Montag, 16. September 2019

Zum 1000.


Heute  bin ich bei meinem tausendsten Geschenk angekommen. Genauer gesagt bin ich mit meiner Dankesliste, die ich seit Anfang des Jahres führe, bei Nr.1000 gelandet.  Ich hatte gehofft diese Ziellinie als dankbarer und ausgeglichener Mensch zu überqueren, oder wenigstens ein bisschen etwas von Ann Voskamps poetischer Tiefgründigkeit  zu haben, die mich mit ihrem Buch "tausend Geschenke" zum Zählen der Segnungen motiviert hat. Aber irgendwie klingen meine Segnungen anders als bei ihr. Nicht so poetisch wie: bunte Seifenblasen im Sonnenlicht. Morgenlicht auf alten Holzdielen. oder: Das Glänzen der Rabenflügel. Die Segnung, die ich heute morgen seufzend, und überhaut nicht in innerer Ausgeglichenheit, aufs Papier gebracht habe war: 

100: Dankbar, dass Gottes Gnade heute morgen neu ist (nach gestrigen Ungeduldsanfälle und einer, gefühlt, verhauenen Predigt). 

Auch hier glänzen die Flügel der Raben und fällt das Morgenlicht auf Holzdielen, aber ich nehme es leider kaum wahr.  Kurzsichtig stolpere ich in diesen Tag. Ich kämpfe noch damit Gnade für gestern anzunehmen und heute Gnade weiterzugeben - an die gestressten Arzthelferinnen die mir telefonisch mitteilen, dass es auch in ihrer Kinderarztpraxis keinen Platz mehr für uns gibt.
 
1001: Hustensaft, den man auch ohne Rezept bekommt

Ich will weiter schreiben. Das Fernziel bleibt: Dankbar und ausgeglichen werden. Zwischenziel: heute nicht verzagen. Zu vertrauen, dass da jemand ist,  dem ich mein Versagen und auch mein Wertvollstes in die Hände legen kann. 
 Er gibt was wir heute brauchen. Inneren Frieden und Hustensaft. 


1002: Pfirsiche aus dem Garten



1003:  Weggefährten



1004: Kleidung, die in der Sonne trocknet


1005: glänzende Flügel am Himmel



Dankbarkeit reibt mir die Müdigkeit aus den Augen. Langsam, ganz langsam, macht sie micht sehend.

Montag, 26. August 2019

Segenstage

                                                                                                          Blogpost enthält unbeauftragte Werbung
Wie viel Gutes passt in eine Woche Allgäu?
Sehr viel!!!


Nebelhorn
kleinere Gipfel


hüpfende Kälber

Eintrag im Gipfelbuch!
Lieblingssee

Weggefährten

Abendessen

Cafe am Wegrand

Und dieses Buch hat mich in der Woche begleitet:


Auch wenn es ein schweres Thema ist, das so gar nicht in eine Urlaubswoche zu passen scheint: Katharina Weck schreibt über die Krebserkrankung ihres Sohnes, der Kampf ums Überleben und was das alles mit ihr gemacht hat. Sie berichtet ergreifend ehrlich. Sie beschreibt ihr Ringen mit Gott. Das Schreien und Flehen und der große Schmerz ihr Kind so leiden zu sehen. Sie erzählt rauh und leidenschaftlich und poetisch. (und erinnert mich darin an Ann Voskamp). Und sie beschreibt Momente in denen sie, mitten im Schmerz, den Segen Gottes anfassen darf. Sie überdeckt damit das Dunkel nicht. Sie stellt es einfach nebeneinander. Der Schmerz und die Hoffnung. Das Leid und der Segen. Und sie holt Schätze aus dieser dunklen Tiefe, in die sie lieber nicht vorgedrungen wäre. Hier sind ein paar davon:

Ich weiß nicht ob alles wieder gut wird. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann ist, dass wir kein "alles wir wieder gut" brauchen um glücklich zu sein. Wir brauchen Liebe, Zeit, Bescheidenheit, die Fähigkeit den Wind zu spüren, wenn wir Luft brauchen und die Möglichkeit ein Feuer anzuzünden, wenn uns kalt ist.

Inzwischen habe ich verstanden, dass nicht Heilung die Lösung aller Probleme ist, sondern ein liebevolles und glaubendes Herz.

Wehren wir uns gegen die Vergiftung, die uns der Alltag einreden will. Es ist nicht schlimm, Wäsche zu waschen, er ist nicht schlimm Windeln zu wechseln...., den Fußboden zu wischen. Es ist auch nicht schön und kann ganz müde und hilflos machen, doch jemand zu versorgen ist vor allem etwas schönes. Schlimm ist es, über zwei Jahre nicht zu wissen, ob man anfangen muss, sich von seinem Kind zu verabschieden.Heute wische ich mit besonderer Dankbarkeit über die Arbeitsplatte. 

