Donnerstag, 22. Dezember 2016

für alle, die einen Retter brauchen

Stand der Dinge, zwei Tage vor Weihnachten: 
  • Vorsätze im Advent weniger Worte zu machen: Nicht wirklich gelungen.
  • gerissener Geduldsfaden im Umgang mit Samuel: Unzählige Male. Leider.
  • Migränetage in dieser Woche: Vier. (bis jetzt)
  • Weltsituation: Traurig. Verwirrend. 
  • geschriebene Weihnachtskarten: Null.
  • gelöschte Worte am Computer: Viel mehr als geschriebene.
  • Aufreger des Tages: Energiesparender Duschkopf, den der Mann einfach angebracht hat und mit dem man eine halbe Stunde braucht um das Shampoo aus dem Haar zu bekommen. (und dass das mein Aufreger des Tages war lässt auch tief blicken!)
  • ruhige Abende bei Kerzenschein: Überschaubar. (ähm, wann genau war dieser Abend noch?)
  • Körpergewicht: Lange Zeit nicht kontrolliert weil ich sonst nur schlecht gelaunt werde.
  • Gründe zur Dankbarkeit: Unzählige.
  • Grundstimmung: Unzufrieden mit der Gesamtsituation.
  • Weihnachtsgeschenke: Wie? Wir wollten uns doch nichts schenken!!!
  • Kraftreserven von Weihnachten: Im roten Bereich.
So ungefähr ist der Stand der Dinge. Schön war Samuels Auftritt als Weihnachtsengel. Er war zuerst nicht so glücklich damit ein Engel zu sein weil er dachte das ist was für Mädchen. Dann habe ich ihm mal ein bisschen was über die echten Engel erzählt. Die flammenden Boten Gottes. Kämpfer des Himmels. Danach war er beruhigt und wollte gerne ein Schwert für seinen Auftritt, was ihm aber die Erzieher verwehrt haben. Sein Text hat er fleissig geübt: "Habt keine Angst. Jesus ist geboren. Der Retter ist da." Kurz vorher hat aber den Engel dermassen die Angst gepackt, dass er die Worte nur zitternd und leise und fast unter Tränen herauskamen (Heio meinte danach : ich hab noch nie einen Engel gesehen vor dem man sich so wenig fürchten musste!). Und Samu? Er war traurig, weil er fand dass er seine Sache nicht gut gemacht hat. Ach, mein lieber Sohn: Manchmal redet Gott gerade durch ängstliche Engel die allen Mut zusammennehmen um zitternd ihre Sätze zu sagen und durch müde Mamas die ihre besten Vorsätze nicht einhalten können und deren Kopf und Seele schmerzt und er sagt durch uns:

Habt keine Angst! Jesus ist geboren. Der Retter ist da."

Weihnachten ist gute Nachricht für alle die einen Retter brauchen.

Frohe Weihnachten uns allen!!!!




Freitag, 16. Dezember 2016

der Beste

Heute morgen war bei uns alles etwas hektisch: Heio musste ziemlich früh zu einer Besprechung und auf dem Weg dorthin wollte er Samu in der Kita vorbeibringen. 
Ich versuche also den kleinen Sohn zum anziehen zu motivieren und nebenher noch die restlichen Sachen in seinen Koffer zu räumen, weil er nach der Kita bis morgen zur Oma geht.  Es geht mir wie immer wenn er mal eine Nacht weg ist: ich bin wehmütig weil ich weiß, dass ich ihn vermissen werde und gleichzeitig freue ich mich auf die Zeit die ich habe (und die ich gerade ganz dringend zum Schreiben brauche!) Also drücke ich ihn noch einmal fest an mich und verspreche aus dem Fenster zu schauen und ihm zu winken. Und im Winken bin ich ja ziemlich gut, wie ihr wisst. Er geht also jammernd zu Tür und versichert mir immer wieder, dass er mich eigentlich nicht alleine lassen will. Heio drängt und klappert mit dem Autoschlüssel. Ich schaue also aus Fenster, es ist noch dunkel. Samu steht mit seinem kleinen Rollkoffer auf dem Gehweg und ich merke, dass er mir noch was wichtiges sagen muss. Er sucht die Worte. „Mama, ich weiß Gott ist der Beste...aber... du... bist auch....richtig gut!“ Er strahlt mich an und steigt dann widerwillig ins Auto. Hach, was braucht man zu Weihnachten wenn man solche Sätze hört.


