Montag, 8. Juli 2019

Sturmstillung (ein Gastbeitrag)


Vor einiger Zeit habe ich ein Interview mit dem Schriftsteller Eugene Peterson gehört. Auf die Frage was er Menschen sagen möchte die gerne schreiben würden, antwortete er (frei übersetzt): Mach es einfach! Schreib so wahrhaftig wie möglich. Erzähle deine Geschichte einem Menschen oder vielen. Wir können niemals genug Geschichten hören!  Das finde ich auch. 
 Und neulich, beim Kaffeetrinken mit meiner Freundin Chrissi musste ich genau daran denken. Sie ist Grundschullehrerin, mit so viel Herz, dass ich jedes Kind beneide, das in ihre Klasse gehen darf (und sie hat mich schon oft in Erziehungsfragen beruhigt - ich bin NICHT die bescheuertste Mama von allen und das Verhalten vom Kind ist auch ziemlich  normal ;-)). Sie ist lustig und ehrlich und klug - wenn ich sie anrufe dann habe ich immer ein bisschen das Gefühl ich würde gerade mit C.S: Lewis telefonieren. Als sie mir gesagt hat, dass sie gerne mal etwas aufschreibe würde, war ich total begeistert! Ich habe Eugene Peterson zitiert und gesagt: "Chrissi, mach es einfach!"  Und sie hat es tatsächlich gemacht. Wahrhaftig und ehrlich. Es ist kein leichter Text. Aber er ist so tröstlich für alle, denen das Leben Wunden schlägt, die um Menschen weinen die sie lieb haben und die an manchen Tagen in dunkle Verzweiflung geschleudert werden (und auf dieser wunderbaren und kaputten Erde kann ja keiner von uns solche Zeiten umgehen). Lesen wir es als Trost für uns, oder für unsere Freunde, die gerade schweres erleben. Wir schreiben um einander zu sagen: Wir sind nicht alleine! Hab leider vergessen wer das mal gesagt hat - aber es trifft es so gut...
Aber genug meiner Worte: Es ist mir eine Ehre  diesen Text veröffentlichen zu dürfen!  Gönnt euch eine Tasse Kaffee, oder ein Glas kaltes Wasser - gönnt euch Zeit, und setzt euch zu Chrissi an den Tisch.




Sturmstillung


Müde und erschöpft sitze ich im Abendgottesdienst. Meine Gemeinde singt eines meiner Lieblingslieder:


You are a good good father

Schwarze Wolken ballen sich am Horizont auf.

I've heard a thousand stories of what they think you're like
But I've heard the tender whispers of love in the dead of night.
And you tell me that you're pleased
And that I'm never alone

Hmpf.
Ein 40. Geburtstag eines Freundes mit lauter Verheirateten, Familien und Gesprächsrunden mit „Wie hast du deinen Ehemann getroffen?“ „Noch nicht… (vielleicht.. nie)“ hatten ihre Spuren hinterlassen. „Du bist falsch, komisch, gestört, zu kaputt. Du wirst immer alleine bleiben.“ Altbekannte Lügen und Ängste hatten in der „dead of night“ gelauert und mich die ganze Nacht hindurch angegriffen….


Starker Wind kommt auf. Donnergrollen in der Ferne.

You're a good good father
It's who you are, it's who you are, it's who you are


Wirklich? Ernsthaft jetzt? Das ist gut?!

Drei Todesfälle in der letzten Woche. Ein Bruder eines Schülers war mit nur fünf Jahren gestorben. Eine 37 jährige Mutter von zwei kleinen Kindern ebenso. Ein Freund meiner Eltern. Krebs. 
Erste Blitze zucken. Die Wellen werden aufgepeitscht.

'Cause you know just what we need
Before we say a word.

Und warum tust du dann nichts?! Wenn du es doch weißt?!