Das heisst nicht, dass ich es gut finde, was uns widerfahren ist. Es heisst, dass ich mich dafür entschieden habe, für das dankbar zu sein was das Hässliche mit uns gemacht hat. Es hat uns geformt, gebremst und gelehrt, das scheinbar Selbstverständliche zu sehen und zu schätzen.

Ein unglaublich wertvolles Buch!!!

Und dann war die Woche auch schon wieder um. Wir fuhren zurück an den Ort, an dem unsere Möbel jetzt stehen und der sich noch nicht so wirklich wie Zuhause anfühlt. Ich hatte Befürchtungen. War das Hornissennest unterm Dach noch größer geworden? Und würde es auch wieder so schlimm riechen? (der Mann will es, streng nach Naturschutzregeln, nicht vor dem ersten Frost versetzen lassen und dann wird man dazu wohl das halbe Dach aufbrechen müssen!) Und wären die Nachbarn nicht froh wir würden mit unserem lauten Kind noch länger wegbleiben?
Ich vergesse so schnell. Dass ich dankbar sein darf. Für das neue Zuhause. Für das energiegeladene Kind. Und dafür, dass ein Hornissennest zur Zeit mein größtes Problem ist.

Und Gott? Er erbarmt sich meiner Verzweiflung über solch kleiner Dinge. Ich habe gebetet: Bitte schenk mir doch ein kleines Zeichen wenn wir ankommen, dass wir hier richtig sind. Und das war der Ausblick, als ich unter dem mächtig brummenden Hornissennest auf den Balkon trat:


Mittwoch, 31. Juli 2019

Mein liebstes Bücherregal...

                                                                                          (Blogpost enthält unbeauftragte Werbung)

... stand bisher im Wohnzimmer meiner Eltern. Seit gestern steht es bei uns. Und ich freue mich unglaublich darüber! Gleich nach dem Aufstehen bin ich wieder ins Wohnzimmer um zu schauen ob es noch da steht, oder ob es nur ein schöner Traum war. Es steht noch. 




Es ist schwer zu beschreiben was mir dieses etwas abgeschabte 60-er Jahre Regal bedeutet. Darin standen die liebsten Bücher meiner Eltern. Vor allem die meines Vaters. Ich glaube er war es auch, der mir die Leidenschaft fürs Lesen mitgegeben hat. Und meine Mutter hat mit kleinen Dekogegenständen alles ganz gemütlich gemacht. Das Regal steht für mich, wie kein anderes Möbelstück meiner Eltern, für Zuhause. Neben diesem Regal bin ich groß geworden und ich weiß noch wie ich dachte: Wow, wenn ich groß bin kann ich alle diese Bücher lesen! Zugegeben: Ich habe nicht alle gelesen. Aber fast alle. Und ein paar davon habe ich gestern wieder einsortiert. Neben Heios Bücher. Und meinen eigenen. Das sind zum Beispiel die Bücher von Carlo Caretto, die ich durch meinen Vater kennengelernt habe. Oder die Pilgerreise die für mich einfach in dieses Regal gehört. Wie ein alter Wächter, der über Generationen mahnt unterwegs zu bleiben. Heio fragt mich jedes Mal ob ich die Bücher nicht ordnen will. Nach Sachbücher und Romanen. Krimis und Klassikern. Aber ich weigere mich. Ich mag es wenn die verschiedensten Bücher nebeneinander stehen. So wie im echten Leben. Da ist schließlich auch nicht alles schön sortiert nebeneinander :-). Und die Unterteilung von "christlichen" und "weltlichen" Bücher mag ich am allerwenigsten. Für mich gibt es nur eine wahre Unterteilung:  gute oder schlechte Bücher. Oder vielleicht besser: Bücher die mich berühren, Worte die etwas in mir anstoßen, mich herausfordern, aufwecken, heil machen oder mir zeigen, dass ich nicht die einzige bin, die oft so wenig heil ist.  Klug durchdachte Bücher, von demütigen Menschen geschrieben. Und die abenteuerlichen Geschichten die mich in fremde Welten mitnehmen, die ich selbst niemals entdeckt hätte. Und...ach, ihr merkt es: Ich LIEBE gute Bücher! 



