Eigentlich habe ich damit gerechnet, dass Samu während der Anfangszeit in der KiTa ständig krank ist. Mit was ich nicht gerechnet habe ist, dass ICH ständig krank bin. Meinen kleinen Sohn streifen die Viren bisher nur leicht (Gott sei Dank!), um mich dann mit voller Breitseite zu treffen: Samu hat ein wenig Husten - ich bekomme eine Lungenentzündung. Samu hat einmal kurz "Aua im Bauch" und ich hänge zwei Tage über der Kloschüssel.
Dieses Wochenende hat mich bereits zum 2. Mal innnerhalb kürzester Zeit der Magen- Darm-Virus erwischt. Ich war total ausgeschaltet und wir mussten leider einen lang ersehnten Besuch mal wieder verschieben.
Heute morgen saß ich mit Heio am Früstückstisch und trank meinen Fencheltee (Igitt!)
Er blickte mich aufmunternd an: "Und, was hast du heute vor?"
"Überleben", war meine düstere Antwort.
"Und wie willst du das machen", fragt er geduldig nach.
"Keine Ahnung", meine ich einsilbig, vor dem nächsten Schluck Fencheltee. "Und was hast du so vor?", versuche ich interessiert zu fragen.
"Kuchen essen!", antwortet der Mann (diese Woche ist sein Abschied von der Arbeitsstelle im CVJM und heute bringt er seinen Kollegen Kuchen mit).
Schweigen in der Küche.
Plötzlich müssen wir Beide lachen. Was für ein Dialog! Das lässt schon tief blicken.
Nachdem ich Samu in die KiTa gebracht habe, sitze ich erschöpft in der Küche. Meine Mutter ist am Telefon und ich höre ihr zu, während mein Blick magisch von dem Dreck unter unserem Herd angezogen wird. Ich beende das Telefonat und versuche den Berg Wäsche neben mir zu ignorieren. Soll halt alles noch einen Tag liegenbleiben. Lieber will ich hier etwas schreiben. Vielleicht ist es eine Flucht, die Hoffnung etwas sinnvolles zu schaffen oder einfach gerade der einzige Weg um nicht völlig durchzudrehen.
Ich muss heute morgen an etwas denken, was ich vor einiger Zeit bei Shauna Niequist gelesen habe. Es ging dabei um die verschiedenen Lebensphasen. In meinem Tagebuch habe ich diesen Satz von ihr festgehalten:
Es ist nicht so schwer herauszufinden womit du dein Leben gerne füllen willst.
Viel schwieriger ist es herauszufinden was du bereit bist dafür aufzugeben, damit du das tun kannst was dir wichtig sind.
Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Ich habe mir damals einige Tage Zeit genommen um mir darüber klar zu werden, was die Herausforderungen meiner derzeitigen Lebensphase sind. Und ich habe gemerkt, dass ich einiges aufgeben muss und innerlich loslassen, damit ich das festhalten kann, was mein Leben jetzt gerade füllen soll. Und dieses loslassen fällt mir so schwer. Beispiele?
Ich will Zeit und Kraft für Saum und meinen Mann haben. Das ist mir wichig (und noch einiges andere, aber das steht im Moment ganz vorne).
Und ich kann aus unserem Garten zur Zeit leider keine wunderbar blühenden "Ich- ernte- mal- unser- Mittagessen- Garten" machen, sondern ich versuche ab und zu das Gras zu mähen, damit ich Samu wiederfinde wenn er dort spielt. Heios kleiner Garten ist schon so verwildert, dass er bestimmt schon als Naturpark gilt und sich vielleicht bald wilde Tiere bei uns ansiedeln.
Unsere Wohnung kann ich einigermassen so im Griff halten, dass wir uns darin wohlfühlen, aber sie ist einfach nie wirklich sauber und in welchem Jahr ich den gründlichen Frühjahrsputz schaffe weiß ich noch nicht.
Es macht mir Spaß Leute zu uns einzuladen und sie zu bekochen. Aber das ist gerade leider auch nur in einem sehr kleinen Rahmen möglich (und nur mit Leuten die den Dreck unterm Herd nicht stört:-)).
Ich kann Freunde, die eine schwere Zeit durchmachen nicht so unterstützen wie ich es gerne tun würde. Statt einem Besuch oder langem Telefonat schicke ich oft nur eine kurze SMS, damit sie wissen, dass ich an sie denke.
Ich kann Freunde, die eine schwere Zeit durchmachen nicht so unterstützen wie ich es gerne tun würde. Statt einem Besuch oder langem Telefonat schicke ich oft nur eine kurze SMS, damit sie wissen, dass ich an sie denke.
Das sind jetzt nur ein paar Beispiele die mir spontan einfallen. Da ist noch viel mehr was ich aufgeben und loslassen muss. Loslassen um das fassen zu können, was mir vielleicht nur in dieser Lebensphase geschenkt und anvertraut wird. Und manches von dem was ich jetzt nicht tun kann, kann ich vielleicht zu einer anderen Zeit in meinem Leben mit offenen Armen begrüßen. Man kann ja auch noch mit 60 für Flüchtlinge Kuchen backen:-).
Das hebräische Wort für Frieden heisst Schalom und bedeutet in etwa:
Frieden ist der Zustand, der uns versöhnt und unser Gesicht aufhellt und uns Heil und Ruhe bringt.
Diesen Frieden wünsche ich uns allen, egal in welcher Lebensphase wir auch sind.
Versöhnt mit dem zu leben was ist und mit dem was gerade nicht sein kann.
So, jetzt gehe ich meinen Sohn geniessen und werde mit ihm zum (gefühlt!) 1000. Mal eine Eisenbahnstrecke bauen. Lieber einen Berg Wäsche im Keller und Dreck unterm Herd als das zu verpassen:-).
Versöhnt mit dem zu leben was ist und mit dem was gerade nicht sein kann.
So, jetzt gehe ich meinen Sohn geniessen und werde mit ihm zum (gefühlt!) 1000. Mal eine Eisenbahnstrecke bauen. Lieber einen Berg Wäsche im Keller und Dreck unterm Herd als das zu verpassen:-).
Und wenn ich mit ihm Schiene für Schiene zusammenstecke und nicht mit dem Kopf woanders bin, dann hellt sich mein Gesicht auf und ich ahne etwas von diesem Schalom.
Das ist doch ein guter Anfang um heute zu überleben.