Bevor ich mich in die Arbeit stürze, zünde ich die Adventskerzen an. Ich bin dankbar für so viel Gutes. Und gleichzeitg denke ich daran wie dunkel es gerade für viele Menschen ist. Ich hole das Gesangbuch weil ich irgendwie die alten Adventslieder vermisse die wir früher immer gesungen habe. Ich lese laut meinen liebsten Satz. Es kommt mir vor als hallt meine Stimme ein bisschen, weil die Wohnung sich leer anfühlt:



Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen so richtet er die Welt.
 Jochen Klepper




Ich schaue in die stille Flammen der Kerzen und ahne etwas von der Liebe eines Gottes der sein Liebstes gegeben hat. Einfach deshalb weil er uns im Dunkel nicht allein lassen will. 
Es stimmt: Er ist der Beste.


Ein gesegnetes Adventswochenende euch allen!!!

Montag, 12. Dezember 2016

Wir winken.


Direkt neben unserer täglichen Strecke zur Kita wurde ein großes Flüchtlingsheim gebaut. Endlich ist es fertig geworden. Samu und ich freuen uns schon seit Wochen darauf, dass hier Kinder mit ihren Eltern einziehen. Jetzt tummeln sich schon ein paar kleine Menschen im Hof. Wir flitzen mit dem Fahrrad vorbei, wir winken uns gegenseitig zu, wir lachen und rufen: "Hallo!!!" und "Schön, dass ihr da seid!" und ernten die schönsten Kinderlächeln. 

Der regelssige Leser weiß, dass ich gerne etwas für die Flüchtlinge in unserem Land tun würde, aber ich bin mit meinem Engagement schon kläglich gescheitert. Die Kraft hat einfach nicht gereicht. Jetzt also winke ich. Ok, zugegeben: Das ist so wenig, dass es schon irgendwie peinlich ist (wie gut, dass nicht jeder winkend vorbeifährt!) Aber wer weiß: Vielleicht könnte das ein neuer, wichtiger Dienstzweig sein den auch erschöpfte Menschen ausüben können: Wir schauen den Menschen die direkt auf unserem Weg liegen freundlich in die Augen und winken ihnen zu. 

Vielleicht ist das auch etwas was ich in der Adventszeit lernen kann: Ich muß nicht immer selbst die Dinge tun und schaffen. Manchmal vollbringen es andere. Anstatt frustriert zu denken: "Mist, warum schaffe ich das alles nicht!" kann ich winken und jubeln und andere anfeuern. Anstatt mich mit anderen zu vergleichen und mich dabei ganz schlecht zu fühlen kann ich stolz auf Freunde und Bekannte zeigen und sagen: "Schaut mal, wie toll sie (oder er) das hinbekommt! Sind sie nicht einfach wunderbar?!" 

Für alle die sich auch in der Weihnachtszeit ehrenamtlich engagieren (oft neben den vielen Aufgaben in der eigenen Familie)

Für alle diejenigen die es schaffen mehr als eine Sorte Plätzchen zu backen - und sie nicht gleich aufessen

Für alle die ihre Kinder und Nachbarskinder pünktlich und festlich gekleidet zur Weihnachtsfeier bringen

Für alle die Obdachlosen in der kalten Jahreszeit Tee bringen und diejenigen zu sich einladen an die sonst keiner denkt

 
Für alle die keine Weihnachtsfeier vergessen und sämtliche Zettel die man unterschreiben muß den Erziehern, oder Lehrern, unterschrieben zurückbringen

Für alle Erzieher und Lehrer die den Überblick über die ganze Zettel behalten

Für alle die tolle Dinge basteln können und damit andere eine Freude machen

Für alle die mit ihren Kindern backen ohne dabei durchzudrehen  
 
Für alle die Weihnachtskarten verschicken

Für alle die mitten im stressige Alltag noch wunderbare, ermutigende Blogeinträge schreiben

Für alle die am 23. Dezember die Geschenke schon gekauft und niemand vergessen haben:

Wir winken und jubeln und sind stolz auf euch!