Einige davon sind gerade unterwegs bei Freunden. Das gefällt mir. Auch wenn ich das eine oder andere dann plötzlich vermisse, wie ein alter Freund den man zu lange nicht gesehen hat, und ich hoffe, dass es bald wieder zu mir zurück findet. Aber gute Bücher sollten unterwegs sein und nicht im Bücherregal verstauben. Finde ich. Ich mag es wenn Freunde unsere Wohnung mit ein paar Bücher unterm Arm verlassen. Wir schenken einander Geschichten und gute Gedanken. Manche weitergereicht von Generation zu Generation. Ich hoffe, dass Samu, ähnlich wie ich früher, vor dem Regal steht und sich darauf freut, diese Bücher eines Tages zu durchstöbern. Manches wird er nur durchblättern. Manches aussortieren. Aber vielleicht wird er das eine oder andere Buch mit Begeisterung lesen und behalten. Und weitergeben. An seine Freunde. Segen der Geschichten und guter Worte. Wie dankbar bin ich dafür! So. Darüber musste ich jetzt einfach schreiben. Mitten in meiner "Sommer-Schreib-Pause". Und was tue ich wenn ich nicht schreibe? Richtig: Ich lese. Diese Bücher werden bei uns gerade gelesen:


Samuel liebt gerade die spannenden Abenteuer von Ben und Lasse. Und Heio und ich lesen sie ihm gerne vor. Weil wir auch wissen wollen wie es weitergeht...




21 Menschen. 21 Möglichkeiten zu Glauben. Ein schönes Buch zum Weitergeben. Gerade liest Heio darin.


Und ich lese dieses Buch von Anna Whiston-Donaldson. Schon länger wollte ich es bestellen, weil ich ihren Blog auch so mag. Aber wegen dem schweren Thema habe ich mich lange nicht getraut.  Sie schreibt darüber, wie sie den Verlust von ihrem 12-jährigen Sohn überlebt hat. Jetzt habe ich es endlich gekauft und bereue es nicht! Auch wenn ich manches nur unter Tränen lesen kann. Es ist auch so wunderbar und ehrlich geschrieben.  Es zeigt mir, dass Gott da ist, auch wenn das Schlimmste eintritt, was man sich nur vorstellen kann.
Anne schreibt selbst über ihr Buch:
It´s about nudges and warning signs and about how God and my son showed me - a buttonend-up, rule following Christian- that I needed a bigger God. I needed the God of the universe who somehow held a plan in his hand - a plan for the ages, a plan I hated - that went far beyond my understanding. Because my God of rules and comittee meetings and sermon notes and praise music wasn`t going to be enough for a pain this big.
I need a bigger God. Das ist auch einer der Gründe warum ich lese. Und Geschichten wie rare bird machen mein Herz dafür ein bisschen weiter.

Und was lest ihr so in diesen Sommer?

Mittwoch, 17. Juli 2019

Durchbrüche und Shabby Chic

So gerne würde ich euch hier ein paar instagramwürdige Fotos unserer neuen Wohnung zeigen. Aber alles was ich euch im Moment zeigen kann sind solche Bilder:



