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Dienstag, 9. Juni 2026

Hunger-Ast am Berg

Jetzt ist es tatsächlich schon über einen Monat her, dass ich meine  Geburtstags-Einsichten mit euch geteilt habe. Immer wieder habe ich mich in der letzten Wochen vor meinen Computer gesetzt und versucht etwas zu schreiben, aber es ist mir nicht gelungen. Meine Gedanken fühlen sich an wie das alte, verrostete Fahrrad, das ganz hinten in unserer Garage steht: Ich müsste SEHR VIEL zur Seite räumen, bevor ich da rankomme! Und dafür fehlt mir die Kraft. Wenn ich zur Zeit gefragt werde wie es mir geht antworte ich meistens: "Danke, uns geht es gut". Damit meine ich nicht den Pluralis Majestetis sondern ich antworte gleich für meinen Mann und Sohn mit. Damit alles auf einmal erledigt ist. Wenn mein Gegenüber dann nochmal nachhakt: "Aber wie geht es DIR?" sage ich meistens: "Eigentlich gut. Aber ich bin so müde." Und dann hoffe ich, dass der andere nicht weiter fragt. Weil ich zu müde bin, um zu erklären, warum ich eigentlich so müde bin. 

Ab November werde ich eine Sabbatzeit einlegen. Keine Lesungen. Keine Artikel mit Deadline. Keine guten Gedanken, die ich mir mühsam nach vorne ziehen müsste. Ich werde dann nur im Garten sitzen und das Blumenbeet bewundern, das ich mit Heios Hilfe angelegt habe*. Aber bis November ist es noch ganz schön lang. Und die Monate bis dahin liegen wie die Bergetappe der Tour de France vor mir. Und ich bin ganz schlecht im Berg hochfahren!
 

 
 Gestern hat mir Heio - der richtig gut Berge hochfahren kann! - erklärt was ein Hunger-Ast ist. Das ist dem damaligen Profifahrer Jan Ullrich bei der Tour de France 1998 passiert (in Heios Kopf gibt es ausreichend Platz, dass er sich solche Zahlen merken kann!): Bis zu dieser Etappe galt Ullrich als schieres Kraftpaket und trug auch schon früh auf der Tour das gelbe Trikot. Dann kam der Einbruch am Berg. Die Konkurrenz zog uneinholbar an ihm vorbei. Er kam so erschöpft auf der Passhöhe an, dass man ihn auf dem Rad zum Hotel schieben musste. Dort lösten die Betreuer seine Finger vom Lenkrad und trugen ihn in sein Zimmer, wo er gefüttert werden musste. Er war ausgekühlt und hatte zu wenig gegessen. Sein Zuckerspeicher war völlig leer. Hunger-Ast. So nennt man das, wenn man so sehr über seine Kraft gegangen ist, dass man an die innere Subtanz muß. Die letzte Reserve, sozusagen. Es war ein einschneidener Moment in Jan Ullrichs Karriere. Er hat danach zwar nicht mit den Radfahren aufgehört, war auch immer mal wieder erfolgreich, aber er hat nie wieder das gelbe Trikot getragen. Das hat mir Heio erzählt und ich dachte nur: Kann mich bitte jemand in mein Zimmer tragen? 
 
