Mittwoch, 4. Dezember 2013

miss(ed) perfect.

Letzte Woche kam überraschend eine Freundin vorbei.

Es war später Vormittag und bei uns herrschte noch das totale Chaos.
Samu war halbkrank zuhause, ich war noch im Schlafanzug (nicht mal die Zähne geputzt!) und die Wohnung sah aus als müsste dringend das Gesundheitsamt vorbeischauen.
Und mittendrin sitzt jetzt die liebe Freundin in der Küche.

Ich weiß, manche sind da völlig entspannt und denken: na und? Aber ich sitze da und mir bricht innerlich der kalte Schweiß aus. Während ich versuche mich auf das Gespräch zu konzentrieren nehme ich aus den Augenwinkeln das Chaos in der Küche wahr und hoffe inständig dass ich keine Essensreste im Gesicht habe.

Anstatt mich über den Kurzbesuch zu freuen bin ich danach ziemlich fertig. Besonders nachdem ich den Ausblick sehe, den mein Besuch auf unser sonnenbeschienenes Fenster hatte:

                  Das ist kein schönes Wintermuster- das sind Fingerspuren. 
Ich weiß auch von wem!

Mist!
Am liebsten will ich gut vorbereitet sein auf meinen Besuch.
Alles soll gemütlich und aufgeräumt sein und ein leckeres Essen auf dem Tisch stehen.
Ich will meine Besucher frisch geduscht und munter empfangen, eine interessante und inspirierende Gesprächspartnerin sein und alles in allem soll ein Besuch bei uns die Leute reicher und glücklicher machen
( ich ahne warum ich zur Zeit nicht so oft Besuch habe! ).

Dann habe ich gestern den Elternbrief von der KiTa bekommen.
Es waren einige Infos dabei über Dinge die mir völlig neu waren, die aber von den Eltern erwartet werden. Es war teilweise so nett formuliert, wie z.B: "danke, dass es jetzt bei allen so gut klappt, dass die Kinder sich mit Handschlag von der zuständigen Erzieherin verabschieden",  und ich hatte keine Ahnung dass das so laufen soll ( und wir haben Samu das Händeschütteln zum Abschied noch gar nicht beigebracht!). 
 
Mir kam es so vor als wäre der gesamte Brief GEGEN MICH geschrieben! Als hätten sich die Erzieher gedacht: lass es und mal positiv formulieren, damit die Frau es endlich auch mal merkt wie es hier zu laufen hat.
Ich weiß- völliger Unsinn, aber so sind leider manchmal meine Gedanken.
Ich mache mir ein Kopf warum die Nachbarin so unfreundlich ist und mich auf der Strasse nie zurückgrüßt (bis sie mir erzählt, dass sie fast blind ist!) und darüber wieviel Seitenaufrufe mein Blog hat und ob das was ich schreibe gut genug ist. 
Ich will seit über 2 Jahre mindestens 5 Kilos abnehmen (das Argument „ich war erst schwanger!“, zieht leider nicht mehr so gut), jeden Tag joggen gehen (ich gehe nicht jeden Tag- ich gehe NIE!), mich endlich beim Freundeskreis Flüchtlingshilfe einbringen und und und. 
Ich will einfach die Dinge richtig machen, es den Leuten recht machen und endlich mein Leben besser auf die Reihe kriegen. Aber ich schaffe es nicht.
Gerne würde ich immer so entspannt und munter aussehen wie auf meinem Blogprofil, aber die Realität sieht meistens eher so aus und es geht noch viel schlimmer!)




Beim Internetsurfen habe ich neulich abends einen interessanten Beitrag von Brene Brown gelesen, der mich sehr angesprochen hat (das ist wirklich zu empfehlen wenn ihr mal Zeit dafür habt, leider in Englisch).
Sie ist eine amerikanische Soziologin die jahrelang Studien über Beziehungsfähigkeit durchgeführt hat und sehr schnell dabei auf die Begriffe „Verletzlichkeit und Echt-sein im Leben“ kam.
Hier ein paar Gedanken aus einem Artikel von ihr: 