Gespräche voller Tränen mit Freundinnen, die an ihrem unerfüllten Kinderwunsch zu zerbrechen drohen. Menschen— geliebte, bekannte und unbekannte -, die mit psychischen Krankheiten ringen und nach ihrem Herrn schreien. Die oft keinen Ausweg mehr sehen…

Der Sturm bricht mit aller Gewalt los.

Because you are perfect in all of your ways
You are perfect in all of your ways
You are perfect in all of your ways to us


Was bedeutet das überhaupt?!!
Wie Bilder erscheinen Menschen vor meinem inneren Auge: Viele meiner Schüler, die Lasten tragen, die für mehrere Erwachsene zu schwer wären. Gefangene in Teufelskreisen. Freundinnen, die schon jahrelang mit den Folgen von Missbrauch und Vergewaltigung versuchen zu überleben.
Der Sturm in mir verwandelt sich in einen vollständigen Tornado. Ich verlasse den Gottesdienstraum.


Der Tornado aus Fragen, Angst und Zweifel tobt die nächsten Wochen weiter und reist so vieles mit sich…Glaube…Trost…Sicherheit….Gottes Stimme.

Ich kenne ihn schon. Er fegt nicht zum ersten Mal durch mein Leben. Wie gesagt, ich hätte es wissen können.

Mit Gott zu leben ist für mich wie ein unsicheres Gehen auf dem Wasser an der Hand meines Herrn.  Und jetzt stehe ich auf dem Wasser, ein bescheuerter Tornado tobt mal wieder und ich sehe meinen Herrn nicht mehr.
Ich vermisse ihn.

„Ich habe Angst, Herr.“ „Siehst du den Schmerz? Die Verzweiflung der Menschen?“ „Wo bist du?“ „ Wie bist du?“ Tränen werden in den nächsten Wochen alltäglich.

Dann immer und immer wieder der Satz:
Der Herr ist denen nahe, die zerbrochenen Herzens sind.(Psalm 34,19)

Ich bemerke aber seine Nähe nicht. Ich verstehe ihn nicht. Ich sehe ihn nicht.

Ein Gedankenblitz. Ein Lichtstrahl.Was wenn Gott sich mir nahe fühlt, wenn ich ein zerbrochenens Herz habe?

Was wenn er mich versteht, wenn Leid, Schmerz und Dunkelheit mein Herz zerbrechen, weil sie auch seines brechen? Was wenn wir gerade gemeinsam weinen?


Der Tornado verliert an Gewalt. Das Toben wird leiser. Schemenhaft erkenne ich im Sturm wieder meinen Herrn.

Zwei Tage später höre ich seine immer lauter werdende Stimme wieder- im Gedicht von Nell Goddard:

Lay it down, my child
it was never yours to carry
set it down my love
it isn`t your to bear

You find me in the stillness
as you surrender all
Sit quietly at my feet again
for I won`t let you fall

Stop trying to rescue
when all you need is love
Cease your endless striving
know life can be tough

Lay it down my child
it was never yours to carry 
set it dowm my love
it isn`t yours to bear.

(Lege es ab mein Kind.
Du solltest es niemals tragen müssen.
Setze es ab, mein Liebes.
Es ist nicht deine Last zu tragen.

Du wirst mich in der Stille finden
beim Loslassen.
Setze dich wieder zu meinen Füßen.
Denn ich werde dich nicht fallen lassen.

Hör mit dem Retten wollen auf
Wenn alles was du brauchst Liebe ist
Hör mit dem Erreichen wollen auf, 
wisse, dass das Leben hart sein kann.

Lege es ab mein Kind
du solltest es niemals tragen müssen
Setze es ab, mein Liebes
es ist nicht deine Last zu tragen.)

So sitze ich Tränen überströmt zu den Füßen meines gekreuzigten und missbrauchten Gottes, der Leid und Dunkelheit trägt und lege es ab und lasse los.

Und der Sturm verstummt.
 
Stille.

Was ist das nur für ein Gott?

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