Und für alle von uns die das nicht ganz so hinbekommen: Eine dicke Umarmung! Wir sind geliebt - und vielleicht dabei weise zu werden: Wie deine Kraft so deine Tage.

Dieses Jahr  tun wir einfach das was uns möglich ist: winken und jubeln.

Donnerstag, 8. Dezember 2016

wie Schwangere um die Ecke gehen


Heute ein kleines Adventstürchen mit einem Zitat das ich am Wochenende gelesen habe und das mir so gut gefallen hat:

WIr müssen immer wie die schwangeren Frauen 
vorsichtig um die Ecke gehen und leiden
dass Bilder plötzlich in unser Werden sinken,-
um immer mehr von denen uns zu scheiden
die bei dem vielen In-die-Bücher-schauen
gewohnt sind, alles aufgelöst zu trinken
anstatt den Kern der Wirklichkeit zu kauen.

Rainer Maria Rilke

Ich versuche ein bisschen öfters den Kern der Wirklichkeit zu kauen in dem ich  immer mal wieder alles stehen und liegen lasse, den Computer ausschalte oder das Buch aus der Hand lege und meinen Fuß vor die Tür setze. Ich hoffe dabei innerlich ruhiger zu werden und die echten Bilder in mein Werden sinken lassen. Und jedes Mal merke ich wie gut mir das tut!




Montag, 5. Dezember 2016

Unser Baum

Jedes Jahr, wenn ich unseren kleinen Tannenbaum auf dem Balkon schmücke, sage ich zu Heio: "Unser Baum wächst überhaupt nicht!" Wir haben "unseren" Baum vor über 7 Jahren vom Standesbeamten überreicht bekommen. (sowas bekommt man wenn man im Schwarzwald heiratet!)
Ich hatte das Bild von damals nicht mehr vor Augen und mir kam es wirklich so vor als wäre er kaum gewachsen. Neulich habe ich in unserem alten Album geblättert und und darüber gestaunt wie klein er damals tatsächlich war. Schaut mal:


  Und so sieht das Bäumchen heute aus:



Im direkten Vergleich muß ich zugeben, dass ich unserer kleinen Tanne unrecht getan habe. Sie wächst tapfer, Jahr für Jahr. Ganz leise und unbemerkt von ihren Besitzern.
Und wenn ich jetzt abends auf dem Sofa sitze und mich an dem kleinen, geschmückten Baum freue, dann erinnert er mich an das Geheimnis des Wachstums. Wie oft geht es mir nämlich in meinem Leben genau so: Ich denke frustriert dass ich immer noch mit den gleichen Dingen kämpfe, dass ich nicht wirklich wachse, dass sich in manchen Lebensbereichen (oder in meiner Gemeinde) einfach überhaupt nichts tut. Aber die Sache mit dem Wachstum ist wahrscheinlich folgende: Es dauert. Es braucht Zeit. Man sieht es nicht wachsen, auch wenn man sich mal einen Tag lang Zeit nimmt um dabei zuzuschauen. Inneres Wachstum ist keine steile Gerade die beständig nach oben verläuft. Es ist langsam aber stetig. Vielleicht ist es vor allem ein Wachstum in Ringen, so wie die Jahresringe an unserem kleinen Baum. Und da kann man schon das Gefühl bekommen man kommt immer wieder an der gleichen Stelle vorbei und es tut sich nichts. 

Für mich ist unser kleiner Weihnachtsbaum dieses Jahr die Erinnerung daran, dass Gott Dinge wachsen lässt, oft ganz unbemerkt von uns. Mit dem flüchtigen Alltagsblick nehmen wir oft wenig davon wahr und es braucht einen weiten Blick zurück um zu erkennen was Gott in unserem Leben tut. 