Als ich die Fotos einer Freundin über WhatsApp geschickt habe kam promt ihre Antwort: "Wieso macht ihr denn eure neue Wohnung kaputt?" Haha. Mir kommt es tatsächlich auch so vor, dass es in den letzten drei Wochen hier MEHR Chaos wurde als weniger. Und als Martin, unser Zimmermann, anfing ein Loch in die Wand zu hauen, wurde es irgendwie viel größer als geplant. Eigentlich wollten wir nur eine Schiebtür. Aber die Balken die sich plötzlich zeigten, waren auch schön. Also weiter den Schlaghammer schwingen. Heio half mit Begeisterung mit. Männer die Wände einreißen! Ich stand auf dem bebenden Boden und hoffte inbrünstig, dass die Beiden auch wissen was sie tun. Das Loch wurde immer größer und der Dreck immer mehr. Aber so ist es wohl, wenn man sich einen Durchbruch wünscht.
 Der kleine Charismatiker in mir hüpft freudig bei diesem Wort: Durchbruch! Yess. Dafür beten wir. Das wünsche ich mir in meinem Leben. Einen Durchbruch was Menschenfurcht angeht, was meine Veranlagung angeht Siuationen und Menschen kontrollieren zu wollen  - allen voran mein Kind, das gerade oft nicht so ist, wie ich es gerne hätte. Ja, es ist die Tatsache, die Heio gestern abend dieser verzweifelten Mutter zugeflüstert hat: "Unser Kind ist eben auch ein Sünder!" die ich oft so schwer annehmen kann. Wie gerne würde ich das Bild von dem unschuldig, wunderbaren Kind pflegen aber, wie Chrissi das immer so schön sagt: "Christina, kein Kind ist unschuldig!" Und eine Grundschullehrerin muss das ja wissen :-). Also braucht das Kind Gnade und viel Raum zum Wachsen und lernen. So wie ich auch. Und dieser Weg führt oft über ein paar Trümmerberge und einiges an Chaos... 
Wer hätte gedacht, dass Durchbrüche so einen Dreck machen! Baustaub from the pit of hell!  Ich wische und putze - dieses Zeug will einfach nicht weichen! Eine Staubdecke liegt über uns. Wir sehen in diesen Tagen alle ein bisschen "shabby" aus. Aber shabby ist ja schick, oder ist dieser Trend schon vorbei? Wir wollen nämlich unsere Balken in Shabby Chic anstreichen. Bei Wikipedia steht über diesen Stil, dass hier 
 marode“, „heruntergekommen" Möbel (= shabby) aus alten Erbstücken, Flohmärkten und Selbstgemachtem, sowie Möbel und Gegenstände mit sichtbaren Gebrauchsspuren zum Konzept gehören. 
 Das klingt sehr tröstlich für mich, wenn ich mich in diesen Tagen im Spiegel betrachte. Sichtbare Gebrauchtspuren gehören zum Gesamtkonzept! Jawoll. JA zu krummen Balken, zerkratzen Oberflächen und faltige Landschaften. Wie wunderbar wenn Verästelungen und merkwürfige Faserläufe nicht überstrichen, sondern sogar noch betont werden! Ich habe den Eindruck, dass unser Schöpfer Spezialist ist, wenn es um das Renovieren und vorsichtige Restaurieren seiner Geschöpfe geht. Langsam und geduldig schleift er und bringt unter Trümmersteinen verborgene Schönheit hervor. Manchmal braucht es auch ein bisschen Schlaghammer, immer an der gleichen Stelle, weil Mauern wegmüssen und Durchbrüche nötig sind, damit mehr Raum zum Leben entsteht. Und da kann man schon mal dabeistehen und denken: Das sieht jetzt aber mehr nach kaputtgehen als nach schön werden aus. Aber es ist ja immer nur Momentaufnahmen. In ein paar Wochen werde ich euch hier (hoffentlich!) die Bilder eines großen, schönen Wohnzimmers zeigen. Wir werden Platz für Lesungen und Wohnzimmerkonzerte haben, für Parties und Esseneinladungen...(und wir werden nicht mehr so müde sein, dass wir um 9 Uhr abends schon Richtung Bett wanken!) Ich sehe es schon vor mir was für Leben dieser Raum füllen wird. 
Aber bis es soweit ist, werde ich noch sehr oft über diesen Boden wischen und Trümmerteile in den Anhänger tragen und mich  gefühlt  hundertmal an den gleichen Stellen verfahren (witzigerweise weigert sich mein Navi anzugeben, dass ich mein Ziel erreicht habe. Da steht immer nur: Sie sind am Zwischenziel angekommen! Kluges Navi.) Ich werde bestimmt auch noch einige kleinere und größere Verzweiflungsanfälle bekommen weil noch kein einziges Buch ausgepackt ist und kein Bild an der Wand hängt - was ich normalerweise immer als erstes im neuen Zuhause mache, damit ich mich wohlfühlen kann. Bücher und Bilder. Sie werden auch bald dazu kommen. Alles hat seine Zeit. Abreißen und neu aufbauen. Abschleifen und polieren. Verfahren und ankommen. (an Zwischenzielen) Pause machen und Neu starten. 
Ich werde hier jetzt erst mal eine Sommerpause einlegen und mich dann nach den Ferien (Anfang September) wieder melden. Vielleicht schicke ich euch zwischendurch auch mal ein Bild davon wie wir hier vorankommen. Es wird. Langsam aber sicher. Unsere Wohnung. Unsere Leben... Gott wird es gut machen.

Ihr Lieben, habt wunderbare Sommertage!!!  



Montag, 8. Juli 2019

Sturmstillung (ein Gastbeitrag)


