Dienstag, 16. Januar 2024

Augen auf

Gestern Abend konnte ich lange nicht einschlafen. Hellwach lag ich neben dem friedlich schlafenden Mann. Vielleicht waren es die Hormone oder die Freude über den unerwarteten Schneefall am Nachmittag. Jedenfalls habe ich irgendwann aufgegeben und eins meiner Lieblingsbücher geholt: Wenn Stille eine Sprache wäre, von Tomas Sjödin (ja, der schon wieder:-)). Ich las darin von der Schönheit der Eisvögel und das erinnerte mich daran, dass wir neulich so einen winzigen Vogel entdeckt haben. Meine Schwägerin hat uns beim Spazierengehen auf ihn aufmerksam gemacht. Ich hätte ihn sonst übersehen. Hätte ehrlichgesagt auch nicht gedacht, dass es Eisvögel in Deutschland gibt. Aber da war er!  Hüpfte hin und her und flatterte dann, mit blau leuchtendem Gefieder, über das Bachbett. Wunderschön war das. Wir standen für einen Moment ganz still am Bachufer und staunten. 
Sjödin schreibt, dass es zwei "Gebetschulen" gibt: Die eine lehrt uns den Weg nach innen. Sie sagt: Schließ die Augen. Begib dich in deinen inneren Raum. Weg von aller Ablenkung und dem Lärm. Werde still. Nimm wahr, dass Gott da ist. In deinem Inneren sollst du Gott umfangen, schreibt Johannes vom Kreuz. Die zweite Gebetschule sagt uns: Schau hin! Öffne deine Augen! Schau die Vögel am Himmel an und die Lilien auf dem Feld!
Sjödin betont: Es geht nicht um ein entweder oder sondern:
Immer ist es derselbe Gott, der sich uns offenbart, ob in der Natur oder im verborgenen Raum hinter verschlossenen Türen... und wer sich entscheidet, die Stille im Wald oder am Meer zu suchen, bereichert die Stunden hinter "verschlossenen Türen" enorm. Und andersherum: Zeit in der Stille, in der Kontemplation vor Gottes Angesicht, übt uns darin, die uns umgebende Natur mit anderen Augen und Ohren wahrzunehmen. 
In der Frömmigkeit meiner Kindheit habe ich gelernt beim Beten die Augen zu schließen. Den Weg nach innen zu gehen. Ich besuche diese "Schule" immer noch (bin gefühlt erst an den Anfangslektionen!). Ich versuche die verborgenen Zeiten mit Gott zu pflegen, weil sie der Lebensatem für meine Seele sind. Aber in den letzten Jahren (und nicht zuletzt durch das Schreiben auf diesem Blog) lerne ich immer mehr, beim Beten meine Augen weit zu öffnen. Ich finde Gott am Bach, unter Bäume und auf dem schneebedeckten Feld. Als ich heute morgen müde, durch die kurze Nacht, durch die Winterlandschaft gestapft bin, sind  ein paar Rehe aus dem Dickicht gebrochen und über das freie Feld gejagt. Ich stand staunend und mit klopfendem Herzen da.
 
 
 

Irgendwo habe ich gelesen, dass der Anfang der Anbetung das Staunen ist. Das Betrachten. Das Wahrnehmen. Es ist nichts unwichtiges!  Und so wie es einen Künstler ehrt, wenn wir aufmerksam seine Gemälde betrachten so ehrt es Gott, wenn wir aufmerksam sind. Alice Walker drückt es ein wenig anders aus:
I think it pisses God off if you walk by the color purple in a field somewhere and don`t notice it! 
Das finde ich klasse. Ich glaube zwar nicht, dass Gott genervt ist, wenn wir achtlos an den Schönheiten vorbeilaufen, aber dass er sich freut wann immer wir sie wahrnehmen, das glaube ich! Auch weil er weiß, dass es unser Herz mit Freude füllt!
 
Am vergangenen Sonntag wären wir fast an so einer Schönheit im Auto vorbeigedüst: Ein zugefrorener See, mitten im Wald! Ich konnte es kaum fassen! Sogar der Sohn staunte, der bis zu diesem Moment schimpfend auf der Rückbank saß (weil die Mutter unbedingt rauswollte und zwar angeboten hat, dass er Zuhause bleiben kann, aber die Fernbedienung für den Fernseher eingesteckt hat - manchmal muss man jungen Menschen zu ihrem Glück zwingen! :-)).  Und dann setzten wir unsere Füße auf den Waldsee, durch den wir im Sommer schwimmen. Zuerst vorsichtig und ungläubig lachend. Dann schlitterten wir jauchzend übers Eis! Mit weit geöffneten Augen! Und ich glaube Gott hat uns voller Freude dabei zugesehen.








 


Gott, der du die Stille geschaffen hast

und den Specht

die Eisvögel

und Schneekristalle 

den kleinen Bach

und die tiefen Seen

und uns Menschen

mittendrin

Ich bewundere deine Werke

8 Kommentare:

  1. Vielen Dank liebe Christina!
    So zu beten, ist etwas ganz anderes als "die stille Zeit hinter sich zu bringen", damit Gott zufrieden ist. Ich bin so dankbar hat sich meine Sicht auf das Gebet und Gott in den letzten Jahr zum Positiven verändert. Deine Texte helfen mir auch, immer mehr den liebenden , geduldigen Vater zu sehen und nicht den strengen, kleinlichen Gott.

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    1. Ach, das kenne ich auch so gut. Und wie schön wenn Gott uns dann so ganz anders und so viel liebevoller begegnet als wir gedacht hätte! Ganz viel Segen Dir weiterhin!!!

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  2. Vielen Dank für deinen schönen, ehrlichen Bericht!
    Ich lebe direkt an einem Teich, wo ich den Eisvogel immer wieder entdecke. Wenn es hellblau schimmert und dann pfeilgerade fliegt, ist er es. Und gestern tobten drei Zaunkönige am Kamin - ich hab mich so gefreut! Oder heute der Sonnenaufgang, ein oranger Ball über dem gefrorenen, verschneiten Teich. Da kann ich nur staunen über unseren Gott!

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    1. Oh, das ist ja schön - direkt an einem Teich zu leben, an dem es auch Eisvögel zu entdecken gibt! Danke für die Beschreibung wie man ihn entdecken kann. Ich halte die Augen offen!

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  3. Wow!! Du kannst auf dem Wasser laufen!
    😆😆

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    1. dieser Begeisterungssturm war von mir. irgendwie klappte es nicht mit anmelden, was ich aber erst merkte, als es schon zu spät war.
      ich mag anonyme Kommentare nicht.

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  4. Danke für deine wertvollen Gedanken, die du mit uns teilst. Ich lese sie so gerne und finde mich oft darin wieder!
    Welcher See war denn so schön zugefroren? Der Ebnisee etwa? Wäre von Waiblingen aus auf jeden Fall auch ein schönes Ausflugsziel gewesen!

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    1. Ach, danke! Und ja, das ist der Ebnisee. So schön, dass wir so tolle Seen in der Nähe haben, oder? Liebe Grüße nach Waiblingen

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