Und auch Kinder wachsen, oft ganz unbemerkt. Gestern saß ich neben dem kleinen Sohn von Freunden auf dem Autorücksitz. Ein Auto mit Blaulicht für an uns vorbei uns ich sage: "Kuck mal, Tatü-tataa!" Er schaut mich ernst an und meint nur: "Notarzt!" Wow. Wann hat das Kind denn reden gelernt?! :-) 

Vielleicht ist der Advent ein guter Zeitpunkt um alte Fotos rauszukramen, verstaubte Tagebücher zu lesen, sich an alte Verheissungen zu erinnern und die lange Strecke zu betrachten, die schon hinter uns liegt. Es könnte uns zum Staunen bringen über die Dinge die ganz unbemerkt aufgewachsen sind. Vielleicht nicht so groß und glänzend wie wir uns das vorgestellt haben. Aber mit stetigem, beharrlichem Wachstum. Und mit Wurzeln bis in die Ewigkeit.


Und noch eine kleine Geschenkidee zu Weihnachten: Wer noch kein Buch hat oder es gerne verschenken will: ich schicke gerne ein schönes Päckchen los. Und in der Adventszeit geht pro Buch ein Euro an ein kleines Kinderheim in Myanmar, das unsere Gemeinde seit Jahren unterstützt. Jeder Euro bringt ein bisschen Wachstum.... (wer mehr geben will und Infos dazu möchte kann sich gerne auch an mich wenden. Spendenbescheinigungen sind möglich) Meine mail ist: chris.f@freenet.de

soviel zu Thema: kürzere Beiträge während der Adventszeit....aber ist ja erst der zweite Advent. Ich versuche es beim nächsten Mal. Langsam aber stetig geschieht Veränderung :-)

Dienstag, 29. November 2016

Bereit für die Adventszeit

Ist bei euch der erste Advent auch so überraschend ins Haus gefallen? Ich hab am Sonntag noch schnell ein bisschen Weihnachtsdeko aufgehängt - zum Fenster putzen hat es nicht mehr gereicht, die Sonnenstrahlen heute morgen haben`s verraten.



Egal. Ich bin trotzdem bereit für die Adventszeit. Nein nicht für die hektische "Vorweihnachtszeit" in der wir genervt durch die Läden rennen und nach den Dingen suchen die kein Mensch braucht. Ich freue mich, dass der Advent so früh beginnt weil ich die Erinnerung brauche, dass Gott ankommt, mitten im Dunkel, mitten in unserer verwundeten Welt.  Ich freue mich auf die dunklen Abende und auf das Anzünden der Kerzen. Ich brauche ein bisschen Raum für das Warten und die Sehnsucht nach Erlösung. Ich brauche den Blick auf das Kind in der Krippe, Gott so verletzlich und herzergreifend nah. Ich brauche die Hoffnung dass er immer wieder aufs Neue hineingeboren wird in jedes Dunkel das wir Menschen anrichten und in jedes Dunkel das ist uns wohnt. 
Immanuel. Gott mit uns. 


Komm, ach komm, Immanuel. 




Das heisst nicht dass ich meditativ und still durch die nächsten vier Wochen gehen werde. Es sind ja tatsächlich einige Dinge zu erledigen, Termine einzuhalten und Feste zu feiern. Und trotzdem: Ich will die kleinen Momente nutzen und so oft es geht Kerzen anzünden, Tee trinken und an diejenigen denken, die sich nach Wärme und Licht sehnen. Ich will den Blick durch die ungeputzten Fenster werfen, dankbar für unser warmes Zuhause - so unpefekt wie es nunmal ist. Ich will mich warm anziehen und Spaziergänge machen, den Atem wie Rauchzeichen für den Himmel in die kalte Luft steigen lassen. Ich will die Schuhe an der Tür abklopfen, Jahresrückblick halten und mich frei machen von Ballast auf der Seele. Ich will mein Herz und unsere Tür öffnen, Freunde bewirten und Fremden zulächeln und mit der Wärmflasche auf dem Schoß schöne Bücher lesen. Ich will mich an staunenden Kinderaugen freuen und an kitschig blinkenden Lichterketten und ich will ein bisschen weniger Worte machen und mehr hinhören. Auch hier.  
Ich will euch ein bisschen Ruhe gönnen von meinen vielen Gedanken. Stattdessen gibt es hier bis zu Weihnachten ab und zu kleine Andventsfenster: vielleicht ein Bild, ein Zitat, ein Verweis auf schöne Worte von anderen...Mal schauen wie das klappt :-).
Ich möchte gerne gemeinsam mit euch Warten und Ausschau halten, nach dem Gott der ins Dunkel kommt.
Und da wo ich ihn entdecke will ich feiern.  Unsere Instrumente sind gestimmt...

