Mittwoch, 15. November 2023

Ein schwieriger Besucher

Gestern hat es bei uns so richtig gekracht. Es ist die Pubertät, die mit matschigen Stiefeln und jeder Menge sperrigen Gepäckstücken und einem Schlafsack im Hausflur stand und mit einem gewaltigen Rums die Türe zugeschlagen hat. Ich fürchte  sie wird sich nun häuslich bei  uns einrichten. Für die nächsten Jahre. Oh weh. Ich fühle mich überhaupt nicht gut vorbereitet auf diesen schwierigen Besucher! Abends krame ich hektisch nach dem Buch, das ich mir vor einiger Zeit bestellt habe, das aber neben spannenden Romanen immer den kürzeren gezogen hat.  


Bis spät in die Nacht habe ich darin gelesen, nachdem ich die Sache mit dem Einschlafen aufgegeben habe. Zum ersten Mal, seit 12 Jahren, habe ich es nämlich nicht geschafft mich am Abend mit meinem Kind zu versöhnen. Ich war so sauer über sein Verhalten - ich hätte mindestens noch eine Abendstunde mehr gebraucht um mich zu beruhigen, um dann ein friedliches Gespräch führen zu können. Alles was ich noch geschafft habe war, ihn mit zusammengebissenen Zähnen zu segnen. Wie jeden Abend. Ein kurzer Moment, der ein wenig Ruhe in mein Herz gebracht hat. Die Bereitschaft zu segnen was ist. Gottes TROTZDEM, seine Gnade über uns auszusprechen. In meiner ganzen Hilflosigkeit. Das tat gut. 
Nach dem Amen hat sich das Kind (das nun ja eigentlich kein Kind mehr sein will, und meins schon gar nicht!) wortlos zur Wand gedreht und schlief unverschämt schnell ein. Was mich wieder etwas in Wallung brachte (Hitzewallungen gibt es in meinem Alter passenderweise auch gleich Gratis dazu!) Also lag ich bei offenem Fenster und mit klopfendem Herzen im Bett und blätterte im obigen Buch. The emotional lives of teenagers. Die Autorin und Psychologin Lisa Damour bringt mir darin die Lebenswelt eines jungen Menschen nahe, dessen Gehirn im laufenden Betrieb und ganz ohne Narkose (für die Eltern!) umgebaut wird. Sie erzählt von verzweifelten Eltern, von Auseinandersetzungen, die den unseren fast punktgenau ähneln, denen sie auf ihre Beschreibungen schlicht antwortet: "Ich wäre sehr besorgt, wenn es anders wäre!" Und sie fügt hinzu:

Wenn jeder seinen Job macht, dann gibt es in der Pubertät aufsässige Teenager, die für mehr Freiheit und Eigenständigkeit kämpfen als ihnen gut tut, und Eltern, die zu vielem Nein sagen müsssen, ein paar vernünftige Regeln aufstellen und Konflikte nicht vermeiden sollten.
Hört sich nach einer Menge Spass an. Besonders für harmoniebedürftige Menschen, zu denen ich mich leider zähle. Ich mag ein friedliches Zuhause! Aber die Pubertät, dieser fiese Besucher, scheint da ganz anderer Meinung zu sein (er hat wohl auch ein paar Boxhandschuhe im Gepäck). Lisa Damour schreibt ganz gelassen:

Lasst uns nicht versuchen Konflikte zu vermeiden, sondern wann immer möglich konstruktive Auseinandersetzungen zu haben. Das Kennzeichen für einen konstruktiven Konflikt ist, dass jede Seite versuche die Perspektive des anderen zu verstehen.
Klingt gut. Und Papier ist ja bekanntlichermaßen - im Gegensatz zu mir! - sehr geduldig. Aber ich will versuchen, das zu verstehen. Ganz konkret empfiehlt die Autorin: Nachdem sich die ersten heftigen Gefühle verzogen haben und man wieder in der Lage ist miteinander zu reden und nicht zu schreien, sich hinzusetzten und zu sagen: "Pass auf, mein geliebtes Kind, ich versuche jetzt mal die Situation von deiner Perspektive aus zu sehen. Wenn ich fertig bin, dann sag mir was ich falsch verstehe oder wo ich etwas wichtiges vergessen habe." Und dann bitte dein Kind das Gleiche für dich zu tun. Und wenn wir solche Gespräche führen, wann immer wir einen anderen Blickwinkel einnehmen und ihn in unseren eigenen Worten vor dem anderen aussprechen, dann - so folgert Damour - wird das fast ausnahmslos Empathie erzeugen. Ich ahne, dass ich in den nächsten Jahren mindestens so viel lernen kann wie mein Kind;-).  (und ich finde diese vorgehensweise würde unserer ganzen Gesellschaft und unseren Gemeinden sicher auch sehr gut tun!) 
 
Mit einem tiefen Seufzer klappe ich kurz nach Mitternacht das Buch zu. Ich kann nur noch müde beten: "Jesus, bitte hilf mir. Ich brauche dich so sehr!!!" Und ich meine ihn lächelnd sagen zu hören: Ich wäre sehr besorgt, wenn es anders wäre.

 

3 Kommentare:

  1. Liebe Christina!
    Vielen Dank für den Buchtipp! Ob es das Buch auch in Deutsch gibt?
    Ich habe nämlich auch einen 13-Jährigen Daheim und bin, wie Du, sehr harmoniebedürftig!
    Ich wünsche uns viel Kraft, Geduld und Weisheit!
    Wie gut dass wir Jesus an unserer Seite haben!
    Sei gesegnet, Dagmar

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Dagmar! Leider gibt es nur ein Buch für Mädchen in der Pubertät auf Deutsch von ihr. Das was ich lese ist noch nicht übersetzt. Hab die Autorin in einem Podcast gehört und fand ihre Tipps so hilfreich. Und ja - wie gut, dass wir Jesus an unserer Seite haben!!! Wünsche Dir viel Kraft und Segen für den wilden, wunderbaren Alltag! ;-) Herzliche Grüße zurück!

      Löschen