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Mittwoch, 22. Dezember 2021

Fürchtet euch nicht!

Wir sind mitten im weihnachtlichen Endspurt. Samuels Adventskalender zufolge müsste es seit gestern schon Weihnachten sein, aber wir haben zum Glück noch zwei Tage. Heute Nacht lag ich um drei Uhr wach, um mir über das Weihnachtsessen klar zu werden und eine Einkaufsliste aufzustellen. Da Heio glücklicherweise auch nicht schlafen konnte, haben wir gleich den Gottesdienst für Heiligabend besprochen (warum habe ich nur die Verantwortung dafür übernommen?).  Und in der noch verbleibenden Zeit bis zum Morgen bin ich immer wieder aus Albträumen hochgeschreckt in denen ich in einer großen Halle, vor vielen  Menschen - die zu dicht beieinander saßen und keinen Mundschutz trugen! - etwas vorführen sollte und ich hatte keine Ahnung, was es war. Bevor ich nun müde die letzten Erledigungen mache und versuchen werde unser Chaos in der Wohnung wenigstens oberflächlich zu beseitigen, will ich euch noch einen Weihnachtsgruß schicken; mit ganz viel Dankbarkeit im Herzen, für euer treues Mitlesen, auch in diesem Jahr! Dass ihr euch immer wieder die Zeit dafür nehmt hier vorbeizuschauen, das ist ein großes Geschenk für mich! Als kleines Dankeschön schicke ich euch einen Weihnachtstext, den ich im letzten Jahr für den lebendigen Adventskalender hier am Ort geschrieben habe. Ich  musste ihn kaum umändern, damit er in diesem Jahr nun auch wieder passt. Leider. Vielleicht könnt ihr ihn in einem ruhigen Moment lesen - falls es sowas bei euch in diesen Tagen gibt ;-)

 

 

Fürchtet euch nicht.

Stand der Dinge, kurz vor Weihnachten:

  • Besinnliche Abende bei Kerzenlicht.
    Gelang auch in diesem Jahr leider oft nicht.
     
  • gerissener Geduldsfaden mit Mann, Kind undsoweiter: 
    Unzählige Male. Leider.
     
  • Müde Tage: Zu viele davon.
    Geschenke: leider doch wieder welche von Amazon. 

  • Weltlage und Situation im Land:
    weiterhin sehr angespannt. 

  • so viel: Bange machen 
    und: trotzdem weitermachen!
  • So viel: Fahren auf Sicht.

    So wenig: Fürchte dich nicht. 

Jetzt aber! Kurz vor Weihnachten!  Eine andere Geschichte: Dunkles Feld. Hirten bei der Arbeit. Systemrelevant. Zumindest für ihre Schafe. Nachtwache. Zusammen mit allen, die nicht schlafen können. Schwierige politische Lage. Grübeln in Dunkel. Glut die langsam verlöscht. Kälte die unter die Haut kriecht. Brennende Augen. Pflichterfüllung. Weitermachen.

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Hinter den Kulissen: Ein Engelsheer nimmt Aufstellung. Räuspern. Kichern. Vorfreude. Gottes Lächeln: JETZT! Vorhang auf. Warmes Licht. Ganz warm. Unter die Haut, bis ins Herz. Glucksendes Lachen: Wir verkünden euch große Freude!

UNS?

Ehrlich?

Ihr werdet finden.

Ein Kind. In der Krippe.

Ach und, vergessen am Anfang: Fürchtet euch nicht!

SIEHE!

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Und die Hirten: Plötzlich hellwach. Machen sich auf.  Stolpern im Dunkel mit dreckverkrusteten Schuhen. Schafe blöckend hinterher. Wissen nicht wirklich wohin. An die erste Tür geklopft. „Aber das ist doch ein Stall!“ Fragen können wir. Und dann: Dampfender Tieratem. Petroleumduft. Windelgeruch. Und mittendrin:

Ein schlafendes Baby.

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Manchmal, wenn die Angst mich packt, mitten in der Nacht, lege ich mich neben mein schlafendes Kind. Ich höre auf seinen ruhigen Atem. Sehe sein entspanntes Gesicht. Es gibt wenige Dinge, die mich so zur Ruhe bringen und meine Angst besänftigen können wie dieser Anblick. 

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In der Weihnachtskrippe meiner Kindheit knien die Hirten ehrfürchtig neben der Krippe. Es mag so gewesen sein. Wir wissen es nicht genau. In jeder Geschichte gibt es Platz für unsere eigene Vorstellung.
In meiner Vorstellung sehe ich einen Hirten der unsicher an der Tür steht. Sich wie ein Eindringling fühlt. Mit Kindern auch nicht so gut kann. Die Hände schwielig und noch dreckig vom Feuer machen und dann winkt ihn Maria lächelnd zu sich und legt ihm vorsichtig das Neugeborene in den Arm.  Unbeholfen nimmt er es - so zerbrechlich, so unvorstellbar klein! - versucht es im Arm zu wiegen und da steigt ein Lachen in ihm auf, eine so wilde Freude, von der er gar nicht weiß, wo sie herkommt. Und er versucht sich zu fassen und macht "Shhh" zum Kind und meint eigentlich sich selbst und er will dieses Kind nicht mehr hergeben. Bis sein Kumpel sich neben ihm räuspert und sagt: „Darf ich auch mal?“ Ein widerstrebendes: „Aber sei vorsichtig! Und knie dich hin, so kannst du es am besten halten..“und: „Achtung das Köpfchen!“ und dann kniet er sich daneben und lässt das Kind nicht mehr aus den Augen wie ein stolzer Vater, der ahnt: ab jetzt wird alles anders. Das ist ein Neuanfang. Die Wendung der Geschichte.

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Uns wird ein Kind geboren.

Uns, die wir stolpernd am Ende dieses Jahres landen. Die wir zu viele Nächte unruhig waren. Die wir an vielen Tagen müde waren, und änglich und ungeduldig. Wir, mit unseren gerissenen Geduldsfäden und schlecht eingefädelten Gesprächen und zu vielen losen Enden und dem Wunsch manches nochmal aufzutrennen und neu anzufangen.

Shhh, fasse neuen Mut.

schau auf das Kind.

Wendung der Geschichte.

Wendung in unseren Geschichten.

Neues Leben.

Neuanfang. Immer wieder.

Auch für mich.

Auch für dich.

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So wird es Weihnachten.

Mit einem Aufatmen.

Einem Alles-wird-gut in unseren Händen.

So unerwartet in unsere Nächte,

so tröstlich und sanft in unsere Tage gelegt.

So zum Niederknien nah.

Jesus ist da.

Damals wie heute.

Kein Dunkel vertreibt dieses Licht.

Deshalb: Fürchtet euch nicht!

 



Von Herzen wünsche ich euch frohe und gesegnete Weihnachstage und ein zuversichtliches Zugehen aufs neue Jahr! Wie gut, dass Jesus in die Nachbarschaft gezogen ist.....

