Dienstag, 25. November 2014

in Mangel und Überfluß

Samu zum 1.Mal am Meer!
Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen unseren Sommerurlaub schon früher zu planen. Ich dachte dann ist es nicht so stressig wie sonst. Aber irgendwie sind es die gleichen Probleme, nur ein paar Monate früher:
Meer wäre toll, aber warum ist das Meer - auch in diesem Jahr - so weit weg? :-) Kommen Freunde mit und vielleicht ein Spielkamerad für Samu? Und wenn nicht- was tun wir, wenn es die ganze Zeit regnet und wir in einem kalten Ferienhaus feststecken (24-h Auto und Zug spielen- aaahhh!)?
Eine Freizeit? Haus mit Kinderbetreuung? Aber eigentlich mag ich sowas nicht und will lieber meine Ruhe im Urlaub...

Ich klicke mich also seit einigen Abenden durch sämtliche Angebote und komme zu dem deprimierten Entschluß, dass nichts wirklich passt und wir am besten Zuhause bleiben sollten (armer Mann, der das immer mitmachen muss!).

Ganz nüchtern betrachtet sind das natürlich einfach nur Luxusprobleme. Es gibt genügend Leute in meinem Umfeld die sich keinen Urlaub leisten können.  
Aber ich merke auch, dass sich hinter dem  Frust der Sommerplanung noch etwas anderes verbirgt. Es ist ein Gefühl, dass ich manchmal denke, wir sind als Familie - zu dritt - nicht genug. Letzten Urlaub, wir kamen gerade in unserer Ferienwohnung an, Samu sagte erwartungsvoll:  "Und? Wann kommen die anderen alle?". Erst musste ich lachen, aber dann habe ich ihm gesagt, dass es "nur wir" sind und es hat sich ganz mangelhaft angefühlt.
 
Wie blöd, ich weiß.  Wie viele sehnen sich nach einem guten Partner und planen den Urlaub alleine, oder müssen mit einem unerfüllten Kinderwunsch leben! Wirklich, ich weiß wie gut es mir geht. Die meiste Zeit bin ich auch sehr, sehr dankbar dafür. Aber in manchen Situationen (wie z.B. bei der Urlaubsplanung) spüre ich, dass ich Samuel gerne mehr geben würde und es tut mir dann einfach leid, dass es "nur wir" sind .


Manchmal kommt das Gefühl auch, wenn ich mit Samu auf den Spielplatz gehe und die anderen vor allem mit ihren Geschwistern spielen (so sehr Geschwister auch streiten können- nach außen hält man zusammen!). Dann wird es mir ein wenig schwer um`s Herz, wenn der kleine Sohn so alleine seine Sandburg baut. Geschwister sind was tolles und es tut mir leid, dass er das nicht erleben kann.


ich fand es so toll, mit meiner Schwester zusammen aufzuwachsen...

wie gerne würde ich ihm dieses Geschenk machen.

Wenn mein Herz so schwer wird, dann brauche ich Zeit mit meinem besten Freund. Also sitze ich heute ein wenig länger schweigend mit ihm in unserem Wohnzimmer und halte die Bibel fest (das hilft mir in manchen Situationen mehr, als darin zu lesen:-)). 

Und plötzlich ahne ich, dass es nicht darum geht einen Mangel auszugleichen, der nicht auszugleichen ist. Es geht vielmehr darum, meine Armut und den Mangel immer wieder anzunehmen (und ihn auch nicht runterzuspielen - nach dem Motto: du solltest doch einfach dankbar sein!). Ich kann immer mal wieder den Schmerz zulassen und mir dann die Tränen trocknen lassen. Dann kann ich wieder mein Leben wie ein Glas anheben und das schmecken und trinken, was mir gegeben ist. So übervoll mit Gutem und manchmal ein wenig bitter im Geschmack. Beides ist mein Leben. 

