Montag, 24. Februar 2014

unfassbar.

Eben komme ich von meinem Wochenenddienst nach Hause. Es ist still hier. Heio und der kleine Sohn sind noch unterwegs. Innerlich bin ich schon bereit zur Türe zu eilen, um die Beiden in die Arme zu schliessen.

Es ist komisch: bei der Arbeit vergesse ich manchmal fast, dass ich Mann und Kind habe.
Ich habe über 10 Jahre in der Behinderteneinrichtung gearbeitet und fast die ganze Zeit davon war ich Single. Es waren gute Jahre, tolle Kollegen, Kinder bei denen ich meine  "Mamagefühle" ausleben konnte. Das hat den Kinderwunsch in mir erträglich gemacht (meistens zumindest!). Ich war dankbar, für dieses Geschenk, diesen besonderen Kindern meine Liebe geben zu können. 
Vieles hat sich in diesen Jahren ereignet: Kollegen haben geheiratet und Kinder bekommen, Einige haben neue Ausbildungen angefange oder sind in`s Ausland gegangen.
Auch Kinder sind gegangen. Manche haben in den Erwachsenen-Bereich gewechselt. Einige Kinder haben wir im Sterben begleitet. Für die jungen Kollegen, die jetzt dort arbeiten, sind es nur Namen und alte Fotos die noch vereinzelt an den Wänden hängen. Für mich sind es Erinnerungen; Geschichten...so viel wofür ich hier keine Worte finde.
So eine Einrichtung erlebt viel Wechsel. Ich bin dageblieben. Zu einer anderen,  treuen Kollegin habe ich ab und zu, halb im Scherz und oft auch ein wenig verzweifelt, gesagt: "wir werden hier wohl das Licht ausmachen."

Manchmal habe ich den mitleidigen Blick von Kollegen gespürt und sie haben mich gefragt: "Wolltest du eigentlich nie eigene Kinder haben?" (man beachte die Vergangenheitsform! ) und ich habe gesagt: " Da müsste erstmal der Mann dazu kommen." (man beachte die noch leicht hoffende Gegenwartsform:-)).
Und dann kam der Mann. Naja, eigentlich war er schon da, als Weggefährte, als bester Freund...und plötzlich, nach all den Jahren, kam die Liebe dazu. Unverhofft. Ein großes Geschenk.
Ich weiß noch wie aufgeregt ich war, mit meinen 39 Jahren, wie ich versucht habe es beiläufig bei den Kollegen in das Gespräch einzufügen: Worte voller Bedeutung, die atemlos zwischen zwei Sätzen zu Boden schwebten: "Mein Freund...heiraten..."
"DU!!!" Ungläubiges Lachen. Mitfreuen. Sie haben bei unserer Hochzeit mitgefeiert und sich innerlich bestimmt immer noch ein wenig die Augen gerieben. 
Und dann saß ich ein Jahr später nervös bei der Teambesprechung um ihnen etwas wichtiges mitzuteilen. Auch hier war die Reaktion freudig überrascht: "DU bist schwanger!? Wahnsinn!"
Vor Jahren hatte ich meiner Schwester gesagt, sie könne jetzt die Kinderklamotten verschenken, die sie für mich aufbewahrt hat. Ich hatte versucht, damit abzuschliessen, es loszulassen und innerlich Frieden mit meinem Weg zu finden.
Im Alter von 42 Jahren hielt ich dann unseren kleinen Sohn Samuel im Arm. Unfassbar.
(und wir bekommen soviele Klamotten von Freunden, dass mir die Kleider von meiner Schwester nicht fehlen:-)).



Fast 3 Jahre später, stolpere ich darüber, verfange mich in dem Staunen, reibe mir die Augen und frage mich, wann das denn alles passiert ist. Neulich habe ich in einem Buch geblättert in dem eine junge Mutter diesen Satz geschrieben hat:
 "...und manchmal schaue ich mir selbst beim Mama sein zu, wie durch ein beleuchtetes Fenster von der Strasse aus, und kann es kaum fassen dass ich es bin."

Genau so ist es. Und wenn ich dann , wie heute, in meiner alten Umgebung bei der Arbeit bin, dann fühlt es sich so an, als wäre noch alles beim Alten. Ich muss fast Lachen wenn ich im Gespräch  "mein Sohn" oder "mein Mann"  sage, weil ich denke: "Was redest du denn da?". Und dann komme ich nach Hause in meine Wohnung, so wie heute und frage mich wer all die Spielsachen hier verstreut hat und was das Ehebett hier macht:-). Nicht zu fassen.

Ich schreibe das alles in dem Bewusstsein, dass hier nicht nur Verheiratete und Mamas lesen. Für manche ist mein Glück eine schmerzhafte Erinnerung an ihre Sehnsucht die nicht oder noch nicht erfüllt wurde. Und ich will damit auch nicht sagen, dass erst Mann oder Kind ein Leben sinnvoll machen (damit würden wir uns gegenseitig auch völlig überfordern!).
Es ist eher so, dass ich hoffe, dass meine Geschichte ein wenig Mut machen kann.
Manchmal steckt man so lange in einem bestimmten Lebenssituation fest, dass die Vorstellung es könnte sich noch etwas verändern fast unmöglich scheint. 
Manchmal kommen Dinge erst dann um die Ecke, wenn man schon nicht mehr damit rechnet.
Manchmal reden andere schon in der Vergangenheitsform über etwas, was dir noch passieren wird. Manchmal erleben wir nur einen Vorgeschmack von dem was noch an unfassbar Gutem auf uns wartet. ..Manchmal kommt aus alten, knorrigen Ästen plötzlich blühendes Leben.