Donnerstag, 16. Dezember 2021

Was ich dir wünsche

 "Ich hoffe, du hast eine gute Zeit auf deinem Adventsboot!", schrieb mir gestern eine Freundin, die meinen letzten Blogeintrag gelesen hat. Sagen wir mal so: Auch wenn ich immer noch sehr dankbar für diese ruhige Adventszeit bin - es ist  nicht ganz dieses entspannte Dahingleiten geworden, das ich mir vorgestellt hatte. Die Realität ähnelt eher ein bisschen dem was Charlie Mackenzie in seinem wunderbaren Buch so treffend darstellt: 

(aus: der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd)

Es wird immer wieder ganz schön wild gepaddelt unter der Oberfläche. Leider. Die erste Hälfte dieser Woche war angefüllt mit viel Streit und Ungeduld. Und dann: kam die Halbzeitpause! Ich weiß gar nicht, ob ich euch davon schon erzählt habe - von unserer Vorfreude auf den Mittwochabend? Da treffen wir uns, nun schon seit bald zwei Jahren, mit Freunden, die hier am Ort mit uns wohnen. Und weil wir zusammen vier fußballbegeisterte Jungs im Alter zwischen 6 und 11 Jahren haben war der Name schnell gefunden: Halbzeitpause! 
Der Ablauf ist immer derselbe: Zu Beginn zünden wir eine Kerze an und laden Gott in unserer Mitte ein. Einer der Erwachsenen erzählt etwas, was ihn gerade im Blick auf Gott und die Welt bewegt. Einfach und ehrlich. Inklusive das Paddeln unter der Oberfläche. Dann überlegen wir was seit der letzten Pause alles passiert ist. Für jede gute Sache zündet wir ein Teelicht an und danken Gott dafür. Für die schwierigen Dinge die wir mitbringen, legen wir einen kleinen Stein neben die Kerze.  Dann reden wir noch kurz mit Gott darüber, bevor alles Richtung gedeckter Tisch stürmt (also vor allem die jüngeren Jahrgänge). Während die Kinder dann nach dem Essen eine Runde spielen, können wir Erwachsene noch miteinander reden und meistens beten wir noch kurz zusammen, bevor wir uns wieder voneinander verabschieden. "Spätestens bis zur nächsten Halbzeit!", sagen wir, schon wieder voller Vorfreude. 
 

 
In den wilden Coronazeiten wurde mir die kleine gemeinsame Pause unter der Woche zu einer wahren Rettungsinsel. Und dieses abendliche Treffen hat einfach genau die richtige Form für diese Zeit in unserem Leben. Keine Ahnung wie lange wir das noch miteinander machen. Aber mir gefällt die Vorstellung, dass in ein paar Jahren vier Teenagerjungs auf dem Sofa sitzen und ein bisschen peinlich berührt zuhören - ich vermute mal das Drängeln wer zuerst eine Kerze anzünden darf fällt dann eher weg - und nach dem Essen schnell zusammen auf einem Zimmer verschwinden, um dort zu tun was auch immer Teenagerjungs so tun. An unhurried Gospel ... über viele Jahre und viele gemeinsame Abendessen hinweg - das würde mir gefallen.

Gestern, während die Kinder eine Zugstrecke durchs Wohnzimmer gebaut haben, sind  wir nach Gesprächen über Corona, Schule und Ehestreit bei unseren ersten Konzertbesuchen gelandet. Wir haben die alten Schallplatten rausgekramt und sind in Erinnerungen geschwelgt. Whitecross und Charotte Höglund. Arno und Andreas und Ararat (alle frommen Kinder der 80-er Jahre werden sich erinnern!). Wir entdeckten auch dieses Lied, das wir bei Frank und Peter Hübner gehört hatten (kennt die noch irgendjemand?). Laut klangen ihre Stimmen, mit den typischen Keybordklängen dieser Zeit, durch das Wohnzimmer und wir sangen inbrünstig beim Refrain mit:
Hab keine Angst und fürchte dich nicht,
denn die Herrschaft des Bösen zerbricht.
 
An der Liebe, die selbst noch den Tod überlebt.
Ich bin da, darum fürchte dich nicht.
 
Es war wie ein Abschlußsegen, unter dem wir uns voneinander verabschiedeten. Hab keine Angst! Und der Vers hallt heute morgen in mir, wie ein sanftes Echo:

Und wenn du morgen wieder zweifelst,
ob es wahr ist, dass Jesus Christus hier unter uns lebt,
gibt es Menschen, durch die er dir nah ist...

Menschen, durch die er dir nah ist - das brauche ich so sehr! Menschen, die unter die Oberfläche meines Lebens sehen, mit denen ich die guten Momente, aber auch das verzweifelte Paddeln unter der Oberfläche, teilen kann und mit denen ich gemeinsam ansingen kann, gegen alle Zweifel und alles, was mir Angst macht.  Solche Menschen zu haben, ist einer der größten Segen meines Lebens!  Und wenn ich dir was zu Weihnachten wünschen darf, dann ist es genau das: Menschen, durch die er dir nah ist! Vielleicht hast du sie schon gefunden. Oder du suchst noch nach ihnen. Dann gib nicht auf! Man findet sie nicht immer auf Anhieb. Aber es lohnt sich, weiter nach ihnen Ausschau zu halten. Vielleicht findest du sie im neuen Jahr. Kann sein sie verstecken sich ganz in deiner Nähe. Und alles könnte mit der schlichten Frage beginnen: "Sollen wir uns einmal die Woche zusammen zum Abendbrot treffen?" Und die einfach gedeckte Tafel könnte zu dem werden, worüber Frank und Peter Hübner im letzten Vers singen: 

Durch einen Türspalt dringt Licht aus dem Festsaal,
in unsre Zimmer der Diesseitigkeit.... *

Diesen Lichtstrahl in dein Zuhause, das wünsche ich dir.


 
* Liedtext von Andreas Malessa.

Mittwoch, 8. Dezember 2021

Paddelnd durch die Adventszeit

Heute morgen fiel mir wieder eine bestimmte Formulierung in den Schoß, die ich in diesem Jahr gelesen und nach der ich seit einiger Zeit vergeblich gesucht habe (das passiert wenn man zu viele Bücher liest!). Nun habe ich es wiedergefunden - direkt neben diesen einleitenden Worten im Johannesevangelium:

Das Wort wurde Fleisch und Blut und zog in unsere Nachbarschaft. (Johannes1,14, the message). 

