Dienstag, 27. Februar 2024

Ein Wort zum Untertauchen

Auch wenn es etwas verspätet ist: ich will gerne noch mein Jahreswort mit euch teilen. Es hat mich schon im letzten Jahr gefunden und ich wusste sofort: Das nehme ich mit ins Jahr 2024! Es ist das englische Wort (das im deutschen nur umschrieben werden kann) Yield.  

Man kann es mit sich hingeben, sich ganz überlassen oder: sich jemand übergeben übersetzen. 
Vorrausetzung dafür ist das Loslassen. Kontrolle abgeben. Anerkennen wie wenig wir letztlich im Griff haben (neulich habe ich gelesen, dass wir höchstens 15% unseres Lebens beeinflussen können, was wirklich nicht viel ist und eine gute Erinnerung für uns Menschen, die denken alles liegt in unserer Hand!). 
Interessanterweise fängt das geistliche Leben für viele mit einem Übergabegebet an. Oder auch mit dem Eintauchen bei der Taufe.  In dem Zusammenhang muss ich an eine Legende über die Kreuzritter denken: Man sagte, dass sie bei ihrer Taufe ihr Schwert aus dem Wasser streckten, um zu zeigen: Gott, ich gebe dir alles, aber DAS NICHT! Nicht das Kämpfen und den Ruhm der Erfolge.  YIELD beschreibt dagegen einen Menschen, der sich ganz eintauchen lässt, der sich hingibt, ohne Vorbehalte. 

Mich hat das Bild sehr angesprochen. Und ich hab mich gefragt was ich denn so "aus dem Wasser halte". Was ist meine Sache, bei der ich sage: Jesus, alles - bloß das nicht!

Da ist mein Harmoniebedürfnis. Und ich merke immer mehr: Ich will den Gedanken loslassen, dass ich äußeren Frieden brauche, um inneren Frieden zu haben! Ich lerne das durch die Menschen, die sich meinen "Beschwichtigungsversuchen" (meine Art Kontrolle zu übernehmen) völlig entziehen. Ein schwieriger Mensch in der Familie oder Nachbarschaft könnte sich dabei durchaus als hilfreich erweisen;-)

Und ich bin gerade auch wirklich herausgefordert mit meinem Älterwerden. Etwas was ich auch nicht kontrollieren kann, sondern annehmen muss. Wie wir alle. Nur bin ich meinem Freundeskreis hier weit voraus (die meisten liegen abgeschlagen mindestens 10 Jahre zurück!). Im Moment habe ich den Eindruck, dass mich jeden Morgen mein Spiegelbild mit neuen Tatsachen konfrontiert, die ich nur schwer annehmen kann (seit wann habe ich denn dieses schlaff hängende Kinn? Verwandle ich mich nun in einen Truthahn? Oh Jesus, hilft mir!). 

Ich ahne, dass mein Jahreswort eine ziemliche Herausforderung für mich wird. Manches könnte schmerzhaft werden, aber am Ende hat es auch etwas sehr Befreiendes, wenn  ich mich einfach ganz in Gottes Liebe eintauchen lasse, ohne an irgendeiner Sache krampfhaft festzuhalten. Mich dem Gott anvertrauen, der es so gut mit mir meint. Loslassen was ich sowieso nicht kontrollieren kann. Die Harmonie sausen lassen. Meinen Blick heilen lassen. Und immer wieder aufs Neue Frieden in Gottes Nähe finden.




so be it.

Donnerstag, 15. Februar 2024

Fastenzeit

Gestern hat die Fastenzeit begonnen. Auch Passionszeit genannt. Meine Weggefährtin Anne hat in ihrem neuen Blogeintrag so gut darüber geschrieben:

Was ich an der Fastenzeit liebe, ist dass sie mitten im grau trüben Februar und März mein Herz auf Ostern vorbereitet. Ich leere meine Hand und strecke sie Jesus hin, damit er sie füllt. 

Das will ich auch: meine Hände Jesus hinstrecken. Und ich will auch das Fasten versuchen. In diesem Jahr lösche ich mal mutig meinen WhatsApp-Account für 40 Tage und versuche auf den Kaffee am Morgen zu verzichten. Beides wird mir gleich schwer fallen. Als ich heute morgen mit schmerzendem Kopf vor meiner Tasse Tee saß und keine ermutigende WhatsApp-Nachricht auf mich wartete hatte ich das dumpfe Gefühl, dass ich mich vom Leben abgeschnitten habe. 40 lange Tage! (meinem inneren Mathe-Genie wurde erst jetzt klar, dass das ja länger als 4 Wochen ist!). Wozu das alles?, frage ich mich.  Damit du in Freiheit leben kannst, flüstert es in mir. Und damit du erkennst, was wirklich nötig ist im Leben. Es ist nicht Coffee&Jesus (und hoffentlich auch nicht Kopfweh&Jesus!) - es ist Jesus. Es ist nicht connecten und Daumen hoch und Herzchen verteilen - es ist Beziehung. Lieben lernen was ich in Armeslänge habe. Und es sind nicht die bearbeiteten Bilder auf dem Display sondern der kommende Frühling vor meiner Haustüre, den ich nicht verpassen will. Das ganze Leben, das sich in den nächsten Wochen wieder ausbreiten wird, wo jetzt noch alles traurig und trist ist. Und am Ende der 40 Tage wartet das Osterfrühstück mit einer großen Schale Kaffee. Und dem Jubelruf: Jesus ist auferstanden! (das wird dann gleich mein neues Status-Foto :-)). Aber davor 40 Tage. Für die ich Gottes Gnade brauche...