 Eine erwartungsfrohe Adventszeit euch allen!!!!

Donnerstag, 17. November 2016

Alltagsbilder


Mal wieder ein paar Bilder aus unserem Alltag: 

Samu füttert treu den Hasen, in der Hoffnung bald einen echten zu bekommen!
Schau mal Samu, der Nikolaus war da! (OK, eher Heios neuer Kühlschrank)

Diese Karte ist von Heio - sie passt so gut zu ihm! :-)
auf dem Weg zur Kita - Danke Gott!
leider auch auf dem Weg zur Kita

geliebte Bücher
der Maler ist wieder am Werk


heute: 5 Stufen der Malerei: 1-3: Baby-Erwachsener, 4: Gott,5: Jesus. 
 Gott steht wohl auf Stilleben (Traktor und Sonne), Jesus auf moderne Kunst :-)


empfindlicher Mitbewohner 1
empfindlicher Mitbewohner 2

der rote Faden!
Und endlich, endlich hab ich den roten Faden beim Schreiben gefunden! Bin schon fast verzweifelt. Alles war so durcheinander und plötzlich fällt alles an den richtigen Platz. "Sinn ist wenn wir den Zusammenhang finden", hab ich mal von einem Philosophen gehört. Das erinnert mich an eine der schönsten Verheissungen der Bibel in Römer 8,28. Helmut Thielicke hat darüber geschrieben:

Ich bin gespannt wie Gott das große Thema anpacken wird, das er über mein Leben geschrieben hat: jenes Thema, das mir alles zum Besten dienen soll, wenn ich ihn nur lieb habe und dessen gewiss bleibe dass er an mir festhalten wird.


Auch wenn unsre Alltagsbilder manchmal chaotisch wirken, wenn wir denken, dass vieles oft unwichtig ist oder wenig Sinn macht und die klaren Linien fehlen: Da ist irgendwo der große Zusammenhang, der rote Faden, den Gott durch unser Leben zieht, wenn wir uns ihm anvertrauen. Irgendwann wird alles an seinen Platz fallen und wir werden staunen, wie Gott das am Ende tatsächlich alles zu unserem Besten dienen ließ. Und bis dahin gilt die andere große Verheissung, dass er bei uns ist, an allen Tagen unseres Lebens. Auch heute. Wie gut!



Montag, 14. November 2016

Überrascht

Heute morgen beim Aufstehen, mit schmerzendem Kopf, finde ich Samu an seinem kleinen Tisch - ganz konzentriert beim Malen. Er zeigt mir stolz sein Bild erklärt: "Das sind Fahrzeuge: Porsche, normales Auto, Traktor, Feuerwehr, Bus und Sonnenbrille."


Ich halte mein Kommentar: "Die Sonnenbrille passt aber nicht dazu!" zurück. Ich finde sie klasse - weil es das Muster durchbricht, weil es etwas Überraschendes ist in der Reihe der Fahrzeuge und es gerade deshalb das Bild zu etwas Besonderm macht und mich, in einem trüben Moment am Morgen, zum Lachen bringt.
So ähnlich ging`s mir gestern im Gottesdienst. Ich war bei meiner Schwester und in ihrer kleinen, etwas wilden, charismatischen Gemeinde. Bei den einleitenden Worten rechne ich mit allem nur nicht mit dem ruhig vorgetragenen Rilke-Gedicht. Vom Prediger, den ich von früher kenne, erwarte ich große und vollmundige Worte. Aber er steht, von Krankheit gezeichnet, am Mikrophon und spricht unglaublich ehrlich über seine Schattenseiten und Gottes Gnade.  