Paul Tornier schreibt in seinem Buch  "Leben, das große Abenteuer", dass seiner Ansicht nach, der Hauptunterschied zwischen Menschen nicht darin liegt ob wir verheiratet sind oder nicht (und auch nicht ob und wie viele Kinder wir haben). Der Hauptunterschied zwischen Menschen besteht darin, ob sie ihr Leben, so wie es ist, annehmen oder ob sie es nur widerwillig ertragen. Tornier warnt auch davor, dass das größte Hindernis für die Annahme eine scheinbare Annahme ist. So schreibt er:

"Es hilft nicht zum anderen zu sagen: Du musst dein Leben so annehmen, weil Gott das so für dich gewollt hat. Es wäre anmaßend, das zu behaupten. Was wissen wir über den Willen Gottes für andere? Was hingegen hilft, ist die Gewissheit,dass Gott uns liebt...was immer auch unsere Entbehrungen sein mögen: Wenn wir lernen unser Leben, wie es ist, anzunehmen und nicht von einem anderen träumen, wenn wir es unter göttlicher Inspiration leben, dann verwirklichen wir unser menschliches Schicksal, das heisst, ein von Gott gelenktes Abenteuer."

Paulus schreibt, dass er gelernt hat im Mangel und Überfluß genug zu haben (Phil.4,12ff.). Was für eine Aussage!!! 
Und er fügt hinzu: "Das alles kann ich durch Christus, der mir Kraft und Stärke gibt". 
 Es gibt Dinge, die bekomme ich nur hin, weil mir Jesus dabei hilft (eigentlich sehr viele Dinge!!!)...und mein Mangel ist ganz oft ein Landeplatz für seine Gegenwart in mir. Und plötzlich spüre ich: Ja, es fehlt etwas und trotzdem - es ist genug. Das kann ich nicht für irgendein anderes Leben glauben. Das kann ich nur für mein eigenes Leben annehmen (und auch für Samu hoffen).

Also,wenn ich heute abend wieder durch die Tui - FeWo-Direkt und sonstige Seiten klicke, will ich daran denken: Ich muss den Mangel nicht durch eine tolle Ferienplanung ausgleichen. Und unsere Freunde und andere Kinder sind ein Geschenk, aber sie müssen und können keinen Lücke stopfen, das wäre ihnen gegenüber auch nicht fair. 

Ich wil lernen zu glauben:  Im Überfluß und Mangel  - es ist genug.
Es ist unser Leben. 
Ein von Gott gelenktes Abenteuer.  


Kommentare:

  1. Hallo Christina,

    ich kann mich gut in Deinen Gedanken wiederfinden. Mir passiert es auch oefters mal, dass ich auf Dinge, Faehigkeiten oder Lebensumstaende schiele, die ich nicht habe. Mir gefaellt, dass Du Deine Gefuehle nicht verleugnest. Ich denke, Jesus kann uns auch aushalten, wenn wir Mangel spueren und trauern. Aber gleichzeitig ist es gut und troestlich zu wissen, dass unser eigenes Leben auch ein Abenteuer wird, wenn wir es mit Gott gestalten- danke fuer dieses ermutigende Zitat! Ich hoffe, dass ich jetzt nicht mit der Super-Ratschlags- Keule daherkomme und es so aussieht, als ob ich Deine Schmerzen doch wegdiskutieren will, aber 1. dachte ich: "Das ist ja total schoen, dass der Samuel so ein geselliges Kind ist." Und zweitens wollte ich Dir sagen, dass mein Mann als Einzelkind aufgewachsen ist und dabei nie einen Mangel verspuert hat. Sein bester Freund wurde so etwas wie sein Bruder. Ich hoffe, dass sich das jetzt nicht nach billigem Trost anhoert...

    So, das wurde jetzt ganz schoen lang...!

    Liebe Gruesse nach Stuttgart!
    Barbara

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  2. Hallo, liebe Barbara! Das war überhaupt keine "super-Ratschlags-Keule" (haha, der Ausdruck gefällt mir!) sondern 2 sehr kostbare Hinweise. VIelen, vielen Dank dafür.
    Ganz liebe Grüße zu Euch nach Kanada
    (da ist es bestimt schon richtig winterlich!) Christina

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