Vor einiger Zeit habe ich ein Interview mit dem Schriftsteller Eugene Peterson gehört. Auf die Frage was er Menschen sagen möchte die gerne schreiben würden, antwortete er (frei übersetzt): Mach es einfach! Schreib so wahrhaftig wie möglich. Erzähle deine Geschichte einem Menschen oder vielen. Wir können niemals genug Geschichten hören!  Das finde ich auch. 
 Und neulich, beim Kaffeetrinken mit meiner Freundin Chrissi musste ich genau daran denken. Sie ist Grundschullehrerin, mit so viel Herz, dass ich jedes Kind beneide, das in ihre Klasse gehen darf (und sie hat mich schon oft in Erziehungsfragen beruhigt - ich bin NICHT die bescheuertste Mama von allen und das Verhalten vom Kind ist auch ziemlich  normal ;-)). Sie ist lustig und ehrlich und klug - wenn ich sie anrufe dann habe ich immer ein bisschen das Gefühl ich würde gerade mit C.S: Lewis telefonieren. Als sie mir gesagt hat, dass sie gerne mal etwas aufschreibe würde, war ich total begeistert! Ich habe Eugene Peterson zitiert und gesagt: "Chrissi, mach es einfach!"  Und sie hat es tatsächlich gemacht. Wahrhaftig und ehrlich. Es ist kein leichter Text. Aber er ist so tröstlich für alle, denen das Leben Wunden schlägt, die um Menschen weinen die sie lieb haben und die an manchen Tagen in dunkle Verzweiflung geschleudert werden (und auf dieser wunderbaren und kaputten Erde kann ja keiner von uns solche Zeiten umgehen). Lesen wir es als Trost für uns, oder für unsere Freunde, die gerade schweres erleben. Wir schreiben um einander zu sagen: Wir sind nicht alleine! Hab leider vergessen wer das mal gesagt hat - aber es trifft es so gut...
Aber genug meiner Worte: Es ist mir eine Ehre  diesen Text veröffentlichen zu dürfen!  Gönnt euch eine Tasse Kaffee, oder ein Glas kaltes Wasser - gönnt euch Zeit, und setzt euch zu Chrissi an den Tisch.




Sturmstillung


Müde und erschöpft sitze ich im Abendgottesdienst. Meine Gemeinde singt eines meiner Lieblingslieder:


You are a good good father

Schwarze Wolken ballen sich am Horizont auf.

I've heard a thousand stories of what they think you're like
But I've heard the tender whispers of love in the dead of night.
And you tell me that you're pleased
And that I'm never alone

Hmpf.
Ein 40. Geburtstag eines Freundes mit lauter Verheirateten, Familien und Gesprächsrunden mit „Wie hast du deinen Ehemann getroffen?“ „Noch nicht… (vielleicht.. nie)“ hatten ihre Spuren hinterlassen. „Du bist falsch, komisch, gestört, zu kaputt. Du wirst immer alleine bleiben.“ Altbekannte Lügen und Ängste hatten in der „dead of night“ gelauert und mich die ganze Nacht hindurch angegriffen….


Starker Wind kommt auf. Donnergrollen in der Ferne.

You're a good good father
It's who you are, it's who you are, it's who you are


Wirklich? Ernsthaft jetzt? Das ist gut?!

Drei Todesfälle in der letzten Woche. Ein Bruder eines Schülers war mit nur fünf Jahren gestorben. Eine 37 jährige Mutter von zwei kleinen Kindern ebenso. Ein Freund meiner Eltern. Krebs. 
Erste Blitze zucken. Die Wellen werden aufgepeitscht.

'Cause you know just what we need
Before we say a word.

Und warum tust du dann nichts?! Wenn du es doch weißt?!

Gespräche voller Tränen mit Freundinnen, die an ihrem unerfüllten Kinderwunsch zu zerbrechen drohen. Menschen— geliebte, bekannte und unbekannte -, die mit psychischen Krankheiten ringen und nach ihrem Herrn schreien. Die oft keinen Ausweg mehr sehen…

Der Sturm bricht mit aller Gewalt los.

Because you are perfect in all of your ways
You are perfect in all of your ways
You are perfect in all of your ways to us


Was bedeutet das überhaupt?!!
Wie Bilder erscheinen Menschen vor meinem inneren Auge: Viele meiner Schüler, die Lasten tragen, die für mehrere Erwachsene zu schwer wären. Gefangene in Teufelskreisen. Freundinnen, die schon jahrelang mit den Folgen von Missbrauch und Vergewaltigung versuchen zu überleben.
Der Sturm in mir verwandelt sich in einen vollständigen Tornado. Ich verlasse den Gottesdienstraum.


Der Tornado aus Fragen, Angst und Zweifel tobt die nächsten Wochen weiter und reist so vieles mit sich…Glaube…Trost…Sicherheit….Gottes Stimme.

Ich kenne ihn schon. Er fegt nicht zum ersten Mal durch mein Leben. Wie gesagt, ich hätte es wissen können.

Mit Gott zu leben ist für mich wie ein unsicheres Gehen auf dem Wasser an der Hand meines Herrn.  Und jetzt stehe ich auf dem Wasser, ein bescheuerter Tornado tobt mal wieder und ich sehe meinen Herrn nicht mehr.
Ich vermisse ihn.

