nach dem ich mich sehne, auf der Spur zu bleiben. Wie ein Jäger begebe ich mich auf Fährtensuche. Und immer mal wieder schlägt mir das Herz bis zum Hals wenn ich merke: hier sind ganz frische Spuren. Gott muß in der Nähe sein. Nicht immer erkenne ich ihn. Manchmal verwechsle ich seine Spuren, noch viel öfters übersehe ich sie. Aber ab und zu erkenne ich sie wieder, in den Geschichten anderer und auf dem staubigem Boden meines Alltags. Und das ist einfach unglaublich!

Ich finde Buechner hat recht: Es gibt nichts, was weniger wichtig sein könnte als unsere Geschichten. Und: es gibt nichts, was wichtiger sein könnte.  



















Donnerstag, 13. April 2017

In froher Erwartung.

Nein, wir sind nicht schwanger (puhh, das wäre was :-), aber wir sind in Erwartung von neuem Leben: zwei kleine Kaninchen sollen die Oster- und Geburtstagsüberraschung von Samuel werden.
Eigentlich wären sie schon da, aber der Hase, in den wir unsere ganze Hoffnung gesetzt hatten, war leider nur scheinschwanger. Also, warten wir, mit anderen ungeduldigen Eltern, bis es im Streichelzoo Esslingen wieder kleine Häschen gibt. So lange bereiten wir uns auf das neue Leben vor.
Unsere Nachbarn, die auch seit kurzem "Haseneltern" sind, haben uns zwei Bücher ausgeliehen, die wir nun abends durcharbeiten. Meine Güte! Was man bei so einem Kaninchen alles beachten muß. Ich will am liebsten alles absagen, weil ich mir sicher bin: das Tier wird bei uns keine Woche überleben.


eine ganze Apotheke??!! Sogar homöopathische Tröpfchen??? Hallo?
Eigentlich dachte ich, das ist nicht so kompliziert. Wir hatten früher, im Schwarzwald, auch mal Hasen. Da hieß es einfach: Stall, Futter, fertig. Hase kann kommen! Von wegen Apotheke, Spielzeuge, Hängematte (!?) und Krallenzange. (die Krallen wurden von selbst gekürzt, während der Garten umgegraben wurde und sämtiche Fluchtwege erfolgreich in den freien Teil des Schwarzwalds gegraben wurden)
Irgendwie erinnert mich das Ganze dann doch ein klein wenig an die Zeit vor Samus Geburt. Beim Lesen der Baby- und Stillbücher in der Schwangerschaft dachte ich auch: Wie wird dieses kleine Wesen auch nur eine Woche bei uns überleben? wir müssen dringend nochmal zur Apotheke! (zur Zeiten meiner Oma hieß es wahrscheinlich auch: Bett, Futter, fertig. Kind kann kommen! :-)). Und jetzt wird der kleine Mensch von damals, den wir vom Krankenhaus so vorsichtig nach Hause gefahren habe, tatsächlich in ein paar Tagen sechs Jahre alt! Und er lebt noch! Auch wenn das als Erziehungsziel für manchen etwas lächerlich klingt: für mich ist es wirklich ein ziemliches Wunder. Er lebt und wächt und nimmt seinen Platz in unserem Leben ein (wir brauchen dringend ein größeres Kinderbett!)
Und das haben dann wohl Kinder und Kaninchen tatsächlich gemeinsam: sie benötigen Platz - räumlich, zeitlich und in unseren Herzen.

Der Stall steht, das Freigehege ist in Planung...
Wir bereiten den Platz vor, in der zunehmend freudigen Erwartung, dass er bald mit Leben gefüllt wird. (und über Ostern müssten wir eigentlich noch eine ganze Kiste Wein trinken, damit wir das Ganze eine Etage höher stellen können. Betet für uns! ;-))


Apropos Ostern:  All das Vorbereiten von Festen und Hasengehege erinnert mich daran, dass dieses neue Leben, das uns in Jesus geschenkt wurde, auch Platz braucht. Und Zeit. Manchmal kommt es in unseren unruhigen Herzen nicht so schnell an, wie wir uns das erhoffen. Ich versuche, trotz vielen drängenden Dingen, immer wieder "freie Zeiten" zu schaffen. Fernseher aus. Herz freiräumen. Still werden. Nichts tun, außer Raum schaffen, für den Gekreuzigten und Auferstandenen. DAS fällt mir schwer. Aber mich erfüllt auch zunehmend eine frohe Erwartung. Im Garten fallen die Blüten auf`s Gras wie ein Konfetti-Regen. Feierstimmung. Jesus ist auf dem Weg. Unser Leben. 

Komm, Herr Jesus. Nimm Platz, Erlöser. Unsere Welt wartet darauf mit neuem Leben gefüllt zu werden.


Frohe Ostern, euch allen!!!!