Donnerstag, 29. November 2018

Schuld

Oh weh - was für eine Überschrift! Innerlich kämpfe ich mit mir ob ich dieses Wort so stehen lasse. Ob ich nicht etwas weicheres, einladenderes nehme. Licht im Dunkel, oder so was. Ein bisschen Einstimmung auf die Adventszeit. Schuld - das klingt nach düster skandinavischem Thriller oder wie die Einführung zur Selbstzerfleischung.  Aber ehrlich: es ist das, was mich gerade beschäftigt; nach Tagen die so angefüllt mit Gutem waren!  Eine wunderschöne Lesung in Flacht (DANKE an euch alle die dabei waren und den Abend so besonders gemacht haben!!!). Ein guter Befund beim Arzt. Weihnachtsbäckerei und erster Adventsschmuck aufgehängt. Aber mittendrin, während ich in der Wohnung die Kerzen verteile, packt die Schuld mich am Kragen. 
Da ist dieses Buch von Wolfgang Schorlau, das ich gerade zu Ende gelesen habe. Hey, auch deutsche Autoren können düster! Und seine Krimis sind immer so nah an der Realität, so gut recherchiert, dass einem das "Ist in echt ja nicht so schlimm" nicht über die Lippen kommen mag. Ich kann den Inhalt hier schlecht wiedergeben. Grob gesagt geht es um die Schuldenkrise Griechenlands. Und um alte, deutsche Schuld. Fast vergessen. Mir war nicht bewusst, was wir diesem Volk im zweiten Weltkrieg angetan haben! Griechenland - damit verbinde ich blaues Meer, Fischerdörfer, Urlaub und Ouzo. Und freundliche, offene Menschen, so wie meine Nachbarin. Wenig wusste ich davon wie schrechlick deutsche Besatzer in diesem Land gewütet haben.  Ist die deutsche Schuld gesühnt? fragen da auch deutsche Journalisten, mitten hinein in Diskussionen um ein Schuldenschnitt für Griechenland und die Entrüstung, wieviel Rettungsschirme man für dieses Land denn noch aufspannen sollte. Nun habe ich politisch wirklich nicht den Durchblick, besonders wenn es um komplizierte Finanzmärkte geht. Aber ich weiß was Schuld bedeutet. Nicht nur so allgemein. Gestern Abend konnte ich deswegen kaum einschlafen. Ich habe Samuel nachmittags angeschrien, als er weinend und verzweifelt vor seinen Hausaufgaben saß.: "Stell dich nicht so an, das mußt du doch können! Lies die Aufgabe richtig durch. Ich helfe dir jetzt ganz bestimmt nicht!" Wütend darüber, dass er sich oft viel zu sehr auf meine Hilfe verlässt und nicht alleine versucht die Lösung zu finden, habe ich die Tür zugeschlagen. Sein Schluchzen hörte nicht auf. Irgendwann erbarmte ich mich, setzte mich seufzend dazu; und war erstaunt: Diese Aufgaben sind wirklich zu schwer! Also, ICH finde diese Aufgaben schwer. Wie soll ein 7-Jähriger das lösen? Und dann haben wir gemerkt, dass es die falschen Aufgaben sind. Er war schon mit Aufgaben beschäftigt die erst am Ende des Schuljahres drankommen. Großes Aufatmen beim kleinen Sohn. Großes Sündenerkenntnis bei der Mutter. Ich entschuldigte mich, mehrmals. Und ich weiß doch, dass ich die wütenden Worte nicht zurücknehmen kann.  Abends, im dunklen Schlafzimmer, überwältigte mich dann nochmal so richtig die Schuld. Meine Schuld. Und auch die Schuld meines Volkes. Und Gott? Er weiß und sieht das alles!
Da gibt es diese Liedzeile, in der wir Gott fröhlich bitten uns doch sehen zu lassen was er sieht. Ich weiß, es ist ja irgendwie anders gemeint, aber ich zögere immer bei diesen Zeilen und bin von Herzen dankbar dass ich NICHT all das sehen muß, was ER sieht; hinter der Weihnachtsdeko an den Fenstern... Aber wie dankbar bin ich, dass ich einem Gott folgen darf, der nicht einfach wegschaut. Der sich nicht ins Nebenzimmer des Universums verzieht während wir verzweifelt vor uns hinschluchzen mit Aufgaben die wir alleine niemals lösen können.  Er setzt sich  neben uns ins Dunkel. Er tröstet. Mitten im Schmerz. Er kennt die tiefen, komplizierten Verstrickungen unserer Schuldgeschichten; die globalen und die familiären. Er begleicht Schuldenberge. Repartationszahlungen, die wir NIE, niemals leisten könnten! Er bringt Aufatmen. Er umarmt uns, in unserem Widerspruch, dass wir verletzend und segnend zugleich sein können. Er spannt unendlich viele Rettungsschirme auf. Täglich. Stündlich. Für jeden von uns, der um Hilfe ruft. 

Ich finde an manchen Tagen kann man fast den Mut verlieren, angesichts des Dunkels in der Welt und in uns selbst. Am liebsten würde ich dann reflexhaft Kerzen anzünden und fröhliche Lieder singen um die Finsternis zu vertreiben. Aber vielleicht ist es ganz gut, ein wenig im  Dunkel sitzen zu bleiben und etwas von der Not und Schuld auszuhalten, bevor am Sonntag die erste Kerze am Adventskranz angezündet wird. Das Dunkel sagt mir: Wir brauchen einen Retter! Ganz dringend sogar!!! Unsere Welt ächzt und stöhnt und wartet auf Erlösung. Und wir mit ihr. 
Und wenn wir am Sonntag das erste Licht anzünden, dann verdrängen wir diese Wirklichkeit nicht. Aber wir bekennen trotzig:  Das Dunkel hat nicht das letzte Wort! Nicht in meinem Leben! Nicht in dieser Welt! 
Brennan Manning, der ehemalige Priester und Alkoholiker, der über Gnade geschrieben hat, wie kaum ein anderer, sagte einmal:
Suffering, failure, loneliness, sorrow, discouragement and death will be part of your journey, but the kingdom of God will conquer all these horrors.
No evil can resist grace forever.
Brennan Manning.
(Leid, Versagen, Einsamkeit, Sorge,Entmutigung und Tod wird immer Teil unserer Reise sein,aber das Königreich Gottes wird alle diese Schrecken bezwingen! Kein Übel kann auf ewig der Gnade widerstehen.)
 Amen!!!


 

Kommentare:

  1. Ein Novembertext, bevor es in den Advent geht. Du schreibst so tief und ehrlich. Und findest Worte für so ein schweres Thema. Das tut gut, zu merken, dass wir die dunklen Seiten auch teilen dürfen. Ans Licht bringen dürfen. Du kannst das wie keine zweite. Das mit Griechenland wusste/weiß ich nicht. Es ist so schwer durch dieses Wirrwar an Einflüssen durchzusteigen. (Und ich schäme mich immer wieder dafür, dass ich es oft gar nicht richtig versuche zu verstehen.) Aber die persönliche Schuld kenne ich auch nur zu gut. Hab vielen vielen Dank für deine Offenheit und deine heilsamen Worte. Du hast recht: Wie gut, dass Gott nicht das Zimmer verlässt, sondern nah bei uns bleibt und geduldig mit uns jede Aufgabe durchgeht.

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    1. Danke liebe Tine, für deine heilsamen Worte. Immer wieder. DU bist ein Segen!

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