Ich weiß nicht ob du auch auf etwas bewusst verzichtest oder ob du schon mit einem Verlust in der Passionszeit ankommst. Mit einer Leerstelle wo eigentlich Leben sein sollte.  Oder vielleicht fällt dir etwas richtig schwer im Blick auf die nächsten Wochen und du sorgst dich ob die Kraft dafür reicht. Vielleicht hast du einfach Sehnsucht nach der nächsten Jahreszeit, dass Leben aufbricht, wo im Moment alles traurig und trist ist.

Dann lass uns zusammen gehen. Gemeinsam mit Jesus. Der seinen schweren Weg nach Jerusalem antrat. Damit Frühling wird.





Dienstag, 30. Januar 2024

Von ChatGPT und anderen Abkürzungen

Ich schreibe wieder! Nicht nur hier auf dem Blog sondern seit Anfang des Jahres auch an einem neuen Buch. Ich hab mich total darauf gefreut. Das Thema kitzelt mir schon länger in den Fingerspitzen. Endlich kann ich loslegen und schreiben und schreiben... dachte ich. Aber ich habe vergessen wie schwierig aller Anfang ist. Auch nach vier Büchern ringe ich wieder damit "meine Stimme" zu finden. Ich denke ich sollte dieses Mal lustiger schreiben. Ein bisschen mehr wie Donald Miller in "Blue like Jazz." Oder tiefer und klüger. Wie Esther Maria Magnis. Ich versuche es. Merke schon beim Aufschreiben, dass es mir nicht gelingt. Vielleicht würde es helfen, wenn ich ein Mann und Amerikaner wäre, um wie Donald Miller schreiben zu können. Oder wenn ich den Intellekt und die Lebenswunden von Esther Maria Magnis hätte, um so tief und dicht schreiben zu können. (manchmal bin ich dann doch froh, dass ich nicht so tief schreiben kann). Also nochmal von vorne. Inzwischen sind schon vier Wochen um und die Zeit läuft mir davon. Ich schnauze meinen Mann an und bin genervt mit meinem Kind und überlege schon alles wieder abzusagen. Und endlich, als ich nach einem langen mühevollen Vormittag alle Worte wieder gelöscht habe, platzt der Knoten! Ich finde "meine Stimme" wieder und schreibe überglücklich und selbstvergessen bis mir der Rücken wehtut. Ich weiß wieder: Ich muss nicht lustiger und klüger sein, so wie es ist, ist es gut. Ach, hätte mir das nicht schon vor vier Wochen einfallen können? Das hätte mir und meinen Lieben viel Stress erspart! 
 
Vor einiger Zeit hat der Musiker Nick Cave sich in einem Brief zu ChatGPT geäußert. Zur der Leichtigkeit mit der diese künstliche Intelligenz Texte für dich erstellen kann. Sogar poetische Gedichte. Songtexte. Alles was du willst. Ich habe es zwar noch nicht ausprobiert aber die zwei Wochen vor dem Computer, die hätte ich mir sicher damit sparen können.  Keine verschwendete Zeit. Kein Ringen um Worte.  Es ist das Angebot einer bequemen Abkürzung. Aber so verlockend sie uns auch vorkommt, sie ist in den meisten Fällen so unsinnig wie  einen asphaltierter Weg nach links zu nehmen wenn wir doch wissen, dass wir den matschigen Weg nach rechts einschlagen müssen. Das Leben ist der matschige Weg. Das Ringen, so betont Nick Cave, gehört immer dazu! Das Durchkämpfen durch die Selbstzweifel, die Suche nach dem eigenen Weg - alles das gehört (leider) für mich immer wieder dazu. Und nachdem ich mich schimpfend  die ersten hundert Meter durchs Dickicht gekämpft habe und die durchweichten Socken ausziehe, entdecke ich den schönen kleinen Waldweg auf dem ich mit federnden Schritten laufen kann.
 


 


Vielleicht ist deine Wegstrecke gerade auch ein wenig matschig. Vielleicht steht dir eine verlockende Abkürzung vor Augen, die aber leider nicht zielführend ist. Dann wünsche ich dir, dass du Frieden findest. Mit dem Ringen. Und den Zweifeln. Und den kalten Füßen. Nur weil es sich gerade schwer anfühlt heißt es nicht, dass du auf dem falschen Weg bist. 

In gewisser Weise schreiben wir ja alle an  unseren Geschichten. Mutmachgeschichten, die wir einander an den Lagerplätzen auf dem Weg erzählen können. Ich fand es so wunderschön was Daniela Helfrich dazu geschrieben hat:
 Gefährten
Wahre Geschichten, die einer wirklich durchlebt hat, rutschen mir tiefer ins Herz.
Meine Seele hält plötzlich Händchen mit einem Vertrauten.
Meine Tränen werden von einem Taschentuch aus fremder Hosentasche getrocknet.
Die Neugier fragt keck: "Wenn der das kann, warum solltest du es nicht können?
Unsichere Schritte sehen auf einmal Fußspuren. HIer ist tatsächlich schon mal einer unterwegs gewesen.
Der Mut springt auf, legt sich den Heldenmantel um und lässt die Muskeln spielen.
Satt reibt sich der Glaube den Bauch, als hätte der andere mir einen Proviantkorb für unterwegs gepackt. 
Und die Hoffnung stellt sich ans Ende und schreit durch den Tunnel: "Hier ist tatsächlich Licht!"
 
aus: Von Tagträumern & anderen Gläubigen
 
ChatGPT kann keine wahren und durchlebten Geschichten erzählen. Das können nur wir. Mit unseren eigenen Stimmen. Nachdem wir uns durch den Matsch gekämpft haben. Ohne Abkürzung. Das müssen keine ausgefeilten Geschichten sein. Auch keine großen Abenteuer. Aber wir können einander Mut machen. Gefährten sein. Auf dem Heimweg. 
 