Samuel ist hebräisch und heisst: "Gott hört!" oder "Gott hat erhört".
Er hört sogar die Bitten,die man sich nicht mehr traut laut auszusprechen.
Lass es dir von einer fassungslosen, alten, jungen Mama gesagt sein: 
(Das ist das Lied, das wir bei Samus Segnung gespielt haben. Von einem Samuel gesungen:-))  


Kommentare:

  1. und ich sitz jetzt hier, beim Lesen deiner Zeilen und denke ständig: unfassbar! auch mein Sohn heißt Samuel! auch zu mir/uns, passt die Bedeutung des Namens. auch ich bin gläubig. und glaube das Gott uns "gehört" hat damals, vor zwei Jahren. und es immer noch tut. Tag für Tag. dafür bin auch ich, unendlich dankbar! auch ich habe vor Jahren erkannt, als auch ich "feststeckte", das Gott seinen Plan für mich hat. das ich nur "durchhalten" muss, es wird schon noch was kommen...und so war es! auch ich habe damals gedacht: unfassbar! aber alles hat eben seine Zeit... ((; Alles Liebe, Mina ❤

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  2. Liebe Mina! Das ist schön, dass bei Euch auch ein "Samuel" aufgetaucht ist!
    Danke für dein Kommentar! Schön, dass du hier vorbeischaust.
    Liebste Grüße und Segen - drück euren Samuel von mir :-).

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  3. Juhuuuu Chris,
    ach duuu, das ist aber ein schönes Häusle, wo der Bär drin wohnt.
    Du hast schon recht, wie du das interpretiert hast, doch trotzdem denke ich, dass das Leben auf dem Land, viell. in einer Gemeinschaft von Menschen einiges anders läuft.
    Und dass du dich nach Natur & Leben nach den Jahreszeiten sehnst ist auch ganz normal. Trotz allem: bei euch Zuhause ist es gemütlich, warm, einladend, friedlich usw. Ihr habt schon eine ganze Menge Insel ganz spürbar, auch wenn du sie selbst nicht immer wahrnimmst ...
    LG Nic

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  4. Hallo! Ich habe mich sehr gefreut, deine Gedanken zu lesen. Auch ich habe erst mit 38 Jahren meinen Mann kennen gelernt, mit 39 habe ich meine Tochter bekommen, danach noch 2 Buben! Unser Glück ist unfassbar und ich habe auch wahrlich nicht mehr daran geglaubt. Hätte ich deine Zeilen vor 5 Jahren gelesen, hätte ich sicher viel Schmerz dabei gefühlt. Heute freue ich mich, denn auch ich nehme wahr, dass mein Glück manche nur daran erinnert, dass ihnen etwas fehlt.

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  5. Christina Lehmann22. März 2014 um 09:14

    Hallo Christina, ich habe hier noch nie geschrieben, soweit ich mich erinnere, lese aber schon seit langem immer regelmäßig. Jetzt habe ich durch Urlaub länger nicht reingeschaut und lese erst heute deine "Geschichte".

    Mir ist es ganz genauso gegangen wie dir: ich habe mit 35 Jahren meinen Mann kennengelernt. Er ist Witwer und betete zu diesem Zeitpunkt wieder um ein neues Glück, nachdem er schon 6 Jahre alleine war. Es war wunderbar für mich, dieses kleine Pflänzchen Liebe wachsen zu spüren in dem Wissen, dass es Gottes Wille für mein Leben war. Wie viele Jahre hatte ich gewartet, gehofft, gezweifelt, mich "abgefunden" (oder es mir jedenfalls eingeredet)... Mit 36 Jahren habe ich also auch erst geheiratet und noch heute, nach fast 3 Jahren Ehe geht es mir oft so, dass ich auf einmal mein Leben von außen betrachte (wie die Mutter, von der du schreibst) und es nicht fassen kann, dass Gott mich so reich beschenkt hat.

    Leider kann ich keine Kinder mehr bekommen (das war damals mit Anfang 30 wirklich schlimm für mich, als die Operation nicht mehr umgänglich war), aber auch da hat Gott gewusst, was er tut, denn mein Mann hat 3 erwachsene Kinder und einen Enkel mit in die Ehe gebracht. Es ist so schön zu sehen, wie der HERR im Leben wirken kann, wenn wir uns nur auf ihn verlassen und "einfach" vertrauen.

    Ich möchte auch jeder Single-Frau Mut machen, zu warten, auszuharren, den Glauben nicht zu verlieren, dass Gott keine Fehler macht - und vielleicht etwas so besonderes mit ihr vorhat wie damals mit mir. Es macht mich sehr glücklich, dass ich meinen Mann nach den Jahren der Einsamkeit und Trauer wieder froh und gücklich machen darf und wissen darf, Gott hat mich persönlich dazu bestimmt.

    Ich wünsche dir, liebe Christina, viel Kraft und Mut für jeden Tag und grüße dich lieb - Christina aus dem wunderschönen Frankenland

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    1. Christina Lehmann22. März 2014 um 09:16

      PS: mit "ganz genauso" am Anfang meinte ich nur, dass ich auch so lange "warten" musste/sollte/durfte, bis ich meinen Mann kennenlernte... ;-)

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  6. Liebe Christina! Danke für das was du hier geschrieben hast. Es freut mich zu lesen wie Gott dich geführt hat. Das war sicher sehr schlimm für dich keine Kinder zu bekommen. Und trotzdem hast du so eine große Familie. Das ist schön! Wünsche dir auch alles Gute und schicke liebe Grüße zu dir ins Frankenland! Christina

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