„Ich habe Angst, Herr.“ „Siehst du den Schmerz? Die Verzweiflung der Menschen?“ „Wo bist du?“ „ Wie bist du?“ Tränen werden in den nächsten Wochen alltäglich.

Dann immer und immer wieder der Satz:
Der Herr ist denen nahe, die zerbrochenen Herzens sind.(Psalm 34,19)

Ich bemerke aber seine Nähe nicht. Ich verstehe ihn nicht. Ich sehe ihn nicht.

Ein Gedankenblitz. Ein Lichtstrahl.Was wenn Gott sich mir nahe fühlt, wenn ich ein zerbrochenens Herz habe?

Was wenn er mich versteht, wenn Leid, Schmerz und Dunkelheit mein Herz zerbrechen, weil sie auch seines brechen? Was wenn wir gerade gemeinsam weinen?


Der Tornado verliert an Gewalt. Das Toben wird leiser. Schemenhaft erkenne ich im Sturm wieder meinen Herrn.

Zwei Tage später höre ich seine immer lauter werdende Stimme wieder- im Gedicht von Nell Goddard:

Lay it down, my child
it was never yours to carry
set it down my love
it isn`t your to bear

You find me in the stillness
as you surrender all
Sit quietly at my feet again
for I won`t let you fall

Stop trying to rescue
when all you need is love
Cease your endless striving
know life can be tough

Lay it down my child
it was never yours to carry 
set it dowm my love
it isn`t yours to bear.

(Lege es ab mein Kind.
Du solltest es niemals tragen müssen.
Setze es ab, mein Liebes.
Es ist nicht deine Last zu tragen.

Du wirst mich in der Stille finden
beim Loslassen.
Setze dich wieder zu meinen Füßen.
Denn ich werde dich nicht fallen lassen.

Hör mit dem Retten wollen auf
Wenn alles was du brauchst Liebe ist
Hör mit dem Erreichen wollen auf, 
wisse, dass das Leben hart sein kann.

Lege es ab mein Kind
du solltest es niemals tragen müssen
Setze es ab, mein Liebes
es ist nicht deine Last zu tragen.)

So sitze ich Tränen überströmt zu den Füßen meines gekreuzigten und missbrauchten Gottes, der Leid und Dunkelheit trägt und lege es ab und lasse los.

Und der Sturm verstummt.
 
Stille.

Was ist das nur für ein Gott?

Montag, 1. Juli 2019

Ankommen

Wir sind angekommen. Erschöpft, verschwitzt (kein Wunder bei diesen Temperaturen!), glücklich und dankbar für so viele wunderbare Menschen die in den letzten zwei Wochen mit angepackt haben! DANKE mal an dieser Stelle an euch alle, die ihr mitgeholfen habt: Kind abgenommen, Böden rausgerissen,  Umzugskisten geschleppt, Autos geliehen, Wände gestrichen, Kuchen gebacken, Essen und Blumen vorbeigebracht und aus der Ferne für uns gebetet. IHR SEID UNGLAUBLICH!!! (und wenn man nicht mehr als 5 Kilo tragen darf, dann lernt man angebotene Hilfe auch anzunehmen ;-)). Und ach- es gibt immer noch SOOO VIEL zu tun! Links von mir stapeln unausgepackten Umzugskartons, rechts liegt Bauschutt vom Durchbruch ins nächste Zimmer und die To-do-Liste habe ich noch nicht mal richtig angefangen zu schreiben! Trotzdem will ich mich kurz hier melden. Das Schreiben hilft mir ein bisschen langsamer zu atmen und mich ein wenig hier umzuschauen. Auch wenn es noch eine ganze Weile dauern wird bis wir so richtig ankommen und Wurzeln schlagen werden. Aber wir stehen wirklich und tatsächlich auf neuem Boden!
Samuel hat schon die erste Schulwoche hinter sich. Mutig hat er sich an meiner Hand auf den Weg zu der kleinen Dorfschule gemacht. Und er hat sich vom ersten Tag an richtig wohlgefühlt! Eine Lehrerin die ihn herzlich willkommmen geheissen hat und Mitschüler die freundlich auf ihn zugehen - "Mama, ich hab schon drei Freunde!": Unendliche Erleicherung und Dankbarkeit bei der Mama!!! 

auf dem Weg zur Schule - zuerst durch unseren Garten


vorbei an Nachbars Hühner

bis zur Schule, wo alle Kinder schon 10 min. vor Schulbeginn da sind!