 
Bis zu meiner Manuskriptabgabe im Sommer werde ich meine Blogbeiträge etwas reduzieren und mich hier nur alle zwei -drei Wochen kurz melden. Vielleicht stecke ich auch mal im Matsch und es dauert noch etwas länger.  Aber ich hoffe, dass dabei Mutmachgeschichten entstehen, die ich im nächsten Frühjahr mit euch teilen kann. Gern könnt ihr auch den Blogbeitrag in euer E-Mailfach bekommen, dann wisst ihr immer wann es hier weitergeht. Einfach eine kurze Nachricht an chris.f@freenet.de

Und hier noch eine herzliche Einladung zu einem sonntäglichen  Rastplatz am 17.2. in  Reichelsheim: 
 

 

Dienstag, 16. Januar 2024

Augen auf

Gestern Abend konnte ich lange nicht einschlafen. Hellwach lag ich neben dem friedlich schlafenden Mann. Vielleicht waren es die Hormone oder die Freude über den unerwarteten Schneefall am Nachmittag. Jedenfalls habe ich irgendwann aufgegeben und eins meiner Lieblingsbücher geholt: Wenn Stille eine Sprache wäre, von Tomas Sjödin (ja, der schon wieder:-)). Ich las darin von der Schönheit der Eisvögel und das erinnerte mich daran, dass wir neulich so einen winzigen Vogel entdeckt haben. Meine Schwägerin hat uns beim Spazierengehen auf ihn aufmerksam gemacht. Ich hätte ihn sonst übersehen. Hätte ehrlichgesagt auch nicht gedacht, dass es Eisvögel in Deutschland gibt. Aber da war er!  Hüpfte hin und her und flatterte dann, mit blau leuchtendem Gefieder, über das Bachbett. Wunderschön war das. Wir standen für einen Moment ganz still am Bachufer und staunten. 
Sjödin schreibt, dass es zwei "Gebetschulen" gibt: Die eine lehrt uns den Weg nach innen. Sie sagt: Schließ die Augen. Begib dich in deinen inneren Raum. Weg von aller Ablenkung und dem Lärm. Werde still. Nimm wahr, dass Gott da ist. In deinem Inneren sollst du Gott umfangen, schreibt Johannes vom Kreuz. Die zweite Gebetschule sagt uns: Schau hin! Öffne deine Augen! Schau die Vögel am Himmel an und die Lilien auf dem Feld!
Sjödin betont: Es geht nicht um ein entweder oder sondern:
Immer ist es derselbe Gott, der sich uns offenbart, ob in der Natur oder im verborgenen Raum hinter verschlossenen Türen... und wer sich entscheidet, die Stille im Wald oder am Meer zu suchen, bereichert die Stunden hinter "verschlossenen Türen" enorm. Und andersherum: Zeit in der Stille, in der Kontemplation vor Gottes Angesicht, übt uns darin, die uns umgebende Natur mit anderen Augen und Ohren wahrzunehmen. 
In der Frömmigkeit meiner Kindheit habe ich gelernt beim Beten die Augen zu schließen. Den Weg nach innen zu gehen. Ich besuche diese "Schule" immer noch (bin gefühlt erst an den Anfangslektionen!). Ich versuche die verborgenen Zeiten mit Gott zu pflegen, weil sie der Lebensatem für meine Seele sind. Aber in den letzten Jahren (und nicht zuletzt durch das Schreiben auf diesem Blog) lerne ich immer mehr, beim Beten meine Augen weit zu öffnen. Ich finde Gott am Bach, unter Bäume und auf dem schneebedeckten Feld. Als ich heute morgen müde, durch die kurze Nacht, durch die Winterlandschaft gestapft bin, sind  ein paar Rehe aus dem Dickicht gebrochen und über das freie Feld gejagt. Ich stand staunend und mit klopfendem Herzen da.
 
 
 

Irgendwo habe ich gelesen, dass der Anfang der Anbetung das Staunen ist. Das Betrachten. Das Wahrnehmen. Es ist nichts unwichtiges!  Und so wie es einen Künstler ehrt, wenn wir aufmerksam seine Gemälde betrachten so ehrt es Gott, wenn wir aufmerksam sind. Alice Walker drückt es ein wenig anders aus:
I think it pisses God off if you walk by the color purple in a field somewhere and don`t notice it! 
Das finde ich klasse. Ich glaube zwar nicht, dass Gott genervt ist, wenn wir achtlos an den Schönheiten vorbeilaufen, aber dass er sich freut wann immer wir sie wahrnehmen, das glaube ich! Auch weil er weiß, dass es unser Herz mit Freude füllt!
 
Am vergangenen Sonntag wären wir fast an so einer Schönheit im Auto vorbeigedüst: Ein zugefrorener See, mitten im Wald! Ich konnte es kaum fassen! Sogar der Sohn staunte, der bis zu diesem Moment schimpfend auf der Rückbank saß (weil die Mutter unbedingt rauswollte und zwar angeboten hat, dass er Zuhause bleiben kann, aber die Fernbedienung für den Fernseher eingesteckt hat - manchmal muss man jungen Menschen zu ihrem Glück zwingen! :-)).  Und dann setzten wir unsere Füße auf den Waldsee, durch den wir im Sommer schwimmen. Zuerst vorsichtig und ungläubig lachend. Dann schlitterten wir jauchzend übers Eis! Mit weit geöffneten Augen! Und ich glaube Gott hat uns voller Freude dabei zugesehen.