Der Theologe Eugene Peterson hat diesen Bericht von Johannes über das Leben von Jesus, so überschrieben: An unhurried gospel.  Was soviel bedeutet wie: ein geruhsames, ein gelassenes, ein gemächliches Evangelium.  Peterson erklärt dazu, dass er die  Berichte von Matthäus, Markus und Lukas wie schnell fließende Gebirgsbäche empfindet, während Johannes so erzählt, als würde er mit einem Kanu über einen ruhigen See paddeln und immer wieder innehalten und die atemberaubende Aussicht genießen. An unhurried Gospel. Mir gefällt dieser Ausdruck so sehr! Und auch dieses Bild, vom Fischer Johannes, der ganz gemächlich, Zug um Zug, seine Paddel ins spiegelglatte Wasser taucht.  Genau so fühlen sich meine Tage gerade an. Ich habe mein Manuskript fertig gestellt, mein WhatsApp-Konto bis Ende des Jahres deinstalliert und mich dazu entschieden die geliebte Tagesschau-Tradition am Abend ausfallen zu lassen (die Kurznachrichten im Radio reichen auch). Die Stromschnellen liegen erstmal gefühlt hinter mir und ich paddle gemütlich durch diese Adventszeit. Und immer wieder lasse ich die Ruder sinken. Ich habe Zeit. Für ein gemütliches Frühstück mit einer Freundin. Für Abendspaziergänge mit dem Kind, bei denen wir die weihnachtlich geschmückten Häuser bewundern- bzw.  benoten (Zehnjährige Jungs machen aus allem einen Wettkampf!). Für die dicken Biographien auf meinem Nachttisch. Für Blogeinträge. Sogar für Weihnachtskarten (hoffe ich!) und für Momente in denen ich einfach ins Kerzenlicht starre und GAR NICHTS tue. Ich weiß - was für ein Luxus! Und ich weiß auch: an den meisten Tagen fühlt sich das Leben eher wie eine wilde Fahrt an, bei der man sich am Bootsrand festklammert und hofft nicht schreiend über Bord zu gehen. (Wie sollte man dabei Weihnachtskarten schreiben! Oder gemächliche Abendspaziergänge machen?!). Und trotzdem: Ich glaube die Adventszeit ist eine Einladung. Sie breitet sich Jahr für Jahr vor uns aus; wie ein ruhiger Bergsee. Sie lädt uns ein den Paddelschlag zu verlangsamen, die Aussicht zu genießen und über dieses geruhsame Evangelium zu staunen. Über einen Gott der still und leise ankommt. Der sich ganz klein macht und über viele Jahre neben uns aufwächst. Wie ein Nachbarskind, mit dem wir uns anfreunden, mit dem wir die Gegend erkunden, das mit uns am Tisch sitzt und Abendbrot isst, mit dem wir schwimmen lernen und paddeln und gemeinsam die Schulbank drücken. Er wird uns vertraut und gleichzeitg ertappen wir uns vielleicht immer mehr dabei wie wir ihn scheu betrachten. Vielleicht weil ihn auch etwas Geheimnisvolles umgibt und er kommt und geht wie er will. Oder weil er ab und zu die erstaunlichsten Dinge macht. Oder weil wir uns ganz langsam immer mehr verliebt haben. In ihn. In seine Art mit uns. Mit dieser Welt. Wie er uns mit hineinnimmt in eine große Geschichte, die Zeit schenkt und sich Zeit lässt und sich über viele Jahre ganz langsam ausbreitet.
Manchmal denke ich, alles müsste schneller voran gehen und die Dinge entwickeln sich viel zu langsam.  ICH bin zu langsam. Und ICH tue zu wenig. Ich mache Spaziergänge und gehe früh ins Bett, während die Welt in Flammen liegt! Wir brauchen Schnellboote - kein Kanus! Lasst uns die Armel hochkrempeln und die Welt retten! Und dann erinnnere ich mich an dieses geruhsame Evangelium, auf das ich vertrauen will. Auf einen Gott der bei seinen Menschen ankommt. Der uns rettet. Immer wieder. Und der dafür viel Zeit mitbringt...
 




 
 
 


 
Ach, und vielleicht möchtet ihr meine längeren Geschichten lesen oder verschenken? Wenn ihr bald bestellt - über chris.f@freenet.de - kommen sie garaniert noch in der Adventszeit an.  Und wer möchte bekommt das Postkartenset gesegnet (12 Karten) für 2 Euro dazu!
(Für meine schweizer Leser: Ein paar "Heimatbücher" kann ich euch auch direkt aus der Schweiz schicken, da fällt dann kein teures Porto aus Deutschland an).
 

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Zuversicht!

Heute morgen krabbelt im Dunkel jemand neben mich unter die Bettdecke. Ein leises Schluchzen: "Ich hab Angst, Mama!".  "Wovor denn?", murmle ich müde. Ach, der kleine Sohn hat vor so vielem Angst in diesen Tagen: Dass der Schulbus nicht kommt. Dass der Schulbus ohne ihn abfährt. Dass sein Freund nicht im Bus sitzt. Dass ich nicht rangehe, falls er von der Schule aus anrufen müsste. Dass ich nicht da bin, wenn er wieder kommt. Zum Beispiel. "Die Angst ist eine blöde Kuh!", flüstere ich ihm ins Ohr. "Die schicken wir jetzt mal weg. Und dann nehmen wir uns stattdessen....hmmm, lass mal schauen, wer noch so alles in der Reihe steht: Die dahinten, die uns so anstrahlt! Wie heisst du denn? Zuversicht?! Prima. Dich nehmen wir." Das Kind muss jetzt doch ein bisschen lachen und wir werfen die warme Bettdecke ab und machen uns Frühstück. Und wie er kurz darauf im Dunkel  Richtung Bushaltestelle läuft, kann ich sie fast neben ihm herhüpfen sehen, die Zuversicht. Und damit habe ich euch auch schon mein Wort für 2022 verraten. Ihr ahnt es: 

 


 

Ich weiß, es sind noch ein paar Wochen bis zum neuen Jahr, aber ich durfte ganz spontan diese Woche noch an einem meiner Lieblingsorte vorbeischauen. Und dort, bei einem ausgedehnten Spaziergang durch die Weinberge, ist mit das Wort über den Weg gelaufen, hat mich an der Hand genommen und nicht mehr losgelassen. 



 

Zuversicht. Laut Wortherkunft weit mehr als nur Optimismus. Vielmehr: Ehrfurchtsvolles Aufschauen. Begründete Hoffnung!  Sie begegnete mir wieder beim Abendgebet, in der alten Kirche. In die Stille hinein wurden Worte von Jesus gelesen. Seine Beschreibung von den schweren Tagen, die in den letzten Zeiten der Erde kommen werden. Von großer Angst, bedrohlichen Wellen, von Kriegen und einer Natur die aus dem Gleichgewicht gerät. Ehrlich, ich mag es nicht so sehr wenn Christen mit bedrohlicher Stimme von den "letzten Tagen der Welt" reden. Das hat mir in meiner Kindheit große Angst gemacht. Wenn ich nach Hause kam und meine Eltern nicht da waren dachte ich, dass nun die erste Auferstehung geschehen war und ich, wie befürchtet, zurückgelassen wurde (alle Pietistenkinder wissen wovon ich rede). Sagen wir so: Ich habe genug Endzeitptredigten gehört, dass es bis zur Wiederkunft Jesus reicht! Aber als ich nun in dieser Kirche saß, die nur von flackernden Kerzen erhellt war, und der Wind an der alten Holztür rüttelte, da fühlten sich die Worte nicht wie eine Drohung an, sondern wie eine nüchterne Zustandsbeschreibung unserer Welt. Das hat mich kurz etwas erschreckt. Aber dann - wie eine feste Umarmung - fügt Jesus diese Worte hinzu:

Wenn ihr die ersten Anzeichen davon mitbekommt, dann richtet euch auf und erhebt eure Köpfe. Denn eure Erlösung naht! (Lukas21, 28).