Rückweg zu unserem Haus
Am Wochenende haben wir uns bei unseren Nachbarn vorgestellt. Ich hoffe ja immer, dass uns alle mögen und wir uns mit allen ganz wunderbar verstehen werden :-).  Bis jetzt sieht es auch ganz gut aus. Aber ich weiß natürlich auch, dass wir hier nicht in der heilen Welt gelandet sind. Und es gibt auch die Momente wo ich kurz auf den Sofa sinke und mich ganz verloren fühle. Dann erinnere ich mich an die wunderbaren Worte die Henry Noewen einer Freundin geschrieben hat, die auch gerade an einem neuen Wohnort angekommen ist (aus dem Buch: Dear Henry) Ihre Frage an ihn war folgende: Dear Henry, how can I settle here, in my new town? (wie kann ich mich hier, in der neuen Stadt, ansiedeln/verwurzeln), verbunden mit dem Wunsch, dass sie Menschen und Umstände vorfindet, die sie willkommen heissen und sie ihren Platz finden kann.  Henry schrieb diese weisen Worte zurück: 
That`s not the kind of settling that gives you a home. My prayer for you ist that you settle more and more in the heart of Jesus! And THAT will be your home.
(Das ist nicht die Art von "ansiedeln" das dir ein Zuhause geben wird. Mein Gebet für dich ist, dass du mehr und mehr im Herzen Jesus ankommen wirst. DAS wird dir dein Zuhause sein).
Es ist dieses "settle in the heart of Jesus" woran ich in diesen Tagen immer wieder denken muß. Bei aller Freude über diesen neuen Ort und auch bei den leisen Befürchtungen die sich in stillen Momenten einschleichen: Der Boden der mir Zuhause gibt, der mich erdet und zum Aufblühen bringt, ist kein äußerer Ort. Auch wenn uns äußere Orte unglaublich gut tun können! Dieser abendliche Blick über die Felder! Die Obstbäume in unserem Garten! Die schattige Laube! Die sanften Hügel! Und das kalte Radler, das im Kühlschrank wartet! Doch. Das hat schon was vom Aufatmen. Aber der Boden der mich wirklich ankommen lässt, liegt ein paar Schichten tiefer. Er ist nicht von wechselnden Jahreszeiten beeinflusst. Er ist auch nicht durch Austrockung, Erdrutsch und Schädlinge gefährdet. Der Boden der uns festhält und aus dem wir unsere tiefste Lebenskraft ziehen können, ist  im Herzen Jesu. Satte, reiche Erde. Willkommensort. Dort will ich immer mehr mein Zuhause finden. Ankommen. Sein. Daran will ich mich erinnern, in diesen spannenden, aufwühlenden Anfangstagen auf diesem neuen Stück Erde.


Mittwoch, 5. Juni 2019

Gesegnet

Es sind die letzten Schultage vor den Pfingstferien. Dann geht es, wie jedes Jahr, auf die Gemeindefreizeit und danach steigt der Umzug. Auf einmal geht alles ganz schnell. Eigentlich wollte ich noch einige "Dankbarkeitsrunden" machen: Ein letztes Mal auf meine Lieblingsbank im Killesbergpark. Nochmal zur Lieblingspizzeria und zur Eisdiele. Eine Abschlußrunde über "meine" Felder, vertraute Wege nochmal gehen. In den Weinberg radeln und nach dem kleinen Kreuz suchen das ich dort immer wieder in schwierigen Momenten aufgestellt habe  und dann dankbar wieder zurückgekommen bin, weil Jesus so wunderbar durchgeholfen hat. Aber weil das Knie gerade nicht mitmacht, und die Zeit dafür wahrscheinlich sowieso zu knapp wäre, mache ich stattdessen heute mit euch meine  kleine "Dankbarkeitsrunde" durch unsere Wohnung:

Vor 10 Jahren kam ich hier mit Heio an. Aufgeregt. Unsicher ob ich es mit meinem 40 Jahren als Single aushalte, einem anderen Menschen so nah zu sein. Schlafen können wenn etwas neben mir atmet...Und: Wird er es mit mir aushalten? Er hält es aus. Gott sei Dank!  Was für ein Geschenk ist dieser Mann für mich! Auch Herausforderung. Aber vor allem ganz viel Segen!



Und vor acht Jahren haben wir dieses großes Geschenk vorsichtig auf unserem Sofa abgelegt - das nun bald auch ausgedient hat und ein neues Zuhause bei einem Freund findet (also das Sofa, nicht das Kind!).