 


Gott, der du die Stille geschaffen hast

und den Specht

die Eisvögel

und Schneekristalle 

den kleinen Bach

und die tiefen Seen

und uns Menschen

mittendrin

Ich bewundere deine Werke

Dienstag, 9. Januar 2024

Zeit nehmen

Nun ist es da - das neue Jahr. Gefühlt habe ich doch gerade erst unsere Weihnachtsdeko im Wohnzimmer verteilt!?  Heute morgen mahnt mein weihnachtsmuffliger Mann, dass ich doch  bitte alles Glitzernde wieder in den Keller räumen sollte. Ich signalisiere die Bereitschaft, unseren Stoff-Weihnachtsbaum zusammenzufalten (auch wenn er überhaupt nicht nadelt!) und  ringe ihm im Gegenzug dafür ab, dass der Herrnhuter Stern weiterleuchten darf. Schließlich geht der Weihnachtsfestkreis des Kirchenjahrs  bis zum letzten Sonntag nach Epiphanias, dieses Jahr bis zum 28.Januar! (schlaues Internet, ich danke dir!) Ich merke, dass ich das Leuchten noch ein wenig brauche. Dieses Gott-mit-uns der Weihnachtszeit soll seinen Schein noch auf die ersten Wochen dieses Jahres werfen. Vielleicht ist es auch das Bewusstsein, das mit zunehmendem Alter in mir wächst, was für ein Geschenk unsere Lebenszeit ist. Und wie kostbar ist das, wenn wir uns für die wichtigen Dinge auch ausreichend Zeit nehmen können! Das habe ich gemerkt, als wir mit Freunden über Silvester auf einer Hütte, nur 20 Minuten weit weg von hier, waren. Es war sehr kalt dort und die Schlafzimmer so feucht, dass ich kaum schlafen konnte (sehr verlockend die 20 Minuten nach Hause zu fahren!). Aber es gab einen Kachelofen im Untergeschoß und einen langen Tisch mit dem hässlichsten Wachstuch der Welt. Wir haben eine festliche Decke darüber gebreitet und dann saßen wir zusammen und hatten Zeit miteinander. Zwei volle Tage. Zum Spielen. Reden. Essen. Spazierengehen. Reden. Essen. Spielen. Und nochmal spielen. Ehrlich: Wenn wir eine Runde mehr "Mord in Palermo" gespielt hätten, wäre vielleicht tatsächlich ein Mord passiert, aber ansonsten tat es einfach so richtig gut. Es erinnert mich an das was Tomas Sjödin geschrieben hat: 

Im Zusammensein blitzt etwas Göttliches auf, das wir selbst nicht geschaffen haben. Wenn wir das Nizäische Glaubensbekenntinis sprechen sagen wir: "Wir glauben..." und nicht: "Ich glaube...". Der eigene Glaube ist etwas, in dem andere mich mittragen - und etwas was ich anderen als Geschenk weitergebe. Es geschieht an langen Abenden, wenn wir die Teller beiseitegeschoben und die Beine hochgelegt haben und wenn in unser Reden Ruhe gekommen ist, dass ich Gottes Gegenwart am stärksten spüre. Etwas unbegreifliches, nicht Fassbares.
Genau das haben wir an der langen Tafel erlebt. Als die Ruhe in unser Reden kam. Und dann dieses EINE Gespräch Platz hatte, das wie ein scheues kleines Tier, nur dann auftaucht, wenn wir lange genug miteinander im Kerzenschein oder am Lagerfeuer ausgeharrt haben. Dieses göttliche Aufblitzen im Zusammensein, von dem Sjödin schreibt. Es ist jede schlaflose Stunde wert! 

Im Anschluss kamen dann noch ein paar weitere kurze Nächte dazu. Dieses Mal in einer wilden großen Menge auf der MEHR-Konferen; mit der wunderbare Maria Esther Magnis und viele anderen gute Worte von der Bühne und dazwischen wieder wertvolle Zeit mit Freunden am Kaffeetisch (Grüße nach Hurlach!💛).

Unsere Zeit ist etwas so kostbares! Eine begrenzte Ressource, die uns hier auf dieser Erde geschenkt wird. Daran will ich mich erinnern. Jetzt, wo das neue Jahr noch vor uns liegt wie eine stille unberührtbare Landschaft und sich hinter uns schon wieder so viel Drängendes aufbaut, was man jetzt endlich anpacken sollte. Wir können losspurten oder aber noch ein paar Abende mehr im Lichtschein der Kerzen sitzen und hinhören, wie wir unsere Zeit in diesem Jahr verbringen möchten. Neben den ganzen Verpflichtungen des Alltags. Magst Du vielleicht mit mir ein wenig zusammensitzen? Unterm Herrnhuter Stern. Mit dem Gott, der mit uns ist. Du kannst auch noch kurz eine Tasse Tee holen. Ich warte solange hier. Dann könnten wir zusammen darüber nachdenken:
 
Welcher Sache will ich in diesem Jahr Zeit schenken?
Wofür brennt gerade mein Herz? Was will ich neu lernen? Worin würde ich mich gerne vertiefen? Welche Fäden will ich gerne in die Hand nehmen? Wonach sehne ich mich?

Was ist in dieser Zeit meines Lebens 2024, eine günstige (Kairos)Zeit , die ich nutzen möchte?  
Nicht gehetzt und getrieben sondern im Sinne von: Dinge gut sein lassen, für das was JETZT ist. Zum Beispiel in meinem Fall: die Bereitschaft zuzuhören und mir Zeit zu nehmen, wenn das bald pubertierende Kind am Ende eines langen und anstrengenden Tags bereit ist, ein wenig von seinem Herz mit mir zu teilen - das ist auch jede schlaflose Stunde wert;-). 