Ich glaube Gott liebt es unsere Vorstellungen zu sprengen und das Muster das wir erwarten zu verändern:  Er macht Frauen mit fragwürdiger Vergangenheit zu seinen Nachfolgern, packt liebevolle Samariter in seine Geschichten und  schenkt Offenbarungen aus dem Mund von Obdachlosen und kleinen Kindern. Er spricht durch merkwürdige Menschen und schlechte Filme. Er kann uns begegnen im Chaos der Jesusfreaks, in der 1000-jährigen Liturgie der römisch-katholischen Kirche, in einem evangelikalen und einem liberalen Christen, in einer wild-charismatischen Kirche, in der Kneipe, beim IKEA und an der Aldikasse. (Nina Hagen ist er auf einem LSD-Trip begegnet :-)) Man kann sich nie wirklich sicher sein. Er schmeisst unsere Vorstellungen über den Haufen, ändert die Reihenfolge, erklärt die Abgehängten zu den Gewinnern, macht aus Niederlagen die größten Siege, lässt Leben auf den Tod folgen. Ich liebe es mit Jesus unterwegs zu sein.

Er taucht liebend gern in Momenten auf in denen wir ihn nicht kommen sehen: 

durch die Ritzen der Worte eines suchenden Dichters  

durch die Brüche unseres Lebens

durch Gemälde von 5-jährigen Jungs

durch ein Lachen

Unerwartet fallen wir in die Umarmung der Gnade.


Die Blätter fallen, 
fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
 
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit. 
 
Wir alle fallen. 
Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, 
welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält. 
 
Rilke, Aus: Das Buch der Bilder 


Montag, 7. November 2016

6 Minuten berühmt - oder: Gnade im Schweinwerferlicht




Letzte Woche stand ich im Scheinwerferlicht. Zugegeben - es waren eher kleine Scheinwerfer in einer Buchhandlung in Holzgerlingen. (und ja: Holzgerlingen kennt jetzt auch nicht jeder!) Aufgenommen wurden auch nur 2 x 3 Minuten für eine Folge der schöne Sendung Bücherzeit, die voraussichtlich im Januar auf Bibel-TV laufen wird. Also nicht gerade mein Einstieg um berühmt zu werden. Und trotzdem: Ich war die Tage vorher echt aufgeregt. Hab mir kluge Sätze überlegt die ich gerne sagen würde. Hab mir sogar ein Zitat von Frederick Buechner auf einen Spickzettel geschrieben um ihn an passender Stelle vielleicht zu zitieren. Es hat nicht wirklich geklappt. Ich hatte ein total entspanntes und nettes Gespräch mit dem Moderator Daniel Schneider - BEVOR die Kamera eingeschaltet wurde. Und in meinen 6 Minuten hab ich dann - zumindest in meiner Wahrnehmung - nicht viel Tiefgründiges gesagt. Im Rückblick fielen mir so gute Sätze und Gedanken ein! Aber eben nur im Rückblick :-).
Lustigerweise ging es inhaltlich um das Kapitel in meinem Buch, in dem ich etwas Besonderes und Außergewöhnliches sein will. Ich sprach ich darüber, dass mir klar wurde, dass es eigentlich nur darum geht, dass wir ganz außergewöhnlich geliebt sind. Und während ich das sagte hoffte ich inständig dass es sich ganz außergewöhnlich klug und reflektiert und beeindruckend anhört!


Bilder von Bücherzeit

Echt, manchmal leide ich total an meinen inneren Widersprüchen! Sie sind im Alltag wie die stachlige, schmerzhafte Hüllen von Kastanien. Ich weiß nicht ob ich mich über die blöden Stacheln ärgern oder über die samtigen Früchte freuen soll. Da rede ich intensiv und liebevoll mit einer obdachlosen Frau und hoffe gleichzeitig, dass es auch jemand bemerkt und positiv wahrnimmt (wie am vergangenen Donnerstag geschehen) Ich bin in einem Moment total mutig und im nächsten Moment wieder richtig feige. Ich kann total liebevoll und selbslos sein und dann wieder so voll mit mir selbst, dass ich kotzen könnte. Da kann den ganzen Nachmittag eine liebevolle, geduldige Mama sein und plötzlich bricht es aus mir raus und ich schnauze meinen kleinen Sohn an, dass ich selbst darüber erschrocken bin. Ach, ich könnte noch ewig so weiter machen, über diese ganze Widersprüchlichkeit in mir. 