Wenn wir immer alles richtig machen wollen regieren in uns die 2 Sätze: 
„Niemals gut genug“ und „was werden die Leute denken?“
Wir wissen, dass wir nicht perfekt sein können, warum wollen wir es dann sein?
Bewundern wir Leute die perfekt sind? Nein! Die Wahrheit ist, dass wir Leute attraktiv finden die ehrlich, echt und „einfach-sich-selbst“ sind. 
Wir wissen doch , dass das Leben ein Durcheinander ist und niemals perfekt.
Aber wir sind von dem Gedanken perfekt zu sein deshalb so angetrieben, weil wir meinen, dass es uns beschützt. Wenn wir Fehler vermeiden, gut aussehen und immer das Richtige tun, dann können wir den Schmerz minimieren oder sogar vermeiden der durch Scham, Anklage und Beurteilen von Anderen  in unser Leben kommt...
... nur wenn wir aus der tiefen Überzeugung leben, dass wir wertvoll sind- dass wir es Wert sind geliebt zu werden (egal ob wir alles auf der Reihe haben oder nicht!) dann können wir lernen diesen Anspruch loszulassen. 
Dann glaube ich es jetzt, in diesem Moment, so wie ich jetzt bin -nicht mit 10 Kilos weniger, nicht wenn ich meine Eheprobleme im Griff habe oder wenn ich erst dieses oder jenes getan habe.
Ich lerne mich zu zeigen wie ich bin.Dazu gehört Mut.
Die Wurzel von dem Wort Mut kommt aus dem lateinische und bedeutet: Herz.
Mut heisst also ursprünglich nicht eine heroische Tat zu vollbringen sondern von seinem Herzen zu reden, sich verletzlich machen, ehrlich und offen damit zu sein wer wir wirklich sind. ..und zu vertrauen dass wir genug sind, dass wir geliebt sind.
Mutiger kann man nicht werden.“
Diesen Mut wünsche ich mir und allen von Euch, denen es manchmal ähnlich geht wie mir.
Wir sind wertvoll, wir sind geliebt- so wie wir sind!  In diesem Moment.
(Auch mit dreckigen Fensterscheiben, ungeduscht,und einigen Kilos zuviel ).
       so kam Samu gestern von der Kita heim:-). Kinder sind nicht perfekt, 
sie lassen sich einfach lieben.

 

Kommentare:

  1. Ach Christl Dein Blog ist so der Hammer! Taused Dank dass Du Dir die Zeit zum schreiben nimmst!!! Du bringst mich zu schmunzeln, ja sogar zum lachen, regst mich an nachzudenken und es standen auch schon Tränen in meinen Augen beim Lesen. Du bist so ehrlich so authentisch, sprichst mir so oft aus dem Herzen, findest Worte wo ich keine finde - einfach nur toll! Das macht Dich immer noch liebenswerter!

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  2. So treffend geschrieben (ich hab auch gerade ein Buch von Brene Brown auf dem Nachtisch!). Danke für deine Worte!

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  3. Liebe christina,
    ja so ist das mit uns frauen - wir wollen perfekt sein, geliebt und bewundert werden! Und doch sind wir so unvolllkommen und wollen es aber nicht zugeben. Zum trost: bei den allerwenigsten klappt alles - es sieht immer nur nach außen so aus - wir sehen aber nicht nach drinnen und sie lassen uns auch nicht hinein. Danke für deine offenheit - mir geht es ganz genauso! Ich kann Dir nur sagen äh schreiben: Du bist eine tolle Mutter, eine liebenswerte echte Persönlichkeit und bestimmt eine super Freundin!!! Bleib so, Gruß Ursula

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  4. hello mummy chrischtel,

    wie wahr! das mit dem Gesundheitsamt. das denke ich auch manchmal und s. meint immer, er würde davon krank, weil es bei uns so bedenklich aussieht ;)
    ich würde dich gerne mal so sehen! wie tröstlich zu wissen, dass selbst du manchmal nicht alles auf die reihe kriegst ;)
    lg n

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  5. Danke für Eure lieben Kommentare!
    @Schapaener: ihr müsst uns wirklich bald besuchen! Nachdem ich das geschrieben habe können ja die Fensterscheiben auch dreckig sein;-)
    und Krass Veronika, dass Du gerade etwas von Brene Brown liest!
    Hab vorher noch nie von ihr gehört, musst mir unbedingt berichten wie das Buch ist!
    @Ursula: Danke für deine freundlichen Worte! Das tut gut...schön zu wissen, dass es anderen auch so geht:-)
    Und Nic.: hoffe du siehst mich nicht so oft in diesem Zustand;-). Stell Dir vor: Heio findet es hier immer aufgeräumt, im Vergleich zu seiner WG. Vielleicht hätte S. da mal ne zeitlang wohnen sollen:-).

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  6. liebe Christina, ich liebe deine Blogeinträge!!!!
    Bin durch "Smoobear" auf deinen Blog aufmerksam geworden und müsste mich dort noch einmal dafür bedanken.
    Du schreibst so herzerfrischend und mutmachend ...und ich muss manchmal laut lachen. (z.B die Beschreibung deiner Thaimassagenerfahrung , glichen so sehr meiner eigenen, dass ich echt vor Lachen Tränen in den Augen hatte)
    danke! und eine schöne Adventszeit wünscht dir Ute

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  7. Vielen Dank, Ute! Das freut mich sehr!!!
    Das mit der Tahimassage tut mir natürlich leid für dich...meinem Rücken geht`s inzwischen besser:-). Wünsche dir auch eine gesegnete Adventszeit! Liebste Grüße!

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