Was will ich in diesem Jahr lassen?   
Was will ich ruhen lassen? Und womit will ich mich selbst oder andere in Ruhe lassen? Vielleicht gibt es eine Verpflichtung, die mir zu schwer geworden ist und aus der ich mich, mit Gottes liebevoller Hilfe, entlassen darf. Es gibt ja so vieles was man nicht muss! ;-). Was will ich, wie ein Gepäckstück, bei meinem Schöpfer abgeben und sagen: Nimm du das. Du kannst es halten. Mir wird das jetzt wirklich zu schwer. (Und es gibt auch sehr lebhafte und anhängliche Gepäckstück, die man mehrmals abgeben muss. Aber die Entscheidung ob es weiter zu mir gehören soll, kann ich jetzt treffen). Und diese eine dumme Sache, die ich lange genug (nach)getragen: die könnte ich doch auch im alten Jahr zurücklassen.

Was will ich beibehalten?
Welche Zeit am Tag, welche Gewohnheit, die ich aus dem vergangenen Jahr mitbringe, tut mir richtig gut? Der Spaziergang. Die Rückengymnastik. Das Abendgebet.  Vielleicht auch alles zusammen:-). Dann gilt es, wie auf dem Flughafen: Auf das Gepäck achten, dass es nicht verloren geht.
 
Mit welchen Menschen möchte ich in diesem Jahr gerne zusammen sein? 
Wen möchte ich an meinen Tisch einladen? Und auch das: Wie groß die Tafel ist, die mir zur Verfügung steht? Was ist mir möglich? Wo sind meine Begrenzungen? Und: Wo will ich mich einladen lassen? Offine und Online. Wem will ich folgen und von wem will ich mich "ent-folgen"? Und mit welchen Menschen will ich gemeinsam mein Glaubensbekenntnis sprechen? 

Welche Zeiten halte ich mir heilig?
Ganz  in dem Sinne wie es Sjödin schreibt: Eine  besondere Zeit, in der ich mich für das eine verschließe und für das andere öffne. Wo schaffe ich mir ganz bewusst Qualitätszeit für die wunderbare, heilsame Freundschaft mit meinem Schöpfer?

Ich glaube es macht Sinn sich diesen Fragen zu stellen bevor die Termine wieder unsere Kalender füllen. Wir dürfen uns die Zeit dafür nehmen. Mindestens bis zum 28. Januar!


Donnerstag, 21. Dezember 2023

Joy to the world!?

Es ist kurz vor Weihnachten. Ich weiß nicht wie es euch geht, aber "Joy to the world!" klingt nicht gerade wie die ideale Überschrift für diese Zeit. Nicht für Israel. Nicht für Gaza. Nicht für die Ukraine. Nicht für den Freund, der sich an Weihnachten zurückzieht und hofft, dass die Tage schnell vorüber gehen. Nicht für die Freundin, deren Familiensituation voller Konflikte ist, die liebend gern an den Feiertagen eskalieren. Nicht für die Familie der Bekannten, die gerade ihren Sohn begraben mussten. Es ist so wie ich es kürzlich irgendwo gehört habe:  It`s easier to be sad than to be glad.
Es ist wirklich leichter traurig zu sein als sich zu freuen. Und alle blinkenden Lichterketten können darüber nicht hinwegtäuschen. (Also nichts gegen Lichterketten - ich mag sie. Nur nicht wenn sie blinken- davon bekommen ich Migräne;-)). 
 
Ich finde es spannend, dass die Advents- und Weihnachtszeit in der Kirchengeschichte bis vor ungefähr 100 Jahren  eigentlich immer den Fokus auf das zweite Kommen von Jesus gelegt hat. Es war eine Zeit, die angefüllt mit der Sehnsucht war: Komm Herr Jesus! Komm bald. Komm, dein Volk zu trösten! Komm, die Tränen abzuwischen! Komm und bringe Frieden und Gerechtigkeit... In dieser Adventszeit hat mich auch diese Sehnsucht gepackt.
Und nun? Landen wir wieder vor der Krippe und blicken auf ein wimmerndes Baby. Klein und verletzlich liegt es da, zwischen dem Stroh, daneben eine unsichere Erstgebärende. Wenn es ihr geht wie mir, in der ersten Zeit meines Mamaseins, dann hofft sie einfach nur, dass sie diese zerbrechliche Wesen irgendwie groß bekommt und nicht vorher kaputt macht. Ich hatte oft Angst, dass ich mich im Schlaf auf mein Kind rolle und es buchstäblich unter meinem Gewicht begraben wird. Gott sei Dank ist das nicht passiert!
Was mir in jedem Jahr, mit der Beschäftigung mit der Weihnachtsgeschichte, immer ein bisschen klarer wird ist folgendes: Gott ist MIT uns! So wie sich Maria nie mehr ohne Jesus denken konnte. So wie dieses Kind ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Wie er Unfassbares wahr gemacht hat. Und wie sie unbegreifliches Aushalten musste. Wie sie vor ihrem sterbenden Kind stand und nichts tun konnte. Wie er dann den Tod wie einen lästigen schweren Mantel einfach abgelegt hat. Wie er ihr vielleicht zugezwinkert hat und sie ahnte: Am Ende ist das ein großer hoffnungsvoller Anfang. Für mich. Für Israel. Und für die ganze Welt. 
 