Auch hier: Herausforderung. Nächtliches auf und ab laufen im Schlafzimmer mit schreiendem Kind (und wenn er dann  zwischendurch mal kurz ruhig war konnte ich nicht schlafen weil ich dachte es atmet nicht mehr! ;-) Gruß an alle jungen Mamas- die Zeit geht vorbei!!!!).  Müde Mamatage und so viel Segen! Ich weiß nicht mehr in welchem Buch ich diesen Satz gelesen habe, aber er drückt meine Überwältigung in diesen ersten Jahren mit Samuel am besten aus:
Manchmal schaue ich mir selbst beim Mama sein zu wie durch ein beleuchtetes Fenster von der Straße aus und kann es kaum fassen, dass ich es bin!
Die Freude darüber hält bis heute an (auch wenn ich am Anfang NIE gedacht hätte, dass mich dieser kleine Mensch auch mal so zur Weißglut bringen kann! )








Und in dieser Wohnung bin ich nicht nur Mutter geworden sondern auch Autorin. Beides ist gleichermassen unfassbar für mich. In meiner kleinen Ecke im Wohnzimmer durfte ich viele Vormittage damit verbringen Geschichten aufzuschreiben. Und da gibt es tatsächlicih Menschen die sich Zeit nehmen um sie zu lesen - was bitte ist das für ein Segen!



An der Haustür habe ich das Kind zum ersten Mal zur Schule verabschiedet und hier hat mich auch Heios Umarmung empfangen nachdem mein Papa nach schwerer Krankheit zu Jesus gehen konnte; und auch nachdem ihm meine Mama im letzten Jahr gefolgt ist. Und ich habe meinen Mann gehalten als sein Vater ganz plötzlich gestorben ist. Verabschieden. Tränen. Einander festhalten, trösten und loslassen. Das gehört auch zu dem vollen Leben, das wir hier hatten. Auch die Streitigkeiten über die meist kleinen Dinge und das Versöhnen und sich gegenseitig etwas von der Gnade schenken, die einem selbst ständig gewährt wird.


In unserem Wohnzimmer haben wir ganz viel miteinander gespielt. Wie dankbar bin ich, dass wir so viel Zeit zusammen hatten! Ein alter amerikanischer Pastor sagte mir einmal den Satz: "The familiy that plays together, stays together." Ob das immer so stimmt weiß ich nicht. Aber das gemeinsame Spielen ist etwas, was unseren Alltag auf jeden Fall bereichert und ganz bestimmt ein Teil von Samuels Kindheitserinnerungen sein wird.

 
Vielleicht wird er sich auch daran erinnern wie wir zusammen durch die Küche getanzt sind, in der wir viele Gläser verschüttet und  Geschichten erzählt haben und wo ich tatsächlich kochen gelernt habe! Bis zu meinem 40.Lebensjahr konnte ich ungefähr drei Gerichte (Fertiggerichte). Heio hat mir gezeigt, dass kochen tatsächlich auch Freude machen kann. Und essen sowieso! (aber das wusste ich vorher schon)



Immer wieder hat uns auch unser Garten versorgt. Das lag vor allem an den Männern des Hauses, die gepflanzt und gegossen haben. Und Gott hat wachsen lassen.



Kartoffelernte aus der Wäschetrommel!

Und wie viele Feste durften wir in unserem Garten feiern, wie viele wunderbare Menschen bewirten!
 






Unsere Wohnung.  Zuhause in den letzten Jahren. Am Ende der Pfingstferien werden wir unserem Nachmieter die Schlüssel überreichen. Wir werden mit ihm noch einmal einen letzten Rundgang durch Zimmer machen. Er wird nur leeren Räume sehen. Ich sehe unser Leben. Zehn Jahre für die ich so unglaublich dankbar bin.
Den Schlüssel zu unserer neuen Wohnung bekommen wir schon nächste Woche. Wir wollen dort mit der Familie noch zusammen in den leeren Räumen frühstücken. Auch sie haben dort ihre Geschichten gelebt. Zum Abschied wollen wir noch bitten, dass sie uns segnen (wie schön wenn man in die Wohnung einer wunderbaren Pastorenfamilie ziehen darf!). Und wir wollen sie segnen, bevor sie in den Umzugswagen steigen und sich auf den Weg in ihr neues Zuhause machen.
Abschiede und Neuanfang. Blick zurück, auf das was war, und nach vorn, auf das was wohl noch vor uns liegt. Alles das liegt in diesen Tagen. Und das Bewusstsein, dass unsere Geschichten verwoben sind in die eine große Geschichte eines Gottes der sich entschieden hat bei uns zu wohnen und mit seinen Menschen unterwegs zu sein. Dass ER da war, da ist, mitgeht, uns entgegenkommt und dabei bleibt, in all den Jahren die noch vor uns liegen -  DAS ist wohl der allergrößte Segen!