Zuversicht! Das ruft Jesus seinen erschreckten Jüngern entgegen. Zuversicht! Es erinnert mich an etwas, was die Soziologin und Autorin Brene Brown einmal ungefähr so beschrieben hat: Wenn man Schreie aus den Kreissaal hört, dann ist das etwas ganz anderes, wie die Schmerzensschreie von anderen Stationen.  Da weiß man: Jetzt ist das neue Leben auf dem Weg!  Mir scheint unsere Welt liegt in den Wehen. Vielleicht nicht so, dass man alles zusammenpacken und ins Krankenhaus rasen müßte. Aber doch so, dass man einmal die Hand auf den Bauch legen - ein paar mal in den Schmerz atmen - und mit einem Lächeln spüren könnte, dass das neue Leben auf dem Weg ist. 

Zuversicht, ihr Lieben! 

Zuversicht.



Montag, 22. November 2021

Jetzt doch mal - das heiße Thema!

Gestern saßen noch wir noch mit Freunden nach dem Gottesdienst zusammen. Es dauert nicht lange und wir landeten bei DEM heißen Thema, bei dem man in diesen Tagen ganz oft landet - ihr wisst schon: Corona. Meine erste Reaktion war: "Bitte nicht! Bitte lasst uns darüber nicht reden." Auch weil ich wusste, dass in unserer kleinen Runde Nichtgeimpfte - frisch getestet! - neben Geimpften saßen. Leider ist das Thema mindestens so emotional besetzt, als würde man über unterschiedliche Kindererziehung diskutieren (alle Eltern wissen wovon ich rede). Mein Harmoniebedürfnis war größer, wie der Mut dieses Thema anzupacken. Vielleicht habe ich bisher auch deshalb auf diesem Blog wenig darüber geschrieben. Weil ich finde unsere Gesellschaft ist schon gespalten genug! Und egal was man sagt - man landet am Ende irgendwie doch im Schützengraben. Und geschossen wird in diesen Tagen schon genug: Auf dumme Politiker. Auf egoistische Nichtgeimpfte. Auf einseitige Berichterstattung. Auf Fussballer. Also vor allem: Auf die anderen! Die anders denken und handeln als ich. Schwierig wird es, wenn der Andersdenkende ein Freund von mir ist. Oder - noch schlimmer: Mein Ehemann! Ich darf euch das an dieser Stelle sagen: Ich bin geimpft. Dankbar und erleichert und - wie ich finde - auch aus vielen guten Gründen. Mein Mann ist noch nicht geimpft - und er hat auch ein paar nachdenkenswerte Gründe dafür (wenn ich auch finde, dass meine besser sind!). Wir diskutieren. Wir ringen zusammen, was das Beste ist. Wir versuchen einander zuzuhören. Es gibt Vorwürfe (vor allem von meiner Seite!) und am Ende des Gesprächs haben wir keine einheitliche Lösung, aber wir haben uns immer noch lieb. Vielleicht haben uns manche unterschiedliche theologische Ansichten und die Diskussionen darüber in den letzten Ehejahren darauf vorbereitet. Vielleicht wächst unter meiner ganzen Rechthaberei doch ganz langsam das demütige Wissen, dass die Wahrheit oft vielschichtiger ist und es verschiedene Perspektiven braucht, um sie ansatzweise zu erfassen. 

Doch, es gibt Dinge die sind erschreckend und sie sind definitiv kein Beitrag zur gemeinsamen Wahrheitsfindung: Querdenker, die ohne Masken aggressiv die Stimmung aufheizen und Polizisten angreifen, unterstützt von einem randalierenden Mob, der sich aus Prinizip allem verweigert, was von oben kommt. Geht GAR NICHT!!! Christen, die Freundschaften kündigen, weil sich der Andere impfen lässt (und vielleicht damit ein Chip eingepflanzt hat, der den Heiligen Geist vertreibt). HALLO???? Jemand Zuhause? Aber auch das geht nicht: Ungeimpfte anprangern und grundsätzlich mal als egoistisch und unsozial hinzustellen (wie schön solidarisch kann man sich in diesen Tagen doch fühlen, nur weil man sich  geimpft hat!) und sie sogar noch als die Schuldigen hinzustellen! Ganz ehrlich: Es gibt durchgeknallte und verantwortungslose Menschen. Aber die Ungeimpften in meinem näheren Umfeld gehören definitiv nicht dazu!  

Wer also ist Schuld an diesem derzeitigen Ausbruch? Wer ist Schuld an den knappen Intensivbetten? Die Ungeimpften oder ein Gesundheitsystem, das kaputtgespart und auf Gewinn (!) ausgerichtet wurde, in dem auch die motiviertesten Pflegekräfte seit vielen Jahren erschöpft ausbrennen? Allein schon hier ist die Wahrheitsfindung vielschichtiger. Finde ich. Und vielleicht können wir uns darauf einigen, dass vor allem einer Schuld ist: Ein kleiner runder Virus mit Saugpfropfen, der Menschen krank machen und töten kann und sich für seine Verbreitung perfiderweise das ausgesucht hat, was uns ganz menschlich macht - und worauf wir auf Dauer auch nicht verzichten können: Das Umarmen. Das Berühren. Das gemeinsame Beisammensitzen. Womit ich wieder beim Anfang des Beitrags wäre. Wir saßen also gestern zusammen. Und - gegen meine Bedenken - haben wir uns ein wenig darüber ausgetauscht, was wir gerade so denken. Wir haben einander zugehört. Wir haben unsere eigene Argumente vorgetragen und versucht die Argumente des anderen zu verstehen. Und dann sind wir noch eine Runde zusammen spazieren gelaufen, als Freunde und Weggefährten. Das ist eine Momentaufnahme, ich weiß. Aber es zeigt, dass wir das können! Dass wir gemeinsam unterwegs sein können. Liebevoll und verantwortlich. Mit unterschiedlichen Meinungen.