Jedes Jahr aufs Neue legen wir diese Geschichte wie eine Blaupause über unser Leben und über diese Welt. Und wir buchstabieren die Hoffnung in ihr. Für alles was war. Für das, was ist. Und für das, was auf uns zukommen mag. Und mit jedem Jahr wächst sie ein Stück mehr in mir. Die Hoffnung. Sie ist schon so groß, dass ich nicht mehr fürchte ich könnte sie mit meinem Gewicht begraben. Nicht mit dem Gewicht dieser ganzen Welt, meine ich Jesus flüstern zu hören. Unter den Trümmern unserer Welt lebt die Hoffnung. Sie ist unkaputtbar. 
 
Immanuel. Gott MIT uns. 
 
Und: Jesus kommt. 
 
Fürchte dich nicht.


 Honest Advent, Scott Erickson



Ich wünsche euch allen gesegnete Weihnachtstage!
 
Und von Herzen DANKE für euer treues Mitlesen, auch in diesem Jahr!!! 💛
Wir lesen uns wieder 2024. 

Dienstag, 12. Dezember 2023

Ein Moment im Advent

Nun ist schon die erste Hälfte der Adventszeit vorüber und ich versuche weiter weniger Worte zu machen. Trotzdem will ich wenigstens einen kleinen Adventsgruß an euch schicken. In diesen besonderen vier Wochen, die sich leider oft so anfühlen, wie die volle Lebenszeit mit kleinen Kindern, in der man den gutgemeinten Rat hört: "Genieß die Zeit! Sie geht so schnell vorbei!" Und man kann nur völlig übermüdet, mit breiverschmiertem Oberteil rätseln, was genau man an dieser Zeit so ganz besonders genießen soll. Bis dann diese kleinen Momente auftauchen. Die weiche, warme Hand, die sich um deinen Finger schließt. Dieser wunderbare Geruch des Baby-Nackens, wenn es endlich friedlich schlafend neben dir liegt. Das Glück wenn allein dein Erscheinen die Tränen auf einen Schlag versiegen lassen (das dreht sich in der Pubertätszeit leider völlig ins Gegenteil;-)). Ich muß immer wieder daran denken, was die Autorin Glennon Doyle zum Thema Carpe diem (den Tag nutzen) so wunderbar geschrieben hat:  

Es sind meistens nicht die ganzen Tage die einfach nur gut sind und die wir genießen können - es sind die kleinen Momente, die Augenblicke, in denen wir mitten im täglichen Chaos innehalten und plötzlich etwas wirklich, richtig sehen. Vielleicht etwas was eigentlich schon den ganzen Tag da war. Aber jetzt SEHEN wir es.

Diese Augenblicke liebe ich in der Adventszeit - zwischen dem tägliche Chaos, dem Geschrei und den halbherzigen Versöhnungsversuchen: Die kleinen Momente, in denen ich etwas wirklich richtig sehe! Wenn ich morgens im Halbdunkel die Kerzen am Adventskranz anzünde. Wenn ich den Rolladen hochziehe und der erste Schnee gefallen ist. Wenn ich nach draußen gehe und der Schal mir um die Ohren weht und ich die geschmückten Fenster der Nachbarhäuser bewundern kann. Oder wenn ich die alten Texte lesen und die vertrauten Lieder höre und mich für einen Moment daran wärmen kann. Macht hoch die Tür. Tannenduft und Winterpunsch. Kindheitserinnerungen Raum geben. Und der Liebe!  Der beste Moment in diesen Tagen ist der, wenn ich mich am frühen Abend kurz in unser Schlafzimmer schleiche. Ich zünde eine Kerze an und bin einfach da. Ich tue nichts. Was mir in den ersten Minuten wirklich sehr, sehr schwerfällt. Meine Gedanken gehen in tausend Richtungen. Und tausend Mal fange ich sie wieder ein. Und wenn es langsam ruhiger in mir drin wird, stelle mir vor, dass ich ein wenig mit Gott warte. Dieser himmlische Vater, der allein mit seinem Erscheinen, alle Tränen versiegen lassen kann. Der auf uns wartet. Immer. Voller Liebe. In jedem Moment unseres Tages. Auch in diesem. In dem ich das hier eintippe. In dem du das hier liest. Die Liebe umfängt uns. Sie greift nach uns, wenn wir ihr nur einen kleinen Finger hinhalten. Wir dürfen immer wieder dahin zurückkehren. Herz nach Hause bringen. Tausend und Ein Mal am Tag. Was ist das für ein Glück! Und es hält nicht nur vier Wochen an. Immanuel. Gott mit uns. Ein ganzes Leben lang.

In diesem Sinne wünsche ich euch gesegnete Momente in der Advents- und Weihnachtszeit!



Und falls ihr gerne ruhige Momente mit einem Buch von mir verschenken möchtet (oder euch selbst damit beschenken wollt): wenn ihr bis Ende dieser Woche, innerhalb Deutschlands, bei mir bestellt, ist es garantiert bis Weihnachten bei euch. Und das Licht beim Lesen gibt's im Doppelpack gratis dazu (entweder gleich die gewünschte Aufschrift angeben, oder ich suche eine für euch aus ). Einfach eine mail an chris.f@freenet.de





Dienstag, 21. November 2023

Worte fasten

Eben komme ich von einem kleinen Spaziergang zurück. Ich merke immer wieder, wie gut mir das tut: kurz nach draußen gehen, wenn es gerade mal nicht regnet. Was im November gar nicht so einfach ist! Da heißt es spontan sein. Es regnet nicht? Alles liegenlassen und rausgehen. Gedanken ausführen.  Manchmal ist nämlich in meiner Oberstube ein Gedränge, das schlimmer ist, als auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt! Dann muss ich dringend ein bisschen Luft zwischen die ganzen Worte lassen. Und jetzt, wo ich wieder hier am Schreibtisch sitze merke ich, dass es genau das ist was ich in den nächsten Wochen tun will. Weniger Worte machen. In die Adventszeit, die schon um die Ecke liegt, nicht mit vollen Händen stolpern. Ich will, nach einem ziemlich vollen Jahr und vielen wunderbaren Begegnungen, wieder das Stillwerden lernen. Auch hier. Ich will versuchen bis Jahresende nur wenig zu schreiben. Ein bisschen Platz freiräumen. Herberge sein. Falls Jesus Raum braucht. Mal schauen ob es mir gelingt. 

