Dienstag, 12. Januar 2021

Ein gutes Ende

Heute fällt es mir schwer die Gedanken zum Schreiben einzufangen und der Reihe nach aufzustellen. Aber ich will es trotzdem versuchen. 
Samuel hat zur Zeit eine diebischen Freude daran sich leise hinter eine Tür in unserer Wohnung zu schleichen, um mich zu erschrecken. Heute, am frühen Morgen, hätte ich vor Schreck fast den Wäschekorb die Treppe hinuntergeschmissen als er mich so unerwartet, mit lautem "Buhh!" aus dem Flur ansprang. Und es kommt mir so vor als hätte mich dieses neue Jahr ähnlich angesprungen. In den letzten Tagen habe ich versucht meinen Herzschlag zu beruhigen und wieder gleichmässig zu atmen...ein und aus.... um zu begreifen:
Mein lieber Onkel, letzter Heimatmensch meiner Kindheit, ist nicht mehr da. Der Onkel, der mit meiner Oma ein Stock tiefer gewohnt hat, was dann einfach unsere erweiterte Wohnung war (und nicht zuletzt deshalb so attraktiv, weil dort ein Fernseher stand!), der Sportler, der meiner Schwester und mir das Skifahren beigebracht hat (leider nur mit mäßigem Erfolg) und einer der letzten wahren Junggesellen, die erst von der Mutter und dann von der Schwester (meiner Mutter) rundumversorgt wurden. Ein bisschen habe ich dann, nach dem Tod meiner Mutter, die Versorgung übernommen. In abgeschwächter Form! Ich musste immer etwas grinsen, wenn ich mich mich mit dem Bügeln seiner Hemden abgemüht und sie ihm dann, noch ziemlich faltig, in den Schrank gelegt habe. Er hat sich nie beschwert. War einfach dankbar, wenn wir da waren. Und ich war dankbar, dass er noch da war. Zuhause. 
Ich war auch immer ein wenig stolz auf meinen Onkel. Die Skiurlaube hat er mit weit über 80 Jahren nur deshalb  eingestellt weil - laut seiner Aussage - die "Jungen" nicht mehr mitkamen. (die waren auch schon Anfang 80!).  
Ab und zu hat sich die Sorge bei mir breit gemacht wie es wird, wenn er nicht mehr alleine kann. Wie wir das bewältigen werden. Was für Entscheidungen dann anstehen. Sorgen die umsonst waren. Wie das bei Sorgen ja  meistens so ist. Ach eigentlich sind sie doch alle umsonst. Würden sie was kosten, würden wir uns weniger davon machen. (Oh je, jetzt wisst ihr was ich meine mit: Gedanken einfangen). Auf jeden Fall habe ich nun vor wenigen Tagen, als wir gerade im Schwarzwald waren, meinem Onkel abends noch fröhlich zugerufen: "Schlaf gut! Bis morgen früh!" und am nächsten Morgen fand ich ihn tot in seinem Bett. Er durfte gehen. Einfach so. Mit 94 Jahren (und es hätte mich nicht wirklich gewundert, wenn er seine Skier auf die letzte Strecke noch  mitgenommen hätte)
Eigentlich kommt das Ende in diesem Alter nun wirklich nicht überraschend und doch: Ich glaube der Tod springt uns immer unvermutet an und erschreckt uns zutiefst. So zumindest geht es mir. Wenn ich gerade abends völlig müde ins Bett falle kommt es mir so vor als würde in mir drin ein Kind mit weit aufgerissenen Augen liegen, das sich weigert einzuschlafen. Weil es versucht die Tatsache zu begreifen, dass da ein vertrauter Mensch nicht mehr ist. Und dass der Tod sich einfach so anschleichen darf und "Buhh" macht und uns unsere ganze Zerbrechlichkeit vor Augen hält.  Neben der Trauer und dem Schrecken empfinde ich aber auch Dankbarkeit. Ganz viel Dankbarkeit. Dass sich mein Onkel einfach so still und heimlich verabschieden durfte. Und wir in seiner Nähe sein konnten.
 
Als meine Buchveröffentlichung im letzten Frühjahr wegen Corona auf diesen Januar verschoben wurde habe ich befürchtet, dass die Geschichten beim Erscheinen ihre Aktualität verloren haben. Und nun bin ich auf einmal wieder mittendrin: Im Wohnung auflösen. Im Abschied nehmen von dem Ort der mir hier auf der Erde zutiefst "Zuhause" war. Im Heimat finden und Himmel suchen...

Unter dem Stapel Dokumenten die mein Onkel aufbewahrt hat sind auch viele Bilder von ausgelassenen Feiern im Kreis seiner vielen Freunde, von unseren Weihnachtsfesten (bei denen wir - wie auch bei jedem alltäglichen Mittagessen-  immer alle zusammen am Tisch saßen) und  spannende alte Fotos von unserem Zuhause.
 
Das älteste Foto von unserem Haus

 
an Weihnachten mit dem Lieblingsonkel
 
 
Neben den Fotos fanden wir auch einen sorgfältig aufgeschriebenen Lebenslauf. Darin sind Stationen seines Lebens über die er mit uns, wenn überhaupt, nur sehr ungern gesprochen hat: Mit 17 Jahren in den Krieg. Gefangenschaft. Rückkehr in ein verändertes Zuhause. Ohne den Vater und den geliebten Bruder weitermachen (mit dem er eigentlich ein Architekturbüro eröffnen wollte)... Mir wird wieder einmal bewusst wie vielschichtig unsere Geschichten sind. Da sind helle und schöne Kapitel neben dunklen und schweren. Und irgendwann wird die letzte Seite aufgeschlagen. Und wir hoffen auf ein gutes Ende.

Mir scheint mein Onkel hat genau das bekommen: Ein gutes Ende. Und vielleicht liegt in unserem letzten Dialog, so banal er mir im Rückblick auch vorkommt, die größte Hoffnung:
"Schlaf gut! Bis morgen früh!"
 

Kommentare:

  1. Liebe Christina,
    danke, dass Du uns in Dein Herz und in das Leben Deines verstorbenen Onkels hineinschauen lässt. Ich bin immer tief berührt, wenn ich etwas über schöne Abschiede hören oder lesen darf- "schön" ist natürlich in Zusammenhang mit dem Tod immer ein blödes Wort; vielleicht lieber: friedlich. Ich wünsche Dir die Zeit und Kraft, die zum Trauern nötig sein wird, und weiterhin viel Dankbarkeit.
    Und außerdem freue ich mich ganz, ganz doll auf Dein neues Buch!!! Bin schon gespannt und werde es schnellstmöglich bestellen!
    Liebe Grüße von Barbara

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  2. liebe cristina, ich bin immer sehr dankbar, dass du uns an hellen und dunklen tagen teilhaben lässt...
    fühl dich umarmt und sei gesegnet
    annette

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  3. Liebe Christina, herzliches Beileid.... und tausend Dank für das teilen Deiner Gefühle und Gedanken. Bleibt behütet und gesund, Kiki

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