Und darf ich das auch noch sagen an diejenigen, die mit mir gemeinsam Jesus nachfolgen wollen (An dieser Stelle schon mal: DANKE an alle fürs Lesen und "Zuhören"!!!!): Vielleicht könnten wir  - bei allen berechtigten Sorgen über die momentane Lage -  uns nicht so sehr der Angst zuwenden, sondern uns ein wenig mehr in die Richtung neigen, von der unser Hoffnung kommt. Das wäre auch ein wichtiger Beitrag für unsere Gesellschaft! Mein Weggefährte Achim hat gestern seine Predigt mit diesen Worten  abgeschlossen: "Freunde, da kommt noch was auf uns zu! OH JA, da kommt noch was! DER KÖNIG KOMMT!!!!" Und dabei hat er so breit gestrahlt, dass wir in spontanes Gelächter ausgebrochen sind (Gott sei Dank für ansteckendes Lachen!). Der König kommt! Da wird es mir gleich ganz feierlich, froh adventlich. Nein, wir Christen sind keine Realitätsverweigerer (zumindest rechtfertigt dieses Verhalten nichts, was wir auf unseren Glauben beziehen könnten!). Wir schauen nur weiter! Über die Pandemie hinaus und alles was uns gerade so bange machen möchte. 

Freunde, der König kommt!!! 

Gehen wir ihm gemeinsam entgegen.



Donnerstag, 11. November 2021

Ich darf dabei sein!

Jetzt liegen die Herbstferien auch schon wieder hinter uns. Ich vergrabe mich in den Tiefen meines Manuskripts, das ich bis Ende des Monats abgeben muß. Ab und zu schaue ich auch aus dem Fenster.  Und wenn der Morgennebel sich verzogen hat, dann staune ich über die Herbstwälder. Ihre bunten Blätter sind gestern wie Graffitiregen vom Himmel gefallen, als ich - in einer kleinen Schreibpause - mit meinem E-Bike zum Bäcker gebraust bin.

Ehrlich: Das ist mein Weg zum Bäcker! Unfassbar, oder?

Wie sagte es Annie Dillard so wunderbar: Wir sind hier um aufmerksam zu sein, damit die Schöpfung nicht vor leerem Haus spielen muß. Also versuche ich mich, mindestens einmal am Tag, ins Publikum zu setzen und zu staunen!

Hier läuft mein Heimatfilm (Schwarwaldhochebene in den Herbstferien)

Am Wochenende saß ich auch im Publikum - bei einer wunderbaren Lesung von Titus Müller. Ach, was ist das für ein begnadeter und so nahbarer Schriftsteller! Als ich mich verschämt als Autorin geoutet habe (bzw.geoutet wurde ;-)),   und ihm im Gespräch gestand, dass ich mich mit dieser Bezeichnung als Hochstaplerin fühle, meinte er lachend, dass ihm das ab und zu auch so geht (was ich nun wirklich nicht verstehen kann!). Ich musste mal wieder an die Worte von Liz Gilbert denken, dass  wir uns einfach mutig dazuzählen dürfen! Wir müssen uns nicht runtermachen und auch nicht für die Größten halten, sondern wir können einfach fröhlich sagen: Ich bin dabei!  Das ich das sagen darf (auch wenn ich dabei noch lachen muß!), dass ich meine paar Worte beitragen darf  und ein paar Menschen im Publikum sitzen und zuhören (DANKE EUCH!!!) - was ist das für ein Glück!!!

Bücherglück!

Und das Glück dabei zu sein!

Und dann stolpere ich immer wieder über das Alltagsglück! Gestern fand ich es auf dem Boden, nachdem ich sämtliche staubige Schlafanzugshosen unterm Kinderbett gefunden habe. Ich musste einfach über diese kleine Versammlung von Räubern lachen. Was die wohl aushecken???


 Manche Schätze entdeckt man eben nur wenn man auf die Knie geht..

Ich hoffe ihr stolpert heute auch über das eine oder andere Alltagsglück oder könnt euch ein wenig ins Publikum setzen und staunend den letzten Akt von Bruder Herbst verfolgen.  Wir dürfen dabei sein!

So, jetzt muß ich an mein Manuskript. In zwei Wochen tauche ich hier wieder auf. Und dann können wir schon die Tage bis Weihnachten zählen. Und das ist auch wieder ein großes Glück!

Dienstag, 26. Oktober 2021

Vergleichen wir uns!

Vor einigen Tagen habe ich eine Freundin mit ihrer Familie besucht. Wir haben uns nach draußen geschlichen, als die Kinder friedlich gespielt haben (never change a winning team!) und saßen auf den warmen Holzstufen ihrer Terrasse in der Herbstsonne.  Sie erzählte mir von Online-Vorträgen einer Konferenz für Frauen, die sie sich angehört hat. Leider war es für die Freundin nicht wirklich ermutigt. Obwohl die Rednerinnen ganz ehrlich auch von ihren Fehlern und ihren Begrenzungen erzählt haben. Trotz allem haben sie alle ziemlich stark und anpackend gewirkt und das, obwohl einige von ihnen noch in der stressigen Kleinkind-Familienphase sind (in der ich niemals einen Vortrag hätten halten können  - allein schon deshalb weil ich kein sauberes Oberteil  im Schrank gefunden hätte!)  "Wir dürfen uns halt nicht vergleichen!", sage ich müde, mit meinem schmerzenden Kopf. Der Satz verdampft wie ein kleiner Teetropfen auf der warmen Holztreppe. Dann wurden die Kinder unruhig und wir redeten über andere Dinge - aber das kurze Gespräch blieb wie ein Bodensatz in meinem Herz. Es hat mich nicht losgelassen. Und heute dachte ich dann plötzlich: Was wenn es genau anders ist? Wenn wir uns vergleichen sollten? Weil unsere Unterschiedlichkeiten unser verschiedenes Fassungsvermögen so offensichtlich sind, wie die Bechergrößen bei McDonalds! 
Da gibt es die wunderbaren X-Large Frauen! Ihr habt ein riesiges Fassungsvermögen und leistet Großartiges! Auf die Bühne mit euch! Leuchtet und zeigt alles was in euch ist! Wir stoßen mit euch an!!! Aus tiefstem Herzen: Danke, dass ihr euer Leben  mit uns teilt! Dass ihr uns anfeuert! Und dass ihr so verletzlich seid und auch über eure Schwachheit redet. Aber euer "halb voll" ist für manchen von uns leider immer noch "viel zu viel". Einfach weil wir Medium oder sogar Small-size sind. Nicht in der Klamottengröße (da sollten wir uns wirklich nicht vergleichen!) aber in der Kraft und der Kapazität die wir schon von unserer Grundform haben, in der wir geschaffen sind. Und wenn dann bei manchen noch chronische Schmerzen oder schwierige Lebensumstände dazu kommen, wird aus der Small-size nochmal ein bisschen weniger.  Und da können wir nur müde lächeln, wenn andere davon reden, dass sie sich nun entschieden haben eine Fertigbackmischung zu verwenden und die aufwendige Motto-Kindergeburtstagsparty zu streichen (die Beispiele sind frei erfunden!). An manchen Tagen sind wir nur froh, wenn wir morgens aus dem Bett kommen und abends wieder dort reinfallen können, ohne uns selbst und andere ernstlich verletzt zu haben. Wirklich, ich will hier niemand runterreden! Ich wünschte nur wir hätten ALLE verschiedenen Größen auf den frommen Bühnen! Damit will ich nicht sagen dass ICH dorthin will. Wirklich nicht. Ich fühle mich die meiste Zeit tatsächlich viel zu müde - und langsam auch definitiv zu alt dafür! Aber ich denke zum Beispiel an eine wunderbare Freundin, die hochsensibel und introvertiert ist und ganz schnell an ihre Grenzen kommt. Aber das was sie weitergibt  ist einfach so wunderbar sanft und gleichzeitig so ermutigend und stark, wie ein Doppelter-Espresso!(der geht bekanntlich in ein sehr kleines Gefäß!) Nach so einem Vortrag müsste sie sich mindestens eine Woche erholen, aber was wären wir gesegnet!!!! (und vielleicht ist hier genau das was diejenigen mit kleinen Gefäßen am besten lernen - und auf der Bühne mit anderen teilen könnten: Die Notwendigkeit, dass wir in Gottes Nähe bleiben müssen, um erfüllt leben zu können!). Ach, es ist doch oft gerade unsere Unterschiedlichkeit mit der wir einander segnen können! Und das Problem, wenn wir uns vergleichen ist, dass wir dabei meistens denken wir müssten gleich sein! Und je nach dem schneide ich oder mein Gegenüber schlecht ab. Aber wenn wir uns vergleichen würden, um dann unsere Verschiedenheit bewusst wahrzunehmen und zu feiern - könnte das doch sehr ermutigend sein, oder?
Unser Schöpfer hat uns so viefältig gemacht! Er sieht auch unsere Umstände und nimmt genau wahr was uns schwerfällt. Was bin ich froh, dass er deshalb keinen Einheitsmaßstab bei uns verwendet! Er erwartet eben nicht von jedem dasselbe! Er weiß ganz genau was uns möglich ist, und was uns schwer fällt und wie groß unsere Kapazität ist. Aber ich glaube was er von uns allen erwartet ist, dass wir ihm das hinstrecken was wir haben. Egal ob es ein X-Large Becher oder eine kleine Tasse ist. Und dann füllt er uns auf mit seiner Liebe und sagt lächelnd: I love my love in different sizes!!!! Oder so ähnlich :-) Und dann stoßen wir an, mit  unseren großen und kleinen Bechern, und lassen mit unseren Leben, so verschieden wir sind, unseren Gott hochleben! Denn darum geht es doch am Ende, oder nicht? 
 