Früher war die Adventszeit eine Fastenzeit. Daran erinnert mich Heio jedes Jahr, wenn ich glücklich die erste Packung Dominosteine aufreiße. Also das mit dem Essenfasten klappt bei mir leider sehr schlecht. Schon allein wenn ich jetzt daran denke, drängt es mich in die Küche zu eilen und mir ein Marmeladebrot zu schmieren. Ich glaube das liegt in meinen Genen. Im Gegensatz zur Familie meines Mannes (alles etwas zu dünne Menschen!)  waren wir zuhause gute Esser. Und dieser Begriff wurde durchaus als Kompliment verstanden. 
Neulich hat ein Mitglied meiner Herkunftsfamilie verkündet, dass sie einen Tag fasten möchte. Also nur Säfte. Und Suppe. Gegen Mittag bekam ich eine Nachricht von der Person, dass sie nun doch zum Danielfasten übergehen würde (irgendein starker innerer Eindruck).  Musste kurz in der Bibel nachschauen, was das ist. Aha. Gemüse und Obst geht also auch in Ordnung. Am späten Nachmittag bekam ich dann ein Bild von einem Teller voll beladen mit Maultaschen geschickt. Kann mir zwar nicht vorstellen, dass Daniel am babylonischen Königshof Maultaschen bekam, aber gut. Ich habe vergessen, welche Auswüchse das Fasten dann am Abend angenommen hatte (Kakao ist ja auch eine Frucht, die an Sträuchern wächst, wenn man es genau nimmt, oder?), aber ihr versteht was ich meine. Genau das passiert, wenn jemand aus meiner Familie sich entscheidet zu fasten. Am Ende des Tages essen wir mehr als wir üblicherweise essen würden. 
Ich hoffe das geht mit jetzt nicht auch so, wenn ich hier schreibe, dass ich weniger Worte machen will. Genau jetzt fällt mir nämlich noch ganz viel ein, was ich euch unbedingt noch gerne schreiben würde. Und am Ende wird dieser Beitrag dann womöglich länger als gewöhnlich. Deshalb mache ich jetzt besser Schluß. Ich will wieder mehr Zuhören. Diese Einladung annehmen, die ich gerade in mir spüre, einfach ein wenig bei Jesus zu sitzen. Nicht viel zu sagen und tun. Was mir fast so schwer fällt wie das Essenfasten. Aber ich will das einüben. Auch als kleine Vorbereitung für die Adventszeit.
 

Herr, mach mich still.

Und rede du. 

Amen. 



Mittwoch, 15. November 2023

Ein schwieriger Besucher

Gestern hat es bei uns so richtig gekracht. Es ist die Pubertät, die mit matschigen Stiefeln und jeder Menge sperrigen Gepäckstücken und einem Schlafsack im Hausflur stand und mit einem gewaltigen Rums die Türe zugeschlagen hat. Ich fürchte  sie wird sich nun häuslich bei  uns einrichten. Für die nächsten Jahre. Oh weh. Ich fühle mich überhaupt nicht gut vorbereitet auf diesen schwierigen Besucher! Abends krame ich hektisch nach dem Buch, das ich mir vor einiger Zeit bestellt habe, das aber neben spannenden Romanen immer den kürzeren gezogen hat.  


Bis spät in die Nacht habe ich darin gelesen, nachdem ich die Sache mit dem Einschlafen aufgegeben habe. Zum ersten Mal, seit 12 Jahren, habe ich es nämlich nicht geschafft mich am Abend mit meinem Kind zu versöhnen. Ich war so sauer über sein Verhalten - ich hätte mindestens noch eine Abendstunde mehr gebraucht um mich zu beruhigen, um dann ein friedliches Gespräch führen zu können. Alles was ich noch geschafft habe war, ihn mit zusammengebissenen Zähnen zu segnen. Wie jeden Abend. Ein kurzer Moment, der ein wenig Ruhe in mein Herz gebracht hat. Die Bereitschaft zu segnen was ist. Gottes TROTZDEM, seine Gnade über uns auszusprechen. In meiner ganzen Hilflosigkeit. Das tat gut. 
Nach dem Amen hat sich das Kind (das nun ja eigentlich kein Kind mehr sein will, und meins schon gar nicht!) wortlos zur Wand gedreht und schlief unverschämt schnell ein. Was mich wieder etwas in Wallung brachte (Hitzewallungen gibt es in meinem Alter passenderweise auch gleich Gratis dazu!) Also lag ich bei offenem Fenster und mit klopfendem Herzen im Bett und blätterte im obigen Buch. The emotional lives of teenagers. Die Autorin und Psychologin Lisa Damour bringt mir darin die Lebenswelt eines jungen Menschen nahe, dessen Gehirn im laufenden Betrieb und ganz ohne Narkose (für die Eltern!) umgebaut wird. Sie erzählt von verzweifelten Eltern, von Auseinandersetzungen, die den unseren fast punktgenau ähneln, denen sie auf ihre Beschreibungen schlicht antwortet: "Ich wäre sehr besorgt, wenn es anders wäre!" Und sie fügt hinzu:

