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Mittwoch, 10. März 2021

Hände lockern

Diese Woche sind wir wieder ganz im Homeschooling-Modus. Was bedeutet, dass ich mich morgens mit Adjektiven, Zehnerreihen und Steinzeitalter beschäftige und wenig Platz für alles andere bleibt. Es klappt erstaunlich gut. Das Kind ist ziemlich konzentriert beim Lernen. Das kann auch daran liegen, dass ich konzentriert bei dem Kind bin. Dass ich nicht, wie sonst, versuche nebenher an einem Text zu arbeiten, mails zu schreiben oder mit dem Frühlingsputz zu starten. Ich weiß, das ist ein Luxus denn sich andere Eltern, die Deadlines und "richtige" Jobs haben, nicht erlauben können. Ich kann mir eingestehen: Fast nichts von dem was ich jeden Tag tue ist so wichtig, dass es nicht auch noch einen Tag liegen bleiben könnte. Also übe ich mich im Loslassen. 
 
Loslassen - das ist auch mein kleines "Fastenprojekt" in diesem Jahr. Beim Ausräumen von meinem Elternhaus wurde mir nämlich bewusst wie schwer mir das werden wird, wenn wir die Schlüssel endgültig abgegen werden. Zu dem Haus in dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe. An dem Ort wo ich jede Straße spielend erkundet habe und jeden Waldweg entlanggehüpft bin. Als ich bei Heio über diesen bevorstehenden Abschiedschmerz geklagt habe meinte er nur entspannt: "Da kannst du loslassen lernen. Und den Fokus mehr nach vorne richten, auf die ewige Heimat." Ach, der Mann. Aus seinem Mund klingen die Dinge oft so einfach, die für mich überhaupt nicht einfach sind. Und deshalb will ich üben. Loslassen für Anfänger. 40 Tage. Jeden Morgen die neugierige Frage Richtung ewige Heimat: "Was könnte ich heute loslassen?" Und es gibt ja SO VIEL Gelegenheiten zum Üben. Manches fällt mir sofort ein, und einiges flüstert mir während des Tages loslassen zu:  Eine Erwartung. Ein Sorge. Eine Vorstellung. Eine Aufgabe, die man gerne erledigt hätte aber eigentlich jetzt nicht sein muß. Eine Enttäuschung. Eine Sache die ich sehe und plötzlich ganz unbedingt haben will ...  Es ist als würde Gott ganz sanft, wie bei einem Kind, meine verkrampften Hände Finger für Finger lösen, damit ich freier und mit offenen Händen leben kann.

Henry Nouwen schreibt über dieses Loslassen, dass es eine lange geistliche Reise des Vertrauens ist. Wir müssen Geduld haben, viel Geduld, bis unsere Hände vollständig geöffnet sind. 40 Tage sind also nur eine kleine einführende Kurseinheit in der Lektion Hände lockern, die wohl ein Leben lang dauern wird. Also setzte ich mich neben mein Kind und wir lernen gemeinsam. Heute steht auf meinem Übungsblatt ein einfaches Gebet, von Henry Nouwen:

Guter Gott, 
was werde ich sein,
wenn ich nichts mehr habe,
woran ich mich festhalten kann?
Wer werde ich denn sein,
wenn ich mit leeren Händen vor dir stehe?
HIlf mir bitte, meine Hände mehr und mehr zu öffnen
und zu entdecken, dass ich nicht bin, was ich habe,
sondern was du mir geben willst.
Und was du mir geben willst, ist Liebe,
bedingungslose, nie endenden Liebe.  

Amen.

 



4 Kommentare:

  1. Liebe Christina,loslassen hört sich traurig,aber auch befreiend an,"wer loslässt,hat die Hände frei",frei für Neues,ich wünsche dir,dass du Altes loslassen kannst,aber auch Neues entsteht.und nicht nur Leere zu spüren ist...Lass dich beschenken..deine Dorothee

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    1. Vielen Dank liebe Dorothee! Wer loslässt hat die Hände frei - wie wahr! Und ich spüre schon ein bisschen von dem neuen das wächst...danke für dein Mutmachen. Segensgrüße zurück zu dir!

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  2. Liebe Christina, habe deinen Beitrag gestern gelesen und er lässt mich nicht mehr los. Weiß auch schon, wo ich mit dem Loslassen anfange... Hast du ein Buch oder einen Kalender gehabt oder einfach jeden Tag gelauscht, was dran ist?
    Danke und herzliche Grüße aus Bayern,
    Claudia

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    1. Liebe Claudia! Entschuldige die späte Antwort. Also, ich habe einfach jeden Tag gelauscht - wie du das so schön geschrieben hast. Manchmal war mir morgens , im Blick auf den Tag , schon klar was es gilt loszulassen und manchmal habe ich es im Lauf des Tages gemerkt. Und an manchen Tagen habe ich es auch ganz vergessen:-) Aber es war und ist eine gute Übung und eine Erinnerung, dass das Leben ganz viel mit Loslassen zu tun hat. Jeden Tag aufs neue... Wünsche Dir dabei auch viel Segen und dass wir gemeinsam erleben wie wir gehalten werden, gerade in den DIngen die wir nicht halten können... Liebe Grüße zu Dir nach Bayern!!!

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