Dienstag, 19. Oktober 2021

Der Specht an der Wand (Eine Kampfschrift)

Heute bin ich nicht ganz bei der Sache. Ich liege nämlich auf der Lauer. Seit Tagen schon. Egal was ich tue - ich höre immer auch Richtung Esszimmerwand. Seit einiger Zeit versucht nämlich ein Specht sein Nest zu bauen. In unserer Hauswand! Als die vorherigen Bewohner uns genau davor warnten, fand ich das eine romantische Vorstellung von unserem zukünftigen Landleben. Wie nett! Ein echter kleiner Specht, der ab und zu ein Haus mit einem Baum verwechselt?! Haha. Ich konnte das ehrlich gesagt nicht so richtig glauben. Und deshalb habe mir weiter keine Gedanken gemacht. Auch nicht als ein kleines rundes Loch neben unserem Fenster im dritten Stock entstanden ist. Ich habe es überhaupt nicht bemerkt! Und Heio dachte das sei irgendein Rohr, das uns vorher halt nicht aufgefallen ist. Wir sind erst aufgewacht, als wir im Rasen über das Dämmmaterial unserer Hauswand gestolpert sind!
Und jetzt haben wir dem Specht den Kampf angesagt!!!! Unter Lebensgefahr hing Heio am Wochenende aus dem Fenster und versuchte mit Hilfe eines langen Steckens Spachtelmasse in das "Rohr" zu stopfen (nein, wir hatten keine so lange Leiter und außerdem sind wir beide nicht schwindelfrei!). Gott sei Dank hat es irgendwie funktioniert und der Mann lebt noch. Dummerweise hält der leidlich zugemauerte Eingang den Specht nicht davon ab, sein Zuhause aufzugeben. Er hat sich inzwischen sogar eine Elster zur Hilfe geholt! Das ist eine Kampfansage! Und so geht das nun, seit ein paar Vormittagen: Sie hämmern gegen die Wand und ich reiße wütend rufend das Fenster auf, um sie zu verscheuchen. So viel zum romantischen Landleben. Bald übernimmt die blinkende Plastik-Eule (die Heio im Internet bestellt hat und hoffentlich, hoffentlich zur Abschreckung helfen wird!). Bis dahin halte ich die Wache.  Von wegen: Spatz in der Hand! Der Specht an der Hauswand! Aber ihr habt euch mit den Falschen angelegt, gefiederte Rattten!!! Ihr merkt, ich bin leicht emotinal drin im Thema. Entschuldigt, liebe Tierschützer- ich finde Spechte wirklich toll! Nur nicht wenn sie aus der renitenten Hausbesetzer-Szene kommen. So. Deshalb sitze ich hier in Lauerstellung. Und denke nach. Über die Vögel. Und das Leben. Und wie manche kleinen Dinge, wenn man nicht achtgibt, ziemlich großen Schaden anrichten können.  Und natürlich kommt mir dabei der bekannte Satz, der Martin Luther zugeschrieben wird, den mir eine strenge Lehrerin in meinen Poesiealbum hinterlassen hat:  
Du kannst nicht verhindern, dass die Vögel um dein Haupt fliegen, 
aber du kannst verhindern dass sie sich darin einnisten.

Damals, in der sorglosen Zeit als Grundschulkind, als die Spechte noch friedlich im Wald gegen Tannenbäume pochten, hab ich den Satz nicht wirklich verstanden. Heute weiß ich genau was Herr Luther damit meint. Man kann nicht wirklich verhindern, dass uns unwahre und schlechte Gedanken anfliegen und dass an manchen Tagen auch mal verstärkt die Sorgen, um unseren Kopf kreisen.  Aber dass sie sich dort einnisten - das sollte man besser vermeiden! Das kann ich nun aus leidvoller Erfahrung sagen: Ganz vieles was nicht konsequent weggescheucht wird, fühlt sich eingeladen zu bleiben! Und dann braucht es einiges an gesteigerter Wachsamkeit und Mühe, diese schädlichen Dinge wieder in die Flucht zu schlagen (Gott segne alle hilfreichen Seelsorger mit ausreichend Spachtelmasse!). 
Ich könnte noch einiges dazu schreiben, über ein paar ungute Gedanken die sich gerade bei mir einnisten wollen, aber mir scheint ich höre ein sanftes Klopfen an der Außenwand. Entschuldigt mich! Ich muß mein Hausrecht verteidigen!!!