Wenn jeder seinen Job macht, dann gibt es in der Pubertät aufsässige Teenager, die für mehr Freiheit und Eigenständigkeit kämpfen als ihnen gut tut, und Eltern, die zu vielem Nein sagen müsssen, ein paar vernünftige Regeln aufstellen und Konflikte nicht vermeiden sollten.
Hört sich nach einer Menge Spass an. Besonders für harmoniebedürftige Menschen, zu denen ich mich leider zähle. Ich mag ein friedliches Zuhause! Aber die Pubertät, dieser fiese Besucher, scheint da ganz anderer Meinung zu sein (er hat wohl auch ein paar Boxhandschuhe im Gepäck). Lisa Damour schreibt ganz gelassen:

Lasst uns nicht versuchen Konflikte zu vermeiden, sondern wann immer möglich konstruktive Auseinandersetzungen zu haben. Das Kennzeichen für einen konstruktiven Konflikt ist, dass jede Seite versuche die Perspektive des anderen zu verstehen.
Klingt gut. Und Papier ist ja bekanntlichermaßen - im Gegensatz zu mir! - sehr geduldig. Aber ich will versuchen, das zu verstehen. Ganz konkret empfiehlt die Autorin: Nachdem sich die ersten heftigen Gefühle verzogen haben und man wieder in der Lage ist miteinander zu reden und nicht zu schreien, sich hinzusetzten und zu sagen: "Pass auf, mein geliebtes Kind, ich versuche jetzt mal die Situation von deiner Perspektive aus zu sehen. Wenn ich fertig bin, dann sag mir was ich falsch verstehe oder wo ich etwas wichtiges vergessen habe." Und dann bitte dein Kind das Gleiche für dich zu tun. Und wenn wir solche Gespräche führen, wann immer wir einen anderen Blickwinkel einnehmen und ihn in unseren eigenen Worten vor dem anderen aussprechen, dann - so folgert Damour - wird das fast ausnahmslos Empathie erzeugen. Ich ahne, dass ich in den nächsten Jahren mindestens so viel lernen kann wie mein Kind;-).  (und ich finde diese vorgehensweise würde unserer ganzen Gesellschaft und unseren Gemeinden sicher auch sehr gut tun!) 
 
Mit einem tiefen Seufzer klappe ich kurz nach Mitternacht das Buch zu. Ich kann nur noch müde beten: "Jesus, bitte hilf mir. Ich brauche dich so sehr!!!" Und ich meine ihn lächelnd sagen zu hören: Ich wäre sehr besorgt, wenn es anders wäre.

 

Mittwoch, 8. November 2023

Kleine Zeichen

Diese Woche ist, zwischen Arztterminen, Lesungen und der Dringlichkeit von Herbstspaziergängen, nur wenig Zeit zum Schreiben. Die Gedanken wirbeln in meinem Kopf wie die Herbstblätter vor dem Fenster und auch die Weltlage rüttelt weiter gewaltig an meiner Seele. Dabei stelle ich fest wie wunderbar meditativ Laub rechen sein kann! Und weil der Mann es wieder mal nicht geschafft hat den Walnussbaum im Garten zu beschneiden, schenkt er mir ausreichend Zeit für meditative Übungen. 
In mein Tagebuch habe ich heute morgen über unsere letzten Tage geschrieben: Gesegneter Alltag. Das empfinde ich immer mehr als großes Geschenk. Diese kleinen täglichen Handlungen. Den Frühstückstisch abräumen. Mülltonnen nach draußen bringen. Schreiben. Aufräumen. Essen kochen. Die Freundin auf eine Tasse Tee treffen. Hausaufgaben kontrollieren Nerven verlieren und wiederfinden. Abendsonne. Feuer im Ofen. Müdigkeit. Letzte Handgriffe. Ein Buch auf dem Nachttisch. Einschlafen. Keine Schmerzen, die mich wachhalten. Nur die großen Sorgen der Welt, die ich in die Hand Gottes legen kann. Jeden Abend. Und jeden Morgen. Aufstehen. Ausreichend Gnade einsammeln. Und SEIN Lächeln auffangen. Nie allein sein. Gesegneter Alltag...

Und draußen der Herbst! Der tagsüber das Wetter so launenhaft wechselt wie eine Diva ihr Outfit. Gestern bin ich bei strahlendem Wetter losgelaufen, dann fielen dicke Tropfen aus einer herrlich dunklen Wolke, die dann vom Wind wieder davongejagt wurde. Und dann: das schönste Zeichen am Himmel! Ich glaube so viele Regenbögen wie in diesem Jahr habe ich lange nicht gesehen. Vielleicht brauchen wir es gerade ganz besonders. Diese Erinnerungszeichen. An Gottes Treue. Dass es nicht aufhören wird. Mit Saat und Ernte. Sommer und Winter. Tag und Nacht. Und gesegnetem Alltag. Mittendrin. In allen Stürmen dieser Welt. Kleine Liebeszeichen am Wegrand. Auch unter dunklen Wolken. Immer wieder denke ich an diese Worte von Helmut Thielicke:

Der ruhende Pol, inmitten aller verwirrenden Unruhen ist die Treue Gottes

 


 




Und wer am Wochenende gerne auf eine gemütliche Musiklesung in Esslingen vorbeischauen möchte, Freitag zum Thema "Heimat suchen und HImmel finden" und Samstag "Slow living - aus der Ruhe leben", ist herzlich eingeladen (man kann sich hier noch anmelden).