Donnerstag, 2. März 2017

Mittendrin

Gestern habe ich mein vorläufiges Manuskript an meine Lektorin geschickt. Wir haben es ein bisschen gefeiert (wie die meisten von euch wissen, bin ich dafür JEDEN Anlass zu ergreifen um Kuchen zu essen und Kerzen anzuzünden!) 


Heute morgen fühle ich mich ein bisschen verkatert - und das liegt nicht an der Überdosis Schokolade oder der Weincreme die Heio als Überraschung für mich gemacht hat. Ich schaue auf das Durcheinander in der Wohnung, denke an die vielen Dinge die in den letzten Wochen liegengeblieben sind und kann mich nicht aufraffen etwas davon in Angriff zu nehmen. 
In Gedanken bin ich noch bei allem was ich die letzten Monate geschrieben habe und was jetzt bald abgeschlossen ist. So vieles hätte noch gesagt werden können. (und vielleicht auch müssen) Aber es ist auch wichtig den Punkt zu finden. Anzuerkennen: Das ist das was ich im Moment habe. Meine Geschichten, meine Gedanken - und niemals die ganze Wahrheit! ,mein "Stand der Dinge" wie ich sie heute sehen  kann, mit meiner Stimme aufgeschrieben
Aber ich bin auch ein bisschen wehmütig. Dieses tägliche am Computer sitzen und Gedanken zu Geschichten machen - das wird mir fehlen!!! Ich muss an die weisen Worte von Anne Lamott denken die sagt, dass wir uns verabschieden sollten von der Vorstellung Veröffentlichungen und Erfolge würden unsere löchrigen Herzen füllen; stattdessen ist es der Prozess des Schreibens der uns erfüllen und tatsächlich auch ein wenig heil machen kann.  


Manchmal denken wir ja, dass uns erst die tollen Endergebnisse glücklich und froh machen werden. Das fertige Kunstwerk. Das Buch im Regal. Das renovierte Haus. Der blühende Garten. Das abgeschlossene Projekt. Das Essen auf dem Teller.  Und alles das macht uns ja auch glücklich. Für eine gewisse Zeit. Aber es gibt auch eine lebendigmachende Freude wenn etwas unter unseren Händen "am werden" ist. Wenn wir MITTENDRIN stecken. Wenn wir Gedanken aufschreiben, alles wieder löschen und Satz für Satz etwas neues entdecken. Wenn wir Wände einreißen und Staub schlucken und Farbeimer schleppen. Wenn wir den Teig kneten, Kräuter zerhacken und hektisch brodelnde Soßen abschmecken. Wenn wir Saatkörner verteilen, mit dreckige Hände, in kalter Luft und hartem Boden.

Heio ist in diesen Tagen wieder voller Freude am säen....

Kinder lieben das MITTENDRIN. Wenn sie am matschen, bauen und gestalten sind. Das fertige Produkt wird dann auch mit stolzer Freude wahrgenommen, aber manches mühevoll gebaute Legoteil wird auch schnell wieder auseinandergenommen, um nochmal neu anzufangen. Und das eine oder andere "Kunstwerk" wird schnell vergessen und ein anderes wird geschaffen (und man kann dann glücklicherweise manches unbemerkt im Papierkorb entsorgen :-))



Kinder wissen es vielleicht besser als wir, dass die Freude nicht am Ende wartet, wenn alles fertig ist. Freude begleitet uns, ist MITTENDRIN, während wir etwas "erschaffen". Kinder können sich am Ergebnis freuen, sind aber auch bereit es loszulassen - um wieder neues zu entdecken. 
Wie oft sitze ich der Lüge auf, dass mich "Dinge" dauerhaft glücklich und zufrieden machen. Wenn ich erstmal einen Bestseller habe, wenn wir nur eine größere Wohnung hätten, wenn wir Geld für einen tollen, langen Urlaub hätten...Alles das sind ja keine schlechten Sachen. Aber ich merke immer wieder: die Freude versteckt sich da, wo unter unsere Händen etwas "am werden" ist. Wo wir etwas tun dürfen was uns froh und lebendig macht. (auch wenn es noch so klein ist!) Selbstvergessen. Mittendrin. Und wenn wir etwas geschafft haben, dann können wir es loslassen - mit dankbarem und offenem Herzen. Bereit für das nächste was uns unter die Hände kommt.
Ich habe heute ein bisschen in dem wunderbaren Buch Big Magic von Liz Gilbert geblättert und dabei folgendes gelesen:
Irgendwann musst du deine Arbeit einfach abschließen und so, wie sie ist, in die Welt entlassen - und sei es nur, damit du frohen und entschlossenen Herzens fortfahren und andere Dinge schaffen kannst. Denn nur darum geht es...Ein Leben hat nur eine begrenzte Anzahl von Jahren. Man tut was an kann, so kompetent wie möglich, in einer vernünftigen Zeitspanne, und dann lässt man los.
Also lerne ich heute ein bisschen das loslassen. Und versuche frohen und entschlossenen Herzens andere Dinge zu schaffen. Einen Kuchen backen zum Beispiel. Hände in den Teig und Samu die Reste aus der Schüssel schlecken lassen. Die Freude "am werden" wahrnehmen. Denn - wie recht hat Liz Gilbert: wir haben nur eine begrenzte Anzahl von Jahren zur Verfügung. Ein Start und Endpunkt. Und MITTENDRIN ist das Leben.
 







Kommentare:

  1. wenn nur erst dies, wenn nur erst das --
    das hab ich neulich auch irgendwo gelesen. Da gings um die lieben Kleinen.
    […] Wenn er nur endlich reden könnte! Wenn er nur endlich in der Schule wäre! Wenn er nur endlich aus dem Gröbsten raus wäre! […]
    (Nebenbei -- wonach entscheidet sich das Gröbste?)
    und eh' man es sich versieht, ist der Kleine ein Großer und man hat die ganze Zeit verpasst, weil man sich nach der Zukunft gesehnt hat und vergessen, das JETZT zu genießen.

    Und ja, ich kenn das sehr gut: Hat man den Text erst abgegeben, an dem man viele Wochen gearbeitet hat, läuft man mit der Seele unterm Arm durch die Gegend, kann nichts mit sich anfangen und wünscht sich, wieder an seiner Schreiberei sitzen zu können.
    (hat unser Schriftstellerkollege Maarten t'Haart mal gesagt)

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