Hier sitzt er so unschuldig, der Punk! (Foto: Canva design)

Dienstag, 12. Oktober 2021

Puzzeln mit einer Ungeduldigen

Heute übt das Herbstwetter schon mal für den November mit Nebel und Nieselregen. Was soll man an so einem Tag nur machen? Wie soll ich an diesem langen Nachmittag das Kind beschäftigen? Eigentlich ist es das perfekte Wetter, um eins unserer Puzzle rauszukramen. Das letzte Puzzle das wir, ebenfall bei Dauerregen, im Urlaub fertiggestellt haben war die Welt. Ja, wir haben tatsächlich die Welt zusammengesetzt! (Kleiner Tipp falls ihr das Puzzle macht: lasst euch nicht mit dem Ozean und den Inseln im Pazifik beauftragen - ich habe dabei mehrere Male so richtig die Nerven verloren!) Heio ist ein leidenschaftlicher und sehr geduldiger Puzzler. Und Samuel kommt in dieser Hinsicht ganz nach seinem Vater. Zum Glück!  Für mich gilt: Puzzle die mehr als 50 Teile haben sind eine große Herausforderung für mein ungeduldiges Wesen! Und wenn schon abzusehen ist, dass es mehrere Regentage benötigen wird, um ans Ziel zu kommen, habe ich schon gar keine Lust damit anzufangen. Aber weil ich es grundsätzlich schön finde wenn wir alle etwas gemeinsames machen und puzzeln anregend für mein alterndes Gehirn ist, mache ich mit. Auf geht`s! Lass uns die Welt zusammensetzen! Ich bilde hektisch kleinen Stapel (mit ganz viel blauem Ozean) , reiße immer wieder den Karton mit der Vorlage an mich und murmle dabei ständig: "Wo ist denn das verdammte Teil...."  Ab und zu wird  konzentrierte Stille von einem befreiten: „Jaaa, das passt!“ unterbrochen. Und wenn es plötzlich unerwartet gut läuft, werde ich ganz verbissen. Ich bin dann im Lass-uns-das-Dinge-jetzt-endlich-fertig-machen!- Modus. Das ist oft genau der Moment in dem Heio sagt: „Komm, lass uns Schluss machen!“ Zu meinem großen Unmut nimmt er mir freundlich aber bestimmt die Puzzleteile aus der Hand, legt sie alle vorsichtig sortiert auf den Schrank und freut sich insgeheim schon auf den nächsten Regentag. 
Am heutigen November-Regentag habe ich eine wunderbar passende Stelle in der Bibel  gelesen, die Paulus in einem Brief an die Kolosser geschrieben hat:

Wir schauen auf seinen Sohn (Jesus) und sehen den Gott den wir nicht sehen können. In ihm sehen wir Gottes ursprünglichen Plan mit allem was er erschaffen hat. ... ER ist so „geräumig“ und reicht so weit, dass alles seinen passenden Platz in ihm findet. Und nicht nur das – auch alle zerbrochenen und verschobenen Teile im Universum – Menschen und Dinge, Tiere und kleinste Atome – werden passend wiederhergestellt und zu einer lebendigen Harmonie zusammengefügt. Das alles geschieht durch seinen Tod am Kreuz und das Blut das er dort vergossen hat.  (Kol.1, 15ff,  the message, frei übersetzt).

WOW! Dieses Puzzle ist wirklich riesig: Das ganze Universum (ganz viel All und blauer Himmel- sehr schwierig zusammenzufügen!!!!) , das Sichtbare und Unsichtbare (letzteres noch schwieriger!) wird durch Jesus zu einem wunderbaren großen Ganzen zusammengefügt. Und vielleicht ist das die perfekte Beschäftigung für trübe Tage: Die Bibel auf dem Schoß. Und ein paar Teilchen Leben in unserer Hand. Das große Bild betrachten und ab und zu ein paar Stücke, mit Gottes Hilfe, an der richtigen Stelle einfügen. Aber ich will mich nicht der Versuchung hingeben, dieser Ungeduld und Verbissenheit die uns an den kurzen Tagen, die wir hier verbringen ergreifen kann, alles passend zu machen! Und auch nicht der Verzweiflung nachgeben, dass die entscheidende Stücke irgendwo in einer anderen Packung gelandet sein müssen oder ganz verschwunden sind. Nicht selten sitze ich mit meinem kleinen Haufen an Einzelstückchen ratlos da und denke: das passt doch nirgends!   Und dann ist es als würde Jesus mir zuflüstern: Hab doch ein bisschen Geduld! MIt dir. Und mit der Welt! Am Ende findet alles seinen Platz in mirWie das passiert - das ist sein großes Geheimnis. Beim Betrachten unserer großen und wunden Welt kommt mir das unvorstellbar vor!  Und auch bei den kleinen Einzelteilen meines Lebens denke ich, dass da so einiges fehlt (und dass das meiste irgendwie gleich aussieht!).  Bei vielen meiner Tage kann ich mir kaum vorstellen, dass sie einen sinnvollen Platz im großen Ganzen haben werden. Oh doch!, sagt Jesus. Und: Du wirst staunen!  (und die richtig schwierige Teile finden wohl erst ganz zum Schluß die passende Stelle!).  
 
Draußen wird es gerade ein bisschen heller. Vielleicht lass ich das für heute, mit dem puzzeln. Wir haben schließlich noch ausreichend Regentage vor uns...

 



One day...am Ende aller trüben Tage.💓

Mittwoch, 6. Oktober 2021

Blätter sammeln

Mit kindlichem Vergnügen stürze ich mich jeden Herbst darauf: Ich sammle Blätter! Gestern habe ich mehrfach einen kleinen Auffahrunfall mit dem Fahrrad riskiert, weil ich auf dem Radweg ständig abrupt bremsen musste. So viele schöne bunte Herbstblätter am Wegrand! Keine Ahnung was ich damit machen will, aber ich stopfe mir meine Jackentaschen damit voll und bring sie mit nach Hause. Ich finde sie müssen einfach bestaunt und gesammel werden! Die Schönheit des Vergänglichen. Keine Jahreszeit ist besser dafür geeignet diese Schönheit zu betrachten als der Herbst. Die letzten Abende, an denen es nun schon so früh gemütlich wird, habe ich mich ,gemeinsam mit Samuel, durch alte Fotospeicherkarten geklickt (manche Leute ärgern sich weil sie keine Fotoalben sondern nur digitale Ordner haben - ich schaffe es nicht mal alle meine Fotos auf den Computer zu ziehen!). Wir betrachten also die Bilder. Darauf vor allem das Kind in seinen ersten Jahren: Samuel beim Babyschwimmen, Samuel beim ersten Breiessen, Samuel am Strand in Holland, Samuel an der Hand von Oma im Schwarzwald, Samuel beim Geschenken auspacken unterm Weihnachtsbaum.... Ab und zu sieht man das müde grinsende Gesicht eines Elternteils daneben. "Weißt du noch?" Rufe ich immer wieder, ähnlich glücklich grinsend  - nur mit viel mehr Lachfalten im Gesicht! Das Kind ruft bei jedem Bild begeistert "JA!", aber ich habe doch meine Zweifel ob er sich an den Besuch von seinem Opa auf der Geburtsstation erinnern kann. Ich werde ein bisschen wehmütig. Wie schnell doch diese besondere Zeit vergangen ist! Und gleichzeitig bin ich auch dankbar, dass das Kind heute länger als eine Stunde am Stück schlafen kann, alleine duschen geht und ich nicht mehr nach einem Satz den Faden verliere, weil ich vergessen habe was ich sagen wollte (oder weil das Kind mir in den Ausschnitt spuckt). Manchmal macht der Rückblick nicht nur dankbar für das was war, sondern auch für das was geworden ist! Und auch das will ich in diesem Herbst betrachten, wenn möglich mit einer Tasse Tee in der Hand:

