Donnerstag, 26. Februar 2026

Gardinen, Ramadan und ein durstiger Hirsch

Ich brauche dringend eine Gardine für unser Schlafzimmer! Wir haben zwar Rolläden, die alles stockfinster machen, aber wenn ich mich Mittags kurz hinlege, möchte ich gern einen Vorhang zuziehen, durch den noch das warme Nachmittagslicht fällt und mich ein wenig schlummern lässt. Mitten am Tag. Mit dieser schönen Vorstellung im Kopf scrolle ich mich durch sämtliche Gardinenangebote und verliere mich völlig darin. Ich finde ein schöner Stoff, der Preis geht gerade noch, aber bevor die Gardine in den Warenkorb gelegt werden kann, werden die Maße abgefragt. Ich muß irgendeine Formel berechnen - Gardinenstande geteilt durch zwei, plus Kräuselfaktor... Hilfe! Dann wechsle ich doch lieber zu einem anderen Anbieter. Mein Mann reißt mich aus der verzweifelten Suche und erinnert mich daran, dass ich unseren Sohn vom Fussballtrainig abholen muß. Den Kopf voller Gardinenstagen und Stoffbahnen düse ich im Auto zum Nachbarort. Dort quetscht sich Samuel mit seinen zwei Freunden  auf die Autorückbank und schicken ordentlich Jungs-Schweiß zu mir nach vorne. Mit halbem Ohr versuche ich ihre Gespräche zu entschlüsseln und meine zu verstehen, dass sie sich aufs Abendessen freuen, nachdem sie den ganzen Tag gefastet haben. Ich tue, was mir mein Sohn eigentlich verboten hat und mische mich in ihr Gespräch ein. ("Mama, du bist so peinlich!!!"). Aber ich bin neugierig. Wie erleben diese wilden Jungs mit ihren muslimischen Familien den Ramadan? Stehen sie richtig früh auf, um vor Sonnenaufgang noch zu frühstücken? Fällt ihnen das Fasten tagsüber schwer? Während sie ein bisschen erzählen merke ich, wie selbstverständlich das Ganze für sie ist. Es gehört zu ihrem Glauben einfach dazu. Ich bewundere das. Vor allem deshalb, weil mir - neben dem frühen Aufstehen! - der Verzicht auf das Essen so dermaßen schwerfällt. Also ehrlichgesagt fällt mir Verzicht an sich sehr schwer. Das merke ich jedes Mal wenn ich mir zu Anfang der Passionszeit überlege, ob und was ich fasten könnte. Essen und trinken fällt da gleich mal weg. Zu schwierig! In diesem Jahr faste ich Romane, Podcasts und lösche den You-Tube Kanal auf meinem Handy, Es ist mein Versuch, nicht so voll zu sein mit Worten, damit ich wieder durstiger nach der Quelle werde, aus der die wahren Lebensworte strömen.

Wie der Hirsch lechzt nach frischen Wasser, so dürstet meine Seele nach dem lebendigen Gott. 

So steht es im Psalm 42, den ich vor einiger Zeit auswendig gelernt habe. Immer wieder habe ich diesen ersten Satz vor mich hingemurmelt. Bisher dachte ich, dass ich das erst dann ehrlich mitsprechen kann, wenn ich gerade eine richtig lange Wüstenzeit durchlebe. Aber umso öfters ich diesen Vers wiederholt habe, umso klarer wurde mir: Es entspricht der Realität meiner Seele! Sie dürstet nach Gott! Auch wenn ich in einem Land voller Überfluss bin und mit vollem Magen zwischen Gardinenstangen hin und her scrolle. 

Eugene Peterson schreibt dazu :

Was das Wasser für den Hirsch ist, ist Gott für dich und mich. Wir müssen Gott haben! (we simply must have God!). Und es muss der lebendige Gott sein! Der Hirsch läuft an allen matschigen Pfützen und Sümpfe vorbei, bis er frisches, klares Wasser findet. 

Ich gebe zu, dass ich mich oft von den Sümpfen und Pfützen (und dem scrollen nach passenden Gardinen!) ablenken lasse. Ich vergesse dabei, dass ich doch eigentlich zur Quelle wollte.  Genau diese Erinnerung suche ich, wenn ich faste. Wenn meine Hand unruhig zum Nachttisch zuckt und da kein netter Unterhaltungsroman auf mich wartet. Wenn ich kein You-Tube-Filmchen anschauen kann, um einen leeren Moment zu stopfen.  Wenn kein Podcastgespräch die Stille füllt, die mich beim Putzen oder Kochen umgibt. Dann erinnere ich mich daran: Meine Seele dürstet nach dem lebendigen Gott!  Nothing else will do.

 


 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen