Freitag, 26. Juni 2026

Kleine Liste der Dinge, die mich durch den Tag retten

"What is saving your life right now?" Dieser Spruch geht mir gerade öfters mal durch den Kopf. Direkt übersetzt ist es die Frage danach was gerade dein Leben rettet. Im alltäglichen Gebrauch bedeutet es: Was hilft dir aktuell am besten durch deinen Tag? Ich sitze hier bei runtergelassenen Rolläden während sich draußen die Hitze wieder breit macht. Bis zu 40 Grad soll es heute werden! Oh diese Sehnsucht Richtung Norden zu ziehen!  Ich hole mir ein Glas Wasser an den Schreibtisch und versuche mich an einer kleinen Liste der Dinge, die mich gerade durch den Tag retten:

Das Tretbecken im Nachbarort. Wenn ich dort erhitzt nach dem Einkaufen vorbeiradle würde ich am liebsten meinen Kopf ins Wasser stecken! Aber ein paar Runden durch das kühle Wasser zu waten ist auch einfach herrlich!

Meine Abendrunde über die Felder. Die langen Sommerabende sind schon eine tolle Sache: Man kann spätabends aus dem Haus gehen und hat den Sonnenuntergang noch nicht verpasst!  Jedes Mal färbt sich der Himmel auf andere Art und Weise. Schönheit wird die Welt retten, schrieb Dostojewski. Wenn abends mein Blick über die Felder schweift, dann ahne ich was er meint.


 

Vergebung eines Teenagers.  Gerade lese ich in dem wertvollen Buch von John Mark Comer Gott hat einen Namen  über die Eigenschaften Gottes. So wunderbare Eigenschaften! Eine davon: langsam zum Zorn. Comer  schreibt, dass wir Menschen uns schon sehr anstrengen müssen, um Gott wütend zu machen. Es dauert richtig lange (oft über Generationen!) bis das Maß bei ihm voll ist und er das Böse und die Ungerechtigkeit nicht länger ertragen kann. Ich muß leider sagen, dass bei mir das Maß sehr schnell voll ist - besonders was unseren Teenager angeht. Und im Gegensatz zu meinem Schöpfer bin ich in meinem Zorn oft sehr ungerecht. Dann brauche ich Vergebung. Eine ganze Menge davon. Das gemurmeltes "angenommen!" von dem Teenager das meiner Entschuldigung folgt, das leicht verlegene Lächeln, das "wieder gut" zwischen uns - es rettet meine Tage!

Die Fussball-WM.  An der Stelle ein Dank an die (ansonsten eher ungeliebte) FIFA. Es ist echt eine Erleichterung für mich, dass in den nächsten Wochen das Abendprogramm an vielen Tagen schon feststeht. Ich kann mich dann entweder mit einem kühlen Getränk neben meine zwei Fussballfans auf den Sofa setzen und so dumme Fragen stellen wie: "Wieso hast du dir den kein Trikot von dieser Mannschaft gekauft? Das sind doch so schöne Farben?" Oder ich kann mich ganz in Ruhe auf den Balkon setzen und lesen. Ich hoffe Deutschland bleibt noch lange im Turnier! 

Ein Glas kaltes Wasser. Dazu Eiswürfel aus dem Kühlfach. Ach überhaupt: fließendes Wasser zu haben!  Jeder vierte Mensch auf dieser Welt hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. So vieles in meinem Leben nehme ich viel zu selbstverständlich! Ich will immer mal wieder einen Schritt zurückmachen und meinen Reichtum wahrnehmen und ihn auch weiterfließen lassen, wo immer mir das möglich ist. Auch wenn es sich nur wie ein paar Tropfen auf den heißen Stein anfühlt. Vor ein paar Tagen habe ich der jungen Frau, die am Straßenrand in einem aufgehitzten Holzhäuschen Erdbeeren verkauft, eine kleine Erfrischung vorbeigebracht.  Ihre Freude hat mich sehr erfrischt. Und vielleicht habe ich ihr damit ein ganz klein wenig den Tag gerettet. 

Freundlichkeit. Freundlichkeit rettet meine Tage! Immer wieder. Diese kleine Alltagsbegegnungen. Ein Lächeln. Ein Gruß. Ein "ich sehe dich!" Ein: "Wollen sie nicht vorgehen?" an der Supermarktkasse. Ein komplizenhaftes "Oh, das kenne ich auch!" Wenn zum Beispiel beim Einkaufen eine Mama gerade die Geduld verliert (und es ausnahmsweise mal nicht ich selber bin!). Oder wie die Verkäuferin gestern im Baumarkt, die ich nach einem Trockenpulver für die Biotonne gefragt habe. "Aha, sie brauchen etwas gegen Maden", sagte sie ganz trocken. Ich nickte verschämt. "Die hab ich heute auch schon bekämpft!" sagte sie und dann lachten wir miteinander, klagten uns ein wenig unser Leid und verabschiedeten uns mit den besten Wünschen, für unsere Biotonnen.  

Der Wald. Gestern fuhr ich auf dem Rückweg von einer Lesung durch den schwäbischen Wald (schön war das bei euch! Auch wenn mir der Schweiß beim Lesen lief, wie nie zuvor ;-)). Kurzerhand habe ich mein Auto mitten im Wald geparkt und bin ein wenig unter den schattigen Bäumen geblieben. Passend dazu fiel mir das Gedicht von Mary Oliver ein (ihre Worte haben schon oft meinen Tag gerettet!) Sie schreibt darin:

Wenn ich unter Bäumen bin,
besonders den Weiden und dem Honigdorn,
ebenso den Buchen, den Eichen und den Kiefern,
dann verströmen sie solche Freudenzeichen,
dass ich fast sagen möchte, sie retten mich, und das täglich.
 
Ich bin ganz fern der Hoffnung auf mich selbst,
aus der ich Güte und Einsicht erhalte und haste niemals durch die Welt, 
sondern schlendere und beuge mich oft.
Ringsum schütteln sich die Bäume in ihrem Laub und rufen: "Bleib eine Weile."
Licht strömt von ihren Zweigen herab. 



 
Und das nehme ich auch noch mit auf die Liste (danke Mary Oliver!): 
 
Schlendern und nicht hasten. Wann immer das möglich ist. Wenn ich ehrlich bin, dann kommt vieles von meinem hasten davon, dass ich mich und meine To-Do-Listen zu wichtig nehme. Eigentlich wollte ich heute vormittag die Wohnung putzen (und nicht so lange hier schreiben). Eigentlich! Das ist das Wort das uns Freiheit schenken. Und Selbstbestimmung! (so schreibt Hartmut Rosa in seinem neuen Buch Situation und Konstellation darüber) Also etwa so: EIGENTLICH ist heute mein Putztag, aber ich kann ihn diese Woche auch mal ausfallen lassen. Bei fast 40 Grad! Und nur das Allernötigste tun. Klo, Kühlschrank, Trockenpulver in die Biotonne. Und dann: unter die Bäume setzen. Freiheit und Selbstbestimmung! :-). Und  mich daran erinnern, dass der Schöpfer von Bäumen, Blumen und Bächen immer auf dem Weg ist unsere Welt zu retten.  In Schönheit und Schmerz und in meinem Scheitern. Seine Freundlichkeit rettet mich. Jeden Tag aufs Neue.
 
 
 
 

Dienstag, 9. Juni 2026

Hunger-Ast am Berg

Jetzt ist es tatsächlich schon über einen Monat her, dass ich meine  Geburtstags-Einsichten mit euch geteilt habe. Immer wieder habe ich mich in der letzten Wochen vor meinen Computer gesetzt und versucht etwas zu schreiben, aber es ist mir nicht gelungen. Meine Gedanken fühlen sich an wie das alte, verrostete Fahrrad, das ganz hinten in unserer Garage steht: Ich müsste SEHR VIEL zur Seite räumen, bevor ich da rankomme! Und dafür fehlt mir die Kraft. Wenn ich zur Zeit gefragt werde wie es mir geht antworte ich meistens: "Danke, uns geht es gut". Damit meine ich nicht den Pluralis Majestetis sondern ich antworte gleich für meinen Mann und Sohn mit. Damit alles auf einmal erledigt ist. Wenn mein Gegenüber dann nochmal nachhakt: "Aber wie geht es DIR?" sage ich meistens: "Eigentlich gut. Aber ich bin so müde." Und dann hoffe ich, dass der andere nicht weiter fragt. Weil ich zu müde bin, um zu erklären, warum ich eigentlich so müde bin. 