Den warmen Ofen an den wir uns setzen können

Den roten Schulbus der sich langsam um die enge Kurve windet und das große Schulkind an Bord hat

Den hochgewachsenen Kastanienbaum an der Straße (samtige Kastanien sind neben bunten Blättern auch ein Grund zum in die Knie gehen!)

Bücher, die in diesem Jahr erschienen sind und wunderbare Geschichten erzählen

"Wer weiß denn sowas?" am frühen Abend im Fernseher anschauen, eingekuschelt auf dem Sofa, mit meinen zwei Lieblingsmenschen

warmes Kerzenlicht  und bunte Herbststräuße

die letzte Gartenernte und Kürbissuppe und Apfelmus daraus machen

Und in ein paar Jahren betrachten wir unser Heute auf der Fotokarte und ich sage lächelnd (und vielleicht auch nur zu mir selbst und mit noch viel mehr Runzeln im Gesicht!): "Weißt du noch?". Und ich will dankbar sein für alles was war und für das was geworden ist.  Die Schönheit des Vergänglichen; Jahr für Jahr will ich sie weiter sammeln und am Ende der Reise voller Freude mit nach Hause bringen, wie bunte Herbstblätter und Kastanien in der Jackentasche.

 



Ich liebe den hohen Herbsthimmel !

frisch "geerntet": zwei wunderbare Bücher von zwei tollen Frauen!


Sonjas Buch weckt in mir Sehnsucht mehr hinzuhören- auf unvergängliches!

Mittwoch, 29. September 2021

Zum Mitnehmen!

Am Sonntag waren wir mit Freunden auf einem Buchmarkt. Überall in der Innenstadt waren Stände aufgebaut mit Kisten voller Bücher! Mit glänzenden Augen stürzen wir uns auf die ersten großen Bücherstapel und verloren uns auch schnell aus den Augen. Als ich ein paar Kisten später den Mann meiner Freundin wiederfand und ihn fragte ob er schon einiges gefunden hat, meine er: "Es ist mir zu viel! Da kann ich wahrscheinlich nichts mitnehmen." Mir war sofort klar was er meinte. Mir ging es ähnlich. Wären wir an einem kleinen Bücherregal vorbeigekommen hätte ich sicher schon meine Tasche voll mit Lesestoff. Hier aber, bei diesem riesigen Angebot, tat auch ich mich schwer. Also saßen wir früher als erwartet im Biergarten. Meine schwere Tasche lag neben mir (Samuel tat sich leichter mit dem Mitnehmen: Er hatte eine Kiste mit Drei ??? Kids-Bücher entdeckt!), ich freute mich auf den Flammkuchen und mein Blick ging nach oben zu weiten Ästen des Kastanienbaums unter dem wir saßen. Die Sonnenstrahlen fielen durch die bereits bunt befärbten Blätter. "Ach wie schön, es ist ja fast schon Herbst!" kam es mir über die Lippen. Meine Lieblingsjahreszeit! Fast hätte ich den Anfang verpasst! Vielleicht weil sich gerade gefühlt mein Leben  kistenweise stapelt: Geschichten denen ich zuhören will, Geschichten die ich aufschreiben will (und muß - in wenigen Wochen winkt die Manuskriptabgabe!), neue Bücher auf meinem Nachttisch über die ich berichten will, Lesungen die ich vorbereiten möchte und dazwischen noch ein paar Kapitel Elternabend, Arztbesuche und noch einiges mehr. Es geht mir ähnlich wie dem Freund auf dem Büchermarkt: "Es ist zuviel! Da kann ich wahrscheinlich nichts mitnehmen!"  Aber ich will diese Zeit des Jahres nicht verpassen! Am Ende hat man eben nur so und so viele leuchtend bunte, wilde Herbsttage, die man in diesem Leben genießen kann! Also habe ich gestern alles mal gut sein lassen und ein bisschen Herbst ins Haus geholt. Heute morgen freue ich mich über leuchtend rote Hagenbutten, die kleinen Blüten der Herbstastern und die passende Girlande am Fenster. In den zwei Bücher - die ich gerade parallel lese ;-) -  finde ich passenderweise Gedanken über das Betrachten. Ich lese: Wir leben in einer Gesellschaft die das Betrachten verlernt hat! Wahrscheinlich weil wir die Zeit, in der früher Menschen einfach Dinge betrachtet haben, damit verbringen, auf unser Handy zu schauen. Wenn man heutzutage in der Bahn sitzt und einfach die vorbeifliegende Landschaft betrachtet, gilt man ja schon fast als Freak! Ach, ich bin gerne ein Freak! Ich will das Betrachten wieder neu lernen:

Bunte Herbstblättern

Samtig glänzende Kastanien

Wolkenformationen und  windgeschüttelte Äste

Spatzen, die über den Balkon hüpfen

Bibelworte, durch die das Licht fällt 

Das schlafende Kind

Bilder, die etwas in mir berühren

Für eine der kommenden Lesungen planen die Veranstalter ein Giveaway für die Besucher. Ich finde das so eine schöne Idee: An einem Abend, in dem man oft schon mit vollem Herzen ankommt, etwas in die Hand gedrückt zu bekommen das man in Ruhe betrachten kann. Etwas zum Mitnehmen. Sich erinnern. Und das Herz füllen lassen. Ich glaube wir bekommen von dem Gott, der gerne gibt (diese 5 Worte aus dem Jakobusbrief habe ich gestern ein bisschen länger betrachtet)  jeden Tag so ein Giveaway! Mindestens eins! Manchmal liegt es etwas versteckt zwischen den Stapeln der Dinge, die uns beschäftigen und die wir zu erledigen haben. Ich hoffe wir entdecken es heute. Und nehmen uns ein wenig Zeit es zu betrachten.

 Für dich!, steht drauf.

Zum Mitnehmen.

In Liebe, dein Schöpfer.



 


(Karte von HimmelimHerzen.de, absolut unbeauftragte Werbung:-)).