Ich schütte mal wieder Jesus mein Herz aus. Sage ihm: "So bin ich und ich werde nie anders sein, wenn du mich nicht irgendwie veränderst." Und ich ahne, dass Jesus nicht daran interessiert ist, dass ich alles toll hinbekommen und möglichst gut dastehe. Vielmehr wünscht er sich einfach, dass ich ihm vertraue, dass er aus meinem Leben, mitten in meiner Widersprüchlichkeit, einen Segen machen kann.  Und vielleicht könnte ich folgendes lernen:

Ich will das Gute nicht abtun und entwerten ("Ach, ihr habt ja keine Ahnung wie ich sonst so bin..."), sondern mich daran freuen. ("Stimmt. Ab und zu gelingt mir etwas richtig gut!")
Und nur weil ich manchmal meinem Kind gegenüber ausraste bin ich keine schlechte Mama.
Auch wenn ich auf ein bisschen Anerkennung schiele ist das Gespräch mit der  obdachlosen Frau etwas ganz besonderes für mich gewesen.
Auch wenn ich keine Buechner-Zitate aus dem Ärmel schütteln kann, kann ein Inteview trotzdem  etwas gelungenes haben - weil irgendwo, zwischen den Zeilen und in den Lücken, Jesus auftauchen kann um uns zu segnen.
Ich will auf die Gegenwart Jesu vertrauen. Dass er durchkommt bei mir - und ganz oft auch trotz mir.

Und ich will lernen den Widerspruch in mir gnädig anzuschauen ("Ja, das bin ich auch, aber ich bin geliebt. Immer. Auch in diesen Momenten.") Ich will es hinnehmen, wie man ein Foto hinnehmen kann, auf dem man nicht gerade vorteilhaft aussieht ("Tatsächlich, manchmal sehe ich wirklich so aus. Das bin ich. Aber es gibt mich auch in schöner")


so sah mein Mann auch mal aus :-)


Ich will mich nicht vor Scham verstecken sondern mein Herz ganz weit öffnen für Gottes Gnade - weil ich ein Mensch werden will, der voll ist mit Gnade. 
Richard Rohr schreibt: Nur wenn wir lernen unsere eigenen Widersprüche gnädig anzuschauen, wenn wir uns vergeben und vergeben lassen, dann werden wir das auch bei unseren Mitmenschen tun."

Ich will es annehmen, in mir, in Heio, in Samu und in allen anderen: Wir sind Menschen.  Wir sind eine Mischung aus Licht und Dunkel, aus Stärke und Schwachheit aus Schönem und Hässlichem, aus Mut und Feigheit, aus Klugheit und großer Dummheit und meistens sind wir ganz vieles auf einmal. Wir haben so viele Facetten, so viele unterschiedliche Motive und Antriebe in uns, wenn ein Scheinwerfer auf einen Teil davon gerichtet wird - sei es der strahlende Teil oder der weniger strahlende Teil - will ich lernen zu sagen: "Ja, genau so bin ich. Und auch noch ganz anders. Und immer bin ich geliebt." Das ist nämlich wirklich tatsächlich die Hauptsache.

Und ich will nicht vergessen: Die wirklich wichtigen Dinge spielen sich nicht in unseren 2 x 3 Minuten im Scheinwerferlicht ab, sondern  meistens dann wenn niemand hinschaut. Wenn nur Gottes liebevoller Blick auf uns gerichtet ist und ich ihm dann strahlend und aus ehrlichem Herze sagen kann: "Das hier ist nur für dich! Weil ich dich liebe." 
 Also, ich geh dann mal unser Chaos hier aufräumen. Mit einem Bündel von Widersprüchen in mir. Spot on, Sendung läuft: "This one is for you, Jesus!"