Mittwoch, 17. Januar 2018

Winterzeit

Heute morgen klingelt der Wecker unbarmherzig früh. Ich wanke aus dem Bett, balanciere die Leiter zu Samuels Hochbett hinauf  und versuche das kleine warme Knäuel  zum Aufstehen zu bewegen. Ein tiefer Seufzer unter der Bettdecke ist die Antwort. Ich ziehe den Rolladen hoch, eigentlich total unsinnig, weil es draußen noch stockdunkel ist. Wieso beginnen in Deutschland die Schulen so früh??? Ich gebe einen zusätzlichen Löffel mit Kaffeepulver in die Kaffeemaschine und werfe ein Blick in den Garten Richtung Hasengehege. Wie gut, dass Samu sich einen leuchtend weißen Hasen ausgesucht hat. Er ist im Dunkel gut zu erkennen und wartet morgens meistens schon geduldig am Türchen vom Stall, um endlich ins Gehege zu können. Heute ist er noch nicht zu sehen. Er wird noch gemütlich im Heu liegen und schlafen. Recht hat er. 
Wir starten müde in den Tag und nachdem Samu in der Schule ist und es draußen langsam hell wird, beginnt es ganz leicht zu schneien. Stimmt - es ist ja noch Winter! Der Wind zerzaust die Baumwipfel und ich entscheide mich alles noch ein bisschen liegen zu lassen und gehe eine Runde nach draußen. Vorbei am morgendlichen Autostau Richtung Stadtmitte bis zum kleinen Hügel wo die Äcker anfangen. Dunkle, frostige Erde. Der Boden ruht. 


Ich habe das Gefühl ich bin viel zu schnell in das Jahr gestartet. Will zuviel auf einmal und habe vergessen, dass eigentlich noch Winterzeit ist. Die Zeit, in der die Nächte einladend lang sind, manche Tiere ihren Winterschlaf halten (und wenn sie den nicht bekommen, dann sterben sie!) und auch der Boden gönnt sich eine Ruhephase.
In einem Ratgeber für Rasenpflege habe ich gelesen:  
 Im Winter braucht der Rasen seine Ruhe. Belastungen sind zu vermeiden. Brechen die Halme, weil man sie in der Frostzeit belastet hat, wird man im Frühjahr eine deutlich längere Regenerationsphase erleben. 
Kluge Landwirte wissen sowas. Manche, die das ganze Jahr Profit machen wollen, gehen darüber hinweg und versuchen den Boden zu jeder Jahreszeit zu nutzen. Irgendwann erschöpft sich dann diese Erde und wird für lange Zeit nicht nutzbar, weil sie sich regenerieren muss.
Ich weiß, im modernen Zeitalter können wir uns nicht mehr dem im Rythmus der Natur anpassen wie das vielleicht unsere Großeltern noch getan haben. Vieles ist vorgegeben und für die meisten sind die Spielräume sich die Zeit nach dem Jahresablauf einzuteilen doch recht begrenzt. Und trotzdem brauchen wir vielleicht ab und zu die Erinnerung, dass auch wir einfach zu den Geschöpfe dieser Welt gehören. Auch wir sind für den Rythmus von Tag und Nacht geschaffen. Sommer und Winter. Ruhe und Arbeit. Und wenn wir uns in manchen Zeiten keine Ruhe gönnen, dann brauchen wir eine längere Regenerationsphase in der nächsten Jahreszeit. So sind wir einfach gemacht. Ich glaube es würde uns so gut tun, wenn wir ein bisschen mehr auf den Rythmus der Natur  achten würden.
WIr könnten im Winter die dunklen Abende als Einladung nehmen ein bisschen früher ins Bett zu gehen. Wir könnten barmherziger mit uns, und den Menschen neben uns, sein: Das ist keine Zeit für wilde Putzaktionen (meinetwegen Heio, den Keller musst du JETZT nicht aufräumen! :-)). Es ist ok wenn sich die Freunde weniger melden und andersrum. Wir machen ein bisschen Winterruhe. Und wenn die Seele bei manchen traurig ist und sich das Leben frostig anfühlt, dann gehen wir uns doch die Erlaubnis ein bisschen langsamer durch die Tage zu gehen. Wir müssen doch nicht immer so effektiv sein! 

Heute morgen, nach dem kurzen Spaziergang, stelle ich eine kleine Liste von Dingen auf, zu denen ich gerade JA sagen kann, einfach weil es die Zeit dafür ist. Es sind erstaunlich wenig Dinge. Und da ist eine größere Listen mit Dingen zu denen ich gerade NEIN sagen muß. Manches fällt mir schwer. Wie gerne würde ich JETZT mit dem neuen Buchprojekt durchstarten. Aber später passt es ja auch noch. Wahrscheinlich sogar viel besser. Also: Projekt verschieben. Zusammen mit ein paar anderen Terminen und Treffen mit Freunden und Bekannten. Wenn der Apfelbaum im Garten blüht können wir ja wieder in unseren Garten einladen... 

In der Bibel gibt es diesen Vers von Paulus: Kauft die Zeit aus! (Eph.5,16) Falsch verstanden, hat er mich lange Zeit total in Stress versetzt. Ich dachte es ist der Aufruf in JEDER Zeit ALLES zu tun, weil die Zeit ja so kostbar ist und wir nur wenig davon haben. Richtig verstanden bringt dieser Vers aber Gelassenheit ins Leben. Was da nämlich eigentlich steht ist folgendes: Kauft die richtige Zeit aus! Erkennt was für ein Zeitraum gerade  im Leben ist und was dafür günstig ist (und was nicht). 
In der Winterzeit kann das heissen: 

Schafft euch Ruhe. 

