Mittwoch, 18. November 2020

Origami und die Einfalt am Frühstückstisch

Wir sitzen beim Frühstück. Draußen ist es noch dunkel. Das Kind klopft rhythmisch mit den Löffel gegen die Tasse und unterstreicht damit seinen Wunsch, dass er doch bitte, bitte  endlich ein Schlagzeug bekommen möchte. Ich will vor allem meine Ruhe. Fühle mich innerlich und äußerlich zerknittert.  Der Kopf tut seit Tagen weh. Rhythmisch und unermüdlich schlägt da jemand von innen gegen die Schläfe. Und heute morgen ist auch noch der Weltschmerz ins Herz gekrochen. Ach ja, diese Welt kann schmerzen. Das erleben gerade so viele. Auch in meinem nächsten Umfeld...Ich würde es so gerne heller machen. Aber heute fühle ich mich hilflos und überfordert. Mein Blick fällt auf die Streichholzschachtel auf dem Tisch, die ich am Sontag von Anne geschenkt  bekommen habe  ("Damit es still und heimlich schon ein bisschen weihnachtlicher bei euch wird!"  - die Gute hat meinen letzten Blogeintrag gelesen!). "Fürchte dich nicht" steht drauf. Drei einfache Worte. Ich drehe die kleine Schachtel in der Hand. Halte mich an den Worten. Still und leise kämpfen sie sich, wie drei tapfere Freunde, den dunklen Weg Richtung Herz. Fürchte dich nicht....
 Weniger still geht es auf der anderen Tischseite zu. Samuel kommt weiter in Fahrt. Jetzt legt er noch den Text seiner Lieblingsband O`Bros über den Rhythmus. Er schmettert fröhlich: "Und ich sage zu der Angst: Ich brauch dich nicht! Und ich sage zu dem Herrn: Ich brauch nur dich!" Und ich sage zu dem Kind: "Halt doch einfach mal die Klappe!"  Aber ich muß dann doch lachen. Über ihn. Über mich. Und über den Liedtext, der so simpel klingt. So einfältig. Wie das "Fürchte dich nicht"  in meiner Hand. 
 
Einfalt ist ein interessantes Wort. Es wir  oft im Zusammenhang mit Naivität und Dummheit verwendet. Aber im Wörterbuch finde ich eine ganz andere Erklärung: Schlichtheit des Herzens. Oder eben  ganz wörtlich: Einmal gefaltet. Ganz im Gegensatz zu  Origami - dieser japanischen Faltkunst die mich schon mehrfach zum Verzweifeln gebracht hat. Wenn Samuel mich bittet etwas für ihn zu falten, schicke ich ihn meistens - einige zerknüllte Papierbögen später - zu seinem Vater.

Neulich war ich bei einem Vortrag des Schweizer Theologen Berhard Ott über die Bergpredigt. Und darin ging es genau darum: Um die Einfalt! Wir hatten  neben dem Stuhl ein Papierbogen liegen. Ich wartete schon nervös auf eine Faltanleitung, aber wir wurden stattdessen aufgefordert das Papier einfach zu verknüllen. Darin bin ich ziemlich gut. Das hat Spaß gemacht. Dann wurden wir aufgefordert das Blatt wieder zu öffnen. Und die vielen kleinen Falten zu betrachten. Und nun sollten wir das Papier einmal zur Hälfte falten und ein paar Mal fest über die Falz streichen. Das Blatt im Anschluß wieder auffalten und vor uns lag - Volia: Die Einfalt. 


 

Ich mag einfache Beispiele. Vielleicht weil ich selbst ein bisschen einfach bin. Und was bin ich froh, dass unser Glaube so wenig komplizierte Origmai-Kunst-Theologie braucht (und lassen wir uns niemals einreden, dass es so wäre!). Die wahren und wichtigen Dinge sind ganz einfach. Aber oft so schwer zu glauben. Und deshalb geht es eigentlich vor allem darum: Unser zerknittertes Herz immer wieder sanft und bestimmt in ihre RIchtung zu streichen.

"Ich brauche deine Gnade, das ist alles was ich habe", singen die Jungs von O`Bros am Ende ihres - zugegebenermaßen ziemlich geilen - Lieds. 
Für manche mag es Dummheit sein. Für mich ist es die Schlichtheit des Herzens, die wir in aufgeregten Zeiten und an verknitterten Tagen so ganz dringend brauchen. Wenn die Welt schmerzt und sich alles so unlösbar anfühlt, dann gebt mir einfache Worte, zum Festhalten.

 
Fürchte dich nicht.

Ich brauch nur dich, Jesus!

Diese Welt braucht dich. 


Beat that, Origami!!! Spontan zerknüllt - sieht ein bisschen aus wie ein Schaf, oder? :-)

 


Kommentare:

  1. Und das Beste hast du glaub noch garnicht entdeckt. Leer mal die Streichhölzer aus ;)
    Ach und dein Blog ist meine kleine Streichholzschachtel an der ich mich an dunklen Tagen festhalten kann!

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    1. Ohhh! Toll! :-)(für alle: da steht in goldener Schrift: ICh bin da. - Noch so ein einfaches, wunderbares Wort zum Festhalten! Und der wahre Grund fürs "Fürchte dich nicht"). Danke, liebe Anne. Dafür und für deine lieben WOrte.

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  2. Danke dir für Deine Worte die das wesentliche so schön und klar auf den Punkt bringen.
    Irgendwie bin ich dann auf Dreifaltigkeit gekommen und da eröffnen sich jetzt ganz neue Sichtweisen wenn man daran weiterspinnt.....
    Herzliche Grüße Katrin

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    1. Was für ein spannender Gedanke, liebe Katrin! Dreifaltigkeit. Plötzlich klingt dieses alte Wort auch ganz anders. Und so wenig kompliziert. Dreimal gefaltet. Drei Seiten. Und doch eins. Eigentlich kinderleicht zu verstehen. Und gleichzeitig ein großes Geheimnis... Vielen Dank für diese wertvolle Ergänzung zum Weiterdenken! Liebste Grüße zu Dir!

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  3. Das könnte ein Kapitel in deinem vielleicht neuen Buch sein.
    So schön (einfach:-)) geschrieben.
    Ich liiiebe deine Schreibkunst!

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  4. Für mich sieht das spontan zerknüllte Origami aus wie ein Herz ❤. Aber ich sehe oft Herzen in Dingen, was vielleicht auch einfältig klingt. Schöner Text. Grüße Daniela

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