Ich will hier nicht jammern. Ich weiß, daß für die meisten von euch die Alltagsberge um einiges höher sind als meine! Und manche von euch kennen eine noch größere Müdigkeit. Aber ich fürchte ich bin über zu viele Jahre (und wahrscheinlich schon in meiner Kindheit) an diese letzte Reserve gegangen. Und das lässt sich nicht mit einem Urlaub oder mit ein paar Vormittagen im Garten sitzen auffüllen. Vielleicht nicht mal mit einer längeren Sabbatzeit. Etwas in mir ist dauerhaft beschädigt. Wie ein kaputter Akku, der es allerhöchstens noch schafft bis 80% aufzuladen und dazu richtig lange braucht. Und dann sehr schnell wieder unter 10% ist. Ich glaube, dass Gott das heilen könnte. Eine Freundin von mir hat das erlebt. Es war, als hätte Gott den beschädigten Akku einfach in einem einzigen Moment ausgetauscht. Ich freue mich sehr für sie! Und wie gerne würde ich das auch erleben. Aber bisher hat mir Gott diese Bitte nicht erfüllt. Stattdessen läuft er neben mir her, hört sich mein Gejammer an, klemmt die schwersten Dinge auf seinen Gepäckträger, reicht mir ein Vesper, das bis zur nächsten Kurve reicht und erinnert mich liebevoll daran, dass seine Gnade genug für mich ist. Er geht langsam und ich muß lernen, mich seinem Tempo anzupassen. Das ist nicht leicht. Ich denke mir: Wenn ich doppelt so schnell gehe, ist der Berg doch nur halb so lang! Aber darüber lacht er nur. Und schiebt auch noch mein Fahrrad. Ich gehe ein wenig leichter neben ihm her. Bin vorsichtig zuversichtlich. Dass ich es bis November schaffe. Hoffentlich ohne Hunger-Ast! Aber bei seinen Muskeln könnte Er mich locker noch die letzten Meter tragen...
Ich muß Schluß machen. Zeit fürs Mittagessen (Zuckerspiegel nach oben korrigieren). Und heute nachmittag gehe ich in den Garten. Die Blumen bewundern. Die JETZT blühen. Und nicht im November. 
 

 


*Ein ganz herzliches Danke an Familie Felger, für das Überraschungpäckchen im Frühjahr aus eurer wundervollen Saatgut-Manufaktur!  

11 Kommentare:

  1. Liebe Christina,

    Deine Worte berühren mich sehr.

    Danke von Herzen, dass Du es auch jetzt mit uns teilst, wie es Dir gerade geht. Dass Dein Akku gerade so leer ist, dass es einfach nicht mehr so weiter gehen kann wie bisher.

    Deine wunderbaren Worte in Deinen Büchern und diesem Blog sind mir schon oft zum Segen geworden. Ich teile sie regelmäßig und gerne. Vielen Dank dafür.

    Und doch ist es gut und wichtig zu erkennen, wann eine längere Pause dran ist - Deine Sabbatzeit ist sicher eine gute Entscheidung.

    Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du so richtig zur Ruhe kommen kannst und Dein Akku sich regenerieren kann. Und nicht zu letzt, dass Du Jesus immer an Deiner Seite spürst.

    Natürlich wünsche ich mir, irgendwann wieder Deine segensreichen Worte zu lesen - doch nur, wenn Deine Kräfte reichen und Du eben nicht über Deine letzte Reserve gehen musst.

    Von Herzen Danke, dass Du Dich in all den Jahren mit Deinen Texten immer wieder zu uns auf dem Weg gemacht hast.

    Sei gesegnet und behütet.

    Liebe Grüße
    Myriam

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    1. Ach, vielen DAnk liebe Myriam für deine wunderbaren Worte! Die ziehen mich wieder ein Stück weiter den Berg hoch:-). Ich schick Dir ganz herzliche Grüße zurück!

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  2. Liebe Christina, ich kann mich Myriam nur anschließen. Sie hat es so schön in Worte gefasst. Ich habe deinen Blog vermisst, deine Worte waren mir schon oft ein Segen und ich habe sie gerne geteilt.
    Ich wünsche dir eine gute Auszeit und Erholung und dass du wieder zu Kräften kommst.
    Und dann, irgendwann, freue ich mich wieder auf deine guten Gedanken!
    Sei gesegnet!
    Annette

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    1. Danke liebe Annette! Das ist so ermutigend zu lesen. Bis zur Auszeit ist es noch ein bisschen, vielleicht gelingt mir ja noch der eine oder andere Blogeintrag vorher...Ich schick Dir herzliche Segensgrüße zurück!