Gebt eurer Seele Raum zum Atmen. 

Lasst die Arbeit möglichst liegen wenn es dunkel wird. 

Geht eine Runde nach draußen wenn der Wind an der Tür rüttelt.

Werft Ballast ab.

Es ist in Ordnung wenn DInge jetzt liegenbleiben.

Das meiste wächst doch sowieso erst in der nächsten Jahreszeit.

Es ist ok einiges zu verschieben.

Es ist gut langsam anzufangen. 


Es ist ja noch Winterzeit.




Kommentare:

  1. Liebe Christina!
    Wie gut deine Worte tun. Ich verzweifel gerade an meiner ToDo Liste, die ich einfach nicht abgearbeitet bekomme. Ich bin so müde und muß soviel denken und gleichzeitig habe ich so wenig Energie zum Tun. Für Alles lege ich ein ToDo an, für Beziehungen, für Diensttermine, für den Haushalt, für das, was ich unbedingt erreichen will, wenn in 5 Jahren dies und das entstanden sein soll......für meine Beziehung zu Gott. Gerade diese ist immer noch genährt von diesem blöden "du mußt doch", obwohl ich meine Zeit mit Gott schon umbenannt habe. Aus der "Stillen Zeit" ist bei mir "Echtzeit" geworden. Diese Zeit möchte ich mir noch "echter" füllen lassen und nicht irgendein Programm abziehen, damit ich Häkchen setzen kann. Ja, es gibt noch viel zu lernen und grad ist halt Winterzeit. Mein Körper und meine Seele buchstabieren es mir und neu buchstabieren ist glaube ich ein Pflichtfach in der Lebensschule.
    So wünsch ich dir nun eine fröhliche Winterzeit, warme Pantoffeln an den Füßen und Kaminfeuerwärme in deinem Herzen.
    Deine begeisterte Leserin Petra

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    1. Ach wie schön ist das was du schreibst Petra! Echtzeit. Das gefällt mir. Und neu buchstabieren als Pflichtfach in der Lebensschule. JA! Genau. ICh grüße dich zurück und wünsche dir noch entspannte WInterabende mit einem gelassenen Blick auf die ganzen blöden to-do-Listen, die uns ein Leben lang begleiten werden...

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  2. Geht klar mit dem Keller! Gruß&Kuss!

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  3. Achja, das klingt ein bißchen barmherziger. Ich hadere so oft mit meiner kleinen Kraft. Und leider ist die nicht nur im Winter irgendwie zu klein. Kleiner als bei anderen, wie mir scheint...
    Liebe Grüße von Maria

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    1. Ach ja, das mit der kleinen Kraft kenne ich auch! (eine Seelsorgerin hat das mal über mir gesagt (du hast eine kleine Kraft) und unser ganzes Leitungsteam stand dabei und hat gelacht(liebevoll!). Es ist leider wirklich so. Aber die verheissung für Menschen wie wir es sind ist groß, s. Offb.3,8: geöffnete Türen! (Verschlossene wurden wir ja nicht aufbekommen:-)). Segensgrüße zu Dir!

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  4. Meine Listen sind lang,endlos lang. Und sobald sie kürzer werden, füllen sie sich wieder und sind länger als vorher.
    Vor ein zwei Wochen hat Gott mich gefragt, ob ich ihm morgens meine Liste geben kann, er sie ausradieren und meine Liste neu schreiben darf - so das es passt zu mir und der Kraft, die er mir für den Tag schenkt. Geschenk! Liebe Grüße Kerstin

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    1. Ach wie cool Kestin! Das ist ein toller GEdanke: die Listen von Jesus nochmal überarbeiten lassen! Danke. Liebe Grüße zurück!

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  5. Liebe Christina
    seit einem Jahr lese ich Deinen Blog und Du sprichst mir viel aus meinem Herzen oder in mein Herz. Wie nötig ist es in meinem Leben den Vers "kauft die Zeit aus" richtig umzusetzen. Ich sollte mich wirklich täglich fragen, was dran ist. Ich bin chronisch krank(MS) und chronisch überlastet, weil ich Signale nicht ernst nehme. Ich will die Winterzeit nun versuchen zu nutzen, um Sachen liegen zu lassen.
    Herzliche Grüsse aus der Schweiz Steffi

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    1. Liebe Steffi! Danke für dein Kommentar! Oh mann, da hast du ja einiges mit durch den Alltag zu schleppen und da braucht es viel Barmherzigkeit mit sich selbst...Signale ernstnehmen, wie du es schreibst. Ganz viel Kraft und Segen für dich und Gelassenheit Dinge liegen zu lassen und Menschen die immer wieder mittragen und vor allem die spürbare Nähe von Jesus, der mit uns ist. Ganz herzlichste Grüße in die schöne Schweiz!!!!

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  6. Liebe Christina,
    deine Worte tun so gut. Ich habe den Beitrag übrigens Daniel vorgelesen. Die letzten Wochen war es hier richtig kalt in Florida. Winterzeit. Auch wenn nur für 3 Wochen. Es tat gut sich zu hause einzukuscheln. Tee zu trinken und viel zu lesen.
    Liebste Grüße Lena
    PS: Ich will unbedingt dein neues Buch lesen!

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    1. Wie, sogar in Florida ist Winterzeit?! :-) Danke Lena, schön von dir zu hören! Ich lese immer noch so gerne bei dir, leider kann ich nicht kommentieren (das klappt irgendwie nicht wenn man nicht bei Twitter und facebook ist, kann das sein?)Also auf diesem Weg: Danke, dass du uns an deiner Reise teilhaben lässt. Der äußeren wie der inneren. Es macht Mut für den eigenen Weg!

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