Ab November werde ich eine Sabbatzeit einlegen. Keine Lesungen. Keine Artikel mit Deadline. Keine guten Gedanken, die ich mir mühsam nach vorne ziehen müsste. Ich werde dann nur im Garten sitzen und das Blumenbeet bewundern, das ich mit Heios Hilfe angelegt habe*. Aber bis November ist es noch ganz schön lang. Und die Monate bis dahin liegen wie die Bergetappe der Tour de France vor mir. Und ich bin ganz schlecht im Berg hochfahren!
 

 
 Gestern hat mir Heio - der richtig gut Berge hochfahren kann! - erklärt was ein Hunger-Ast ist. Das ist dem damaligen Profifahrer Jan Ullrich bei der Tour de France 1998 passiert (in Heios Kopf gibt es ausreichend Platz, dass er sich solche Zahlen merken kann!): Bis zu dieser Etappe galt Ullrich als schieres Kraftpaket und trug auch schon früh auf der Tour das gelbe Trikot. Dann kam der Einbruch am Berg. Die Konkurrenz zog uneinholbar an ihm vorbei. Er kam so erschöpft auf der Passhöhe an, dass man ihn auf dem Rad zum Hotel schieben musste. Dort lösten die Betreuer seine Finger vom Lenkrad und trugen ihn in sein Zimmer, wo er gefüttert werden musste. Er war ausgekühlt und hatte zu wenig gegessen. Sein Zuckerspeicher war völlig leer. Hunger-Ast. So nennt man das, wenn man so sehr über seine Kraft gegangen ist, dass man an die innere Subtanz muß. Die letzte Reserve, sozusagen. Es war ein einschneidener Moment in Jan Ullrichs Karriere. Er hat danach zwar nicht mit den Radfahren aufgehört, war auch immer mal wieder erfolgreich, aber er hat nie wieder das gelbe Trikot getragen. Das hat mir Heio erzählt und ich dachte nur: Kann mich bitte jemand in mein Zimmer tragen? 
 
Ich will hier nicht jammern. Ich weiß, daß für die meisten von euch die Alltagsberge um einiges höher sind als meine! Und manche von euch kennen eine noch größere Müdigkeit. Aber ich fürchte ich bin über zu viele Jahre (und wahrscheinlich schon in meiner Kindheit) an diese letzte Reserve gegangen. Und das lässt sich nicht mit einem Urlaub oder mit ein paar Vormittagen im Garten sitzen auffüllen. Vielleicht nicht mal mit einer längeren Sabbatzeit. Etwas in mir ist dauerhaft beschädigt. Wie ein kaputter Akku, der es allerhöchstens noch schafft bis 80% aufzuladen und dazu richtig lange braucht. Und dann sehr schnell wieder unter 10% ist. Ich glaube, dass Gott das heilen könnte. Eine Freundin von mir hat das erlebt. Es war, als hätte Gott den beschädigten Akku einfach in einem einzigen Moment ausgetauscht. Ich freue mich sehr für sie! Und wie gerne würde ich das auch erleben. Aber bisher hat mir Gott diese Bitte nicht erfüllt. Stattdessen läuft er neben mir her, hört sich mein Gejammer an, klemmt die schwersten Dinge auf seinen Gepäckträger, reicht mir ein Vesper, das bis zur nächsten Kurve reicht und erinnert mich liebevoll daran, dass seine Gnade genug für mich ist. Er geht langsam und ich muß lernen, mich seinem Tempo anzupassen. Das ist nicht leicht. Ich denke mir: Wenn ich doppelt so schnell gehe, ist der Berg doch nur halb so lang! Aber darüber lacht er nur. Und schiebt auch noch mein Fahrrad. Ich gehe ein wenig leichter neben ihm her. Bin vorsichtig zuversichtlich. Dass ich es bis November schaffe. Hoffentlich ohne Hunger-Ast! Aber bei seinen Muskeln könnte Er mich locker noch die letzten Meter tragen...
Ich muß Schluß machen. Zeit fürs Mittagessen (Zuckerspiegel nach oben korrigieren). Und heute nachmittag gehe ich in den Garten. Die Blumen bewundern. Die JETZT blühen. Und nicht im November. 
 

 


*Ein ganz herzliches Danke an Familie Felger, für das Überraschungpäckchen im Frühjahr aus eurer wundervollen Saatgut-Manufaktur!