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  3. Liebe Christina,
    Ich habe vor kurzem das Buch stolpern und tanzen ausgeliehen bekommen. Seitdem bin ich ein großer Fan von deinen Geschichten.
    Ich bin beeindruckt, wie ehrlich du erzählst und wie du so viele Alltagssituationen auf den Glauben beziehen kannst. Immer wieder erzähle Freundinnen von Deinen Geschichten und die Übertragung auf den Glauben - das ist so hilfreich und so oft kann man nicken und zustimmen . Auch diese Gedanken sind wieder so beeindruckend- auch in der deiner gefühlten Schwäche bist du ein Segen mit deinen Worten.
    Danke!
    Ich habe das Buch nun gebraucht schon 3x gekauft und verschenkt und das Neueste liegt auch schon bereit für einen Geburtstag 😊
    Liebe Grüße und einen gesegneten Tag
    Kerstin

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    1. oh wie schön liebe Kerstin! Das freut mich ganz arg! Danke für diese Rückmeldung! Stolpernde Grüße zurück (und ein paar Tanzschritte dazwischen, bei deinen Worten:-)) Sei du auch reich gesegnet!

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  4. Liebe Christina, ich habe eben deinen Blog gelesen. Du sprichst genau das aus was ich zur Zeit fühle und erlebe. Es tut mir so gut zu wissen, dass es anderen auch so geht :)
    Ich versuche mich immer wieder im langsam Gehen.
    Meine Auszeit kommt schon bald, ist dafür nicht so lang und ich hoffe sehr, dass ich da Auftanken kann auf dem Berg für die nächste Etappe.
    Viel Kraft und Gottes Segen dir!
    Cornelia

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    1. Danke liebe Cornelia! Ich wünsche DIr eine wertvolle kleine Auszeit, dass Jesus dich zu frischen Wasserstellen führt, die dann auch im Alltag zu finden sind! Ganz herzliche Grüße zurück!

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  5. Kann es so gut verstehen mit der Müdigkeit. Wünsche dir Geduld und Barmherzigkeit mit dir selbst, dass du auch vor November schon im Alltag was ändern kannst was dir hilft (und sei es nur, Erwartungen herunter zu fahren oder so).
    Dachte bei mir das kommt jetzt von den Wechseljahren, dass plötzlich mit Mitte 40 die Müdigkeit seit 6 Monaten gar nicht mehr weg geht. Aber zweifellos fordern auch 14 Jahre Mama sein dürfen und die Anstrengung, ein lange unbekanntes ADHS zu kompensieren, ihren Tribut. Versuche langsam meinen Alltag und nicht hilfreiche Verhaltensmuster umzustellen. Krass wie schwer, ja nahezu unmöglich es ist, mich mal einfach hinzusetzen und unproduktiv zu sein. Oder wie ich selbst im Überlebensmodus noch automatisch auf jede Not in meinem Umfeld reagieren will. Auf eine Auszeit kann ich leider nicht hoffen, aber denke auch dass dauerhafte Veränderung im Alltag vielleicht sogar mehr bringt. Wobei es auch gut tat, heute mal ausnahmsweise nicht in den Gottesdienst zu gehen (wo neben Ermutigung und Gemeinschaft auch so viel Not ist), sondern in den Wald, und dann nix zu kochen (Sandwichtoaster) und auf dem Spielplatz mal hauptsächlich in der Sonne zu sitzen statt mit Handy zu kommunizieren, recherchieren etc. Müde bin ich trotzdem aber nicht so gestresst wie meistens.
    Am meistens wünsche ich dir dass du trotz Müdigkeit jeden Tag noch Freude findest an irgendwas.
    Liebe Grüße von einem glimmenden Docht ;)

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    1. Oh ja, das ist so wertvoll - dieses "einfach nur da sein" einzuüben! (und der Wald ist da ein richtig guter Ort dafür!). Ich muß dabei an die Gedanken von Tomas Sjödin denken, dass wir viel zu oft auf das fokussiert sind, was am Ende effektives rauskommen soll, was wir tun sollen, was Gott jetzt von uns will...und dass wir doch einmal den Gedanken zulassen könnten, dass Gott gar nicht immer etwas von uns will als nur ein wenig mit uns da zu sein und uns mit seiner Nähe zu wärmen. In diesem Sinn - sei umarmt und gesegnet mit Gottes wärmender Nähe!

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